Two-Spirit: Identität, Spiritualität und Gemeinschaft in verwobener Perspektive

Identität, Spiritualität und Gemeinschaft sind in meinem Leben untrennbar miteinander verwoben. In westlichen Diskursen wird oft analytisch und fragmentiert gedacht, doch in den Traditionen meiner Cherokee- und karibisch-indigenen Herkunft ist das Sein immer relational und ganzheitlich. Two-Spirit zu sein bedeutet für mich, diese Verbundenheit zu leben, Verantwortung zu tragen und zugleich ein Bindeglied zwischen Welten, Menschen und Spirit zu sein.

In westlichen Kontexten sind Begriffe wie lesbisch, queer oder intergeschlechtlich1 für viele Menschen vertraut. Sie signalisieren Zugehörigkeit, Sichtbarkeit und politische Positionen. Wer sich als lesbisch identifiziert, macht deutlich, dass er oder sie Teil einer historischen Bewegung ist, die für Rechte, Sichtbarkeit und Selbstbestimmung gekämpft hat. Queerness zeigt, dass Normen hinterfragt und Vielfalt gelebt wird. Intergeschlechtliche Menschen verweisen auf Realitäten jenseits des binären Geschlechts. Diese Labels haben nach außen klare Signalwirkungen: Sie schaffen Sichtbarkeit, positionieren in sozialen und politischen Diskursen und ermöglichen Kommunikation über Erfahrungen und Bedürfnisse.

Gleichzeitig sind westliche Kategorien oft fragmentiert, analytisch und hierarchisch: Sie ordnen Identitäten, trennen sie voneinander und messen sie teilweise nach Sichtbarkeit oder politischer Relevanz. Für mich, als Two-Spirit-Person, fühlt sich dieses Herangehen oft fremd oder bruchstückhaft an. Queerness ist für mich nicht nur eine Kategorie, die man abstrahiert, sondern existenziell, relational und verwoben mit Spiritualität, Community, Geschichte und Verantwortung.

Hier setzt der Begriff Two-Spirit an. Er wurde 1990 auf einer intertribalen Konferenz indigener LGBTQ+-Aktivist:innen in Nordamerika geprägt, um indigene Konzepte von Geschlecht und Spiritualität von westlichen Kategorien zu unterscheiden. Übersetzt bedeutet er „zwei Geister“ und verweist darauf, dass eine Person sowohl weibliche als auch männliche spirituelle Qualitäten in sich tragen kann. Two-Spirit ist kein direktes Synonym für trans, nicht-binär oder queer, sondern eine indigene, kulturell und spirituell verankerte Identität. Nur Menschen aus indigenen Kontexten verwenden diesen Begriff.

Parallel dazu hat sich der Begriff Indigiqueer entwickelt, besonders in Kanada: Er verbindet indigene Identität mit queeren Selbstbezeichnungen und betont einen zeitgenössischen, urbanen oder aktivistischen Kontext. Während Two-Spirit stärker traditionell und spirituell verankert ist, erlaubt Indigiqueer eine Selbstverortung, die indigene und queere Erfahrungen zusammenführt, ohne zwingend an traditionelle Rituale oder Rollen gebunden zu sein.

Für mich als Cherokee und Caribbean Indigenous ist Two-Spirit mehr als ein Label. Es ist ein Sein an der Schwelle, das Verbindungen offenhält – zwischen Geschlechtern, Perspektiven, Welten, Spirit und Gemeinschaft. Es ist eine holistische Perspektive, in der das Selbst nicht isoliert existiert, sondern immer relational eingebettet ist: in die Gemeinschaft, die Ahnen, das Land, die Geschichte und die spirituelle Dimension. Alles ist miteinander verwoben.

Im Cherokee-Kontext existieren zahlreiche traditionelle Bezeichnungen für Two-Spirit-Rollen, die soziale, spirituelle und kulturelle Nuancen ausdrücken:

  • asgayusd’ udant[i/a] – jemand fühlt/denkt wie ein Mann
  • ageyusd udant[i/a] – jemand fühlt/denkt wie eine Frau
  • nudale ageyha udantedi / nudale asgaya udantedi – different-spirited woman/man
  • taliqwo didantvn – jemand hat „zwei Herzen“
  • utselidv – besonders, hervorgehoben
  • nudale udanto/udantedi – different heart/spirit
  • atsoine – dritte Geschlechterrolle
  • asegi udanto/udant[i/a]/udantedi – strange heart/spirit[ed]
  • sgigi – „that way“, subtilere soziale oder verhaltensbezogene Eigenheiten
  • uligisdidegi – flirt

Diese Begriffe zeigen: Gender, Persönlichkeit und Spiritualität sind nicht trennbar, sie beschreiben Rollen, Aufgaben und spirituelle Eigenschaften gleichzeitig. Two-Spirit-Sein umfasst eine Aufgabe und Verantwortung, die von der Community/ Ältesten (Elders) und der Geisterwelt bestätigt wird. Anders als ein westliches Coming-out ist es ein kontinuierlicher Prozess von Anerkennung, Engagement und Handlung.

Meine Zugehörigkeit zum Paint Clan illustriert, wie eng diese Rollen mit kulturellem Erbe verbunden sind. Historisch war der Clan zuständig für die Herstellung von roter Farbe für Zeremonien, Heilung und die Bewahrung von Wissen über Leben, Geburt, Tod und Erneuerung. Als Two-Spirit-Person ist mein Sein nicht isoliert, sondern Teil eines Netzwerks aus Clan, Community, Spiritualität und Tradition. Die Rollen, Aufgaben und spirituelle Bedeutung sind untrennbar.

Im Unterschied zu westlichen queeren Diskursen, die oft analytisch, kategorial und fragmentiert arbeiten, ist Two-Spirit eine ganzheitliche Perspektive:

  • Identität, Spiritualität, Community und Geschichte sind ineinandergreifend.
  • Rollen und Verantwortlichkeiten werden nicht abstrahiert, sondern konkret gelebt.
  • Jede Erfahrung, jede Handlung und jede Beziehung ist durchdrungen von Spiritualität und eingebettet in ein lebendiges Beziehungsnetz.

Two-Spirit ist also nicht nur Identität, sondern Position, Aufgabe und Ehre zugleich. Es ist ein Sein an der Schwelle, das verbindet, integriert und Verantwortung trägt, das sowohl die Vergangenheit, die Gegenwart als auch die Zukunft der Gemeinschaft mit einschließt. In dieser Perspektive werden Konzepte wie intergeschlechtlich, lesbisch oder queer integriert und relational eingebettet, ohne ihre historischen, politischen oder sozialen Kontexte zu verlieren.

Two-Spirit-Sein bedeutet leben, dienen und verbinden. Es bewahrt die Vielfalt von Menschen, Rollen und Geschichten, anerkennt die Last und die Weisheit der Vergangenheit und trägt die Verantwortung für Gegenwart und Zukunft der Gemeinschaft. Es eröffnet einen Raum, in dem Identität, Spiritualität und Community untrennbar verschmolzen sind – ein pulsierendes, komplexes Netz, in dem jedes Wesen, jede Handlung, jede Tradition und jede Beziehung miteinander verbunden ist. Hier wird die eigene Existenz nie isoliert betrachtet, sondern stets als Teil eines größeren Ganzen, als Knotenpunkt in einem lebendigen Gewebe aus Kultur, Geschichte, Ahnen, Land und spiritueller Präsenz. Es ist ein Sein, das offen hält, vermittelt, trägt und integriert – eine gelebte Harmonie zwischen den Welten, die sowohl die Tiefe als auch die Weite der menschlichen und spirituellen Erfahrung umfasst.

  1. Ich habe diese Begriffe gewählt, weil ich mich, zumindest teilweise, mit ihnen identifiziere – nicht um andere Communities oder Identitäten auszuschliessen. ↩︎

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