Die Ambivalenz von Unterstützung
Als ich vom Mord an Charlie Kirk erfuhr, war meine erste Reaktion Trauer und Entsetzen. Wieder ein politischer Mord. Wieder ein Anschlag. Wieder Waffengewalt in den USA. Instinktiv stellte sich bei mir das Gefühl ein: Er war doch jemand, der gegen Antisemitismus aufgetreten ist – das ist doch auch mein Kampf.
Erst später erfuhr ich, wer er wirklich war und welche Positionen er vertreten hat. Mein erster Post dazu war deshalb weniger ein politisches Statement als ein zutiefst emotionaler Reflex: Wenn jemand, der öffentlich gegen Antisemitismus sprach, erschossen wird – wie sicher bin dann ich? Diese Ambivalenz zwischen spontaner Solidarität und späterer Distanzierung prägt den gesamten Umgang mit seinem Tod.
Er verteidigte Israel, sprach sich gegen Antisemitismus aus – doch gleichzeitig verbreitete er die antisemitische „Cultural Marxism“-Verschwörungstheorie, verteidigte Elon Musk nach dessen antisemitischem Tweet und nannte „Great Replacement“ keine Theorie, sondern Realität.
Und im Mai 2025 sprach er sich gegen härtere Anti-BDS-Gesetze aus – nicht, weil er pro-palästinensisch wäre, sondern weil er die Meinungsfreiheit nicht eingeschränkt sehen wollte.
Das Bild, das entsteht, ist widersprüchlich und zutiefst ambivalent.
Als ich die Nachricht vom Mord an Charlie Kirk las, war meine erste Reaktion Schock. Wieder ein Anschlag, wieder ein Tod, wieder ein Mann, der erschossen wird. In einer Welt, in der ich selbst Drohungen erfahren habe, trifft so etwas tief. Mein erster Reflex war Empathie: ein 31-jähriger Familienvater, der Frau und kleine Kinder zurücklässt. Niemand sollte auf diese Weise sterben. Gewalt ist niemals die Lösung.
Erst danach begann ich, mich mit seiner Person auseinanderzusetzen. Ich kannte seinen Namen vorher nicht. Und je mehr ich las, desto komplexer und widersprüchlicher wurde das Bild. Einerseits sprach er sich gegen Antisemitismus aus, andererseits vertrat er Positionen, die rassistisch, sexistisch, transfeindlich und gefährlich waren. Das wirft eine schwierige Frage auf: Wie gehen wir mit Menschen um, die uns einerseits scheinbar schützen wollen – und uns gleichzeitig an anderer Stelle massiv verletzen würden?
Charlie Kirks Positionen – in seinen eigenen Worten
Ein Teil der Komplexität liegt darin, dass Kirk sich teils klar gegen Antisemitismus äußerte. Gleichzeitig vertrat er Positionen, die rassistisch, transfeindlich, sexistisch und in vielem menschenverachtend waren.
Trans Menschen / Gender
“I refuse to lie. I will not call a man or a woman a man like I refuse to do that. And in fact, I reject the entire premise of trans transgenderism. I don’t think it really exists. I think it’s a mental disease, and we’ve allowed it to all of a sudden become an identity. I think that there are two sexes, zero genders and unlimited personalities, and what we used to call a personality disorder, we now call a gender disorder that we treat with body treatment when it should be brain treatment. So transgenderism is a brain problem, not a body problem, and that’s how we should go about it.”
„Ich weigere mich zu lügen. Ich werde einen Mann oder eine Frau nicht als Mann bezeichnen, so wie ich mich weigere, das zu tun. Tatsächlich lehne ich das gesamte Konzept der Transgender-Ideologie ab. Ich glaube nicht, dass es sie wirklich gibt. Ich halte es für eine mentale Krankheit, und wir haben zugelassen, dass sie plötzlich zu einer Identität geworden ist. Ich glaube, dass es zwei Geschlechter, null Gender und unbegrenzte Persönlichkeiten gibt, und was wir früher eine Persönlichkeitsstörung nannten, nennen wir heute eine Geschlechterstörung, die wir körperlich behandeln, obwohl sie im Gehirn behandelt werden sollte. Transsexualität ist also ein Problem des Gehirns, nicht des Körpers, und so sollten wir damit umgehen.“
LGBTQ / Gay Marriage
Charlie Kirk hat sich in den letzten Jahren immer wieder auch offen abwertend gegenüber LGBTQ geäußert. So griff er 2024 in einer Rede zur Bibel und zitierte Levitikus 20,13:
“…in a lesser referenced part of the same part of scripture is … Leviticus 18 is that thou shall lay with another man, shall be stoned to death … Just sayin’ … [This chapter] affirms God’s perfect law when it comes to sexual matters.”
(Quelle: LGBTQ Nation, 20. Juni 2024Er selbst stellte es so dar, als wolle er zeigen, dass Bibelzitate nicht beliebig herausgepickt werden dürften. Doch der Kontext macht deutlich: Kirk nannte das Gebot, Männer dürften nicht miteinander schlafen, explizit „God’s perfect law“ – Gottes vollkommenes Gesetz in sexuellen Fragen. Zusammen mit weiteren Aussagen, in denen er Homosexualität als „error“ oder als Sucht mit Alkoholismus verglich, wird deutlich, dass es ihm nicht um eine neutrale Demonstration ging. Vielmehr transportiert er damit die Botschaft, dass queere Menschen moralisch fehlerhaft seien – eine Haltung, die von Ausgrenzung bis hin zu Gewaltfantasien getragen ist.
1. Homosexualität als „Error“
Bereits 2017 schrieb Kirk auf Twitter über Homosexualität:
“Homosexuality is an error. It is not God’s plan.”
(Quelle: Right Wing Watch Archiv, 2017)Damit stellt er queere Menschen als Irrtum dar – als Abweichung vom göttlichen Plan, die keinen legitimen Platz hat.
2. Vergleich mit Sucht (Alkoholismus)
In einem Interview 2018 führte Kirk aus, dass Homosexualität nicht nur ein „Fehler“ sei, sondern mit einer Sucht vergleichbar:
“I believe homosexuality is a sin, just like being an alcoholic is a sin.”
(Quelle: Right Wing Watch, 2018)Dieser Vergleich reduziert queere Identität auf ein pathologisches Verhalten, das man „bekämpfen“ oder „überwinden“ müsse – ein klassisches Argumentationsmuster aus dem Umfeld von Konversionstherapien.
3. Homosexualität
Wie bereits erwähnt, griff Kirk 2024 in einer Rede Levitikus 20,13 auf:
“…in a lesser referenced part of the same part of scripture is … Leviticus 18 is that thou shall lay with another man, shall be stoned to death … Just sayin’ … [This chapter] affirms God’s perfect law when it comes to sexual matters.”
(Quelle: LGBTQ Nation, 20. Juni 2024)Obwohl er es rhetorisch als „cherry-picking“-Beispiel verkaufte, bestätigt er ausdrücklich, dass diese Passage Gottes „perfect law“ sei – und gibt damit der tödlichen Logik des Textes Gewicht.
Zusammengenommen ergibt sich ein konsistentes Bild:
Kirk stellte Homosexualität als „Fehler“ dar, setzte sie einer Krankheit oder Sucht gleich, und legitimierte biblische Texte, die tödliche Gewalt androhen. Diese Aussagen widersprechen der Behauptung, er habe „nichts gegen Homosexuelle“ gehabt.
Frauen / Sexismus
“The ‚biblical model‘ for women to pursue in romantic relationships is a partner who is a protector and a leader, and deep down, a vast majority of you agree. If you want to meet conservative men that have their act together, that aren’t like, woke beta men, start a Turning Point USA chapter, you’ll meet a lot of them.”
„Das ‚biblische Modell‘ für Frauen in romantischen Beziehungen ist ein Partner, der Beschützer und Anführer ist, und tief im Inneren stimmen die meisten von euch dem zu. Wenn ihr konservative Männer kennenlernen wollt, die ihr Leben im Griff haben und nicht wie woke Beta-Männer sind, gründet eine Turning Point USA-Gruppe, dann trefft ihr viele von ihnen.“
Außerdem riet er Eltern, ihren Töchtern niemals verschreibungspflichtige Verhütungsmittel zu erlauben, da sie angeblich Frauen „wütend und bitter“ machten, passend zur politischen Agenda der Demokraten.
Schwarze / Rassismus / Affirmative Action
Über schwarze Frauen in Führungspositionen:
Charlie Kirk, Gründer von „Turning Point USA“, machte jüngst in einer seiner Shows deutlich, wie sehr „Diversity, Equity & Inclusion“ (DEI) zum Feindbild geworden ist. In einer Tirade erklärte er:
Three weeks ago — if we would’ve said that Joy Reid, and Michelle Obama, and Sheila Jackson Lee, and Ketanji Brown Jackson were affirmative action picks, we would’ve been called racists. But now they’re coming out and they’re saying it for us. They’re coming out and they’re saying, ‘I’m only here because of affirmative action.’ Yeah. We know you do not have the brain processing power to otherwise be taken really seriously. You had to steal a white person’s slot to go be taken somewhat seriously.
„Vor drei Wochen – wenn wir gesagt hätten, dass Joy Reid, Michelle Obama, Sheila Jackson Lee und Ketanji Brown Jackson Produkte von Affirmative Action sind, wären wir Rassisten genannt worden. Aber jetzt sagen sie es selbst für uns. Sie kommen heraus und sagen: ‚Ich bin nur hier wegen Affirmative Action.‘ Ja. Wir wissen, dass ihr nicht die nötige geistige Verarbeitungskraft habt, sonst ernst genommen zu werden. Ihr musstet den Platz eines Weißen stehlen, um halbwegs ernst genommen zu werden.“
Damit greift Kirk nicht nur die Integrität, sondern auch die Intelligenz hochgebildeter Schwarzer Frauen an – und unterstellt ihnen, ihre Positionen nur durch „gestohlene“ Chancen erreicht zu haben. Solche Aussagen sind ein Musterbeispiel dafür, wie rassistische Ressentiments unter dem Deckmantel von Anti-DEI-Rhetorik verbreitet werden.
Quelle: Charlie Kirk in der Sendung „The Charlie Kirk Show“, zitiert nach: Alex Griffing, „Charlie Kirk Calls Black Women ‘Affirmative Action Picks,’ Says They Lack ‘Brain Processing Power’“, Mediaite, 7. Juli 2024, mediaite.com
Über schwarze Piloten:
“If I see a Black pilot, I’m going to be like, ‚Boy, I hope he’s qualified.’”
„Wenn ich einen schwarzen Piloten sehe, denke ich: ‚Junge, ich hoffe, er ist qualifiziert.‘“
Dieses Zitat ist Teil seines Kommentars zu DEI-Programmen (Diversity, Equity, Inclusion) und seiner Kritik an deren Auswirkungen auf die Luftfahrtbranche.
Zentrale Aussagen von Charlie Kirk zur „Great Replacement“-Theorie
Verteidigung antisemitischer Verschwörungserzählungen
Nachdem Elon Musk für die Unterstützung eines antisemitischen Beitrags kritisiert wurde, verteidigte Kirk ihn und behauptete, dass jüdische Gemeinschaften „genau die Art von Hass gegen Weiße verbreiten, gegen die sie angeblich kämpfen wollen“. Er fügte hinzu, dass die „philosophische Grundlage des Anti-Weiß-Seins“ in den USA „größtenteils von jüdischen Spendern finanziert“ worden sei.
„Great Replacement ist keine Theorie, sondern Realität“
Im März 2024 veröffentlichte Kirk auf Instagram ein Zitat mit der Aussage: „The ‚Great Replacement‘ is not a theory, it’s a reality.“ Er verband dies mit einer falschen Schlagzeile von Fox News, die behauptete, 7,2 Millionen illegale Einwanderer seien unter der Biden-Regierung eingereist – mehr als die Bevölkerung von 36 Bundesstaaten.
Demokraten würden „weiße Demografie“ zerstören
Kirk behauptete, die Demokraten hätten „Hass auf dieses Land“ und wollten, dass Amerika „weniger weiß“ werde. Er unterstellte ihnen, absichtlich die weiße Bevölkerung zu verringern, um ihre politische Macht zu sichern.
Kirk positionierte sich als Verfechter eines „christlichen Nationalismus“ und nutzte die „Great Replacement“-Theorie, um Ängste vor einem Verlust der weißen Identität zu schüren. Diese Ideologie wurde von Rechtsextremen und weißen Nationalisten übernommen, die sie als Rechtfertigung für Gewaltakte wie die Anschläge in Christchurch (2019) und El Paso (2019) verwendeten. Charlie Kirk hat die „Great Replacement“-Theorie nicht nur verbreitet, sondern aktiv unterstützt und damit eine rassistische und antidemokratische Agenda gefördert. Seine Aussagen tragen zur Verbreitung von Hass und Misstrauen in der Gesellschaft bei und sollten kritisch hinterfragt werden.
Martin Luther King / Civil Rights
Vor Dezember 2023 lobte Kirk Martin Luther King Jr. als „Held“ und „Ikone der Bürgerrechtsbewegung“.
Im Dezember 2023 auf AmericaFest:
“Awful … not a good person … admired only because he said one thing he didn’t actually believe.”
„Furchtbar … keine gute Person … wird nur bewundert, weil er etwas gesagt hat, an das er eigentlich nicht geglaubt hat.“
Außerdem kritisierte er den Civil Rights Act von 1964: „a huge mistake …“
„ein riesiger Fehler …“
Native Americans / Indigene Rechte
Er lehnte die Idee von „gestohlenem Land“ ab: alles sei entweder gekauft oder erobert worden; wer „zu schwach“ sei, müsse die Konsequenzen tragen. In einem Beitrag auf Facebook sagte er: „Wir sind darauf konditioniert, ein Video von weißen Menschen in MAGA-Hüten zu sehen, die vor einem Indianer stehen, und anzunehmen, dass die weißen Menschen Rassisten sind.“ Diese Bemerkung wurde von Kritikern als Relativierung der Verantwortung für historische Ungerechtigkeiten verstanden.
Es ist wichtig zu beachten, dass Kirk in seinen öffentlichen Äußerungen oft eine konservative Perspektive vertritt, die historische Verantwortung relativiert und individuelle Verantwortung betont. Seine Aussagen zu „Native Americans“ spiegeln diese Haltung wider. Allerdings blendet diese Haltung oft die Realität von Kolonialismus, Völkermord und systematischer Entrechtung indigener Völker völlig aus.
Guns / Gun Violence
“You will never live in a society when you have an armed citizenry and you won’t have a single gun death. That is nonsense. It’s drivel. But I… think it’s worth to have a cost of, unfortunately, some gun deaths every single year so that we can have the Second Amendment to protect our other God-given rights. That is a prudent deal. It is rational.”
„Ihr werdet nie in einer Gesellschaft leben, in der bewaffnete Bürger keine einzigen Schusswaffen-Toten haben. Das ist Unsinn, Quatsch. Aber ich denke… es lohnt sich, den Preis von leider einigen Toten pro Jahr zu zahlen, damit wir den Zweiten Verfassungszusatz haben, um unsere anderen gottgegebenen Rechte zu schützen. Das ist ein kluger, rationaler Deal.“
BDS
Er sprach sich gegen die Verschärfung von Anti-BDS-Gesetzen aus:
“We’ve allowed far too many people who hate America move here from abroad, but the right to speak freely is the birthright of all Americans.”
„Wir haben viel zu viele Menschen, die Amerika hassen, aus dem Ausland hierherkommen lassen, aber das Recht auf freie Meinungsäußerung ist das Geburtsrecht aller Amerikaner.“
Ein seltenes Beispiel, wo seine libertäre Linie mit der Verteidigung jüdischer Kritiker Israels zusammentraf.
Christentum / Dominion / Seven-Mountain-Mandate
Nach seinem Wechsel zum Christentum wurde Kirk als christlich-nationalistisch beschrieben. Er setzte sich für das Ende der Trennung von Kirche und Staat ein und propagierte das Seven-Mountain-Mandate:
Christen sollen sieben gesellschaftliche Bereiche kontrollieren: Regierung, Bildung, Medien, Kunst & Unterhaltung, Wirtschaft, Familie und Religion.
Kirk gehörte zu jenem Strang des amerikanischen Christentums, der sich lautstark pro-Israel äußert. Doch oft steckt dahinter kein echtes Interesse an jüdischem Leben, sondern eine endzeitliche Agenda: Alle Juden sollen nach Israel zurückkehren, um dort das biblische Armageddon auszulösen.
Das ist kein echtes Bündnis, sondern instrumenteller Philosemitismus – Unterstützung, die an Bedingungen geknüpft ist und am Ende die jüdische Existenz nicht um ihrer selbst willen achtet, sondern für eigene theologische Ziele benutzt.
Kirk war „judenfreundlich“ – aber auf eine Weise, die nicht frei war von Kalkül und von Einbettung in eine christlich-nationalistische Agenda. Für manche mag das genug sein; für mich bleibt es eine gefährliche und unzuverlässige Form der Allianz.
Empathie
“I can’t stand the word empathy, actually. I think empathy is a made up new era term, and it does a lot of damage.”
„Ich kann das Wort Empathie nicht ausstehen. Ich glaube, Empathie ist ein erfundener Begriff der neuen Zeit, und er richtet viel Schaden an.“
Juden, Judentum & Israel
1. Unterstützung von Israel und jüdischen Menschen
Kirk hat sich wiederholt als „großer Freund Israels“ bezeichnet und Israels Recht auf Selbstverteidigung öffentlich unterstützt. Er war aktiv in pro-israelischen Kampagnen und sprach sich gegen Antisemitismus aus. Beispielsweise lobte er die Arbeit von Organisationen wie StandWithUs, die jüdische Communities weltweit unterstützen. Er verteidigte das Recht auf freie Meinungsäußerung, auch in Fragen rund um Israel und den Nahostkonflikt.
Beispiel: Nach dem Anschlag auf eine Synagoge oder antisemitischen Vorfälle betonte er regelmäßig die Wichtigkeit, gegen Hass und Gewalt an Juden einzutreten.
Zitat: „I am deeply grateful for every effort to stand with Israel and the Jewish people.“ – Charlie Kirk
2. Ambivalenz und problematische Positionen
Trotz seiner Pro-Israel-Haltungen verbreitete Kirk auch Aussagen, die antisemitische Untertöne hatten oder von Verschwörungstheorien inspiriert waren:
- Verteidigung von Elon Musk: Kirk verteidigte Musk, der einen antisemitischen Post geteilt hatte, mit der Begründung, „jüdische Gemeinschaften hätten die gleiche Art von Hass gegen Weiße betrieben, gegen die sie sich wenden“. „Jewish communities have been pushing the exact kind of hatred against whites that they claim to want people to stop using against them.“
→ Das zeigt, dass er bereit war, antisemitische Narrative zu relativieren, wenn es in seine politische Agenda passte.- Cultural Marxism & Verschwörungstheorien: Kirk verbreitete die antisemitische Theorie des „Cultural Marxism“, die fälschlich Juden als treibende Kraft hinter gesellschaftlichen Veränderungen darstellt.
- Dominion/Christlicher Nationalismus: Kirks pro-israelische Haltung war oft von einer spezifischen evangelikalen Logik geprägt: Israel spielt im „endzeitlichen“ Plan eine Rolle. Dies bedeutet, dass seine Unterstützung nicht immer auf universeller Solidarität mit jüdischen Menschen basierte, sondern teilweise theologisch instrumentalisiert war.
3. Zwischen Philosemitismus und taktischer Unterstützung
Man kann sagen, dass Kirk in manchen Momenten als Philosemit (freundlich zu Juden) auftrat, aber seine Haltung ambivalent war:
- Echte Unterstützung: Er verteidigte jüdische Communities gegen Gewalt und Antisemitismus, sprach sich für Israel aus, beteiligte sich an Lobbyarbeit, die jüdische Interessen stärkte.
- Problematische Untertöne: Gleichzeitig waren Teile seiner Rhetorik und seines Netzwerks von Verschwörungstheorien geprägt, die antisemitische Narrative aufgriffen. Seine pro-israelische Haltung war also oft strategisch und theologisch motiviert, nicht unbedingt aus einer unbedingten Solidarität heraus.
4. Fazit
Charlie Kirks Haltung zeigt das Spannungsfeld zwischen instrumenteller Philosemitismus und echten solidarischen Aktionen. Für Juden, die seine Unterstützung schätzen, kann er kurzfristig als Verbündeter erscheinen. Gleichzeitig muss man kritisch hinterfragen, wie tief diese Solidarität geht, wenn sie in einer Ideologie eingebettet ist, die andere marginalisierte Gruppen angreift und antisemitische Narrative gleichzeitig relativiert.
Diese Zitate zeigen: Er konnte einerseits gegen Antisemitismus auftreten – und gleichzeitig selbst rassistische und ausgrenzende Positionen vertreten.
Gewalt ist nicht die Lösung
So sehr mich seine Ansichten als Jüdin, Queere und Indigene verletzt und abgestoßen haben – ich kann mich nicht über seinen Tod freuen. Er war ein 31-jähriger Familienvater, der kleine Kinder zurücklässt. Gewalt löst keine Konflikte. Sie hinterlässt nur neue Wunden, neue Traumata, neue Spaltungen.
William Wolfe, ein konservativer Weggefährte, schrieb:
„His entire project was built on reaching across the divide and using speech, not violence, to address and resolve the issues!“
„Sein ganzes Projekt beruhte darauf, Gräben zu überbrücken und Worte statt Gewalt zu nutzen, um Probleme anzugehen und zu lösen!“
Ich sehe das anders: seine Worte selbst waren oft gewaltsam in ihrer Wirkung. Aber Wolfe hat recht in einem tieferen Sinn: Debatte, Rede, Argument – das sind die Mittel der Demokratie. Kugeln sind es nie.
Ethik der Allianzen
Hier liegt das eigentliche Dilemma. Kirk gehörte zu einer Strömung des amerikanischen Evangelikalismus, die stark „pro-Israel“ ist. Doch dieses Pro-Israel ist häufig nicht Ausdruck echter Freundschaft mit Juden, sondern Teil einer Endzeit-Theologie: Erst wenn alle Juden in Israel sind, kann Armageddon kommen. Sind solche „Freunde“ wirkliche Freunde?
Das führt zur Unterscheidung:
- Instrumentelle Verbündete: Menschen, die in einem bestimmten Bereich die gleichen Ziele haben (z. B. Schutz Israels oder Kampf gegen Antisemitismus).
- Ganzheitlich ethische Verbündete: Menschen, deren Werte insgesamt mit den eigenen Grundwerten übereinstimmen.
In den USA wird oft pragmatisch mit ersteren gearbeitet – auch wenn sie gleichzeitig andere marginalisierte Gruppen diffamieren. Doch in Europa beobachte ich etwas anderes: Viele meiner Bekannten hier, in Deutschland und der Schweiz, äußern echte Bewunderung für Kirk. Bewunderung ohne den Blick auf die Schattenseiten. Genau das halte ich für gefährlich.
Denn die ethische Frage lautet: Wo ziehen wir die Linie? Ist Unterstützung für Juden genug, um Rassismus gegen Schwarze, Transfeindlichkeit, Sexismus und Kolonialrhetorik zu übersehen? Welche Allianzen sind noch legitim – und wann wird es moralisch toxisch, selbst wenn sie kurzfristig Schutz bieten?
Meine Reflexion
Nach seinem Tod begannen viele aus dem rechten Spektrum, Kirk als Märtyrer zu stilisieren. In den sozialen Medien kursieren Bilder, die ihn als Opfer einer „linken Cancel-Culture“ und eines „politischen Klimas des Hasses“ darstellen. Dass seine eigene Rhetorik Polarisierung, Misstrauen und Gewaltfantasien schürte, wird dabei selten thematisiert.
In Europa zeigt sich eine interessante Verschiebung: Hier wurde sein Name vielen erst durch den Anschlag bekannt. Dass er bei manchen nun beinahe wie ein Held gefeiert wird, ohne seine problematischen Positionen zu reflektieren, zeigt, wie leicht Narrative übernommen werden, wenn sie nur mit der richtigen Schlagkraft erzählt werden.
Ich kannte Charlie Kirk nicht, bevor er erschossen wurde. Ich kannte seinen Namen nicht, wusste nichts über seine Organisation. Mein erster Impuls war Trauer: Wieder ein Mensch getötet, wieder ein politischer Mord, wieder Waffengewalt.
Doch dann habe ich seine Positionen kennengelernt – in seinen eigenen Worten. Und die waren brutal. Gegen Schwarze. Gegen Frauen. Gegen Indigene. Gegen Transmenschen. Gegen Empathie an sich.
Und trotzdem: Ich weigere mich, den Tod eines Menschen zu feiern. Ich hoffe, dass seine Frau und seine Kinder Empathie und Mitgefühl erfahren – selbst wenn er Empathie abgelehnt hat.
Für mich bleibt diese Spannung: Einerseits der Impuls der Solidarität mit jemandem, der in einem Bereich gegen Antisemitismus auftrat. Andererseits die klare Abgrenzung von einer Ideologie, die Menschen wie mich – jüdisch, schwarz, queer, indigen – abwertet und bedroht.
Die Betrachtung von Charlie Kirk zeigt, wie komplex die Frage nach Allianzen sein kann. Auf der einen Seite war er ein Unterstützer von Israel und äußerte sich gegen Antisemitismus – Eigenschaften, die in einem Umfeld von Bedrohung und Gewalt besonders ins Gewicht fallen. Auf der anderen Seite vertrat er Positionen, die rassistisch, sexistisch, transfeindlich und in Teilen an White-Supremacy-Narrativen angelehnt waren.
Die Ethik der Allianzen verlangt, dass wir nicht nur das Ziel einer Zusammenarbeit betrachten, sondern auch die Mittel und die Werte derer, mit denen wir uns verbinden. Instrumentelle Verbündete können kurzfristig Vorteile bringen – etwa Schutz oder Unterstützung für die eigene Community –, aber moralisch problematische Einstellungen und Handlungen werfen die Frage auf: Wo ziehen wir die Linie?
Es ist legitim, den Wert einer Unterstützung anzuerkennen, ohne die Person insgesamt zu billigen. Gleichzeitig bleibt es entscheidend, bewusst zu reflektieren, welche Kompromisse wir eingehen und wie weit wir bereit sind, unsere eigenen ethischen Grundsätze zu verschieben. Allianzen sind niemals neutral – sie tragen auch Symbolkraft und signalisieren, wofür wir als Gemeinschaft stehen. Gerade deshalb ist eine kritische Abwägung notwendig: Unterstützung in einem Bereich rechtfertigt nicht, das Gesamtbild aus den Augen zu verlieren.
Vielleicht ist genau das die Lektion: Es gibt keine einfachen Allianzen. Es gibt nur ständige Prüfungen: Wer steht wirklich für Menschenwürde – und wer nur für das eigene Lager?
Schluss: Wohin geht diese Welt?
Der Mord an Charlie Kirk ist ein weiterer Teil eines grausamen Musters: politische Gewalt in den USA, befeuert durch Waffen, Hass und Polarisierung. Es ist ein Muster, das nicht endet, solange Gewalt als Lösung betrachtet wird. Charlie Kirk war kein einfacher „Freund“ der Juden, auch wenn er sich so inszenierte. Er war ein Mann mit widersprüchlichen, oft hasserfüllten Positionen. Sein Tod ist dennoch ein Verlust von Leben, eine Eskalation der Gewalt, die niemandem nützt.
Für uns bleibt die Aufgabe: zu unterscheiden zwischen selektiver Solidarität und echter Verbundenheit. Und darauf zu bestehen, dass unsere Allianzen nicht nur sicher machen sollen – sondern auch unsere Würde achten.
Doch es ist auch ein Spiegel für uns alle: Wen bewundern wir? Mit wem verbünden wir uns? Wo sind wir bereit, pragmatisch Allianzen einzugehen – und wann nicht?
Ich habe gelernt: Unterstützung kann ambivalent sein. Solidarität darf kritisch bleiben. Und echte Freundschaft misst sich daran, ob sie alle Menschen in ihrer Würde achtet – nicht nur die eigene Gruppe.
Vielleicht bleibt das als Kernreflexion: Auch wenn die Welt in Gewalt versinkt, können wir uns weigern, Gewalt zu bejubeln. Auch wenn Allianzen bequem scheinen, können wir sie prüfen. Und auch wenn Empathie verspottet wird – können wir sie gerade dann leben.
Der Mord an Charlie Kirk zeigt auf schmerzhafte Weise die Sackgasse, in die unsere Gesellschaften geraten, wenn Spaltung und Hass dominieren. Kirk stand für eine Politik, die Gleichberechtigung kleinredet, Minderheiten abwertet und gesellschaftliche Gräben vertieft. Seine Rhetorik verletzte, seine Reichweite war gefährlich.
Doch die Antwort darauf darf nicht Gewalt sein. Ein 31-jähriger Familienvater wurde erschossen, Kinder haben ihren Vater verloren. Mit jedem weiteren politischen Mord – sei es von rechts oder von links – entfernt sich die Welt weiter von Empathie, von Demokratie, von Menschlichkeit.
Es ist bitter ironisch, dass ein Mann, der Empathie verachtete, nun selbst Anlass für sie ist. Vielleicht liegt darin eine Lehre: Dass wir Empathie gerade dort üben müssen, wo sie am schwersten fällt. Dass wir Menschen nicht auf ihre schlimmsten Aussagen reduzieren, sondern zugleich deren Folgen benennen und uns gegen ihre Wirkung stellen.
Die Frage bleibt: In welche Richtung steuert diese Welt? Jeder Mord, jeder Anschlag, jede Kugel zeigt: Es geht nicht so weiter. Wir brauchen weniger Waffen und mehr Worte. Weniger Hass und mehr Begegnung. Weniger Härte – und mehr Empathie.
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