Predigt zu Matthäus 3,13–171 aus dem heutigen Gottesdienst in der reformierten Kirche Aegerten
Man könnte diesen Text schnell erzählen.
Jesus kommt an den Jordan. Johannes tauft. Der Himmel öffnet sich. Eine Stimme spricht.
So kennen wir ihn.
Und doch stolpert man, wenn man innehält.
Warum eigentlich lässt Jesus sich taufen?
Johannes stolpert jedenfalls.
Er hält inne.
Er widerspricht.
„Ich müsste doch eigentlich von dir getauft werden – und du kommst zu mir?“
Man spürt förmlich seine Irritation.
So läuft das doch nicht.
So sind die Rollen doch verteilt.
Der, der mehr ist, kommt nicht zum, der weniger ist.
Der, von dem man etwas erwartet, stellt sich nicht zu denen, die etwas brauchen.
Oder?
Jesus aber tut genau das.
Er kommt aus Galiläa.
Er stellt sich an den Jordan.
Er reiht sich ein.
Er geht ins Wasser der Umkehr –
nicht, weil er etwas bereinigen müsste.
Nicht, weil er schuldig wäre.
Nicht, weil er einen Neuanfang nötig hätte.
Sondern weil er dazugehen will.
Er stellt sich nicht über die Menschen.
Er stellt sich neben sie.
Vielleicht beginnt genau hier etwas Entscheidendes:
Gott begegnet uns nicht dort, wo alles sortiert ist.
Nicht dort, wo wir uns von unserer besten Seite zeigen.
Nicht dort, wo wir alles im Griff haben.
Sondern dort, wo Menschen stehen.
Mitten im Leben.
Mitten im Wasser.
Heiligkeit zeigt sich hier nicht im Abstand.
Nicht im Abheben.
Sondern im Mitgehen.
Jesus steht im selben Wasser wie alle anderen.
Im Wasser der Sehnsucht.
Im Wasser der Fragen.
Im Wasser der Hoffnung auf Veränderung.
Und Johannes muss lernen, loszulassen.
Seine Vorstellung von Ordnung.
Sein Bild davon, wie Gott zu handeln hat.
Johannes versucht, Jesus aufzuhalten.
Und vielleicht ist das gar nicht nur Respekt.
Vielleicht ist es auch Angst.
Denn wenn Jesus sich hier einreiht,
wenn er wirklich ins Wasser geht wie alle anderen,
dann gerät auch Johannes’ Bild von Gott ins Wanken.
Manchmal halten wir Gott ja genau dort zurück,
wo er uns zu nahe kommt.
Wo er nicht mehr in unsere Ordnung passt.
Wo er nicht mehr „richtig“ erscheint.
Johannes sagt im Grunde:
So macht man das nicht.
So gehört sich das nicht.
So kann Gott doch nicht handeln.
Und Jesus antwortet nicht mit einer Erklärung.
Er diskutiert nicht.
Er sagt nur:
„Lass es jetzt geschehen.“
Vielleicht ist das eine Einladung auch an uns:
Gott nicht festzuhalten an unseren Vorstellungen.
Nicht zu korrigieren.
Nicht zu bremsen.
Sondern ihn dort wirken zu lassen,
wo wir es nicht erwartet hätten.
Vielleicht ist das auch eine Frage an uns:
Wo erwarten wir Gott eigentlich?
Oben?
Erhaben?
Unberührbar?
Und wo begegnet er uns tatsächlich?
Neben uns.
Mit uns.
Im selben Wasser.
Und erst nachdem Jesus aus diesem Wasser steigt, geschieht es.
Der Himmel öffnet sich.
Nicht vorher.
Nicht als Belohnung.
Nicht als Absicherung.
Sondern danach.
Der Geist kommt herab.
Und eine Stimme spricht:
„Das ist mein geliebter Sohn.
An ihm habe ich Freude.“
Diese Stimme ist leise – und doch trägt sie alles.
Und sie ist bemerkenswert.
Nicht nur was sie sagt.
Sondern wann sie es sagt.
Jesus hat zu diesem Zeitpunkt noch nichts vorzuweisen.
Kein Wunder.
Keine Predigt.
Keine Jünger.
Keinen Weg, der ihn auszeichnen würde.
Und doch:
„Geliebt.“
„An ihm habe ich Freude.“
Das ist keine Auszeichnung für Geleistetes.
Keine Belohnung für Durchgehaltenes.
Das ist eine Zusage vor dem Weg.
Nicht: Du bist geliebt, weil …
Sondern: Du bist geliebt, damit …
Damit du gehen kannst.
Damit du standhältst.
Damit du dich nicht ständig beweisen musst.
Diese Stimme sagt nicht, was Jesus tun soll.
Sie sagt, wer er ist.
Es ist auffällig, was diese Stimme nicht sagt.
Sie sagt nicht:
„Jetzt zeig, was du kannst.“
Sie sagt nicht:
„Mach mich stolz.“
Sie sagt nicht:
„Enttäusch mich nicht.“
Wie oft hören wir genau solche Stimmen.
Von außen – oder von innen.
Stimmen, die antreiben.
Stimmen, die fordern.
Stimmen, die keine Ruhe lassen.
Die Stimme aus dem Himmel ist anders.
Sie setzt Jesus nicht unter Druck.
Sie lädt ihn nicht ein, sich zu beweisen.
Sie legt ihm keine Last auf.
Sie spricht Freude aus.
Und Freude ist etwas Merkwürdiges:
Man kann sie nicht erzwingen.
Man kann sie nur empfangen.
Vielleicht ist genau das der Grund,
warum diese Stimme am Anfang steht.
Damit der Weg nicht aus Angst gegangen wird.
Nicht aus Pflichtgefühl.
Nicht aus dem Wunsch, endlich genug zu sein.
Sondern getragen von der Gewissheit:
Ich bin gesehen.
Ich bin gemeint.
Ich bin geliebt.
Und vielleicht ist das eine der tiefsten Hoffnungen dieses Textes:
Dass Identität nicht verdient werden muss.
Dass sie nicht aus Leistung wächst.
Dass sie uns zugesprochen wird.
Noch bevor alles beginnt.
Vielleicht kennen wir auch andere Stimmen.
Stimmen, die sagen:
„Du bist nicht genug.“
„Du müsstest anders sein.“
„Du hast noch nicht geliefert.“
Umso kostbarer ist diese Stimme aus dem Himmel.
Eine Stimme, die nicht antreibt, sondern trägt.
Die nicht drängt, sondern befreit.
Vielleicht hören wir sie heute nicht als Donner.
Nicht als klare Worte vom Himmel herab.
Aber wir hören sie dort, wo Gott uns nahekommt.
Im Wort.
Im gemeinsamen Feiern.
Im Brot.
Im Kelch.
Auch wir kommen nicht, weil alles heil ist.
Nicht, weil wir fertig wären.
Nicht, weil unser Weg gerade ist.
Wir kommen wie Jesus an den Jordan.
Mit unserem Leben.
Mit unseren offenen Fragen.
Mit dem, was uns trägt – und dem, was uns fehlt.
Und über diesem Weg steht dieselbe Zusage:
Du bist geliebt.
Nicht am Ende.
Nicht als Lohn.
Sondern am Anfang.
Und vielleicht ist das genug, um weiterzugehen.
Amen.
- Matthäus 3,13-17
13Damals kam Jesus aus Galiläa an den Jordan zu Johannes.
Er wollte sich von ihm taufen lassen.
14Johannes versuchte, ihn davon abzuhalten.
Er sagte:
»Ich müsste doch eigentlich von dir getauft werden!
Und du kommst zu mir?«
15Jesus antwortete:
»Das müssen wir jetzt tun.
So erfüllen wir, was Gottes Gerechtigkeit fordert.«
Da gab Johannes nach.
16Als Jesus getauft war,
stieg er sofort aus dem Wasser.
In diesem Moment öffnete sich der Himmel über ihm.
Er sah den Geist Gottes,
der wie eine Taube auf ihn herabkam.
17Da erklang eine Stimme aus dem Himmel:
»Das ist mein geliebter Sohn, an ihm habe ich Freude.« ↩︎