Mit vollem Herzen – Mein Vikariatsjahr in der Offenen Kirche Elisabethen

Es ist kaum zu glauben, aber es ist fast genau ein Jahr vergangen, seit ich am 1. August mein Vikariat in der Offenen Kirche Elisabethen angetreten habe. Ein Jahr, das sich zugleich wie ein Augenblick und wie eine ganze Welt anfühlt. Ich bin eingetreten in diesen Raum, mit den Füßen noch halb im Umzugskarton, den Kopf noch voller Masterprüfungen, das Herz offen und gespannt – und habe mich gefragt: Werde ich das schaffen? Werde ich genügen? Werde ich bestehen?

Heute, am Ende dieses Jahres, kann ich sagen:
Ich habe nicht nur durchgehalten – ich habe gelebt. Geliebt. Gelitten. Gefeiert. Gefragt. Gefunden. Und bin gewachsen – durch vieles hindurch.

Ankommen

Mein Start war leise, fast heimlich. Frank, mein Vikariatsleiter, war im Urlaub – wie jedes Jahr, wenn es in Basel heiß wird, zieht er sich in die Kühle zurück. Es war also nicht der laute Empfang, kein Paukenschlag. Und doch war es ein warmes Willkommen. Marcin, unser Techniker, und der Präsenzdienst nahmen sich Zeit, zeigten mir die Kirche, erklärten mir Abläufe, begegneten mir mit einer Selbstverständlichkeit des Angenommenseins, die ich nie vergessen werde.

Die Offene Kirche Elisabethen war vom ersten Tag an kein bloßer Arbeitsplatz, sondern ein Raum des Vertrauens, des Miteinanders – und ja: auch ein Raum der Gnade.

Ein Team, das trägt

Ich hatte Glück – oder besser: Ich war beschenkt. Frank war nicht nur ein kompetenter, erfahrener Vikariatsleiter, sondern auch ein Mensch mit einem feinen Gespür für Raum und Ermutigung. Und dann Anne, die zweite Geschäftsleitung, mit ihrer aufmerksamen Zugewandtheit und ihrem Humor, Sevi im Büro, Marcin mit seiner ruhigen Kraft. Ein Team, das mitdenkt, mithält, mitlacht.

Auch der Vikariatskurs war für mich ein echtes Geschenk. So viele unterschiedliche Menschen – aus verschiedensten kirchlichen und persönlichen Hintergründen – und dennoch: von Anfang an ein Miteinander in Offenheit, Respekt und Neugier. Wir haben diskutiert, gelacht, gegessen, getrunken, geteilt, gedacht, Theologie betrieben – und manchmal auch einfach nur beieinander ausgehalten.

Diese Gemeinschaft war intensiv – und vielleicht ging die Zeit auch deshalb so schnell vorbei. Weil sie voll war. Voller Leben, voller Lernen, voller Begegnung.

Körper-Grenzen und Willenskräfte

Ein Teil dieses Jahres war auch mein Körper. Nicht als Nebensache, sondern als ständiger Mitreisender – manchmal im Widerstand, oft im Schmerz, immer real. Im Oktober kam der erste Nierenstein, mit Komplikationen, Infektionen, Antibiotika, einer Niereninsuffizienz, die fast zur Sepsis führte. Im April folgte dann meine Brustaufbau-OP. Eine bewusste Entscheidung, aus einem tiefen inneren Wunsch heraus.

Ich wollte diesen Schritt machen – hier, im Rahmen des Vikariats, in einer Kirche, in der ich mich nicht erklären muss. Wo Verständnis kein Bonus, sondern Grundhaltung ist. Ich wollte danach in die Kirchgemeinde gehen, vollständig in meinem Körper, in meiner Geschichte, ohne anstehende Operationen. Einfach ich.

Dann – als wäre das nicht genug – kam der zweite Nierenstein, diesmal auf der anderen Seite. Und dazwischen: Schübe der juvenilen Arthritis, Ambrosia-Asthma, Schmerzen, Müdigkeit.

Aber ich bin gegangen. Schritt für Schritt.
Weil ich wollte. Weil ich will.
Und weil ich gelernt habe, dass Durchhalten nicht bedeutet, keine Hilfe zu brauchen – sondern Hilfe anzunehmen, die da ist.

Und da war sie. Anne, Frank, Vikarinnen, Freunde, meine Mutter, meine Tante, meine Kinder – sie alle haben getragen, gefragt, gehalten. Und ja, gerade die Beziehung zu meinen Kindern ist in dieser Zeit gewachsen, anders geworden, kostbarer noch. Ich bin Mutter. Auch wenn sie 19 und 26 sind – ich bleibe es. Und wir bleiben verbunden.

Feiern, Sprache, Gesten

In diesem Jahr habe ich nicht nur gelernt zu „arbeiten“ – ich habe entdeckt, was ich liebe. Was mir liegt. Was ich bin.

Ich liebe das Feiern. Nicht im Party-Sinn – sondern das liturgische Feiern. Die Gestaltung von Gottesdiensten, das Finden von Worten, die Gott und Menschen zugleich berühren können. Ich stehe gern an dieser Kreuzung – nein: diesem Verbindungspunkt. Nicht zwischen Gott und Menschen wie eine Mauer, sondern als jemand, durch den etwas fließt. Sprache. Gebet. Raum. Gnade.

Predigen liegt mir, ja. Aber noch mehr das Ringen um gute Liturgie, das Feiern mit Menschen, das Finden von Gesten. Da war Frank ein hervorragender Lehrer. Nicht dogmatisch, sondern mit Humor, mit Mut zur Herausforderung. Seine „Überfallsresistenz“ – das spontane Andachtmachen ohne Vorwarnung – hat mich geprägt. Und gelehrt, dass man vorbereitet sein kann, gerade wenn man es nicht ist.

Seelsorge, Ohnmacht, Nähe

Seelsorge war ein weiterer Schatz. Dass Menschen sich öffnen, anvertrauen, ihre Verletzlichkeit teilen – das ist ein kostbares Gut. Nicht immer leicht. Manchmal habe ich mich auch ohnmächtig gefühlt. Aber auch das gehört dazu: nicht alles lösen zu können, aber da zu sein. Mitzuschwingen. Mitzutragen.

Meine Theologie: tastend, jüdisch, biblisch

Dieses Jahr war auch ein Beginn: Der Beginn meiner eigenen Theologie. Ich habe gefragt, gesucht, gespürt, geschmeckt, ausprobiert. Dinge getan, von denen ich dachte: Das ist doch nichts für mich! – und manches davon war es doch.

Ich habe angefangen, mich von Meinungen anderer nicht mehr beeindrucken zu lassen, sondern sie zu respektieren – ohne mich davon drücken zu lassen. Ich will keine Theologie betreiben, um zu provozieren. Sondern weil ich bin, wer ich bin. Und weil alle anderen genauso sind, wie sie sind.

Ich bin eine Jüdin in der Kirche.
Und so gehe ich meinen Weg.

Ich fühle mich gezogen zu einer biblischen Theologie – aber nicht im evangelikalen Sinn. Sondern im Sinne einer spielerischen, rabbinischen, tastenden Arbeit mit Bildern, Geschichten, Widersprüchen. Ich vertraue – wie Frank es sagt – den alten Worten. Nur: Für ihn sind es die Konzilsworte. Für mich sind es die jüdischen. Die Psalmen, die Propheten, die Tora.

Ich will lernen. Ich will Brücken bauen.
Denn das ist eines meiner Pfarrbilder:
Die Brückenbauerin. Die Oasenpflegerin. Die Alchemistin.

Technisches, Praktisches – und ein volles Herz

Nein, ich habe noch nicht alles gelernt. Noch nicht alles alleine gemacht. Aber das ist okay. Das Vikariat ist wie der Führerschein: Man lernt fahren, aber man ist noch keine Fahrerin. Man braucht Praxis. Und die kommt. Ich bin gespannt auf meine erste Fahrstelle. Ein bisschen nervös, aber vor allem: erwartungsvoll.

Kurios vielleicht: Ich habe in diesem ganzen Jahr kein einziges Abendmahl ganz allein gefeiert. Das ist wohl der Spezifik der Offenen Kirche Elisabethen geschuldet – und kein Drama. Ich durfte dafür Taufen feiern, bei Trauungen mitwirken, Beisetzungen gestalten, Gottesdienste halten, Unterricht geben, Andachten schreiben, viele liturgische Erfahrungen sammeln – auch mit Philipp Roth in Binningen-Bottmingen, mit Dave und Franziska in Kleinbasel.

Und ich bin allen, die mich begleitet haben, zutiefst dankbar. Für Ermutigung. Für Rückmeldungen. Für Vertrauen.

Und dann war da noch die Reise nach Schottland und England mit dem Vikariatskurs – eine wunderbare Erfahrung. Nicht nur landschaftlich, sondern zwischenmenschlich. Ich habe dort Menschen nicht nur als Kolleginnen, sondern als Freundinnen erlebt.

Ein Jahr voller Leben – und Widerstand

Parallel lief auch mein Engagement gegen Antisemitismus – sichtbar, öffentlich, manchmal erschöpfend, aber nie sinnlos. Ich habe dabei viele wundervolle Menschen kennengelernt.

Und ich bin müde, ja. Körperlich.
Aber mein Herz ist voller als je zuvor.

Wenn ich irgendwann einmal sterbe,
dann wird das alt und lebenssatt sein.
Im besten Sinne.

Ich habe mich in diesem Jahr oft gefragt: Was mache ich überhaupt hier – als Jüdin in der Kirche? Wird man mich wollen, akzeptieren – gerade angesichts all der Palästina-Sympathie, der Haltung im ÖRK?

Und doch: Ich glaube, ich bin auf dem richtigen Weg.
Weil ich ihn nicht gegen andere gehe, sondern als ich selbst.
Und weil er offen bleibt für Gottes Nähe – in den Bruchstücken, im Suchen, im Feiern.

Mein Körper ist müde.
Aber mein Herz ist voll.
Und mein Weg geht weiter.

Amen.

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