
Nach der ersten Besetzung der Unitobler in Bern, die schliesslich nach einigen Tagen auf Geheiss der Universitätsleitung durch die Polizei geräumt wurde, fand nun eine zweite Besetzung im Hauptgebäude der Universität statt. Die Besetzung der Unitobler war farbenfroh und ausdrucksstark: Girlanden in der Mensa, Bilder und Plakate überall. Auf vielen Plakaten fand sich der Slogan „From the river to the sea, Palestine will be free“ – Slogan, dessen original auf arabisch „from the river to the sea, Palestine will be arab“ lautet, und nichts anderes als die Auslöschung des einzigen jüdischen Staates, Schutzraumes und spirituelles Zentrums bedeutet. Was dann mit den jüdischen Bewohnern (und auch vielen anderen verfolgten Minderheiten, die in Israel Zuflucht gefunden haben -Kopten, Aramäer, Assyrer, Eziden und viele andere-) geschieht, interessiert nicht.

Es gab Buttons und Pins mit Leyla Khaled, die das zweifelhafte Privileg hat, die erste Frau zu sein, eine Flugzeug entführt zu haben und das erste Mal seit dem NS-Regime wieder Menschen triagiert zu haben – jüdischen Menschen von anderen aussortiert. Normalisierung und Vorbildnahme von Terroristen ist alles andere als Menschenrechts- und friedensfördernd. Dazu eine durchgängig bedrohliche Atmosphäre besonders für jüdische Studierende und solche, die nicht mit ihrem Gedankengut übereinstimmen – schnell wird man Zio, Fascho, Nazi oder Genozidbefürworter genannt; bestimmte Personen waren und sind nicht ohne. Doch nun zum zweiten Akt.
Besetzung, die Zweite – in Bern.
Draussen hingen das grosse Banner « Students for Palestine », das andere « All Eyes on Rafah » wurde wieder neu aufgehängt. Beim Reinkommen fiel gleich das grosse Banner « Apartheid wird fallen » mit dem Olivenbaum auf. Vom Stil her sahen sie aus wie vom Montag vom Bannerworkshop für Gaza im Gemeindehaus der Reformierten Kirche Johannes.

„Free coffee, free Palestine“, creative table. Beim Reinkommen auf der linken Seite war der „Medien Tisch“. Dort fanden sich Kopien mit ihren Forderungen -immer noch dieselben wie vorher scheint es-, es gab Sticker, flyer. Das Buch « Hundred years war on Palestine » und eines von Ilan Pappé, The idea of Israel. Drinnen wurde mir gesagt, ich soll keine Fotos machen bzw, von Menschen – doch das hatte ich auch nicht vor. Mir ging es um die Banner, das Bild- und Schriftmaterial.
Dann gab es zwei Kopien einer Zeitung, hab den Artikel kurz überflogen – es ging darum, dass Terrorismus nur so genannt wird von Kolonialstaaten und imperialistischen Staaten etc, und gegenüber in der regel brown muslim men, wegen schon allein die Bezeichnung « Terrorist » rassistisch, muslimfeindlich und sexistisch ist. Doch hätten unterdrückte (indigene) Minderheiten laut UN Beschluss (xyz?) das Recht zum bewaffneten Widerstand, und als solchen sollte man ihn auch bezeichnen.

Ich frage mich, wie sie wohl denken würden, diese jungen Menschen, wenn sie auch die Intifada erlebt hätten, vor Qassam gerannt wären, sich vor Maschinengewehrfeuer im safe room verschanzt hätten mit den Kindern, geliebte Menschen durch Attacken verloren, oder ein Rucksack an einer Bushaltestelle neben ihnen explodiert wäre? Es ist eines, hier im Trockenen zu sitzen und Theorien auf Papier zu schreiben und einen „Creative Writing“ Workshop in einer besetzen Uni in der Schweiz zu machen – es ist etwas anderes, das Messer im Nacken zu spüren.
In den Gängen waren Bilder der « Verbrechen der IDF » aufgehängt, und Zitate von israelischen Politikern, alle möglichst plastisch /grafisch bunt/teils unvorteilhafte Bilder damit sie recht hässlich o.ä. aussehen; Zitate die den genozidalen faschistoiden brutalen Charakter Israels untermalen sollen – im Grunde dargestellt wie das NS-Regime.

Im Gegensatz zu den Palästinensern, die nur in der Opferrolle waren (Frauen und Kinder, die um Essen betteln, entkleidete Männer mit Soldaten im Hintergrund, zerstörte Häuser, Soldaten vor brennenden Büchern…).
Es wird ein recht klares Bild gezeichnet: Israel übernimmt die Rolle des NS-Regimes, und die Palästinenser sind die neuen Juden; es muss nicht einmal hingeschrieben oder ausgesprochen werden; es ist ein Bild, dass von allein im Unterbewusstsein entsteht.
Um 11h fand ein « Symposium über Zionismus » statt. Es wurde sehr sehr viel Wert darauf gelegt, zu vermitteln, dass Zionismus eine nationalistische Bewegung ist – wobei es mit anderen Nationalismen vergleichen wurde. Hebräisch, so wurde gesagt, war schon lange komplett ausgestorben und dann -auch ein Kennzeichen einer nationalistischen Bewegung- wieder neu erfunden/belebt. Wichtig für den Zionismus wären auch das Konzept von rein/unrein. Die palästinensische Nationalbewegung wäre nur eine Reaktion auf den Zionismus, vorher hätte es das nicht gegeben, nur Menschen mit ihrer Kultur, die friedlich dort lebten.
Was ihnen auch sehr sehr wichtig war ist das Zionismus absolut rein gar nichts mit Judentum und Juden zu tun hat, sondern eine rein nationalistische Bewegung ist, in der es um Politik und Macht geht, und durch/mit der man demnach auch einen Genozid rechtfertigen kann. Alle Zionisten, hiess es, sind Atheisten, die sich religiöser Symbole bedienen. Zionismus sei für das Judentum, was die Muslimbruderschaft für den Islam ist.

Ich musste dann kurz zur Unitobler ins Prüfungssekretariat.
Nach Unitobler bin ich noch mal zurück, habe mich eine ganz kurze zeitlang vor ihr « Students for Palestine » Banner gesetzt mit einem Schild « Alle Eyes on the Hostages » und einem Bild vom 7. Oktober. Wurde von eins-zwei komisch angeschaut, aber keiner hat was gesagt. Ich sass auch nicht lange da, alle waren mit ihrem Essen beschäftigt, daher wurde ich auch nicht gross bemerkt. Und ich wollte, da ich allein war, jetzt auch nicht gross Radau machen. Keine Angst, aber auch kein Vertrauen – man weiss nie. Agressivität und schlechten Willen einiger hatte sich schon bei der Besetzung von Unitobler gezeigt, und sollte sich auch Nachmittags wieder zeigen.
Es war nicht so, dass die Besetzer physische Gewalt ausübten, aber es war nichts friedensförderndes dort. Die Forderungen fand ich alles andere als Friedensfördernd, gerade auch was den akademischen Boykott angeht. Ich habe ihnen meinen Hostages Schilder und 7. Oktober Bilder zu ihren Palästinenser-Opfer Bildern gehängt und bin gegangen.
Nun aber noch ein paar Worte zu dem „Zionismus Symposium“, welches im Rahmen der Besetzung der Universität Bern am 30. Mai 2024 stattfand. Ein Symposium ist im allgemeinen eine Bezeichnung für eine wissenschaftliche Konferenz – wobei dieses zwar eine Zusammenkunft war, die aber kaum wissenschaftlichen Charakter hatte.
Wer über ein Thema informieren will, und dies an andere weitergibt, um diese zu informieren und zu belehren, tut dies normalerweise nicht nur „einfach so“ oder naiv, sondern bewusst. Von daher wird dass, was hier weitergegeben wird, auch ganz bewusst weitergegeben – auch wenn es sich um Halbwahrheiten bzw. KEINE Wahrheiten, und damit Unwahrheiten, dass heisst, Lügen handelt.

Es fehlte zum einen die gesamte korrekte historische Einbettung; zum einen, in die jüdische Geschichte, zum anderen in die Zeitgeschichte. Es wurde so stark von Nationalismus bzw. nationalistischem gesprochen und Vergleiche gezogen, und gerade vor dem Hintergrund der aufgehängten Bilder in der „Galerie“ (wo der 7. Oktober und die ganze Seite dieser (Vor)Geschichte komplett ausgeblendet wurde, miteingeschlossen Muslimbruderschaft, Al-Husseini etc.) unbewusst leicht Parallelen von national zu nationalistisch und NS-Regime gezogen werden konnten, ohne dass es ausgesprochen oder direkt angespielt wurde.
Des Weiteren, und hier Strafe ich deren Aussagen Lügen, und ganz bewusste Lügen, jedoch sicherlich nicht ohne Zweck: es wurde stark darauf insistiert, dass Zionismus nichts, aber auch rein gar nichts mit Judesein und Judentum zu tun habe, und dass Zionisten Atheisten seien. Nun verhält es sich aber so, dass man -ausser einem verschwindend kleinen Anteil an Konvertiten- wenn man von jüdischen Menschen spricht, als Jude, oder mit jüdischen Wurzeln geboren wird. Ethnos. Volk. Man kann dann gläubig und praktizierend sein, mehr oder weniger, oder Atheist sein – doch man ist immer noch Jude, von der Wiege bis zur Bahre. Also kann es Zionisten geben, die Atheisten sind, und Juden sind. Aber es gibt sehr viele Zionisten, die ihr Judentum praktizieren, und G-ttes Namen heiligen, die Torah studieren und beten, also religiös sind – gläubige Juden.

Es ist aber überall in dieser pro-Palästina Bewegung eine rechte Besessenheit, Zionismus und Judentum trennen zu wollen, Israel von seiner Bedeutung für Juden und das Judentum trennen zu wollen. Denn nur so, stellt man sich vor, kann man getrost sagen, ich habe nur etwas gegen Zionisten, nicht aber gegen die Juden!
Nur so, stellt man sich vor, kann Antizionismus kein Antisemitismus sein. Aber wie oft, wieviel Zion im Tanakh, in den Schriften, in den Gebeten, in den Festen, in den Festen des Naturzyklus seit 3000 Jahren vorkommen -„Nächstes Jahr in Zion“ und „Wenn ich dich vergässe, oh Zion“ – wird bewusst lieber vergessen und verdrängt in einem Elan von Unehrlichkeit.
Und bitte, wer unterrichtet über etwas, wovon die Person kaum Verständnis hat; wer lässt denn Antisemiten und Antizionisten über das lehren, was sie hassen? Wie ehrlich wird diese Lehre sein? …
