Sprache prägt Denken, Wahrnehmung und Glauben – oft mehr, als wir wahrnehmen. In einem aktuellen Video von Johannes Hartl fällt die Formulierung vom „amputierten Glauben“, um liberale Theologie zu kritisieren. Auf den ersten Blick mag es nur ein Bild sein. Doch beim genaueren Hinsehen wird deutlich, wie Worte unbeabsichtigt verletzen und gesellschaftlich tief verankerte Muster von Ableismus reproduzieren. In diesem Artikel schaue ich genauer hin: Was sagt das Video, warum ist die Formulierung problematisch, und warum trägt öffentliche Theologie Verantwortung für die Bilder, die sie wählt.
1. Einstieg: Warum ich dieses Video bespreche
Ich habe das Video von Johannes Hartl gesehen, in dem er sich kritisch mit dem beschäftigt, was er „liberale Theologie“ nennt. Ich schreibe diesen Beitrag nicht, um jemanden vorzuführen. Ich schreibe ihn, weil Theologie öffentlich ist – und Sprache zählt.
Mich stört an diesem Video nicht, dass liberale Theologie kritisiert wird. Theologie darf kritisiert werden. Kritik ist kein Angriff auf den Glauben, sondern Teil seiner Lebendigkeit.
Was mich stört, ist wie diese Kritik formuliert wird. Welche Bilder gewählt werden, welche Gegensätze aufgebaut werden und welche Menschen dabei möglicherweise unbewusst mitabgewertet werden. Gerade weil Johannes Hartl eine große Reichweite hat und viele Menschen mit theologischen Fragen erreicht, lohnt es sich, genau hinzuschauen – nicht um zu beschämen, sondern um Verantwortung für Sprache ernst zu nehmen.
2. Was Johannes Hartl in diesem Video sagt
In seinem Video beschreibt Johannes Hartl das, was er „liberale Theologie“ nennt, nicht über eine exakte Definition, sondern über eine Reihe von Merkmalen: Eine Form des Glaubens, die Bibeltexte überwiegend symbolisch versteht, Wunder, Auferstehung und Übernatürliches kritisch betrachtet und Begriffe wie Sünde, Gericht, Schuld oder Himmel und Hölle weitgehend zurückweist.
An die Stelle dieser Inhalte tritt – so seine Darstellung – ein Glaube, der vor allem auf ethische Anliegen setzt: Toleranz, Nächstenliebe, Bewahrung der Schöpfung. Hartl ordnet diese Form geistesgeschichtlich der Aufklärung zu und anerkennt, dass Vernunft, Kritik und Toleranz nachvollziehbare und wichtige Anliegen sind.
Sein Urteil fällt dennoch deutlich aus: Diese Form des Glaubens sei ungenügend, defizitär, geistlich verarmt. Er bezeichnet sie mehrfach als „gezähmten“, „zahnlosen“ Gott – und schließlich als „amputierten Glauben“ bzw. „amputierte Religion“.
3. Erste theologische Irritation: Die falsche Alternative
Was irritiert, ist die Art, wie Hartl liberale Theologie darstellt: Er zeichnet ein Bild, in dem es scheinbar nur zwei Möglichkeiten gibt. Entweder ist man fundamentalistisch, hält an traditionellen Wahrheiten fest und glaubt an Wunder, Gericht und Kreuzestheologie – oder man ist liberal, und der Glaube wird entleert, banalisiert und „amputiert“.
Diese Gegenüberstellung greift zu kurz. Sie macht andere theologische Perspektiven unsichtbar, etwa symbolische, narrative oder kritische Lesarten, die sich ernsthaft mit der Bibel und dem Glauben auseinandersetzen, ohne alles wörtlich zu nehmen. Nicht-fundamentalistisch zu sein heißt nicht, dass der Glaube leer oder defizitär ist.
4. Sprache ist nicht neutral
Theologie arbeitet immer mit Bildern und Metaphern. Sie sind wichtig, um abstrakte Gedanken, Glaubenserfahrungen und spirituelle Dynamiken verständlich zu machen. Doch Sprache ist nie neutral. Sie transportiert Wertungen, implizite Botschaften und kulturelle Annahmen – auch wenn dies unbewusst geschieht.
Die Wahl der Bilder entscheidet darüber, wie wir über Glauben, Menschen und die Welt denken. Ein Bild kann aufbauen, ein anderes abwerten. Gerade in der religiösen Sprache, die traditionell Autorität beansprucht, kann eine unbedachte Metapher Wirkung entfalten, die ernsthaft verletzt.
5. Der „amputierte Glaube“: was die Metapher tut
Die Metapher „amputierter Glaube“ ist mehr als ein stilistisches Bild – sie hat konkrete, unbeabsichtigte Auswirkungen. Sie verknüpft körperliche Unversehrtheit mit Vollständigkeit und geistliche Fülle, und überträgt damit Defizit auf Menschen, die von Geburt an oder im Verlauf ihres Lebens körperlich anders sind. Selbst ohne böse Absicht reproduziert die Formulierung so eine historische Lesart, in der körperliche Differenz als Mangel gilt.
In theologischen und kirchlichen Kontexten ist das besonders problematisch, weil hier Sprache Autorität beansprucht. Wenn Glauben, Spiritualität oder theologisches Denken mit Bildern bewertet werden, die Menschen mit Behinderung abwerten, wird ein Teil der Gemeinschaft indirekt ausgeschlossen oder herabgesetzt. Ableismus entsteht nicht nur durch Handlungen, sondern auch durch Worte – und gerade bei Metaphern, die stark auf Körperbilder zurückgreifen, ist diese Wirkung tiefgreifend.
6. Warum das ableistisch ist (auch ohne böse Absicht)
Ableistische Bilder in der Theologie sind kein Randproblem – sie sind historisch tief verwurzelt. Über Jahrhunderte hinweg wurden körperliche Abweichungen, Einschränkungen oder Krankheiten häufig als Zeichen von Sünde, moralischer Schuld oder mangelnder Gottesebenbildlichkeit interpretiert. Solche Interpretationen prägten nicht nur gesellschaftliche Strukturen, sondern auch religiöse Praxis, Liturgie und Lehrtexte.
Wenn heute in öffentlichen theologischen Diskursen Metaphern wie „amputierter Glaube“ auftauchen, reproduzieren sie diese historischen Muster, auch wenn der Sprecher dies nicht beabsichtigt. Sie vermitteln unbewusst, dass Menschen, die körperlich anders sind, automatisch einen Mangel verkörpern, der mit geistlicher Tiefe oder Glaubensfähigkeit korreliert.
Gerade im Kontext einer Theologie, die öffentlich wirkt und Menschen erreicht, ist diese Wirkung nicht marginal. Sprache wirkt in der Gemeinschaft – sie prägt Wahrnehmung, Selbstverständnis und Teilhabe. Deshalb ist es keine Kleinigkeit, welche Metaphern gewählt werden.
7. Theologisch verschärft: warum es kein Randthema ist
Ableistische Bilder in der Theologie sind kein Randproblem. Über Jahrhunderte wurden körperliche Abweichungen häufig als Ausdruck von Sünde oder Unvollständigkeit interpretiert. Diese Deutungen prägten nicht nur das gesellschaftliche Denken, sondern auch religiöse Praxis und Lehrtexte.
Wenn heute in öffentlichen theologischen Diskursen Metaphern wie „amputierter Glaube“ auftauchen, reproduzieren sie diese historischen Muster – auch unbeabsichtigt. Theologie trägt Verantwortung für die Bilder, die sie wählt, und damit auch für die Wirkung auf Menschen, die ohnehin häufig als „nicht ganz“ gelesen werden.
8. Kein Ausrutscher, sondern ein Muster
Die wiederholte Verwendung von Begriffen wie „amputiert“, „defizitär“, „gezähmt“ oder „zahnlos“ zeigt, dass es sich nicht um einen einzelnen Ausrutscher handelt, sondern um ein konsistentes Bildfeld, das ein bestimmtes Glaubensverständnis abwertet. Dieses Bildfeld transportiert implizit, dass nur ein bestimmter Glaube „vollständig“ oder „richtig“ ist, während andere Formen als minderwertig oder unzureichend erscheinen.
Die Häufung solcher Metaphern verstärkt die Wirkung: Sie legt nahe, dass ein Glaube, der nicht fundamentalistisch oder traditionell ist, per Definition „weniger wert“ sei. Gleichzeitig reproduziert sie alte gesellschaftliche und theologische Muster, in denen Menschen mit Behinderung oder körperlicher Differenz als „nicht ganz“ gelesen werden.
Ableistische Sprache entsteht also nicht nur durch einzelne Formulierungen, sondern durch strukturelle Muster in Bildern, Metaphern und Vergleichen. Wer öffentlich über Glauben spricht, trägt die Verantwortung, diese Muster zu erkennen, zu reflektieren und alternative Formulierungen zu wählen, die Kritik ermöglichen, ohne reale Menschen zu marginalisieren.
9. Schluss: Einladung zur Reflexion
Dieses Video wird viel gesehen und diskutiert. Genau deshalb lohnt es sich, aufmerksam hinzuschauen – nicht um jemanden zu beschämen, sondern um Verantwortung für Sprache zu übernehmen.
Theologie darf kritisieren, streiten und polarisieren. Sie sollte jedoch nicht auf Kosten von Menschen wirken, die ohnehin häufig als „nicht ganz“ oder „defizitär“ gelesen werden. Worte und Bilder prägen, wie wir über Glauben, Körper und Menschen denken. Öffentliche Theologie trägt Verantwortung – und diese Verantwortung beginnt bei den Bildern, die wir wählen.