„Du bist nicht fern“ – Meine Ordinationspredigt

Ich hatte die Ehre, im Ordinationsgottesdienst predigen zu dürfen.

Höre, Israel! – So beginnt das höchste Gebot. Glauben heißt hören: auf Gott, auf die Mitmenschen, auf das eigene Herz. In meiner Predigt zur Ordination im Basler Münster erzähle ich, warum Gottesliebe ohne Nächstenliebe und Selbstliebe nicht zu denken ist – und wie die Worte Jesu und des Rabbi Hillel dabei überraschend nah beieinander liegen.

Die Rückmeldungen zu meiner Predigt waren überwältigend, positiv und berührend, und ich bin selbst dankbar und berührt darüber. So teile ich die Predigt mit euch, samt des Predigttextes.

Ein Schriftgelehrter war dazugekommen und hatte die Auseinandersetzung mit angehört.

Als er merkte, wie treffend Jesus den Sadduzäern geantwortet hatte, fragte er ihn: »Welches Gebot ist das wichtigste von allen?«

Jesus antwortete: »Das wichtigste Gebot ist dieses: Höre, Israel: Der Herr ist unser Gott, der Herr allein! Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit deinem ganzen Herzen, mit deiner ganzen Seele, mit deinem ganzen Denken und mit deiner ganzen Kraft.

Und als Zweites kommt dieses dazu: Liebe deinen Mitmenschen wie dich selbst. Kein anderes Gebot ist wichtiger als diese beiden.«

Da antwortete der Schriftgelehrte: »Ja, Lehrer, du sagst die Wahrheit: Einer ist Gott, und es gibt keinen anderen Gott außer ihm. Ihn zu lieben mit ganzem Herzen, mit ganzem Verstand und mit ganzer Kraft – und seinen Mitmenschen zu lieben wie sich selbst, das ist viel wichtiger als alle Brandopfer und anderen Opfer.«

Als Jesus merkte, mit wie viel Einsicht der Schriftgelehrte geantwortet hatte, sagte er zu ihm: »Du bist nicht weit weg vom Reich Gottes.«

(Markus 12,28–34)

Liebe Anwesende,

Hallo und Guten Tag, Bonjour, Hello, Здравствуйте,

Oder, wie es im Hebräischen heißt:

Schalom – das nicht nur eine Begrüssung ist-
Schalom – Friede, Ganzsein, Heilsein.

Nicht einfach Abwesenheit von Krieg,
sondern dieser seltene Moment,
in dem etwas in uns zur Ruhe kommt.

Manchmal fühlen wir ihn, diesen Schalom. Ganz kurz.
Zwischen zwei Atemzügen.

Oder mitten im Chaos – wenn uns jemand in die Augen sieht,
und wir plötzlich wissen:
Ich bin gemeint. Ich bin gehalten.

Der heutige Text beginnt mit einer Frage.
Und ich muss gestehen:
Ich habe eine Schwäche für Fragen.

Nicht weil ich alle Antworten hätte – ganz im Gegenteil.
Aber weil Fragen Türen öffnen.
Eine gute Frage kann einen Raum aufreißen,
in dem plötzlich etwas geschieht:
ein neues Denken,
ein neues Fühlen,
ein anderer Blick.

Die Frage, die heute gestellt wird, ist keine kleine.

„Welches ist das höchste Gebot?“

Theologisch klingt das nach Prüfungsfrage.
Aber ehrlich gesagt: Es ist eine Herzfrage.

Was zählt?
Was bleibt, wenn alles wankt?
Was trägt – wenn man nicht mehr weiß, woran man sich halten kann?

I. Höre, Israel

Jesus antwortet mit den ersten Worten des Sch’ma Jisrael.
Dem zentralen Bekenntnis im Judentum.
Nicht seine Erfindung.
Kein radikales Update.
Sondern Rückbindung an das Herz der Tora.

Sch’ma Jisrael, Adonai Eloheinu, Adonai Echad.

Höre, Israel: Der Ewige ist unser Gott, der Ewige ist einzig.
(Dtn 6,4)

Jeden Morgen.
Jeden Abend.
Seit Generationen.
Jesus stellt sich hinein in diese Linie.
Er wiederholt keine Formel – er ruft auf zum Erinnern.
Zum Wieder-Hören.

Denn Hören ist der Anfang von allem.
Nicht sehen.
Nicht erklären.
Nicht urteilen.

Sondern: hören.

Ich frage mich oft:

Wie hören wir eigentlich?

Wir konsumieren:
Nachrichten, Stimmen, Podcasts, Debatten.

Aber hören wir noch wirklich?
Den anderen?
Unser Herz?
Den Ruf, der da manchmal leise zwischen den Gedanken steht?

Der Talmud sagt, dass das Ohr offen ist, weil es kein Lid hat.

Vielleicht, weil wir nicht aufhören sollen, zu hören.

Auch dann nicht, wenn’s unbequem ist.

II. Mit allem, was du bist

Jesus fährt fort – mit einem Zitat aus derselben Stelle der Tora:

„Du sollst den Ewigen,
deinen Gott,
lieben mit deinem ganzen Herzen,
mit deiner ganzen Seele,
mit deinem ganzen Verstand und mit all deiner Kraft.“

Mit allem.

Nicht halb.
Nicht selektiv.
Nicht nur in schönen Momenten,
nicht nur im Gottesdienst.

Diese Liebe ist kein Gefühl.
Sie ist Haltung.
Bindung.
Ein Vertrauen,
das sich immer wieder neu entscheidet.
Auch – gegen den Augenschein.

Die Rabbiner fragen im Midrasch:
Wie kann man Liebe befehlen?

Antwort:
Weil es nicht um Romantik geht –
sondern um Ausrichtung.

Ich richte mich aus auf den Ewigen,
auf das, was trägt,
was größer ist als ich.

Ich sage: Du darfst mich halten,
auch wenn ich mich selbst nicht halten kann.

III. Und deinen Nächsten – wie dich selbst

Und Jesus bleibt nicht dort stehen.
Er zitiert weiter – aus dem Buch Wajikra, Levitikus 19:

„Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“

Auch das ist Tora.

Und es steht nicht in einem frommen Gebetsbuch,
sondern mitten in einem Kapitel über Alltag:
Ernterecht für die Armen.
Fairness im Handel.
Gerechtigkeit vor Gericht.
Respekt vor dem Fremden.

Gott sagt:
Du liebst mich nicht in großen Worten,
sondern im kleinen Tun.
In dem, wie du mit dem anderen umgehst.
Der Glaube zeigt sich nicht im Opfer –
sondern im Umgang mit dem Menschen vor dir.

Aber dazwischen steht noch jemand:
du selbst.

„Wie dich selbst.“

Und das, finde ich, ist manchmal der schwierigste Teil.

Mich selbst liebevoll anzuschauen.
Mich nicht ständig zu messen,
zu vergleichen,
zu entwerten.
Mich selbst nicht zu übersehen.

IV. Hillel auf einem Bein

Es gibt diese berühmte rabbinische Geschichte.
Ein Mensch geht zu Hillel –
einem der bedeutendsten Lehrer seiner Zeit –
und sagt:
„Fasse mir die ganze Tora zusammen,
während ich auf einem Bein stehe.“
Das war keine nette Frage.
Eher spöttisch.
Aber Hillel antwortet –
ruhig, geduldig:

„Was dir selbst verhasst ist,
das tue keinem anderen.
Das ist die ganze Tora.
Der Rest ist Kommentar.
Geh und lerne.“

Ich liebe diesen Satz.

Er ist so einfach,
dass man darüber stolpern kann.
Und so tief,
dass man darin wohnen möchte.

„Der Rest ist Kommentar.“

Das heißt nicht, dass der Rest unwichtig ist.
Sondern:
Das Herz der Sache ist die Beziehung.
Alles andere
– Gesetze, Gebote, Rituale –
ist Ausfaltung davon.

Wenn ich mitfühlend bin,
beginne ich zu glauben.
Wenn ich den Schmerz eines anderen nicht ignoriere,
beginne ich zu sehen.
Wenn ich aufhöre,
mich selbst zum Zentrum der Welt zu machen –
fängt etwas Heiliges an.

V. Nicht fern

Und dann dieser merkwürdige Satz am Ende.
Jesus sagt dem Fragenden:

„Du bist nicht fern vom Reich Gottes.“

Nicht fern –
das ist nicht „da“.

Aber es ist auch nicht „weg“.

Es ist: auf dem Weg.

Und vielleicht ist das das Schönste,
was man einem Menschen sagen kann.

Nicht perfekt.
Nicht fertig.
Aber offen.

Nicht angekommen.
Aber unterwegs.
Nicht alles verstanden.
Aber bereit zu hören.

Und vielleicht ist das ja alles,
was es braucht:

Bereit zu hören.
Offen zu lieben.
Mutig zu gehen.

VI. Und was bleibt?

Wenn du heute etwas mitnehmen willst –
dann vielleicht dies:

Sch’ma Jisrael – Höre.

Denn die Liebe beginnt nicht mit Tun,
sondern mit Hören.

Wer hört, kann lieben.
Wer liebt, verändert die Welt –
vielleicht nur ein bisschen.

Aber genug,
um Gottes Gegenwart darin spürbar zu machen.

Und manchmal beginnt das ganz klein:
Ein Ohr, das wirklich hinhört.
Ein Herz, das weich bleibt,
auch wenn’s müde ist.
Eine Hand, die nicht viel tun kann –
aber trotzdem nicht loslässt.

Gott lieben und den Nächsten –
das ist kein akrobatischer Doppelsprung.
Das ist eher ein Spagat zwischen Geduld und Sehnsucht.
Zwischen Müdigkeit und Mut.
Zwischen „Ich kann nicht mehr“
und „Ich versuch’s trotzdem nochmal“.

Und manchmal ist es einfach das leise Trotzdem:
Trotz allem.
Trotz Fragen.
Trotz dieser Welt, die oft laut ist, hart, zu viel.

Schluss

Vielleicht ist Glauben nichts anderes als:
hören.
lieben.
sich aufmachen.

Mit einem Zweifel.
Mit einem Lächeln.
Mit einem Hoffnungsschimmer.

Und vielleicht sagt Gott dann auch zu dir:

„Du bist nicht fern.“

Nicht fern – das reicht.

Es ist nicht das Ende.
Aber vielleicht ein guter Anfang.

Amen.

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