Die folgende Analyse beschäftigt sich mit dem US-amerikanischen Immigrations- und Grenzvollzug, verkörpert durch ICE, und den historischen Strukturen, aus denen er hervorgeht. Häufig wird in öffentlichen Debatten reflexhaft auf den Nationalsozialismus verwiesen, um die Gewalt und die Praktiken von ICE zu beschreiben. Diese Analogien sind emotional verständlich, doch sie verschleiern die tief verwurzelte Geschichte amerikanischer Gewalt, die weit in die Vergangenheit reicht und bis in die Gegenwart fortwirkt.
Dieser Text versucht, die Kontinuitäten der Gewalt klar zu benennen, die Perspektiven derjenigen einzubeziehen, die sie erleben, und die Reflexe, Mythen und Verallgemeinerungen kritisch zu hinterfragen. Augenzeugenberichte, die Stimmen von Menschenrechtsanwältinnen, historische Quellen und die Perspektive von jüdisch-schwarzen Amerikanerinnen aus Minnesota werden hier miteinander verwoben, um ein differenziertes Bild zu zeichnen.
Es geht nicht um Schuldzuweisungen im luftleeren Raum, sondern um das Verständnis historischer Kontinuitäten, um die Anerkennung realer Opfer und um eine Debatte, die Verantwortung, Kontext und Realität ernst nimmt.
Einleitung
Es ist mitten in der Nacht. Familien werden aus ihren Häusern gerissen, Nachbarinnen starren fassungslos zu, Kinder wachen auf, bevor sie wissen, was passiert. In Zellen liegen Menschen auf dem Boden, durstig, verzweifelt, stumm. Manche von ihnen sind US-Bürgerinnen. Manche haben nur nach Hause gewollt.
Das ist kein historischer Film, kein weit entferntes Land, keine abgeschlossene Episode. Das passiert jetzt, hier, in den Vereinigten Staaten. Und doch greifen viele automatisch nach Metaphern aus Europa – Gestapo, Nazis, Konzentrationslager – weil es einfacher ist, Terror zu verorten, wenn er „anderswo“ geschah. Die Realität ist jedoch amerikanisch, hausgemacht, tief verwurzelt in einer Geschichte von Sklaverei, Rassismus und staatlich sanktionierter Gewalt. ICE ist kein Unfall. ICE ist die Kontinuität dieser Geschichte, die sich bis heute fortsetzt.
Augenzeugenbericht aus Minneapolis
Als eine US-Bürgerin aus Minneapolis kürzlich über ihre Erfahrung in einem Bundesgebäude berichtete, klang ihre Stimme ruhig, fast sachlich – doch die Bilder, die sie beschrieb, waren erschütternd. „Als wir ankamen, sah ich direkt Menschen hispanischer und ostafrikanischer Herkunft, die an die Wand gedrängt wurden, bereit, in die Zellen gebracht zu werden“, erzählte sie. Sie selbst wurde in Handschellen gelegt und in eine Halle geführt, in der Zellen für US-Bürger*innen reserviert waren. Acht Stunden lang wartete sie dort – ohne Telefon, ohne Wasser, ohne die Möglichkeit, die Toilette angemessen zu benutzen. Neben ihr waren andere Zellen mit dutzenden Menschen gefüllt; viele starrten geradeaus, verstummt, verzweifelt. Die Gesichter dieser Menschen prägten sich unauslöschlich ein.
Diese Schilderung ist es, die viele Menschen dazu bringt, reflexhaft den Vergleich zu Konzentrationslagern oder Gulags zu ziehen. Und in der Tat: die Razzien in der Nacht, das Verschwinden von Nachbar*innen, die Trennung ganzer Familien – all das erzeugt ein Bild von systematischem Schrecken. Doch die Frage bleibt: Ist der Vergleich mit der Gestapo historisch gerechtfertigt, oder lenkt er von einer tiefer liegenden Realität ab?
Mythos Gestapo vs. Realität ICE

Immer wieder stößt man in Social-Media-Posts, Kommentaren und öffentlichen Debatten auf dieselbe Phrase: „ICE ist wie die Gestapo“. Für viele weiße Amerikaner*innen, vor allem aus liberalen oder gebildeten Milieus, wirkt das als bequemer moralischer Reflex. Es ist eine sofort erkennbare Referenz für Gewalt und Terror – man muss kaum über die historischen Zusammenhänge nachdenken, man kann die eigene Geschichte außen vor lassen.
Doch genau hier liegt das Problem: Dieser Vergleich wirkt emotional stark, aber historisch falsch. ICE bewegt sich nicht nach der Logik der Gestapo, die ideologische Feinde verfolgte, Widerstand zerschlug und den Staat vor „subversiven Elementen“ schützte. ICE folgt vielmehr einer Tradition, die in den USA tief verwurzelt ist, die direkt auf Sklaverei, rassistische Gesetzgebung und koloniale Gewalt zurückgeht.
Die historische Linie der US-Gewalt
Slave Patrols: die Wurzeln
Von den frühen 1700er-Jahren bis 1865 existierten bewaffnete Bürgertruppen, die sogenannten Slave Patrols. Ihre Aufgabe war es, Schwarze Menschen einzufangen, zurück in die Sklaverei zu bringen und ganze Communities einzuschüchtern. Es gab keinen Gerichtsprozess, keine Notwendigkeit für ein Verbrechen – allein Papier, Hautfarbe und Präsenz entschieden über Freiheit oder Gefangenschaft. Diese Logik zieht sich direkt bis in heutige Praktiken staatlicher Gewalt.
Indigenous Child Abductions und Boarding Schools
Parallel dazu wurden indigene Kinder systematisch aus ihren Familien entführt, um in Boarding Schools „umerzogen“ zu werden. Staatlich legitimiert, mit der Unterstützung lokaler Gemeinschaften, war auch dies ein Mechanismus, Kontrolle über marginalisierte Bevölkerungen auszuüben – ein direkter Vorläufer moderner Migrationskontrollen.
Jim Crow, Night Riders und vagrancy laws
Nach dem Bürgerkrieg etablierten sich die Jim Crow Gesetze, unter anderem mit sogenannten vagrancy und loiteringlaws. Schwarze Menschen konnten für scheinbar triviale Verstöße inhaftiert und zur Zwangsarbeit über Convict Leasing verpflichtet werden. Parallel agierten Night Riders, paramilitärische Gruppen, die Angst verbreiteten und Rassenkontrolle durchsetzten.
Operation Wetback, Chinese Exclusion Act, Palmer Raids
In der Mitte des 20. Jahrhunderts setzte sich die Praxis fort:
- Operation Wetback 1954: Massenabschiebungen mexikanischer und mexikanisch-amerikanischer Menschen, mit Razzien, Militärbeteiligung und Familienentführungen.
- Chinese Exclusion Act 1882–1943: Registrierungspflichten, Razzien, Deportationen, rassistische Polizeipraktiken.
- Palmer Raids 1919–1920: Massenaresste von Einwanderern, politischen Dissidentinnen, Arbeiterorganisatorinnen – Fear as policy.
McCarthyism, COINTELPRO und systemische Gewalt
In den 1950er-Jahren nutzte McCarthyismus staatlich sanktionierte Angst, Loyalitätsprüfungen und Blacklists, um Dissens zu unterdrücken. Zwischen 1956 und 1971 zerstörte COINTELPRO gezielt Schwarze Befreiungsbewegungen, Anti-Kriegs-Organisationen und linke Gruppen. Diese Kontinuitäten zeigen, dass Strukturen der Gewalt, Überwachung und Kontrolle tief in US-Politik und -Gesetz verankert sind, lange bevor ICE existierte.
Die Stimme derer, die es sehen
Eine jüdisch-schwarze Amerikanerin aus Minnesota bringt es prägnant auf den Punkt: „ICE ist nicht die Gestapo. ICE ist der Nachfahre der Slave Patrols. ICE ist der Nachfahre der Indigenen-Kinder-Entführer für Boarding Schools. ICE ist der Nachfahre der Gesetzesvollstreckung im Jim Crow South. ICE ist der Nachfahre der Night Riders.“
Sie betont: Wer die Gewalt ICE zuschreibt, sollte zuerst die eigene Geschichte betrachten, bevor man sie „aus Deutschland importiert“ sieht. Strukturen der Gewalt und Kontrolle sind amerikanisch – und ihre Ursprünge liegen in der staatlich legitimierten, allgegenwärtigen Unterdrückung marginalisierter Gruppen.
Qasim Rashid und die Opfer von 2026
Der Menschenrechtsanwalt Qasim Rashid aus Illinois listet all jene auf, die 2026 durch ICE ums Leben kamen oder unter fragwürdigen Umständen starben:
- Alex Pretti
- Renee Good
- Keith Porter
- Parady La
- Heber Sanchaz Domínguez
- Victor Manuel Diaz
- Luis Beltran Yanez-Cruz
- Luis Gustavo Nunez Caceres
- Geraldo Lunas Campos
Diese Namen stehen nicht symbolisch; sie sind reale Menschen, Opfer einer institutionellen Gewalt, die sich aus historischen Kontinuitäten speist. Die Sprachnachrichten von Augenzeug*innen aus Haftzentren in Minneapolis unterstreichen die direkte Entmenschlichung, das Fehlen von Wasser, sanitären Einrichtungen und Kommunikation, die Isolation, die Angst – nicht als Metapher, sondern als gelebte Realität.
Beispielpassage: Opfer von ICE-Gewalt
Die tödliche Gewalt von ICE ist keine abstrakte Statistik, sie trifft reale Menschen mitten im Leben. 2026 wurden US-Bürger*innen erschossen, obwohl sie offensichtlich niemandem etwas getan hatten. Zwei Fälle stehen exemplarisch: Alex Pretti und Renée Good, beide 37 Jahre alt, beide Opfer fragwürdiger Schüsse in Minneapolis.
Alex Pretti, Intensivpfleger und Aktivist, wurde am 24. Januar erschossen, während er an einem Protest gegen ICE teilnahm. Zeuginnen berichten, dass erunbewaffnet war, die Hände sichtbar erhoben hatte und versuchte, andere zu schützen. Renée Good starb unter ähnlichen Umständen – Beamte behaupteten, sie sei eine Bedrohung gewesen, doch Videoaufnahmen und Aussagen von Beobachterinnen widersprechen dieser Darstellung.
Die Schüsse fügen sich ein in ein Muster, das Augenzeug:innen beschreiben: Nacht-Razzien, Häuser werden gestürmt, Menschen verschwinden plötzlich, Nachbar:innen starren fassungslos zu, Kinder wachen auf, bevor sie verstehen, was passiert. In Haftzentren gibt es überfüllte Zellen, kaum Wasser, kaum Toiletten, Stunden der Isolation – und all dies geschieht unter staatlicher Legitimation.
Diese Beispiele machen deutlich: ICE-Gewalt ist nicht nur administrativ oder strukturell, sie ist direkt tödlich, sie verletzt Menschen, die gesetzestreu und US-Bürger*innen sind, und sie bringt die historische Linie von staatlicher Gewalt und systemischem Terror in die Gegenwart. Wer die Kontinuitäten von Sklaverei, Jim Crow, Night Riders und Boarding Schools betrachtet, erkennt hier kein zufälliges Vorgehen – sondern eine erschreckende Kontinuität amerikanischer Machtlogik, die sich nur in neuen Uniformen und Bürokratien ausdrückt.
Der Reflex der Gestapo-Vergleiche
Warum greifen viele weiße Amerikaner*innen, selbst gebildete, sofort zum Gestapo-Vergleich?
- Es ist emotional verständlich: die Angst, die Schrecken, die nächtlichen Razzien lassen Assoziationen zu NS-Deutschland entstehen.
- Es ist historisch bequem: man muss sich nicht mit der eigenen, schmerzhaften Geschichte auseinandersetzen.
- Es ist moralisch entlastend: man kann Terror verurteilen, ohne eigene Strukturen zu hinterfragen.
Doch genau diese Analogie verschleiert die Realität: Amerikanische Gewalt braucht keinen Hitler, sie braucht Gesetz, Papier, staatliche Legitimation und Nachbarn, die „es so machen“. Slave Patrols sind nicht fern, sie sind nah – vielleicht sogar in den Familiengeschichten derer, die heute über ICE diskutieren.
Europäische Judenfeindlichkeit und die Trennung der Diskurse
Parallel zur Analyse amerikanischer Gewalt ist es entscheidend, die Wurzeln des europäischen Antisemitismus zu beachten. Judenhass existierte lange bevor die Neue Welt „entdeckt“ wurde. Martin Luther formulierte bereits im 16. Jahrhundert explizite Gewaltfantasien gegen Juden. Das bedeutet:
- Die Reflexe der Gestapo-Analogien dürfen nicht als Entschuldigung dienen, historische Verantwortung zu leugnen.
- Gleichzeitig muss klar sein: die strukturelle Gewalt ICEs hat andere Wurzeln, tief in der US-Geschichte, und darf nicht überdeckt werden.
Fazit: Kontinuitäten erkennen und Verantwortung übernehmen
ICE ist kein Unfall, keine Abweichung und kein Import aus Deutschland. Es ist historisch, strukturell und kontinuerlich. Wer die Gewalt ICE zuschreibt, muss:
- Die historische Linie der US-Gewalt anerkennen
- Die Realität der Opfer sehen – Menschen, die sterben, leiden, entwurzelt werden
- Den Gestapo-Reflex erkennen – und die eigene Bequemlichkeit hinterfragen
Diese Analyse ist kein akademisches Spiel. Sie ist eine Einladung, die US-Geschichte ungeschönt anzusehen, um moderne Gewaltmechanismen zu verstehen. Erst wer die Linie von Sklaverei, Boarding Schools, Jim Crow, Night Riders, Deportationen, COINTELPRO und ICE erkennt, kann präzise und moralisch verantwortlich urteilen.
Endnote
Die Reflexe, die Menschen greifen, um ICE mit der Gestapo gleichzusetzen, sind verständlich, aber sie verschleiern mehr als sie aufklären. Die Struktur amerikanischer Gewalt ist hausgemacht, tief verwurzelt, historisch kontinuierlich. Wer sie sehen will, muss nicht nach Europa schauen, sondern in die eigene Geschichte – und die Realität der Opfer anerkennen.