Lieber Ivo Scherrer, ich hätte es auch geschrieben, wenn ich es so gemeint hätte.

Ein Blogbeitrag in eigener Sache – und über Missverständnisse, Vielfalt und rote Linien

Wenn man öffentlich schreibt, muss man mit Widerspruch rechnen. Das gehört dazu – solange man sich auf das bezieht, was ich tatsächlich gesagt habe. Wer mit mir nicht einverstanden ist, darf das gerne sagen, widersprechen, korrigieren, erweitern. Nur: Man sollte mir nichts unterstellen, was ich gar nicht gesagt habe. Das ist mir wichtig.

Vergangene Woche habe ich einen Artikel veröffentlicht, der von vielen Menschen positiv aufgenommen wurde – und von anderen sehr kritisch. Das ist ihr gutes Recht. Eine Replik aus dieser kritischen Richtung kam vom Journalisten Ivo Scherrer in der Republik. Ich habe seinen Text gelesen, mehrmals, und möchte nun etwas dazu sagen.

Nicht, um eine Debatte anzuheizen, sondern um etwas zurechtzurücken. Und vielleicht auch, um etwas Grundsätzliches über Diskurs, Differenz und den Umgang miteinander zu sagen – in Zeiten, in denen alles so schnell eskaliert, gerade wenn es um Israel, Judentum, Antisemitismus geht.

Was ich gesagt habe – und was nicht

Wenn ich etwas schreibe, dann schreibe ich in der Regel genau das, was ich denke. Und wenn ich etwas nicht schreibe – dann habe ich es auch nicht gedacht.

Ivo Scherrer bezieht sich in seinem Text auf einen Abschnitt in meinem Artikel, in dem ich über Allianzen spreche, über Machtstrukturen und darüber, wie nicht-jüdische Akteure antisemitische Aussagen rechtfertigen, indem sie auf jüdische Stimmen verweisen, die Ähnliches sagen. Ich habe diesen Punkt bewusst gesetzt – nicht um bestimmten Jüdinnen oder Juden das Jüdischsein abzusprechen, sondern um auf ein strukturelles Problem hinzuweisen.

Ich habe nirgendwo gesagt oder auch nur angedeutet, dass antizionistische Jüdinnen und Juden „keine richtigen Juden“ seien. Ich halte solche Aussagen für überheblich und gefährlich. Ich weiß sehr wohl, dass es innerhalb der jüdischen Welt eine große Vielfalt gibt – religiös, politisch, kulturell. Auch innerhalb des ultraorthodoxen Spektrums gibt es differenzierte Positionen zum Zionismus, vom vollständigen Rückzug bis zur vorsichtigen Kooperation.

Es wäre anmaßend, diese Menschen „aus dem Judentum auszubürgern“. Und das würde mir nie einfallen.

Missverständnis oder bewusste Fehlinterpretation?

Ich weiß nicht, ob mein Text missverstanden wurde – oder ob das, was Ivo Scherrer mir vorwirft, eher eine Projektion war. Ich gehe lieber vom ersten aus. Denn ich halte Ivo Scherrer für einen klugen Menschen, der sich Gedanken macht und nicht absichtlich zuspitzt, um jemandem zu schaden.

Trotzdem bleibt: Ich habe nicht gesagt, was er mir vorwirft.

Zionismus ist kein Monolith

Ein zweiter Punkt, der mir wichtig ist: Es gibt nicht den Zionismus.

Zionismus ist ein komplexes, vielstimmiges, historisch gewachsenes und innerjüdisch umkämpftes Phänomen. Von kulturellen Visionen eines Martin Buber über die realpolitischen Strategien eines Theodor Herzl bis hin zu heutigen nationalreligiösen Strömungen oder dem rechtsradikalen Kahaneismus – all das fällt heute unter das Label „zionistisch“, hat aber völlig unterschiedliche Inhalte.

Viele der großen jüdischen Denker:innen waren kritisch gegenüber bestimmten Formen des Zionismus – nicht, weil sie „Selbsthass“ hegten, sondern weil sie sich der Vielfalt jüdischer Existenz verpflichtet fühlten.

Diese Differenzierung fehlt mir oft in gegenwärtigen antizionistischen Diskursen. Da wird Zionismus pauschal zum Feindbild, wird jede zionistische Position mit Siedlungsbau, Rassismus oder Apartheid gleichgesetzt. Das ist nicht nur falsch, es ist auch gefährlich. Weil es reale Menschen und Meinungen verzerrt – und weil es einen Dialog unmöglich macht.

Aber das heißt eben nicht, dass alle jüdischen Stimmen, die Zionismus kritisch sehen, automatisch „keine richtigen Juden“ wären. Ganz im Gegenteil. Diese Stimmen gehören zur jüdischen Vielfalt dazu.

Was ich wollte – und worum es mir ging

Mein Artikel war keine ideologische Kampfschrift. Er war auch kein Versuch, innerjüdische Strömungen gegeneinander auszuspielen.

Ich wollte etwas sagen über Verantwortlichkeit. Darüber, wie schnell jüdische Positionen instrumentalisiert werden, um antisemitische Aussagen zu rechtfertigen. Und darüber, wie gefährlich diese Dynamik ist – gerade in einer Zeit, in der Antisemitismus weltweit zunimmt, aber oft durch einen vermeintlich „legitimen“ jüdischen Rückhalt entschärft wird.

Das hat nichts mit „Judenpolizei“ zu tun. Es geht nicht um Loyalitätsprüfungen oder Identitätsentzug. Es geht um Analyse, Kontext und politische Verantwortung.

Zum Schluss

Ich habe Ivo Scherrers Text nicht mit Wut gelesen. Auch nicht mit Zorn. Eher mit einem Gefühl von: Schade.

Schade, dass wir aneinander vorbeigeredet haben. Schade, dass er mir etwas unterstellt hat, was ich nicht gesagt habe.

Aber vielleicht war das ja auch eine Chance, etwas klarzustellen. Vielleicht lesen diesen Text auch andere Menschen, die sich gefragt haben, was ich eigentlich sagen wollte.

Ich bin für Dialog offen. Immer. Nur bitte – reden wir über das, was ich wirklich sage. Nicht über das, was man hineinliest.

Denn ich schreibe, was ich meine. Nicht mehr – und nicht weniger.

2 Gedanken zu “Lieber Ivo Scherrer, ich hätte es auch geschrieben, wenn ich es so gemeint hätte.

  1. Hallo Ari

    Gerne versuche ich, mein Verständnis Deines Textes zu klären.

    Wenn ich schreibe, dass Dein Text, Zionismus-kritischen Jüdinnen ihre Jüdischkeit abspreche, beziehe ich mich darauf, dass Du schreibst, dass anti-/nonzionistische Jüd:innen ihre Jüdischkeit „vortäuschen„, „missbrauchen„, „als Tarnung“ nutzen würden; dass sie den jüdischen Gemeinschaften „nicht verbunden“ seien; dass sie sich weder mit Tradition noch Theologie auseinandersetzen würden. 

    Wenn Du sagst, dass die Identität einer Person nur vorgetäuscht sei, wenn Du jüdisch in Anführungszeichen setzt, dann suggerierst Du aus meiner Sicht, dass ihre Identität nicht echt sei. Und das lese ich als pauschalisierende Aberkennung und Delegitimierung ebendieser Identität von mir selbst und sehr vieler meiner Freund:innen und Bekannten.

    Hier die Abschnitte, auf die ich mich beziehe:

    • Im Titel setzt Du jüdisch in Anführungszeichen
    • Im Lead schreibst Du explizit: „Über Organisationen, die sich „jüdisch“ nennen, aber mit der jüdischen Gemeinschaft kaum verbunden sind.“
    • Du schreibst im ersten Abschnitt, dass „jüdisch antizionistisch“ eigentlich „ein Widerspruch in sich sei„. Sobald Du diesen Widerspruch als Frame für den Text schaffst, schliesst Du aus. 
    • Diesen Abschnitt finde ich am problematischsten: „Das Ziel: religiöse Legitimität vortäuschen, um die Agenda attraktiver und glaubhafter zu machen. Dabei ist das Verhältnis zur jüdischen Religion oft distanziert bis ignorant. Was zählt, ist das Äußere: Ein bisschen Hebräisch, ein bisschen Feiertagsästhetik – genug, um als „jüdisch genug“ durchzugehen. Die tiefe Auseinandersetzung mit Tradition? Fehlanzeige. Die Vielfalt der jüdischen Theologie? Ignoriert. Es geht um Wirkung, nicht Wahrheit.“
    • An einer anderen Stelle schreibst Du: „Sie missbrauchen jüdische Identität, um eine Agenda voranzutreiben, die nicht nur Israel, sondern auch das jüdische Leben angreift“ 
    • Im Abschnitt zu Strukturen, Strategien und Narrativen schreibst Du: „Religiöse Tarnung: Eigene „Rabbinical Councils“, rituelle Formen – ohne theologische Tiefe, aber mit PR-Wirkung
    • Im Fazit: „Sie missbrauchen jüdische Identität, um eine Agenda voranzutreiben, die nicht nur Israel, sondern auch das jüdische Leben angreift – subtil oder offen.“

    Du schreibst auch, dass diese Gruppen „nicht für uns“ sprechen würden. Wer sind denn „wir“? Und wieso entscheidest Du, wer dazugehört? Aus meiner Sicht hat niemand das Recht für alle zu sprechen.

    Die Mehrheit der jüdischen Welt denkt und fühlt wohl eher zionistisch, ja, und versteht diesen Zionismus auch sehr heterogen, wie Du schreibst. Das heisst aber nicht, dass die Minderheit (die wohl je nach Land unterschiedlich gross ist), ausgegrenzt und diffamiert werden darf – gerade in einer Zeit, in dem der israelische Staat unglaublich grausame Verbrechen begeht. 

    Was mir in Deinem Text auch fehlt ist eine inhaltliche Auseinandersetzung mit der eigentlichen Kritik antizionistischer, nichtzionistischer, postzionistischer Jüd:innen (die wie viele Zionist:innen ja sehr heterogen sind in ihrem Verständnis von Zionismus).

    Mich würde interessieren, was Du zum Beispiel von Peter Beinert, Shaul Magid, Daniel Boyarin, Omri Boehm, Mikhael Manekin und anderen denkst, die alle sehr fundierte politische, philosophische, rechtliche, ethische und theologische Kritik am real-existierenden Staat Israel, seinen Institutionen und deren Verhalten anbringen und Gleichheit für alle Bewohner:innen von Israel-Palästina fordern.

    Einen guten Freitag noch und gut Schabbes,
    Ivo

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    • Lieber Ivo, danke für deinen ruhigen und wohlwollenden Ton – das schätze ich sehr.

      Ich glaube, an manchen Stellen reden wir vielleicht ein wenig aneinander vorbei. Mein Post bezieht sich primär auf Organisationen, nicht auf Einzelpersonen – auch wenn du letztere ins Spiel bringst. Wenn ich schreibe, dass bestimmte Gruppen „nicht für uns sprechen“, dann meine ich damit keineswegs, dass ich darüber entscheiden will, wer jüdisch ist und wer nicht – das steht mir nicht zu und wäre vermessen. Ich spreche in erster Linie für mich selbst. Und wenn ich ein „wir“ verwende, dann meine ich damit das, was ich in meinem Umfeld und darüber hinaus vielfach wahrnehme: eine größere Mehrheit innerhalb jüdischer Kontexte, für die diese Organisationen eben nicht sprechen.

      Umgekehrt beobachte ich – und das ist für mich ein zentraler Punkt – dass in anti-israelischen Kontexten oft genau das Gegenteil passiert: Da zählen auf einmal nur noch die wenigen anti-zionistischen jüdischen Stimmen, während die breite Mehrheit ignoriert, unsichtbar gemacht oder gar delegitimiert wird. Auch das ist ein Ausschluss, der problematisch ist. Kritik ist legitim – auch harte, auch an Israel. Aber bei manchen dieser Gruppen sehe ich keine differenzierte Kritik, sondern eine Nähe zu Terrorverharmlosung oder eine politische Ästhetik, die sich zwar jüdischer Symbole bedient, aber ihre Bedeutung travestiert – etwa bei einem „Pessach-Seder“ von Jewish Voice for Peace, bei dem selbst grundlegende Elemente falsch oder verzerrt dargestellt wurden, bis hin zur verdrehten hebräischen Schrift. Da sehe ich keine ehrliche Auseinandersetzung mit der eigenen Tradition, sondern eher das dekorative Spiel mit Symbolik, um einem politischen Narrativ den Anschein von Authentizität zu geben.

      Natürlich gibt es auch differenzierte, durchdachte jüdische Stimmen, die zionismuskritisch oder anti-zionistisch sind. Namen wie Arendt, Bojarin, Böhm, Beinart nennst du ja selbst. Manche davon kenne ich besser, andere kaum. Und selbstverständlich haben auch sie ihren Platz im Diskurs. Es geht mir nicht darum, Meinungen zu verbieten – sondern darum, welche Stimmen oft öffentlich repräsentativ für „die Juden“ herangezogen werden, während andere systematisch überhört werden.

      Aber vielleicht noch ein paar Dinge zu meinem Text und dem Hintergrund. Mir ging es – anders als Du vielleicht dachtest oder beim Lesen empfandest – nicht darum, die jüdischen Personen, die Teil von Gruppen wie Kollektiv Doykait, Jüdisch Antikolonial, Jewish Voice for Peace oder „Jüdische Stimme für gerechten Frieden“ sind, pauschal zu diffamieren oder gar ihre Jüdischkeit abzusprechen. Es gibt aus meiner Sicht aber berechtigte Kritik an gewissen Aussagen, Symbolen und Allianzen dieser Gruppen, über die man in diesem Zusammenhang sprechen muss, oder zumindest sollte.

      Ein zentraler Punkt meines Textes war die Beobachtung, wie diese Gruppen und ihre Positionen instrumentalisiert werden – und zwar häufig von nicht-jüdischen Personen, um sich selbst gegen den Vorwurf des Antisemitismus zu immunisieren. Es geht also nicht nur um die Gruppen selbst, sondern um das, was mit ihnen gemacht wird:
      Sie werden zu Feigenblättern, zu ideologischen Platzhaltern, zu Beweisstücken A in der Argumentation: „Kann ja nicht antisemitisch sein, was ich sage – schaut, es gibt doch Juden, die das genauso sehen!“

      Und damit werden diese Gruppen – ob sie es wollen oder nicht – Teil eines Spiels, in dem der Rest des jüdischen Spektrums plötzlich nicht mehr zählt. Orthodoxe, Liberale, Progressive, Zionist:innen in verschiedensten Schattierungen, säkulare Israelis, Shoah-Überlebende, Mizrachim, queere Jüdinnen – sie alle werden ignoriert oder gar entwertet. Ihre Stimmen gelten nicht mehr. Es gibt dann die guten Juden, und die anderen dürfen beleidigt, angeschrien oder mit Mordfantasien überzogen werden.

      Ich habe das selbst erlebt. Bei einer Pride. Von einer Person, die „Juden wie du“ gesagt hat. Und dann: „Ihr verdient es zu sterben.“
      Das war keine Hamas-Demo. Das war ein queerer Ort. Und es war keine Ausnahme.

      Die politische Wirkung solcher Gruppierungen ist enorm – nicht unbedingt wegen ihrer Mitgliederzahl, sondern wegen der Art, wie sie von außen wahrgenommen und benutzt werden. Das ist für mich der springende Punkt: Nicht ob sie jüdisch sind (das bezweifle ich nicht), sondern was mit ihnen gemacht wird.
      Sie liefern (ob sie das nun wollen oder nicht) die Argumente für andere, die Antisemitismus neu verpacken – und dabei immer wieder auf dieselben antisemitischen Narrative zurückgreifen, nur eben „kritisch“, „queer“, „intersektional“.

      Ich finde das gefährlich. Und ich finde, wir müssen darüber sprechen dürfen – ohne gleich selbst zum Ziel von Diffamierungen zu werden. Mein Text ist Ausdruck genau dieser Spannung: Wie kann ich etwas sagen, was aus meiner Sicht gesagt werden muss – und dabei trotzdem achtsam, ehrlich und differenziert bleiben?

      Ich danke Dir, dass Du mich mit deinem Kommentar genau dazu noch einmal herausgefordert hast.

      Liebe Grüße
      Ari Yasmin Lee

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