Sehen lernen durch Gottes Nähe: Predigt zu Lukas 18,35-43

Der biblische Text heute erzählt von einem Menschen am Rand,
von einer Stimme, die sich Gehör verschafft,
und von einem Gott,
der stehen bleibt und fragt.

Sehen lernen durch Gottes Nähe
darum geht es in diesem Gottesdienst.
Nicht um richtige Antworten,
sondern um offene Augen,
um aufmerksames Hören
und um Vertrauen,
das wachsen darf.

Gebet vor der Schriftlesung

Ewiger Gott,
wir sind bereit zu hören.
Nicht alles zu verstehen,
nicht alles einzuordnen,
sondern zu hören.

Gepriesen seist du, Ewiger,
Quelle des Lebens,
der du uns dein Wort anvertraust
und uns einlädst,
es zu hören,
zu bedenken
und darin zu leben.

Öffne uns
für das, was uns heute anspricht.
Bewahre uns vor schnellen Urteilen.
Und schenke uns ein hörendes Herz.
Lass dein Wort unter uns wohnen,
nicht als Antwort auf alles,
sondern als Licht für unseren Weg.
Amen.

Lesung: Lukas 18,35-43

35Als Jesus in die Nähe von Jericho kam,
saß ein Blinder am Weg und bettelte.
36Er hörte, wie die Volksmenge an ihm vorbeiging,
und fragte: »Was ist denn los?«
37Die Leute sagten zu ihm:
»Jesus von Nazaret kommt gerade hier vorbei.«
38Da rief er laut:
»Jesus, du Sohn Davids, hab Erbarmen mit mir!«
39Die Leute, die vor Jesus hergingen, fuhren ihn an:
»Sei still!«
Aber der Blinde schrie noch viel lauter:
»Sohn Davids, hab Erbarmen mit mir!«
40Da blieb Jesus stehen und sagte: »Bringt ihn zu mir!«
Als der Blinde bei ihm war, fragte Jesus ihn:
41»Was willst du? Was soll ich für dich tun?
« Der Blinde antwortete: »Herr, dass ich sehen kann!«
42Jesus sagte zu ihm: »Du sollst sehen können!
Dein Glaube hat dich gerettet.«
43Sofort konnte er sehen.
Er folgte Jesus und rühmte Gott.
Auch das ganze Volk, das alles miterlebt hatte, lobte Gott.

Predigt

Sehen lernen durch Gottes Nähe

Ich lade euch ein,
den Text noch einmal innerlich mitzuhören.

Nicht wie eine Geschichte von früher.
Sondern wie etwas,
das uns näher ist,
als wir manchmal denken.

Ein blinder Mensch sitzt am Weg.

Nicht irgendwo.
Nicht geschützt.
Nicht eingebunden.

Am Rand.

Am Weg sitzen heißt:
Andere gehen vorbei.
Man selbst bleibt.

Er sieht nichts.
Aber – und das ist wichtig –
er ist nicht abgeschnitten.

Er hört.
Er nimmt wahr,
dass sich etwas verändert.

Dass etwas vorbeigeht.
Dass Bewegung da ist.

Und er fragt:
„Was ist das?“

Keine große Frage.
Keine religiöse Frage.
Keine fromme Frage.

Eine Wahrnehmungsfrage.

Vielleicht sogar eine sehr moderne Frage:
Was passiert hier eigentlich?

Nicht:
Was soll ich glauben?
Nicht:
Was erwarten die anderen von mir?

Sondern:
Was geschieht – jetzt?

Man sagt ihm:
Jesus von Nazareth geht vorbei.

Vorbei.

Das ist ein hartes Wort.
Jesus geht vorbei.
Gott geht vorbei.

Nicht jede Not hält Gott automatisch an.
Nicht jedes Leiden stoppt den Zugverkehr des Himmels.

(wer viel betet, weiß das)

Und der Blinde schreit.

Nicht höflich.
Nicht liturgisch sauber.
Nicht im passenden Moment des Gottesdienstes.

Er schreit.

Er ruft auch nicht einfach:
Jesus!

Er ruft:
Erbarme dich meiner.

Nicht:
Mach alles gut.
Nicht:
Lös das Problem.

Er ruft nach Beziehung.
Nach Gesehenwerden.

Und sofort melden sich die Sehenden.

Sei still.

Ich stelle mir vor,
sie meinen es vielleicht sogar gut.

Man schreit doch nicht.
Man stört doch nicht.
Man wartet doch ab.

Die Sehenden wissen,
wie man sich benimmt.

(Sehende wissen das meistens.)

Der Blinde aber schreit lauter.

Und hier, glaube ich,
passiert die erste Umkehr im Text.

Nicht die Sehenden haben den Durchblick.
Sondern der Blinde.

Nicht die Angepassten kommen weiter.
Sondern der Unbequeme.

Nicht der, der weiß,
wie man sich richtig verhält –
sondern der,
der weiß,
was er braucht.

Jesus bleibt stehen.

Nicht wegen der Menge.
Nicht wegen der Jünger.
Nicht, weil es im Ablauf vorgesehen war.

Sondern wegen einer Stimme
vom Rand.

Und dann diese Frage:
„Was willst du, dass ich dir tun soll?“

Ich finde, das ist eine ungeheuerliche Frage.

Jesus weiß es nicht besser.
Er nimmt dem Mann nichts ab.
Er weiß es nicht voraus.

Er fragt.

Und das allein ist schon Heilung.

Denn wie oft wissen andere besser,
was gut für uns ist.
Wie oft erklären sie uns,
was wir eigentlich brauchen.
Wie oft bekommen wir Antworten
auf Fragen,
die wir nie gestellt haben.

Jesus fragt.

Und der Blinde antwortet nicht:
Mach mich normal.
Nicht:
Mach mich wie die anderen.

Er sagt auch nicht:
Gib mir ein leichteres Leben.

Er sagt:
„Herr, dass ich sehen kann.“

Mehr nicht.
Aber auch nicht weniger.

Und Jesus sagt:
„Dein Glaube hat dich gerettet.“

Nicht:
Ich habe dich gerettet.

Sondern:
Dein Vertrauen.
Dein Rufen.
Dein Dranbleiben.

Dein Mut,
dich nicht zum Schweigen bringen zu lassen.

Und dann – fast nebenbei –
heißt es:

Er folgte ihm nach und pries Gott.

Als wäre das die logische Folge.

Sehen führt nicht nur ins Staunen.
Sehen führt in Bewegung.

Und jetzt,
wenn wir einen Schritt zurücktreten,
tauchen Fragen auf.

Nicht als Prüfungsfragen.
Sondern als Begleitfragen.

Wer sieht hier eigentlich klarer?
Die Sehenden –
oder der Blinde?

Die, die wissen, wie es geht –
oder der,
der weiß,
dass er etwas braucht?

Und was bedeutet „sehen“,
wenn es nicht nur um Augen geht?

Vielleicht geht es um Wahrnehmung.
Um Ehrlichkeit.
Um den Mut,
nicht alles schönzureden.

Vielleicht geht es darum,
zu merken,
wo etwas in mir schreit.

Und ich sage bewusst:
schreit.

Nicht alles,
was in uns laut ist,
ist unfromm.
Nicht alles,
was stört,
ist falsch.

Manches ist einfach ehrlich.

Und vielleicht bringt uns der Text auch in Verlegenheit.

Denn er fragt uns –
ohne es auszusprechen:

Wo bringen wir Menschen zum Schweigen,
weil ihr Rufen stört?

Wo sagen wir –
vielleicht freundlich,
vielleicht gut gemeint:
Jetzt nicht.
So nicht.
Bitte leise.

Und wo sagen wir das
zu uns selbst?

Wo sagen wir uns:
Reiß dich zusammen.
Das gehört sich nicht.
Andere haben es schlimmer.

Und dann diese letzte Frage,
die ich nicht schnell beantwortet haben möchte:

Was würden wir sagen,
wenn Jesus uns fragte:

Was willst du, dass ich dir tun soll?

Nicht die korrekte Antwort.
Nicht die kirchlich passende.

Sondern die ehrliche.

Vielleicht ist es nicht einmal
„sehen“.

Vielleicht ist es:
Bleib stehen.
Hör mich.
Nimm mich ernst.

(Stille)

Amen.

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