Konversionstherapien – warum ein Verbot notwendig ist

Als der Zürcher Regierungsrat vor wenigen Tagen Konversionstherapien verboten hat, war meine erste Reaktion pure Erleichterung. Doch kaum war die Nachricht draussen, prasselten die Kommentare los – von „Endlich!“ bis hin zu „Diktatur!“ und „Psychologen haben wohl aufgegeben, Perversen zu helfen“.

Ich las all das nicht aus sicherer Distanz.
Ich las es als jemand, die selbst fast zwanzig Jahre lang solchen „Therapien“ ausgesetzt war – als Minderjährige, als junge Erwachsene, als Mensch, der dachte, er müsse sich ändern, um geliebt zu werden.

Dieser Artikel ist mein persönlicher Blick auf das Verbot, auf die Kommentare, auf die Geschichten dahinter – und darauf, warum ein solches Gesetz kein Angriff auf Freiheit ist, sondern ein Schutz vor seelischer Gewalt.

Und manchmal, ja: auch ein Anlass für ein wenig gut platzierten Biss.

Ein persönlicher Kommentar zu den Zürcher Reaktionen

Als der Zürcher Regierungsrat vor wenigen Tagen das Verbot sogenannter „Konversionstherapien“ beschlossen hat, war meine erste Reaktion: Endlich.
Endlich ein Schritt, der längst überfällig ist. Endlich ein Zeichen, dass der Staat die Menschen schützt, die in religiösen, kulturellen oder familiären Systemen eben keine freie Wahl haben.

Und dann – natürlich – kamen die Kommentare.
Die, die sich freuen: „Gut so“, „Wurde Zeit“, „Dass es das überhaupt noch gibt!“
Und die anderen:
„Mann und Frau machen Kinder! Alles andere gibt nichts!“
„Diktatur!“
„Soll sich doch jeder selbst behandeln, wenn er’s bezahlt!“
„Psychologen haben wohl aufgegeben, Perversen zu helfen.“
„Wenn ein Mädchen mit 16 die Brüste abnimmt, das ist erlaubt, aber das ist verboten?!“
„Das kranke Zürich wieder.“
„Kein Problem – gibt sicher bald eine Impfung.“

Ich gebe zu: Einige davon haben mich erschüttert.
Nicht, weil sie neu wären – sie sind alt. Staubig. Voraussehbar. Ein bisschen wie die dreizehnte Wiederholung eines schlechten TV-Films, den man eigentlich gelöscht glaubte.

Aber sie haben mich bewegt, weil ich sie dieses Mal nicht aus der Distanz lese.
Sondern mit der Erfahrung aus beinahe zwei Jahrzehnten Konversionstherapie im Rücken.

Ich habe selbst ab meinen 14/15 Jahren bis weit in meine 30er hinein auf unterschiedlichste Weise solche „Therapien“ durchlaufen – freiwillig, so dachten alle.
Aber dazu kommen wir.

Dieser Artikel ist ein Versuch, all das zu sortieren: persönlich, aber nicht privat.
Klar, aber nicht kalt.
Und mit ein wenig Biss an den Stellen, wo die Ignoranz so laut schreit, dass man ihr ruhig einen Spiegel hinhalten darf.

1. Emotionale Ausgangslage – und ein bisschen Biss

Die Nachricht vom Verbot hat mich ehrlich gefreut – und gleichzeitig durchzogen von etwas, das zwischen Traurigkeit und Trotz liegt.
Traurigkeit darüber, dass es überhaupt ein solches Gesetz braucht.
Trotz gegenüber jenen, die sofort rufen: „Diktatur! Jetzt verbietet Zürich sogar, aus der Szene auszusteigen!“

Da möchte ich kurz zurückrufen:
“Nein, Zürich verbietet nicht, aus der Szene auszusteigen. Zürich verbietet, Menschen mit Druck, Manipulation und religiöser Angst in eine Therapie zu treiben, die nachweislich Schaden anrichtet. Das ist ungefähr so diktatorisch wie ein Gesetz gegen Kindesmisshandlung.”

Die emotionale Ausgangslage ist also eine Mischung aus Erleichterung, Wut und diesem berühmten „Wie kann es sein, dass wir im Jahr 2025 immer noch über so etwas reden müssen?“.

Denn ich lese diese Kommentare als jemand, die nicht theoretisch über Konversionstherapie spricht, sondern als jemand, die darin aufgewachsen ist, geformt, verletzt – aber auch herausgewachsen.

Und das macht die Debatte für mich sehr konkret.

2. Viele haben keine Ahnung, was Konversionstherapie wirklich ist

Die meisten Menschen, die „Diktatur!“, „Freiwilligkeit!“ oder „Ist doch nur Beratung!“ rufen, teilen eine Gemeinsamkeit:

Sie haben keine Ahnung, wovon sie reden.

Sie stellen sich Konversionstherapie vor wie ein etwas konservatives Gespräch bei einer psychologischen Fachperson.
Ein bisschen Lebensberatung.
Vielleicht ein Ratgeberbuch.
Ein Workshop zum besseren Selbstverständnis.

Was sie nicht sehen:
Konversionstherapie ist ein Geflecht aus Scham, Angst, geistlichem Druck, Indoktrination, Nächte voller Schuldgefühle, und der systematischen Zerstörung des eigenen Selbstbildes.

Es ist keine Therapie.
Es ist Erziehung durch Angst.
Und im religiösen Kontext: eine Form von spiritueller Gewalt.

Viele dieser Kommentierenden reagieren aus der sicheren Distanz eines Lebens, in dem ihre Identität nie infrage stand. Und es ist leicht, über Tragödien zu philosophieren, die man nie selbst durchlebt hat.

3. Das Märchen von der „Freiwilligkeit“

Immer wieder höre ich:
„Sollen doch alle selbst entscheiden!“
„Wenn jemand so eine Therapie will, ist das doch sein Problem!“
„Niemand zwingt einen!“

Das klingt nach Freiheit – ist aber eine brutale Verkennung der Realität.

Denn wer in bestimmten religiösen oder sozialen Systemen aufwächst, lernt früh:

  • Queeres Leben = Gefahr.
  • Queeres Begehren = Sünde.
  • Queere Identität = dämonisch.
  • Gott liebt dich, aber nur, wenn du dich veränderst.
  • Deine Ewigkeit hängt davon ab, ob du dich „bekennst“.
  • Wer sich nicht ändern will, geht verloren.

Diese „Freiwilligkeit“ ist so freiwillig wie das „Ja“ eines Kindes, das mit Strafen, Hölle und sozialer Isolation bedroht wird.

Und selbst Erwachsene stehen oft unter einer jahrzehntelang eingeübten Angstspirale.
Sie handeln nicht frei – sie handeln aus Panik.
Aus Schuld.
Aus dem Wunsch, endlich wieder geliebt und akzeptiert zu werden.

Freiwilligkeit unter spirituellem Zwang ist eben keine Freiwilligkeit.
Und bei Minderjährigen müssen wir gar nicht erst anfangen.

4. Meine eigene Geschichte – knapp, aber ehrlich

Ich war 14 oder 15, als ich mich jemandem anvertraute.
Und damit begann alles.

Nicht, weil ich „therapiewillig“ war.
Sondern, weil ich schon jahrelang gelernt hatte:

  • Dass Gott mich so nicht wollen könne.
  • Dass meine Identität eine Gefahr sei.
  • Dass ich kaputt sei.
  • Dass meine Gefühle verräterisch und sündig seien.
  • Und dass meine Familie, meine Gemeinschaft, mein Glauben auf dem Spiel stünden, wenn ich mich „nicht ändere“.

Von da an ging es los. Und es hörte nicht mit 18 auf.
Nicht mit 25.
Nicht mit 30.

Die Methoden waren unterschiedlich, aber das Muster war dasselbe:

  • Schuld-Listen: alles identifizieren, was „Sünde“ sein könnte.
  • Befreiungsgebete und „Geistliche Kampfführung“.
  • Dämonenaustreibungen, ernst gemeint, nicht symbolisch.
  • „Heilungsseminare“, in denen die Ursache in Familienflüchen, Traumata oder Vorfahren gesucht wurde.
  • Aktivitäten, die mich „zurückführen“ sollten in das Geschlecht, das ich zu erfüllen hatte.
  • Literatur, die mich überzeugen sollte, dass nur ein heteronormatives Leben bei Gott Gnade findet.
  • Therapien, in denen ich lernen sollte, wie Gott mich „eigentlich“ geschaffen habe.

Wie im Film Boy Erased – nur oft weniger filmisch und dafür realer, direkter, leiser, aber tiefer einschneidend.

Nichts davon hat mich heil gemacht.
Alles davon hat mich gebrochen.

Ich habe nicht gelernt, mich selbst zu akzeptieren.
Ich habe gelernt, mich selbst zu hassen.

Und dieser Hass frisst lange nach, selbst wenn man längst aus einem Umfeld ausgestiegen ist.

Darum braucht es Verbote.

5. Der Vergleich mit „Boy Erased“ – und was der Film trifft (und was er nicht zeigt)

Viele Menschen denken beim Wort „Konversionstherapie“ an physische Misshandlungen oder brutale Camps.
Der Film Boy Erased zeigt das.
Und ja: es gibt solche Formen.

Aber es gibt auch die leisen Formen – und die können seelisch genauso zerstörerisch sein:

  • Wenn dir wöchentlich gesagt wird, du seist innerlich beschädigt.
  • Wenn du lernst, dich selbst zu misstrauen.
  • Wenn man dir einflüstert, dass deine Identität Sünde sei.
  • Wenn man Gott gegen dich stellt.
  • Wenn du gezwungen wirst, zu versuchen, etwas zu verändern, das du gar nicht verändern kannst.

Die spirituelle Gewalt ist oft subtiler – aber sie wirkt tiefer.

6. Warum ein Verbot absolut notwendig ist

Manche sagen: „Ich bin gegen Konversionstherapie – aber gegen ein Verbot.“

Das ist ungefähr so, als würde man sagen:
„Ich bin gegen Kindesmisshandlung – aber finde es problematisch, dass sie strafbar ist.“

Es ist absurd.

Ein Verbot nimmt niemandem Freiheit.
Ein Verbot bewahrt niemanden davor, über seine Identität zu sprechen oder Hilfe zu suchen.
Ein Verbot verhindert nicht Gespräche, Reflexionen, Seelsorge.

Was es verhindert, ist:

  • Manipulation
  • Machtmissbrauch
  • seelische Folter
  • religiöse Erpressung
  • Gewalt, die als Therapie verkleidet ist

Das Zürcher Verbot schützt die, die am verletzlichsten sind:
Jugendliche, Menschen in Abhängigkeitssystemen, Menschen unter geistlichem Zwang.

Es nimmt nicht Freiheit – es schafft sie.

6a. Ein Verbot ist nicht die ganze Lösung – die Realität des Untergrunds

Ein Gesetz, das Konversionstherapien verbietet, ist ein notwendiger Schritt. Aber es ist nur der Anfang. Wer denkt, dass damit sofort alle Praktiken verschwinden, unterschätzt die Kreativität und Anpassungsfähigkeit derjenigen, die diese Methoden weiterhin verbreiten wollen.

Schon heute wird „Konversionstherapie“ selten unter diesem Namen angeboten. Die Angebote tauchen stattdessen auf als „Identitätsklärung“, „ganzheitliche Begleitung“, „sexuell-ethische Beratung“, „Befreiungsdienst“ oder schlicht als „Seelsorge“. Die Inhalte bleiben oft die gleichen: Schuld- und Sündenlisten, spirituelle „Befreiungen“, gezielte Manipulation und psychischer Druck. Nur die Verpackung hat sich geändert. Wer darauf hofft, dass der Name das Problem löst, irrt sich – Gewalt verändert sich, wenn sie unsichtbar wird, aber sie hört nicht auf.

Mit einem klaren Verbot verschwindet die Praxis nicht vollständig. Manche Anbieter werden ins Ausland ausweichen, andere arbeiten im Verborgenen weiter. Deutschland hat hier ein anschauliches Beispiel geliefert: Nach dem Verbot von 2020 entstanden Seminare, Gebetskreise und Coachingangebote, die formal legal waren, inhaltlich aber dasselbe Ziel verfolgten – Identitäten ändern zu wollen. Auch in der Schweiz ist es zu erwarten, dass Anbieter Wege finden, sich der Gesetzeslage anzupassen, sei es durch Umbenennung, private Hausgruppen oder Online-Angebote aus dem Ausland.

Diese Verlagerungen zeigen, dass ein Verbot allein nicht ausreicht, um Menschen zu schützen. Deshalb ist es entscheidend, parallel auf mehreren Ebenen aktiv zu werden:

  1. Präzise Definitionen im Gesetz
    Ein Verbot muss klar machen: Es geht nicht nur um den Namen „Konversionstherapie“, sondern um alle Methoden, deren Ziel es ist, die sexuelle oder geschlechtliche Identität eines Menschen zu ändern. Wer nur den Namen ändert, darf nicht weitermachen.
  2. Aufklärungskampagnen
    Schulen, Fachstellen, Psychotherapeut:innen, Seelsorger:innen und die breite Öffentlichkeit müssen über die realen Praktiken und Folgen von Konversionstherapien informiert werden. Betroffenenberichte sind dabei Gold wert – nicht zur Sensationsmache, sondern um zu zeigen: Es gibt echte Schäden. Und sie wirken lange nach.
  3. Sensibilisierung von Seelsorge- und Glaubensgemeinschaften
    Viele Verletzungen entstehen nicht aus böser Absicht, sondern aus jahrzehntelang eingeübten Überzeugungen. Seelsorge darf niemals zu Selbsthass oder Unterdrückung führen. Wer Hilfe leisten will, muss sie befähigen, nicht zerstören.
  4. Anlaufstellen für Betroffene
    Menschen müssen wissen, dass sie nicht allein sind. Dass ihre Gefühle, ihre Identität und ihre Erfahrungen legitim sind. Dass sie nicht schuld sind. Und dass Hilfe möglich ist, ohne Gewalt.
  5. Internationale Kooperation
    Spirituelle Gewalt kennt keine Grenzen. Wenn Angebote ins Ausland wandern oder online durchgeführt werden, müssen Schutzmaßnahmen grenzübergreifend wirken.

Ein Verbot ist also nicht die gesamte Lösung – aber es ist eine notwendige Schutzmauer. Es signalisiert: Das ist kein Streit über Meinungen oder Moral. Das ist Gewalt. Es schützt Minderjährige, gibt den Opfern Rechtssicherheit und sendet ein gesellschaftliches Signal: Wer Identitäten zerstören will, darf das nicht mehr unter dem Deckmantel von Therapie oder Seelsorge tun.

Ohne ein Verbot bliebe vieles im Verborgenen, würden Menschen weiter unter Druck geraten und die gesellschaftliche Legitimation für diese Praktiken fortbestehen. Mit dem Gesetz entsteht die Möglichkeit, zu handeln, zu sensibilisieren, aufzuklären – und den Betroffenen ein Stück Gerechtigkeit und Schutz zurückzugeben.

7. Die Kommentare – ein bisschen Biss zum Dessert

Es lohnt sich, die häufigsten Kommentarlinien anzuschauen. Nicht, um ihnen Raum zu geben, sondern um sie als das zu entlarven, was sie sind: Nebelkerzen, Unwissen, Ablenkung – oder schlicht schlechte Laune im digitalen Gewitter.

a) „Mann + Frau = Kinder!“

Schön.
Und was genau hat das mit Konversionstherapie zu tun?
Dieser Kommentar ist ungefähr so relevant wie:
„Wasser wird bei 100 Grad heiß!“ – ja, und?

b) „Sollen doch alle selbst entscheiden.“

Sagt sich leicht, wenn man nicht unter Androhung der Hölle sozialisiert wurde.

c) „Diktatur!“

Wenn jede gesetzliche Regelung eine Diktatur ist, leben wir in einem erstaunlich weichen Polizeistaat, in dem sogar Parkvergehen geahndet werden.
Ich würde sagen: Zürich bleibt sehr entspannt.

d) „Psychologen haben wohl aufgegeben, Perversen zu helfen.“

Fun Fact: Die einzigen, die aufgegeben haben, sind diejenigen, die glauben, man könne Sexualität oder Identität „wegtherapieren“.
Alle seriösen Fachverbände sind seit Jahrzehnten weiter.

e) „70 Geschlechter anerkennen!“

Whataboutism.
Reines Ablenkungsmanöver.
Und mathematisch uninteressant.

f) „Indoktrination!“

Ja, Indoktrination ist schlimm.
Deshalb verbieten wir ja gerade Konversionspraktiken.

g) „Bald gibt’s eine Impfung.“

Wenn Dummheit viral wäre, könnte ich diesen Kommentar fast poetisch nennen.

Diese Kommentare zeigen vor allem eines:
Wie wenig Menschen wissen – und wie sehr sie dennoch reden.

8. Fazit – Warum schweigen gefährlich ist

Konversionstherapie ist kein Randphänomen, kein exotisches Problem, kein US-amerikanisches Relikt.
Sie lebt überall da, wo religiöse oder soziale Systeme Menschen beibringen, dass ihre Identität falsch, sündig oder krank sei.

Ich habe viele Jahre gebraucht, um mich daraus zu lösen.
Und ich habe viele Jahre gebraucht, um zu verstehen, dass das Problem nie meine Identität war – sondern die Gewalt, die mir angetan wurde.

Ein Verbot ist kein Angriff auf Glaubensfreiheit.
Es ist ein Schutz vor Missbrauch.
Es ist kein Eingriff in Lebensentscheidungen.
Es ist ein Schutz für jene, die unter Druck leben.
Es ist kein Zeichen von staatlicher Übergriffigkeit.
Es ist ein Zeichen von Menschlichkeit.

Und es ist ein Schritt hin zu einer Welt, in der Jugendliche nicht mehr durch die Hölle gehen müssen, um zu lernen, dass sie geliebt sind.

Ich freue mich über das Zürcher Verbot.
Und ich hoffe, dass viele folgen – am besten auf Bundesebene.

Denn manche Wunden heilt Zeit.
Aber manche Wunden muss der Staat verhindern.

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