„Ich bin gewebt, nicht genormt“ – Wortbeitrag zur Interreligiösen Pride-Feier

Hier ist, wie versprochen, mein Wortbeitrag von der multireligiösen Pride-Feier in Bern.

Ari Yasmin Lee, reformiert – jüdisch – queer – intergeschlechtlich

[1. Einstieg]

Liebe Menschen,
Geliebte im Glauben, in der Vielfalt, in der Würde –

Ich freue mich sehr, heute hier zu sein – an dieser Feier, die mehr ist als ein Programmpunkt. Sie ist ein Zeichen. Ein Zeichen dafür, dass wir existieren, glauben, leben – und dass wir willkommen sind.

Ich komme heute als jemand, der aus mehreren Welten kommt: Ich bin reformierte Theologin, ich bin Jüdin, ich bin bi. Und ich bin intergeschlechtlich.

Ich bin nicht eine Ausnahme. Ich bin ein Zeichen. Ein Zeichen dafür, dass Gottes Wirklichkeit größer ist als jede Schublade, jeder binäre Kasten, jedes Dogma.

In Psalm 139 heißt es:

„Ich danke dir, dass ich auf erstaunliche, wunderbare Weise gemacht bin.“

Wunderbar. Nicht: eindeutig. Nicht: korrekt. Nicht: normgerecht. Sondern: wunderbar.

Auch wenn manche das nicht glauben wollen.

[2. Identität in Vielfalt]

Als intergeschlechtliche Person habe ich einen Körper, der sich nicht eindeutig einem der beiden klassischen Geschlechter zuordnen lässt. Und auch mein Leben entzieht sich der binären Logik. Mein Körper widerspricht nicht – er erzählt einfach eine andere Geschichte.

Und genauso ist es auch mit meinem Glauben. Mein Herz schlägt im jüdischen Rhythmus. Ich predige im reformierten Kontext. Ich bin nicht halb Jüdin, halb Christin – sondern doppelt ganz.

Ich habe gelernt, dass Queerness kein Widerspruch zum Glauben ist. Sie ist ein Ausdruck davon.

Wie mein Körper, so ist auch mein Glaube: nicht eindeutig, aber vollständig.
Gott hat mich so gewebt.

Und diese Erfahrung – dass ich so sein darf, wie ich bin – war kein leichter Weg.

[3. Erfahrungen mit Religion]

Ich habe 7 Jahre in einem christlich-fundamentalistischen Umfeld. Dort habe ich erfahren, wie gefährlich Religion sein kann, wenn sie Angst macht statt Hoffnung schenkt.

Mehrere sogenannte „Konversionstherapien“ habe ich durchlebt – sie haben mir das Selbstbild geraubt, meinen Lebenswillen zerstört, mir Angst gemacht vor Gott, vor dem Tod, vor der Hölle.

Aber Gott hat mich nicht losgelassen.
Oder vielleicht: Ich habe Gott nie ganz losgelassen.

In der jüdischen Liturgie, besonders an Jom Kippur, habe ich etwas erfahren, das mein Leben verändert hat: Einen Gott, der mich sieht. Der mir zuhört. Der mich will.

Auch besondere Orte haben mir geholfen: Die Offene Kirche Elisabethen zum Beispiel war für mich ein heiliger Raum. Ein sicherer Raum. Ein Ort, an dem ich atmen konnte. An dem ich nicht zuerst erklärt oder versteckt, sondern einfach da sein durfte.

[4. Psalm 139]

Psalm 139 begleitet mich seit Jahren. Da heißt es -zumindest je nach der Übersetzung, die benutzt wird- :

„Du hast meine Nieren geschaffen“ – im Hebräischen: Kelayot – das Innerste. Ort der Wahrheit, des Mutes.
„Du hast mich gewoben im Schoß meiner Mutter“ – gewoben, nicht gegossen. Keine Normform, sondern Handarbeit.

Und dann:

„Ich war dir nicht verborgen.“

Nicht im Bauch meiner Mutter, nicht in der Tiefe der Erde, nicht im Innersten meines Körpers.

Gott sieht, was wir oft nicht sehen wollen. Und liebt.

Ich glaube: Queere Menschen – intergeschlechtliche Körper – sind keine Fehler.
Wir sind Vielfalt der Schöpfung.
Wir sind Mit-Geschöpfte, mitgewebt in Gottes Muster.

[5. Ressourcen – Was mir Kraft gibt]

Heute schöpfe ich Kraft aus vielen Quellen: Aus queeren und nicht-queeren Freund*innen in meiner religiösen Gemeinschaft. Aus Texten, Liedern, Tänzen.

Ich habe eine Zeitlang Drag gemacht – das war für mich mehr als Performance. Es war Überlebenskraft mit Glitzer.
Und Schreiben – Schreiben ist mein Atem.

Am meisten aber hilft mir mein Glaube daran, dass ich in Gottes Ebenbild geschaffen bin – so wie ich bin.

Nicht trotz meines Körpers, nicht trotz meines Begehrens, nicht trotz meiner Identität – sondern genau damit.

Das ist mein kleines Stück Menschlichkeit. Mein winziges Leuchten im Mosaik der Ebenbilder.

[6. Gegen Stimmen der Ausgrenzung]

Oft wurde Menschen wie mir gesagt:
„Du passt nicht. Dein Körper – falsch.
Dein Begehren – sündhaft.
Dein Glaube – unvereinbar.“

Aber Gott sagt:
Doch. Du passt. Du warst nie falsch.
Es war immer zusammen gedacht.

Religion wurde oft gegen Queers verwendet. Aber ich glaube: Der Glaube gehört uns auch.
Und Gott sowieso.

[7. Einladung]

Ich möchte euch nicht nur ermutigen – sondern segnen.

Lasst uns nicht nur toleriert leben, sondern gesegnet.
Nicht nur akzeptiert, sondern geachtet.
Nicht nur geduldet, sondern geliebt.

Und so möchte ich schließen mit Worten, die auch mich tragen:

Ich bin gewebt, nicht genormt.
Gesegnet, nicht geprüft.
Geliebt, nicht nur geduldet.
Und du auch.

Danke.

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