Silent Walk in Bern – Stärke braucht kein Geschrei

An einem eiskalten Abend in Bern haben rund hundert Menschen gegen Antisemitismus und für das Existenzrecht Israels und den Schutz seiner Bevölkerung demonstriert – still, gesammelt und würdevoll. Sie gingen durch die Altstadt, begleitet von leiser Musik, Menschen aus Israel, Persien und Kurdistan, und zeigten: Solidarität kennt keine Grenzen. Zwischen ihnen und lauten Parolen der Gegendemonstration stand die Polizei, doch die Marschierenden blieben ruhig. Ein Abend voller Präsenz, Haltung und der klaren Botschaft: Never again is now.

Es war eiskalt an diesem Abend in Bern. Diese klirrende Kälte, die bis in die Knochen zieht. Und trotzdem war da etwas Warmes: Menschen, die sich finden. Bekannte Gesichter, Umarmungen, dieses feste Drücken, das sagt: Ich sehe dich. Du bist nicht allein. Genau das passiert bei solchen Anlässen. Man redet ein wenig, steht beisammen, ist ruhig. Gelassen. Wach.

Wir warteten auf den Beginn des Silent Walks – gegen Antisemitismus, für Israel. „Für Israel“ meint hier nichts anderes als das Existenzrecht des Staates und den Schutz seiner gesamten Bevölkerung: jüdisch, arabisch, drusisch, aramäisch, assyrisch, kurdisch; religiös oder nicht. Nicht mehr. Nicht weniger.

Es wurden Flaggen verteilt: israelische Fahnen, persische Fahnen mit dem Löwen – nicht die des iranischen Regimes. Juden waren da, Christen, Iranerinnen und Iraner, Kurden. Eine vielfältige Gruppe, ruhig, konzentriert, freundlich. Dann hörten wir sie schon, bevor wir sie sahen: Pfeifen, Trommeln, Geschrei. Die Gegendemonstration. Laut. Schrill. Parolen, immer dieselben, in Dauerschleife.

Die Polizei war sehr schnell da. Zuerst das Awareness-Team, dann Beamtinnen und Beamte in Vollmontur – Helme, Schilde, Beinschutz. Auch schwereres Gerät stand bereit, ein Wasserwerfer im Hintergrund. Nicht, weil es eine riesige Menge gewesen wäre – die Gegendemonstrierenden waren deutlich weniger –, sondern weil man wusste, was nach den Eskalationen der vergangenen Monate möglich ist. Die Polizei bildete sofort eine Kette, hielt Abstand zwischen den Gruppen und bat uns, ein Stück weiterzugehen. Das haben wir ohne Zögern getan. Unser Ziel war klar: keine Provokation, kein Austausch, kein Konflikt. Reden. Dann gehen. Still.

Stärke braucht kein Geschrei.
Wahrheit auch nicht.

Während wir warteten, randalierten sie weiter. Die Polizei erklärte mehrfach, dass es sich um eine unbewilligte Demonstration handle. Sie machten trotzdem weiter. Irgendwann zogen sie ab, tauchten später an anderer Stelle wieder auf, wurden erneut abgeblockt. Wir begannen mit Verspätung – unangenehm bei dieser Kälte, es fing sogar an zu schneien –, aber wir begannen.

Vor dem Marsch sprachen mehrere Menschen. Besonders bewegend war die Rede einer kunstschaffenden Person aus Bern. Sie berichtete von einem Jahr voller Mobbing, Einschüchterung, Drohungen – bis hin zu Morddrohungen. Am Arbeitsplatz, auf dem Arbeitsweg, überall. Meldungen an die Stadt, immer wieder. Geschehen ist nichts. Der Grund: die Person ist jüdisch-israelisch. So sieht es aus, heute, in Bern. Jüdische Menschen fühlen sich nicht sicher. In der Hauptstadt. In der „neutralen“, „friedlichen“ Schweiz. Ironie off.

Eine kurdische Frau umarmte mich, dann liefen wir los. Begleitet von israelischer Musik aus Boxen, nicht beschallend, sondern tragend. Keine Parolen. Keine Rufe. Unterwegs kamen immer wieder einzelne „Free Free Palestine“-Rufe. In einer engen Gasse wurde der Weg kurz blockiert, von oben schrien Stimmen aus Fenstern „Free free Palestine“ und später „Scheiss Zionisten… alle Zionisten… sind Faschisten“…

Wieder dieses Kreischen, diese schrille Wiederholung derselben Sätze, im gleichen Rhythmus, mit dem gleichen Druck. Wie eine Schallplatte mit Sprung.

Ich fing an zu lachen. Nicht aus Spott, sondern aus Surrealität. Eine iranische Frau fragte mich, was mich amüsiere. Ich sagte: Was soll ich tun? Weinen? Mich aufregen? Ich hoffe nur, sie haben morgen genug Ricola. Bei dem Geschrei werden sie keine Stimme mehr haben. Es war absurd. Wir standen da, ruhig, manche fast tänzerisch in der Bewegung, friedlich, gut gelaunt. Und daneben diese Lautstärke aus einer anderen Welt.

Die Polizei machte ihre Arbeit ruhig und konsequent. Unser eigener Sicherheitsdienst ebenso. Dafür bin ich sehr dankbar.

Am Bundesplatz angekommen, hörten wir noch weitere Reden, unter anderem von einer Iranerin, die über die Situation im Iran sprach, über Hoffnung, über die letzten Züge des Regimes, über eine mögliche demokratische Zukunft. Solidarität ist nicht exklusiv. Man muss kein Israeli sein, um eine israelische Flagge zu tragen. Man muss kein Iraner sein, um sich mit den Menschen im Iran zu solidarisieren. Ich selbst trug an diesem Abend eine persische Flagge. Einige sprachen mich auf Englisch an, ob ich Familie im Iran hätte. Nein. Solidarität braucht keine Blutsverwandtschaft.

Ich hätte mir zusätzlich kurdische Flaggen gewünscht. Kurden waren da, auch unter den Bannerträgern. Vielleicht beim nächsten Mal.

Auf dem Heimweg war ich durchgefroren. Müde. Und zugleich ruhig. Es war ein guter, ein würdiger Marsch. Rund hundert Menschen beim ersten Silent Walk in Bern – das ist viel. Ein wichtiges Zeichen.

Es geht um Würde. Um Sichtbarkeit. Um das klare Benennen dessen, was ist.
Antisemitismus ist real. Er nimmt zu.
Und deshalb gilt: Never again is now.
Nicht als Floskel. Sondern wirklich.

Und doch war da etwas, das mich nicht losließ.

Vielleicht gehört auch das zur Wahrheit dieses Abends:
Dass Solidarität nicht immer eindeutig ist.

Ich trug die persische Flagge aus Verbundenheit mit den Menschen im Iran, aus Solidarität mit jenen, die vom islamistischen Regime verfolgt, gefoltert und ermordet werden. Mit denen, die für Freiheit kämpfen – oft unter Einsatz ihres Lebens. Auf dass sie frei werden mögen. Und zugleich sah ich die Kurdinnen und Kurden unter uns – solidarisch, mitgehend – und fragte mich, wo ihr Raum ist. Sie gingen mit uns, solidarisch, still, präsent. Und ich fragte mich: Wo ist ihre Flagge?

Wie fühlt es sich für sie an, unter der persischen Flagge zu gehen, wenn ihre Geschichte so oft eine Geschichte des Übersehenwerdens ist?

Es geht mir nicht um ein Gegeneinander von Kämpfen. Der Silent Walk stand gegen Antisemitismus und für das Existenzrecht Israels – und das ist richtig und notwendig.
Aber in mir blieb die Frage: Wer sieht die Kurden? Wer kämpft mit ihnen? Wer lässt sie nicht wieder allein?

Die Kurden haben im Kampf gegen Islamismus so viel gegeben. Und doch stehen sie immer wieder allein da.

Diese Spannung bleibt.
Und vielleicht ist es unsere Aufgabe, sie nicht zuzudecken, sondern auszuhalten – und weiterzufragen:

Wer kämpft für die Kurden?
Wer kämpft mit ihnen?

(Die Fotos zu diesem Beitrag zeigen die Teilnehmenden bewusst nur von hinten. Würde und Schutz gehen vor.)

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