Wie ich als jüdische Frau meinen Weg in der reformierten Kirche finde – ehrlich, suchend, und mit beiden Füßen auf heiligem Boden.
Dieser Text ist sehr persönlich.
Er ist keine fertige Antwort, sondern ein Innehalten mitten im Weg.
Ich schreibe ihn als Jüdin – und als jemand, die in der reformierten Kirche lebt und arbeitet.
Ich schreibe ihn, weil mir eine einfache, ehrliche Frage gestellt wurde:
„Wie bekommst du das eigentlich hin?“
Es gibt darauf keine schnelle Antwort.
Aber ich versuche, eine ehrliche zu geben.
Zwischen Geschichte und Gegenwart. Zwischen Wunden und Wachsen. Zwischen Fragen und Vertrauen.
Ich schreibe, um zu erinnern, um zu verbinden – und vielleicht, um Mut zu machen, das Eigene zu leben.
Nicht trotz Spannungen.
Sondern in ihnen – und mit ihnen.
Gestern hat mir jemand eine ehrliche, gute Frage gestellt:
„Wie bekommst du das eigentlich hin – als Jüdin in der reformierten Kirche zu arbeiten?“
Ich musste lächeln. Nicht, weil ich die Antwort wüsste – sondern weil ich mir diese Frage selbst schon oft gestellt habe.
Es gab Momente im Studium, in der Ausbildung, im Alltag, in denen ich mich selbst gefragt habe: Was tue ich hier eigentlich? Und es gab andere Momente, in denen ich nicht gefragt, sondern nur gespürt habe – wie eine Verräterin. Wie viele meiner Vorfahren wurden im Namen des Christentums verfolgt, gedemütigt, ermordet? Wie oft hat sich christliche Theologie gegen das Judentum gewandt – theologisch, gesellschaftlich, politisch?
Und dann stehe ich da – in einer Kirche.
Aber ich stehe nicht dort, weil ich etwas verleugnen will. Sondern weil ich etwas lebe.
Ich arbeite noch an meiner Theologie – sie ist keine fertige Systematik, sondern etwas, das ich bete, schreibe, lebe und suche. Aber sie ist da, in jedem Text, jeder Predigt, jedem Lied, jeder Stille. Ich bin halachisch Jüdin – und habe das erst als Erwachsene erfahren. Es war wie ein Puzzle, das sich zusammenfügte. Jüdisch sein ist für mich kein Abgrenzungslabel. Es ist Zugehörigkeit. Es ist Geschichte, Rhythmus, Atem. Es ist ein Lied, das durch Generationen gesungen wird, und das ich jetzt auf meine Weise weitertrage – mit eigenen Tönen, aber in der gleichen Tonart.
Jesus war Jude. Seine Freunde waren Juden. Seine Lehre steht tief in der jüdischen Tradition – im Hören, im Erinnern, im Lieben. Was er sagt, ist nichts, was sich über die Torah erhebt – sondern etwas, das sie atmet.
„Ich bin nicht gekommen, um das Gesetz und die Propheten außer Kraft zu setzen … sondern um sie zu erfüllen.“
(Matthäus 5,17)
Und dann das Doppelgebot der Liebe – so jüdisch, so kraftvoll, so klar.
Und das Schma Jisrael, das mich immer wieder neu trägt:
„Höre, Israel: Der Ewige ist unser Gott, der Ewige allein. Du sollst den Ewigen lieben mit deinem ganzen Herzen, mit deiner ganzen Seele und mit all deiner Kraft.“
(Dtn 6,4-5)
Ich muss keine Prozente ausrechnen, wie viel jüdisch oder christlich ich bin. Ich bin 100% Jüdin. Und wenn ich in der Kirche bin, bin ich 100% für die Menschen da. Was ich tue, tue ich ehrlich – aus meinem Innersten heraus. Ich will keine „Verzierung“, keine Täuschung, keine Mission in Verkleidung. Ich habe erlebt, wie sich Gruppen mit jüdischem „Anstrich“ schmücken, um Juden zum Christentum zu „bekehren“, aber weder Achtung noch Kenntnis für die jüdische Tradition haben. Das verletzt. Das ist nicht mein Weg.
Und doch – habe ich im Christentum Schönes, Wertvolles, auch Heilendes gefunden.
Gerade in der reformierten Kirche.
Ich empfinde ihre Offenheit, ihre Weite, ihren Raum für Zweifel und Fragen als Herausforderung – und als Einladung. Ich fühle mich ernst genommen in meiner Geschichte. Ich bin hier nicht, weil ich alles gleich glaube. Sondern weil ich hier glauben kann – auf meine Weise.
Ich habe Gott zum ersten Mal als liebenden Vater während eines Yom-Kippur-Gottesdienstes erfahren – in jüdischem Raum, in jüdischer Sprache. Aber ich erlebe die Gegenwart der Ewigen auch in reformierten Liturgien, in Liedern, im Brotbrechen, im gemeinsamen Gebet. Es ist nicht dasselbe – aber es ist nicht im Widerspruch. Es ist ein Gespräch. Ein Weg. Eine Suche.
Ich glaube nicht, dass wir alle „eigentlich das Gleiche glauben“. Das wäre zu einfach – und unehrlich. Es gibt Unterschiede. Tiefe Unterschiede. Aber es gibt auch Räume der Begegnung, der Berührung, der Gemeinsamkeit. Und ich bin auf der Suche nach einer Sprache dafür. Einer Sprache der Liebe. Des Vertrauens. Der Befreiung. Und der Erinnerung.
Vielleicht bin ich eine Brücke.
Nicht zwischen „Jude“ und „Christ“. Sondern zwischen Menschen.
Zwischen Wurzeln und Wegen. Zwischen Liedern und Leben.
Ich bin unterwegs. Und ich gehe nicht allein.
Gebet zwischen den Welten
Ewiger,
Du, der Du warst,
und bist,
und bleibst –
Du kennst meine Wurzeln.
Du hast mich gekannt,
als noch niemand wusste,
wo mein Weg mich hinführen würde.
Du hast das Lied gehört,
das in mir klingt –
dieses alte Lied,
das durch Jahrhunderte getragen wurde,
von Müttern und Vätern,
von Tränen und Hoffnung,
von Fragen,
von Glauben,
von Treue.
Ich bin Dein.
Und ich stehe vor Dir,
nicht zwischen den Stühlen,
sondern auf heiligem Boden,
zwischen zwei Ufern,
und doch getragen vom selben Strom.
Ich danke Dir für die Weite,
die ich in fremden Räumen finde,
für Worte,
die mich heilen,
für Lieder,
die mich rufen,
für Menschen,
denen ich dienen darf,
nicht als Widerspruch,
sondern als Brücke.
Bewahre in mir
die Ehrlichkeit des Fragens,
die Klarheit der Erinnerung,
die Demut im Reden
und das Licht der Liebe.
Lass meine Theologie
nicht nur aus Büchern wachsen,
sondern aus Begegnung,
aus Gebet,
aus gelebtem Mitsein.
Und wenn ich zwischen den Welten gehe –
sei Du mein Weg.
Amen.
Wunderschön!! Danke vielmals für diese Worte und für dein mitgehen mit den Menschen zwischen den Welten . Das berührt mich sehr 🌹
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Vielen Dank für deine lieben Worte! Ich wünsche Dir noch eine gute restliche Woche.
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Bonjour Ari.
Merci pour ce texte profond, sincère et plein d’espérance, par lequel tu nous partages un peu de ton chemin de foi, avec nos frères et sœurs réformés et aussi avec nos frères et sœurs d’Israël !
Avec mes salutations amicales,
Pierre-Alain, un membre de la communauté des Bulles, émigré depuis 2014 vers Vevey
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Cher Pierre-Alain, je te remercie, et salutations vers toi à Vevey
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