November in Europa

Es ist November in Europa.
Das, was einst Warnung war, ist Wirklichkeit geworden.
Erinnerung ohne Empathie ist leer – und „Nie wieder“ bedeutet nichts, wenn wir nicht jetzt handeln.

November in Europa

„Es hieß doch: Nie wieder Ohnmacht.
Es wird Oktober in Europa.
Stolpersteine werden dieses Jahr nicht mehr geputzt.
Und der Kanzler hört sich so bestürzt an,
danach trinkt er Tee mit den Mördern.“

(Antilopen Gang, „Oktober in Europa“)

Ich habe das Lied heute gehört.
Und obwohl der Kalender den 9. November zeigt,
habe ich das Gefühl, wir sind längst über den Oktober hinaus.
Es ist November in Europa –
das, was im Lied noch als Frostschleier beschrieben wird,
ist inzwischen zum Eis geworden.
Der Hass tritt offen hervor,
der Zorn hat sich Form gegeben.
Was einst unterschwellig war,
wird heute geschrien, gepostet, bejubelt.

Am 9. November kommt die Erinnerung.
An die Pogromnächte, die Reichskristallnacht –
zersplitterndes Glas, brennende Synagogen, zerstörte Geschäfte,
jüdische Menschen, die in Panik fliehen,
aus Fenstern springen,
sich lieber die Beine brechen, als zu bleiben.
Menschen, die gehetzt, geschlagen, getötet werden.
Alles, weil sie Jüdinnen und Juden sind.

Und jedes Jahr kommt die Erinnerung wieder.
Es wird gerufen, gesprochen, gepostet, gesäuselt und geraunt:
„Nie wieder!“
„Nie wieder ist jetzt!“
Doch das „Nie wieder“ ist längst zu einem Satz ohne Gewicht geworden.
Ein leeres Gefäß, das man am Gedenktag hervorholt,
um es morgen wieder wegzustellen.

Heute mahnen viele, morgen schweigen sie –
oder klatschen, wenn dieselbe Hetze ein anderes Ziel hat.
Heute #Erinnerung, morgen #Intifada.
Heute Betroffenheit, morgen Brandbeschleuniger.
Heute heuchlerisch politisch korrekt,
morgen ehrlich judenfeindlich im dekolonialen Gewand.
Empathie scheint austauschbar geworden zu sein –
abhängig vom Feindbild, von der Mode, vom Algorithmus.

Empathie ist zur Währung geworden –
und sie wird je nach Kurs gehandelt.

„Linke Tasche Pepperspray, rechte Tasche Kubotan.
Zieht sich die Kapuze tiefer ins Gesicht.
Omas Kette mit dem Stern trägt sie lieber wieder nicht.“

All das Raunen, Säuseln, Posten und Mahnen
ist nutzlos ohne Empathie.
Nutzlos ohne die Bereitschaft,
das „Nie wieder“ nicht nur zu erinnern,
sondern zu leben.

Denn Erinnerung ohne Konsequenz ist Verdrängung im Gewand der Moral.
Und Mahnung ohne Mitgefühl ist nur Lärm.

Das „Nie wieder“ ist abgebrannt.
Aber die Glut ist noch da.
Und wenn es je wieder brennen soll –
dann möge es diesmal das Feuer der Menschlichkeit sein.
Das Feuer, das wärmt, nicht zerstört.
Das Licht, das erinnert, indem es sieht.
Und das Mut macht, jetzt zu handeln.

Zitate:
Aus „Oktober in Europa“ von Antilopen Gang, Album Abbruch Abbruch (2020).

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