Zu den Epstein-Files – ein theologischer und ethischer Einwand

Die folgenden Gedanken sind aus einer wachsenden Irritation entstanden.
Nicht darüber, dass zu den Epstein-Files gepostet wird – im Gegenteil: Schweigen wäre unerträglich.
Sondern darüber, wie in vielen religiösen Beiträgen darüber gesprochen wird.

Was mir dabei begegnet, ist keine einzelne Entgleisung, sondern ein Muster:
bestimmte Sprachbilder, bestimmte theologische Deutungen, bestimmte Auslassungen.
Sie sind meist gut gemeint. Und genau darin liegt ihre Gefahr.

Dieser Text richtet sich nicht gegen Glauben.
Er richtet sich gegen eine Verschiebung der Perspektive, bei der Verantwortung vergeistlicht,
Opfer übersehen und alte Feindbilder reaktiviert werden.

1. Epstein, Macht und Sprache

Die Epstein-Files zeigen in aller Brutalität, was geschieht, wenn Macht, Geld und fehlende Kontrolle zusammenkommen.
Sexualisierte Gewalt ist hier kein Betriebsunfall, sondern systemisch ermöglicht worden.

Umso wichtiger ist es, wie wir darüber sprechen.
Denn Sprache ist nie neutral. Sie rahmt, deutet, lenkt Aufmerksamkeit.

In vielen Posts begegnen mir Formulierungen wie „die Elite“, „globale Eliten“, „dunkle Mächte im Hintergrund“.
Oft bleiben sie vage, manchmal bewusst symbolisch.

Historisch jedoch sind solche Begriffe hoch belastet.
Seit Jahrhunderten werden sie genutzt, um antisemitische Verschwörungserzählungen zu transportieren.
Aktuell zeigt sich das besonders deutlich in der Verbindung der Epstein-Files mit QAnon-Narrativen.

In diesem Kontext tauchen dann schnell Namen wie „Rothschilds“, Verweise auf das Judentum, den Talmud oder auf Israel und die IDF auf.
Dass solche Kommentare unter entsprechenden Beiträgen erscheinen, ist kein Zufall.

Nicht jede Kritik an Macht ist antisemitisch.
Aber bestimmte Frames sind so eng mit antisemitischen Deutungsmustern verbunden, dass sie diese fast zwangsläufig aktivieren.

Hier geht es nicht um Absichten.
Es geht um Verantwortung für Sprache.

2. Wenn Gewalt spiritualisiert wird

Auffällig ist zudem, wie häufig Gewalt in diesen Kontexten spiritualisiert wird.
Täter erscheinen als Werkzeuge Satans, als Ausdruck eines kosmischen Kampfes zwischen Licht und Finsternis.

Was auf den ersten Blick nach klarer moralischer Positionierung aussieht, hat eine problematische Nebenwirkung:
konkrete menschliche Schuld wird entlastet.

Wenn Satan „sein Gesicht zeigt“,
wenn das Böse kosmisch erklärt wird,
dann sind es am Ende nicht mehr Männer,
die Macht missbraucht, Menschen ausgebeutet und Gewalt ausgeübt haben,
sondern Figuren in einem metaphysischen Drama.

Das Problem ist nicht der Glaube an das Böse.
Das Problem ist, dass Verantwortung dabei aus dem Blick gerät.

Aus ethischer Sicht gilt:
Böse Taten brauchen keine Dämonen.
Sie brauchen Menschen, die sich entscheiden.

3. Die Leerstelle: die Opfer

Was in vielen religiösen Deutungen fast vollständig fehlt, ist der Blick auf die Opfer.

Stattdessen dominieren Begriffe wie:
Sieg, Endkampf, Gericht, Triumph.

Was kaum vorkommt:
Trauma, lebenslange Folgen, Schutz, Gerechtigkeit, Verantwortung.

Die Perspektive verschiebt sich:
von der Frage „Was ist Menschen angetan worden?“
zu der Frage „Was bedeutet das geistlich für uns?“

Für Betroffene sexualisierter Gewalt ist das nicht neutral.
Es ist schmerzhaft.

Ihr Leid wird nicht ernsthaft angeschaut,
sondern symbolisch überblendet.

4. Licht und Finsternis – eine trügerische Klarheit

Sätze wie „Noch nie war so klar, was Licht und was Finsternis ist“
wirken fromm und eindeutig.

Doch sie erzeugen eine gefährliche Vereinfachung.

Die Welt wird in „wir“ und „sie“ geteilt.
Moralische Eindeutigkeit ersetzt Selbstkritik.

Wer sich auf der Seite des Lichts verortet,
muss nicht mehr fragen,
wo eigene Blindheit,
wo eigene Verstrickungen,
wo eigenes Wegsehen liegen.

Das ist keine geistliche Klarheit.
Es ist spirituelle Selbstimmunisierung.

5. Selektive Empörung – und der blinde Fleck Trump

Besonders irritierend ist die Selektivität mancher Empörung.

Viele fromme Stimmen äußern sich lautstark zu „dem Bösen da draußen“, zu angeblichen Eliten, dunklen Mächten und moralischem Verfall –
und schweigen auffällig, wenn es um politische Figuren geht, die sie selbst über Jahre religiös überhöht haben.

Donald Trump wurde von Teilen der frommen Szene offen als von Gott gesandt, als Werkzeug göttlichen Handelns, teils sogar messianisch gedeutet.
Umso auffälliger ist das Schweigen dort, wo sein Name nun im Zusammenhang mit den Epstein-Files immer wieder auftaucht.

Empörung, die dort verstummt,
wo eigene politische Loyalitäten betroffen sind,
ist keine moralische Konsequenz.

Sie ist Identitätsverteidigung.

6. Worum es mir geht

Dieser Text ist keine Abrechnung mit Glauben.

Er ist ein theologischer und ethischer Einspruch gegen eine Frömmigkeit,

  • die Täter entlastet,
  • Opfer unsichtbar macht,
  • Verantwortung vergeistlicht
  • und mit doppelten Maßstäben arbeitet.

Glaube darf Leid nicht überblenden.
Spiritualität darf Schuld nicht entkernen.
Frommsein darf moralische Klarheit nicht ersetzen.

Gerade im Angesicht sexualisierter Gewalt schulden wir den Betroffenen mehr als kosmische Deutungen.

Wir schulden ihnen Wahrheit.
Verantwortung.
Und ein Hinschauen, das nicht ausweicht.

Schlusswort

Mir geht es nicht darum, einzelne Personen zu Dämonen zu erklären.
Auch nicht darum, Donald Trump zum personifizierten Bösen zu machen.
Er ist – wie andere auch – ein Mensch.

Was jedoch benannt werden muss, ist etwas anderes:
Die religiöse Überhöhung politischer Figuren.

Gerade aus frommen Kreisen wurde Trump über Jahre hinweg nicht nur unterstützt,
sondern theologisch aufgeladen – als von Gott gesandt, als Werkzeug göttlichen Willens,
teils mit messianischen Untertönen.

Umso auffälliger ist das Schweigen,
wenn genau dieser Name nun im Umfeld schwerster Gewaltverbrechen auftaucht.

Wo bleibt wenigstens ein leiser Aufschrei?
Wo bleibt die Selbstkritik?
Wo die Bereitschaft zu sagen:
Wir haben projiziert. Wir haben verklärt. Wir haben uns geirrt.

Ethische Glaubwürdigkeit zeigt sich nicht darin,
dass man das Böse immer nur bei den Anderen verortet.
Sondern darin, ob man bereit ist,
auch die eigenen Verstrickungen anzusehen.

Gerade angesichts sexualisierter Gewalt
geht es nicht um geistliche Siege,
sondern um Verantwortung.

Nicht um kosmische Erklärungen,
sondern um Menschen.

Und vor allem:
um die Opfer.

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