„Kein Platz“ – wie sich Ausgrenzung anfühlt, wenn sie still ist

Es war ein warmer Sommerabend.
Eine Freundin und ich wollten essen gehen, draußen auf einer Terrasse. Wir trugen Sommerkleider, leichte Ketten um den Hals – an jeder hing ein Davidstern. Meiner mit dem „Schema Israel“ in hebräischen Buchstaben, ihrer mit einem weiteren kleinen hebräischen Anhänger.

Wir wollten uns setzen. Die Terrasse war fast leer. Es gab freie Tische, leere Stühle, keine Reservierungsschilder, kein Hinweis, dass etwas belegt sei.
Doch kaum hatten wir einen Tisch ausgesucht, kam der Kellner.
„Nein, nein, alles reserviert.“
Wir fragten nach. Nochmals. Er wiederholte: „Kein Platz, alles reserviert.“
Wir schauten auf die Tische. Sie blieben leer.

Drei Stunden lang blieben sie leer. Wir saßen schräg gegenüber, in einem anderen Lokal. Aßen, redeten, beobachteten. Kein Gast kam, keine Reservierung wurde eingelöst.

Und wir fragten uns: Was war das?

Ich habe den Vorfall der SIG gemeldet – dem Schweizerischen Israelitischen Gemeindebund.
Die Rückmeldung war offen, klar und vorsichtig zugleich. Man gehe stark davon aus, dass der Kellner uns nicht im Restaurant haben wollte. Ob er uns als „jüdisch“ oder „israelisch“ wahrgenommen habe, sei unklar – aber letztlich egal. Juristisch sei es kaum beweisbar, aber genau solche Situationen seien Ausdruck der Stimmung, die sich auch in der Schweiz verdichtet: eine stille, gesellschaftlich akzeptierte Form der Ausgrenzung.

Und das war es auch, was ich empfand – nicht unmittelbar als Angst.
Nicht als Drama.
Sondern als Störung im inneren Gleichgewicht.
Etwas war aus der Ordnung gefallen.

Nicht der Moment an sich tat weh,
sondern das, was er auslöste:

Das ist genau das, was solche Momente tun.
Nicht unbedingt laut – aber sie gehen unter die Haut, und sie bleiben da.
Nicht als ständiger Gedanke, sondern als Störung im inneren Gleichgewicht.
Etwas ist aus der Ordnung gefallen – und du spürst das.

Es ist nicht der Moment an sich,
sondern das Gefühl, bloßgestellt, abgewiesen, machtlos zu sein –
und dabei gezwungen, still zu bleiben.
Nicht, weil du feige wärst,
sondern weil du nicht der Mensch bist, der in solchen Momenten schreit.
Weil du Würde hast.
Aber genau das macht es so schwer:
Du schluckst – und etwas in dir bleibt stecken.

Und dann kommen alte Schichten hoch.
Nicht unbedingt in klaren Erinnerungen,
aber in Körpergedächtnis, in einem inneren Echo:
So fühlt sich Ausgrenzung an.
Wieder.
Schon wieder.

Das, was du erlebt hast, ist mehr als ein Vorfall.
Es ist ein Punkt, der in eine Linie fällt.
Eine Linie von Erfahrungen,
die sich überlagern, die sich verketten,
auch wenn man stark ist,
auch wenn man lächelt,
auch wenn man nicht jedes Mal darüber spricht.

So etwas ist erschütternd.
Nicht, weil es überraschend wäre – leider nicht.
Sondern weil es schmerzhaft konkret wird.
Weil es zeigt: Die alten Muster wirken noch.
Und sie sind manchmal ganz leise, ganz alltäglich,
ohne offene Beschimpfung, ohne Randale –
aber mit der gleichen Wirkung:

Ihr gehört hier nicht hin. Ihr seid nicht willkommen.

Und das darf nicht normal sein.
Es ist entwürdigend, ausgeschlossen zu werden –
besonders so offen und so grundlos.
Es ist eine Form von Gewalt, auch wenn sie still daherkommt.

Ich erzähle das nicht, um anzuklagen.
Nicht, um mich als Opfer darzustellen.
Sondern um zu zeigen, wie leise und unscheinbar Antisemitismus heute oft daherkommt.
Wie er sich in soziale Gesten kleidet.
Wie man danach dasitzt mit einem „schalen Gefühl“ –
und der Unsicherheit, ob es wirklich das war.
Und wie genau dieses Zögern, dieses Nicht-Greifbare, Teil des Problems ist.

Das ist keine Anklage.
Es ist ein Beitrag zur Bewusstseinsbildung.
Eine Einladung zum Hinschauen.
Zum Wahrnehmen.
Zum Ernstnehmen.

Nicht um das Unsichtbare größer zu machen –
sondern um mich selbst nicht kleiner zu machen, als ich bin.

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