1 Jahr, 1 Tag

Es ist jetzt ein Jahr her, dass ich meine Transition von Frau zu Mann abgebrochen habe und wieder ganz als Frau lebe. Es geht mir gut.

So gut wie alle Menschen, denen ich davon erzählt habe, haben positiv reagiert und sich mit mir gefreut – ob queer oder nicht queer, ob trans oder cis. Was für sie zählt, ist dass es mir gut geht und ich auf dem für mich richtigen Weg bin – und dafür bin ich ihnen dankbar.

Seitdem meine Testosteronwerte nach der letzten Injektion zurückgegangen sind, bekomme ich Estradiolpflaster, die ich nun zweimal wöchentlich wechsle. Dadurch bekomme ich meine weiblichen, weicheren Formen zurück. Natürlich sind andere Wirkungen des Testosterons, wie zum Beispiel der Stimmbruch, unwiderruflich. Doch gerade meine tiefere Stimme stört mich nicht – ich liebe sie und lerne nun noch besser, mit ihr umzugehen. In meinem Vikariat habe ich das Privileg, nun einige Stunden Stimmbildungs- und Gesangsunterricht zu nehmen, und lerne sie dadurch noch besser kennen und nutzen.

Genauso wie ich es vor einem Jahr geschrieben habe, bereue ich auch jetzt die knapp zwei Jahre, die ich als trans Mann gelebt habe, nicht. Es war ein damals überlebensnotwendiger Schritt für mich. Ich konnte nicht mit meiner Weiblichkeit umgehen, und lehnte sie ab. Ich habe in dieser Zeit viel über meine Traumata gelernt, und einige sind nach dem 7. Oktober nochmals aufgerissen worden – doch habe ich auch viel über Weiblichkeit und Frausein gelernt, und mein eigenes Frausein.

Und ich bin allen, die mich auf diesem Weg begleitet haben, dankbar – sei es meiner Psychologin und meiner Endokrinologin, als auch meinen Freunden, oder auch Menschen aus der trans* Community, der inter* Community und der weiteren LGBTQIA+ Community.

Ich habe von der betroffenen Community -also der trans* Community- keine Ablehnung oder Kritik bekommen, nur Verständnis. Dieser Schritt in meinem Leben hat nichts verändert. Ich habe nichts davon gespürt, was man in manchen Medien manchmal lesen oder hören kann: dass es sich hier um eine sektiererische Community handle, die Menschen wie mich ausstossen würde und nichts mehr mit ihnen zu tun haben wolle.

Das hat sicher auch mit der Einstellung der Person zu tun: ich hatte mich vorher über die Auswirkungen von Testosteron informiert, alles gut überlegt, durchüberlegt und «durchgefühlt», bin aufgeklärt worden, habe mir Fragen gestellt, habe intensiv mit anderen trans* Freunden gesprochen und habe alles im Wissen und Einklang mit mir selbst gemacht – im Wissen, dass manche Entwicklungen irreversibel sind (obwohl ich zu dem Zeitpunkt, als ich die Transition anfing, sowieso davon ausging, dass es für mein ganzes restliches Leben sei). Niemand hat mich beeinflusst, oder zu wenig beraten.  Meine Geschichte ist meine eigene, und sicher nicht exemplarisch für andere.

Im Gegenteil, jeder Mensch ist ein einzigartiges Individuum, und es braucht vor allem eine gut, bzw. viel bessere gesundheitliche Versorgung von trans* Menschen in der Schweiz. Das beginnt bei mehr und besser ausgebildeten sensiblen psychologischen Fachkräften bis hin zu spezialisierten Ärzten und medizinischem Personal. Es ist wichtig, dass trans* Menschen vom ersten Moment der Fragestellung an gut begleitet werden – von Fachkräften, die wissen, wovon sie reden, und Ärzte, die gut ausgebildet und spezialisiert sind – daran mangelt es noch immer. Man schaue sich die «Auswahl» an Chirurgen an, wenn es an geschlechtsangleichende Operationen geht, gerade auch bei trans Männern. Aber auch was einen weiteren Geschlechtseintrag für nicht-binäre Menschen angeht, liegt die Schweiz weiterhin zurück – dass es überhaupt vorwärts geht, liegt nur an einigen engagierten Menschen. Ähnlich ist es mit den Rechten intergeschlechtlicher Menschen – ohne den Einsatz Betroffener ginge nichts. Oder die fehlende Inklusion von trans* Menschen in der Antidiskriminierungs-Strafnorm. Die gegenwärtige Dämonisierung von trans* Menschen durch unter anderem Terfs, Politiker und die LGB Bewegung ist nicht nur schmerzlich, sonder unmenschlich und untragbar. Sollte es nicht viel mehr heissen, „Zusammenstehen für gleiche Rechte und ein gutes Leben für ALLE“? Auf jeden Fall.

So gehe ich meinen Weg weiter – Frau, intergeschlechtlich (intergeschlechtlich war ich schon immer und werde es immer bleiben; dies ist eine biologische Tatsache, an der ich nichts ändern kann und nichts ändern wollte, denn ich bin gut, so wie ich bin), mit meiner eigenen Geschichte.

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