„Nicht mehr männlich und weiblich?“ – Queere Theologie zwischen Paulus und Midrasch

Dieser Beitrag basiert auf einer Seminararbeit, die ich an der Universität Bern verfasst habe – überarbeitet und mit Herzblut geschrieben zur Zürich Pride 2025.
Er ist eine theologische Spurensuche durch Bibel, Midrasch und feministische Exegese, mit einer klaren Haltung: Gott ist größer als binäre Kategorien – und queere Menschen sind nicht ein Problem der Bibel, sondern Teil ihrer Verheißung.

„Nicht mehr männlich und weiblich“ – Eine queere Perspektive auf Galater 3,28
Ein Beitrag zur Zürich Pride 2025 – auf Grundlage einer Seminararbeit an der Universität Bern

Es gibt Tage, an denen man gerne mitfeiern würde – und dann spielt der Körper nicht mit. Während also in Zürich die Pride-Parade vorbeizieht, sitze ich zu Hause, ein Getränk in der Hand und einer theologischen Seminararbeit im Kopf, die ich an der Universität Bern geschrieben habe. Vielleicht ist das auch eine Art von Pride: Theologische Reflexion in Regenbogenfarben, mit Schmerzmitteln statt Glitzer, aber dafür mit Liebe und Tiefgang.

Dieser Blogartikel ist aus genau jener Seminararbeit entstanden. Er ist ein Versuch, queere Fragen an einen bekannten biblischen Vers zu stellen – und ehrliche, fundierte Antworten zu suchen. Denn Galater 3,28 („Da ist nicht mehr männlich und weiblich…“) ist nicht nur ein schöner Slogan, sondern eine explosive theologische Aussage mit weitreichenden Konsequenzen. Gerade in einer Zeit, in der nicht-binäre und trans Menschen immer wieder Zielscheibe von Hass und Ausgrenzung sind, braucht es eine queere Rückeroberung der Bibel. Nicht als nette Zugabe, sondern als zutiefst spirituellen, politischen und befreienden Akt.

Was steht da eigentlich?

Galater 3,27–28 lautet in der BasisBibel:

„Ihr alle habt Christus angezogen – wie ein neues Gewand –, denn ihr seid durch die Taufe mit Christus verbunden. Es gibt nicht mehr ›Jude und Nichtjude‹, ›Sklave und freier Mensch‹, ›männlich und weiblich‹: Denn ihr alle seid in Christus Jesus eins.“

Klingt fast zu gut, um wahr zu sein, oder? Eine radikale Aufhebung der Unterschiede, der Trennlinien, der Hierarchien. Kein Geschlechterdualismus mehr. Keine soziale Klassenspaltung. Einheit im Messias – eine neue Gemeinschaft, jenseits von Zuschreibungen.

Aber ist das wirklich so gemeint? Und wie passt das zusammen mit den sogenannten Haustafeln in den paulinischen Briefen, in denen wieder sehr traditionelle Rollenzuweisungen auftauchen? Diese Spannung zwischen „Alle sind eins“ und „Frauen sollen sich unterordnen“ haben viele schon bemerkt – auch und gerade feministische Theologinnen.

Rosemary Radford Ruether: Taufe als Geschlechtsauflösung?

Eine der Pionierinnen feministischer Theologie, Rosemary Radford Ruether, legt in ihren Schriften einen besonderen Fokus auf diesen Vers. Für sie ist Galater 3,28 nicht bloß ein schöner Satz, sondern Ausdruck einer tiefgreifenden Tauf-Theologie: In der Taufe wird ein Mensch „neu geboren“ – nicht mehr als Mann oder Frau, sondern als Teil einer neuen Schöpfung.

Ruether schlägt vor, dass in den frühesten Taufbekenntnissen des Christentums wohl ursprünglich nur die Aufhebung des Geschlechtsunterschiedes genannt wurde („nicht mehr männlich und weiblich“), und die anderen Gegensatzpaare – Sklave/Freier, Jude/Grieche – erst später hinzugefügt wurden. Ihrer Ansicht nach drückt die ursprüngliche Formel eine Art „Auflösung der Geschlechtsidentität“ aus: Wer getauft ist, ist nicht mehr Frau oder Mann, sondern Teil einer geschlechtslosen, geistlichen Wirklichkeit in Christus.

Diese Lesart ist faszinierend – und nicht ohne Probleme. Denn Ruether argumentiert im nächsten Schritt, dass diese Idee letztlich aus einem gewissen Körperverdruss stammt, der in hellenistisch-jüdischen Schriften stark verbreitet war. Besonders in Texten wie dem „Buch der Adam und Eva“ oder bei Philo von Alexandrien wird die Frau als Ursprung der Sünde und das Weibliche als Hindernis zur geistlichen Vervollkommnung dargestellt. Nur durch Keuschheit und Abkehr vom „Weiblichen“ könne man Gott nahekommen.

Für Ruether (und in gewisser Weise auch für viele der frühen Täufer:innen) bedeutet das: Auch Frauen können gerettet werden – aber nur, indem sie aufhören, Frauen zu sein. Indem sie „geistlich männlich“ werden.

Kritik an Ruether: Die Rückkehr zur göttlichen Androgynie

Und hier beginnt meine eigene kritische Auseinandersetzung mit Ruether – gestützt auf rabbinische Texte, insbesondere auf den Midrash Rabbah zu Genesis. Dieser Midrasch (also eine klassische jüdische Auslegung) bietet eine faszinierende Interpretation von Genesis 1,27:

„Gott schuf den Menschen nach seinem Bild, als männlich und weiblich schuf er sie.“

Was bedeutet das? Der Midrash legt nahe, dass der „Adam“, der erste Mensch, ursprünglich androgyner Natur war – also beides: männlich und weiblich zugleich. Nicht als getrennte Personen, sondern als Einheit. Erst später wurden diese Anteile getrennt, beispielsweise in der Erzählung von der „Rippe“ (Gen 2,21–23).

Diese rabbinische Tradition liest die Schöpfung nicht als Hierarchie, sondern als Einheit in Vielfalt. Die Aufhebung des Geschlechts in Galater 3,28 ist dann nicht Ausdruck von Körperverachtung, sondern Rückkehr zur göttlichen Ursprungsform: ein Menschsein jenseits von Dominanz und Unterordnung, ein Leben in gegenseitiger Gleichwertigkeit.

Aus dieser Perspektive wäre „nicht mehr männlich und weiblich“ keine Abwertung des Weiblichen (wie bei Philo oder in gnostischen Tendenzen), sondern die Anerkennung, dass Gott größer ist als binäre Kategorien – und dass auch wir, als Ebenbilder Gottes, diese Ganzheit in uns tragen.

Paulus im Spannungsfeld

Auch Elisabeth Schüssler Fiorenza, eine weitere herausragende feministische Theologin, sieht Galater 3,28 als revolutionäre Vision. Doch sie nimmt zugleich die Spannung ernst, in der Paulus lebt: Einerseits ist da die Erfahrung einer neuen, gleichberechtigten Gemeinschaft in Christus. Andererseits lebt Paulus in einer Gesellschaft, die patriarchal, hierarchisch und römisch geprägt ist – und er weiß: Wenn die junge christliche Bewegung als sexuell ausschweifend, anarchisch oder gefährlich wahrgenommen wird, droht ihr das Aus.

So erklärt Schüssler Fiorenza die sogenannten Haustafeln (z. B. in Epheser 5) nicht als Korrektur, sondern als pragmatische Ergänzung: Ein ethischer Rahmen, damit das Zusammenleben im Alltag funktioniert – ohne die eigentliche Vision aus Gal 3,28 zu verleugnen.

Auch ich sehe das so. Für mich widersprechen sich diese Texte nicht zwangsläufig. Gal 3,28 ist ein theologisches Grundbekenntnis. Die Haustafeln sind ethische Orientierung – unter den Bedingungen der damaligen Zeit.

Was bedeutet das heute – queer gelesen?

In einer Zeit, in der Transfeindlichkeit gesellschaftlich wieder salonfähig wird, in der nicht-binäre Menschen immer wieder unsichtbar gemacht, ausgelacht oder attackiert werden, ist es umso wichtiger, biblische Texte gegen den Strich der Tradition zu lesen. Galater 3,28 kann dabei ein Schlüsselvers sein – aber nur, wenn wir ihn nicht platt idealisieren.

Denn: Es geht nicht um eine Abschaffung von Vielfalt. Es geht nicht darum, „neutral“ zu sein, oder „geschlechtslos“ im Sinne von „nichts mehr empfinden“. Es geht darum, die herrschaftsfreien Räume zu erkennen, in denen Menschen als Menschen gesehen werden – nicht als Rollen.

Wenn also nun „nicht mehr männlich und weiblich“ ist, dann bedeutet das nicht das Verschwinden des Queeren – sondern sein Erblühen. Dann heißt das: Gott begegnet uns jenseits aller Zuordnungen, aber mit radikaler Liebe zu dem, was wir sind.

Oder, um es mit einem modernen Midrasch zu sagen:
„Gott schuf die Vielfalt nicht, um sie am Taufbecken wieder abzuwaschen, sondern um in ihr zu wohnen.“

Fazit: Eine Theologie der Befreiung, nicht der Unterordnung

Ich glaube nicht, dass Paulus mit Galater 3,28 eine „geistliche Männlichkeit“ als Ideal propagieren wollte. Ich glaube auch nicht, dass wir uns nur dann Gott nähern können, wenn wir geschlechtlich „unsichtbar“ werden. Im Gegenteil: Gerade im Anerkennen der Vielfalt liegt die Kraft der neuen Schöpfung.

Die rabbinische Vorstellung eines ursprünglichen, androgynen Menschen leuchtet mir da mehr ein: Gott schafft das Menschliche als Ganzheit – nicht als Hierarchie. Und Gott ruft uns in diese Ganzheit zurück. Ohne Machtspiele, ohne Zwangsjacken, ohne Abwertungen.

Pride ist also mehr als eine Parade. Es ist eine geistliche Haltung. Eine Hoffnung. Ein Bekenntnis: Dass wir alle nach Gottes Bild geschaffen sind – queer, trans, nicht-binär, hetero, cis.
Und dass in Christus all das aufscheint, was die Welt versucht zu trennen.

Denn: Ihr alle seid eins.


Quellen und weiterführende Literatur

Bibeltexte und Ausgaben

Feministische Theologie

  • Radford Ruether, Rosemary: Sexism and God-Talk, Beacon Press, 1993.
  • Radford Ruether, Rosemary: Women and Redemption, Minneapolis, 1998.
  • Schüssler Fiorenza, Elisabeth: In Memory of Her, New York, 1994.
  • Eskenazi, Tamara Cohn (Hg.): The Torah: A Women’s Commentary, New York, 2008.

Midrasch und jüdische Auslegung

  • Gottlieb, Ephraim / Williams, Peter J.: „Midrash Rabbah (MidRab)“. In: Encyclopedia of the Bible and Its Reception Online, De Gruyter, 2021.
  • Rothenberg, Naftali: The Wisdom of Love: Man, Woman and God in Jewish Canonical Literature, Academic Studies Press, 2009.
  • Antonelli, Judith S.: In the Image of God, Aronson, 1995.
  • BASKIN JUDITH R., Midrashic Women: Formations of the Feminine in Rabbinic Literature, Brandeis University Press, 2002.
  • NEUSNER JACOB (Hg.), Genesis Rabbah: The Judaic Commentary to the Book of Genesis. A New American Translation, Vol. 1–3, Atlanta: Scholars Press, 1985.
  • SAMELY ALEXANDER u.a. (Hg.), Classical Midrash: Bereshit Rabbah, The Midrash Project, Centre for Jewish Studies, University of Manchester. Online: https://www.corpusmidrash.org/bereshit-rabbah

Bibelkommentare (Galater / Epheser / Genesis)

  • Betz, Hans-Dieter: Galatians, Fortress Press, 1988.
  • Bruce, F.F.: The Epistle to the Galatians, Michigan, 1982.
  • Longenecker, Richard N.: Galatians, Word Books, 1990.
  • Moo, Douglas J.: Galatians, Baker Academic, 2013.
  • Barth, Markus: Ephesians, Doubleday, 1960.
  • Barth, Markus / Blanke, Helmut: Colossians, The Anchor Bible, Doubleday, 1994.
  • Schnackenburg, Rudolf: Der Brief an die Epheser, EKK, Neukirchener Verlag, 1982.
  • Sellin, Gerhard: Der Brief an die Epheser, Vandenhoeck & Ruprecht, 2008.
  • Schweizer, Eduard: Der Brief an die Kolosser, EKK, Neukirchener Verlag, 1980.
  • Von Rad, Gerhard: Das erste Buch Mose – Genesis 1–12,9, Göttingen, 1953.
  • Speiser, E.A.: Genesis, Yale University Press, 1974.
  • Wenham, Gordon J.: Genesis 1–15, Word Books, 1987.

Einführende Literatur

  • Marguerat, Daniel (Hg.): Introduction au Nouveau Testament, Éditions Labor et Fides, 2004.

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