Bisschen Demo, bisschen Geschichte

Gestern Abend habe ich auf TikTok einen Live Feed von einer Free Palestine Demo in Berlin geschaut. Auch wenn ich dabei sicher in meiner Küche war, ist mir doch irgendwie dabei etwas mulmig geworden.

Nicht falsch verstehen: das palästinensische Volk verdient es, nach so vielem Leiden frei zu Leben, in Sicherheit, glückliche Leben, erfüllte Leben, lebenswerte Leben voller Würde, Freude und Liebe – nicht jeden Tag den Abgrund in den Augen.

Nein, es war die ganze Stimmung, und die Sprechchöre die mich in diesen Zustand versetzten. Gleichzeitig habe ich gelesen, dass palästinensische Menschen nicht einmal mehr ihren Schal tragen dürfen, oder sich zusammen versammeln dürfen, um Kerzen anzuzünden und ihrer Trauer Luft zu machen – wie tragisch das ist, mag man kaum beschreiben, ein Stück der Identität und öffentlicher Trauer beraubt sein, ist grausam. Gleichzeitig ist definitiv wieder die Zeit da, in der ich den Davidsstern an meiner Kette nicht öffentlich zeigen sollte, noch die jüdischen Tattoos, die meine Arme von oben bis unten zieren.

Ja, die Sprechchöre bei der Demo… Junge Menschen, die wieder und wieder “From the River to the Sea, Palestine Will Be Free” riefen. Wissen sie eigentlich genau, was sie da rufen, was sie da fordern, wo dieser Ruf herkommt, und was er impliziert? Und wenn ja, frage ich mich, ob sie genau das wollen?

From the River to the Sea, Palestine Will Be Free” ist der Begriff, der die palästinensische Kontrolle über das gesamte Gebiet innerhalb der Grenzen Israels vom Jordan bis zum Mittelmeer symbolisiert. Er ist ein gängiger Aufruf für pro-palästinensische Aktivisten; er fordert die Errichtung eines Staates Palästina vom Jordan bis zum Mittelmeer und damit mit inbegriffen die Auslöschung des Staates Israel und ebenso, von seiner Entstehung her, die seiner Bevölkerung. Denn “From the River to the Sea, Palestine Will Be Free” ist zunächst erst einmal der Schlachtruf für verschiedene Gruppen von der Volksfront für die Befreiung Palästinas (PFLP) bis zur Hamas und ihre Sympathisanten. Diese forderte in ihrer ursprünglichen Satzung von 1988 die Zerstörung Israels als auch den Tod der Bevölkerung Israels1.

Nun ist die Hamas nicht gleichbedeutend mit der palästinensischen Bevölkerung, wenn sie auch ihre Sympathisanten hat. Ein Volk, das zusammengepfercht lebt, misshandelt und jetzt kollektiv gestraft wird für die Taten eben jener terroristischen Organisation. Ein Volk, in dem sicher Wut und Verzweiflung sich die Hand geben, und das jetzt nur noch grausamer behandelt wird. Netanyahus Sprache und gelöschte Tweets lassen es einem kalt den Rücken hinunterlaufen – als würde er von der Auslöschung von Tieren sprechen, von einem Kampf des Ultimativen Guten gegen das Ultimative Böse. Doch wer im Ultimativen denkt, muss immer aufpassen, auf welcher Seite er sich am Ende befindet. In Gaza herrscht wahrscheinlich vor allem die ultimative Verzweiflung.

Freiheit und Gleichheit für palästinensische Menschen zu wollen, die gegenwärtige Regierung Israels zu kritisieren, einen Staat für für palästinensische Menschen zu wollen (ob zwei-Staaten Lösung oder ein Israel in dem wirklich alle gleichberechtigt sind, und das noch viele Reformen braucht) ist nicht antisemitisch – aber die Zerstörung des Staates Israel zu fordern, zu Verneinen dass jüdische Menschen Geschichte und Wurzeln ebenfalls in Israel haben, bis hin zur Legitimierung der Taten von Hamas vom 7. Oktober und ihren Zielen ist sehr wohl antisemitisch. Und eben gerade letzteres scheinen mir viele der demonstrierenden Menschen zu wollen – die gänzliche Zerstörung Israels. Was frage ich mich -oder frage ich euch- wollt ihr, dass dann eigentlich mit den Israelis geschieht? Ist es dann Gerechtigkeit, wenn sie dann getötet werden, oder ähnliches? Es wird das geschehene Unrecht nicht Ungeschehen machen. Dass das Unrecht aufhören muss, ist klar – und es muss weiter gehen als nur Aufhören.

Massen von Menschen erklären sich auf einmal als „Anti-Zionisten“. Was bedeutet es für sie, Anti-Zionist zu sein? Gegen die gegenwärtige rechtsextreme Politik zu sein? Oder jüdischen Menschen gänzlich das Recht auf Selbstbestimmung zu nehmen? Doch der Zionismus hat viele Facetten und Nuancen.

Zion ist der Jerusalemer Tempelberg, auf dem gegen 800v. Chr. der erste Tempel stand. Nach dessen Zerstörung und der Exilierung des Grossteils der Judäer durch die Perser wurde Zion zum Symbol der Hoffnung und bezeichnete die ganze Tempelstadt, in der die Juden nach der Rückkehr aus dem Exil nach dem Jahr 538 v. Chr. den zweiten Tempel bauten. Danach kamen die Römer, und auch hier kam es wiederholt zu Aufständen, von denen der letzte grosse der Bar-Kochba-Aufstand in 135 nach Christus war. Nach diesem Aufstand verboten die Römer allen Juden den Zutritt zu Jerusalem (Zion) und benannten Israel (bzw. die Provinz Judäa = in Syria Palästina um. Die meisten Juden siedelten sich haussehalb an, doch die Sehnsucht nach Zion blieb bestehen (etwa während dem jährlichen Sedermahl beim Pessachfest „nächstes Jahr in Jerusalem=Zion“), ebenso in Gebeten und Liedern.

Im Mittelalter waren die Juden in Europa meist nur geduldet, und die in Israel/Palästina gebliebenen wurden von den Kreuzfahrern beim ersten Kreuzzug nahezu ausgerottet. Ab dem 12. Jhd. wurde die Zionssehnsucht wieder grösser, und es gab Auswanderer nach Israel, ebenso nach der Vertreibung der Juden aus Spanien und Portugal (1492). In Safed entwickelte sich ein wichtiges theologisches Zentrum; hier wurde der Zohar gedruckt, die Kabbalah gepflegt. Ab dem 17. Jhd. versuchten grössere Gruppen von Juden immer wieder nach Israel auszuwandern, die Sehnsucht nach Zion wurde immer grösser. Doch die osmanischen Herrscher erlegten ihnen so hohe Steuern auf, dass für viele von ihnen das Leben unmöglich wurde: sie mussten wegziehen. In Syrien kam es 1840 zu Pogromen, und im 19. Jhd. wuchs der Anti-Semitismus als politische Ideologie in Europa. Schliesslich kam es, von Russland ausgehend, zu immer mehr Pogromen in Europa, was zu grösseren Fluchtwellen führte bis es schliesslich zum 3. Reich und der Shoah kam2.

So sind bestimmte Richtungen des Zionismus als Antwort auf die „Judenfrage“ und später die sogenannte „Endlösung“ entstanden (auf einem Video einer pro-Palästina Rally in den USA sah ich gestern und heute auch Hakenkreuze und Rufe „we need a final solution“); andere Richtungen des Zionismus streben nach einer Erneuerung jüdischer Kultur; andere wiederum bezeichnen die Sehnsucht nach Zion, die seit dem ersten Exil besteht; und schliesslich das Recht Israels, als Staat zu existieren -ein Rechtsstaat mit gleichem Recht für alle sollte er sein!; es gibt sozialistischen Zionismus, religiösen Zionismus und nationalistischen Zionismus… Wogegen genau sind also „Anti-Zionisten“? Gegen alles?

From the River to the Sea, Palestine Will Be Free” ist nun einmal zuerst der Schlachtruf der Organisation, die vor allem die Zerstörung Israels und den Tod aller jüdischen Bewohner will, und missverständlich-unmissverständlich zum Tod aller Juden aufruft. Schaut man sich man sich verschiedene Punkte der Hamas-Charta3 an, findet man dort im Artikel 7 „Die Stunde wird kommen, da die Muslime gegen die Juden solange kämpfen und sie töten, bis sich die Juden hinter Steinen und Bäumen verstecken. Doch die Bäume und Steine werden sprechen: „Oh Muslim, oh Diener Allahs, hier ist ein Jude, der sich hinter mir versteckt. Komm und töte ihn!“ Nur der Gharkad-Baum wird dies nicht tun, denn er ist ein Baum der Juden.“ Die Hamas ist das vollstreckende Organ, die dieses Versprechen ausführen will, bzw. andere Muslime dazu aufruft. Die Ziele werden in einigen Artikeln dargelegt, und auch, dass für die Hamas eine friedlich Lösung niemals, zu keinem Zeitpunkt, eine Option war.

Bereits in der Präambel steht “Israel wird entstehen und solange bestehen bleiben, bis der Islam es abschafft, so wie er das, was vor ihm war, abgeschafft hat.“Palästina darf weder als Ganzes noch in Teilen aufgegeben werden…denn Palästina ist den Generationen der Muslime bis zum Tag des Jüngsten Gerichts gegeben. Die bisherigen Besitzer sollten also lediglich ein Nutznießrecht genießen. Dieses Vermächtnis als Waqf-Land ist gültig, solange Himmel und Erde bestehen. (Artikel 11)  Derartige Initiativen, sogenannte friedliche Lösungen und internationale Konferenzen ... Die Palästina-Frage kann nur durch den Dschihad gelöst werden. Initiativen, Vorschläge und internationalen Konferenzen sind sinnlose Zeitvergeudung, frevelhaftes Spiel…. (Artikel 13) Sobald die Feinde muslimisches Land usurpieren, wird der Dschihad zur individuellen Pflicht eines jeden Muslims. Gegenüber der Usurpierung Palästinas durch die Juden muß zwingend das Banner des Dschihad erhoben werden… Die Feinde …Sie stecken ebenso hinter der Französischen Revolution… Sie stecken hinter dem Ersten Weltkrieg. Und sie stecken auch hinter dem Zweiten Weltkrieg… (Artikel 15 & 26). Die Islamische Widerstandsbewegung betrachtet sich als Speerspitze in der Auseinandersetzung mit dem Weltzionismus, als ein Schritt auf dem Weg, wenn sie sich mit ihren Bemühungen allen, die sich … für die palästinensische Sache einsetzen, anschließt. Weitere Schritte auf der Ebene der arabisch-islamischen Welt müssen folgen. Die Islamische Widerstandsbewegung jedenfalls ist bereit für die nächste Runde im Kampf mit den Juden…(Artikel 33).

In dem 27-Seiten langen Manifest ist die Rolle der Frau vor allem die, weitere Kämpfer zu gebären, diese gut zu erziehen, und sparsam zu haushalten. Konkrete Pläne für die Befreiung Palästinas, die Bevölkerung gibt es kaum bis nicht – dafür aber viel Material von Verschwörungstheorien zur Feindesbeobachtung und theologische Statements. Soll das Dekolonialisierung sein? Die Hamas ist nicht das ganze Volk, das nun kollektiv bestraft wird – sie versteckt inmitten des Volkes und buchstäblich unter ihm. Ich weiss, ich wage es, das hier aus meiner zwar kalten, jedoch relativ sicheren Wohnung zu schreiben. Schreibe Zeilen über Leid, dass zu Verzweiflung führt. Leid, das enden muss. Das Leid, dass dem Volk von allen Seiten zugefügt wird. Das palästinensische Volk braucht Freiheit, Gleichheit, Rechte, Essen, Wasser, Medikamente, Decken, Häuser, Strom, Sicherheit und eine Zukunft mit Perspektiven – in Gaza ganz besonders, aber auch im Westjordanland und bei denen, die anderswo in Israel wohnen. Die Würde aller Menschen ist unantastbar.

Und doch macht mir der genaue Wortlaut der Parolen auf den Demos -“From the River to the Sea, Palestine Will Be Free”- wegen ihrer engen Verknüpfung zur Hamas doch irgendwie unwohl, denn die Gewaltbereitschaft gegenüber jüdischen Menschen und Einrichtungen steigt. “From the River to the Sea, Palestine Will Be Free” bedeutet nicht, dass das Land einfach nur ein freies Land für alle Menschen sein soll sondern “From the River to the Sea, Palestine Will Be Free of Jews” und im „günstigsten Fall“, um es mal so zu sagen wäre dies eine Vertreibung aller jüdischen Menschen aus Israel-Palästina; doch den offenkundigen Absichten der Hamas (und ihr gleichen Organisationen wie Islamischer Djihad, Hezbollah und denen, die sie finanzieren – Iran, um nur einen zu nennen) nach bedeutet dies die Tötung aller jüdischen Menschen in Israel-Palästina und danach der Aufruf, dies auch weltweit zu tun. Diese Gewalt war immer da, unterschwellig schwelend – und nun? Angst weniger um mich, aber um andere Menschen, um den Zustand dieser Welt. Und das Klima, in dem wir leben – alles andere als gesund. Wenn in Deutschland Molotov-Cocktails auf eine Synagoge geworfen wird, die sich besonders für unterreligiösen Dialog einsetzt, und an die ein Kindergarten angegliedert ist, jüdische Menschen hier in Bern davor Angst haben, in der Öffentlichkeit Hebräisch zu sprechen und ein Dozent der Universität Bern auf X den Angriff der Hamas als sein „bestes Geburtstagsgeschenk bezeichnet hat“4, in Rom eine jüdische Schule geräumt werden muss, ein Rabbi in Australien 24/7 Polizeischutz braucht, und jüdische Freunde statt auf social media zum Therapeuten gehen weil ihnen alles zu viel wird – dann macht mir das ein ganz flaues Gefühl im Bauch.

Anti-Semitismus nimmt zu (eigentlich war er niemals wirklich weg). Vielleicht ist manches davon muslimischer Anti-Semitismus, ich weiss es nicht. Und manches habe ich das Gefühl, dass die politische Rechte dann da sitzt, sich die Hände reibt und sich freut, wie beide Gemeinschaften gegeneinander ausgespielt werden, und sie als Sieger dastehen (wobei es ja eigentlich keine Sieger gibt). Denn über den Anti-Semitismus der politischen Rechten spricht niemand, oder kaum jemand. „Niemals wieder“ hiess es ständig in Deutschland, aber die einzige Entnazifizierung die stattfand ist die, wenn ein Nazi an Altersschwäche starb. Und solange ein Hubert Aiwanger konsequenzenlos herumläuft, Reichsbürger jüdische Fake-Gemeinden gründen und die AdF stets weiterwächst, kann es mit dem „Niemals wieder“ nicht weit her geholt sein. Die Junge SVP in der Schweiz hat auch schon ihren eigenen instrumentalisierenden Post gemacht. Und die Menschen, die auf den Demos mitlaufen? Ich frage mich, was sie denken – oder wie weit sie denken.

Denn nun entlädt sich weltweit der Israel-Hass nicht nur gegen Israel, sondern potentiell gegen jeden jüdischen Menschen. Ich erinnere mich an eine Demo letztes Jahr in meiner Stadt, ich glaube es war auch eine pro-Palästina Demo. Die Polizei hatte ausdrücklich gesagt, dass jüdische Menschen nicht durch die Stadt gehen sollten, vor, während und nach der Demo. Bei allem was gerade passiert, schaue ich mich um und frage mich, wie das alles weitergehen soll. Verzweifeln? nein. Challot backen? Ja.

עם ישראל חי
das Volk Israel lebt
es lebt entgegen und allen zum trotz
das volk trotzt dem hass
es singt und isst und weint und tanzt
es lebt und segnet den Namen
mit Wünschen des Lebens für andere

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  1. https://www.ajc.org/translatehate/From-the-River-to-the-Sea ↩︎
  2. Barnavi, A historical atlas of the Jewish people; Telushkin, Jewish Literacy; Ben-Sasson, Geschichte des Jüdischen Volkes ↩︎
  3. https://www.kritiknetz.de/images/stories/texte/charta%20der%20hamas.pdf ↩︎
  4. https://www.srf.ch/audio/regionaljournal-bern-freiburg-wallis/haus-der-religionen-gedenkt-opfern?id=12473898 ↩︎

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