Die Bibel ist für mich mehr als ein Buch – sie ist ein lebendiger Tanz, ein fortwährender Dialog voller Fragen und Antworten. Dieses persönliche Zeugnis erzählt von der Suche nach einer Sprache, die das Wort Gottes spürbar macht, die uns berührt, herausfordert und zugleich mit Freude erfüllt. Es geht um das gemeinsame Suchen, Hören und Weitergeben – um die Schrift als Quelle von Leben und Inspiration.
Die Bibel begleitet mich seit vielen Jahren – mal eng, mal mit innerem Abstand, aber nie gleichgültig. Sie ist nicht nur Gegenstand meines Studiums, sondern etwas Lebendiges: ein Textkörper, mit dem ich ringe, frage, lausche, antworte. Manchmal stoße ich mich an ihr. Manchmal weint sie mit mir. Und manchmal fangen wir an zu tanzen.
Ich glaube nicht, dass man die Bibel „beherrschen“ kann – weder exegetisch noch homiletisch. Aber ich glaube, dass man mit ihr ins Gespräch treten kann. Und dass sie antwortet, wenn man sie mit Liebe, Neugier und Respekt befragt. Für mich ist das Bibellesen kein Pflichtprogramm, sondern eine Einladung – eine Verheißung sogar. Und trotzdem sage ich manchmal zu mir selbst: „Ich sollte mehr Bibel lesen.“ Warum?
Vielleicht, weil ich ahne, dass die Tiefe der Schrift sich nicht im raschen Überfliegen offenbart. Vielleicht, weil ich mir echte Gesprächspartner:innen wünsche, mit denen ich mich gemeinsam mit dem Text auseinandersetzen kann. Vielleicht, weil ich mich manchmal nach einer Art Havruta sehne – nach einer Form des Lernens, wie sie im jüdischen Kontext gelebt wird: dialogisch, ernsthaft, widersprechend und dabei getragen von Freundschaft und einem gewissen heiligen Eigensinn.
Kein Buch wie jedes andere
Die Bibel ist kein einheitliches Werk, kein „Goldbarren aus dem Himmel gefallen“. Sie ist vielmehr eine vielstimmige Sammlung von Texten, Gedichten, Geschichten, Rechtssätzen, Visionen, Ahnungen. Sie ist das Zeugnis einer Jahrhunderte langen Gottesbeziehung – manchmal getragen von Vertrauen, manchmal voller Klage oder Anklage. Und genau deshalb finde ich es falsch, jedes einzelne Wort als „heilig“ zu betrachten – oder als bindend. Es ist nicht jedes Wort heilig, aber der Prozess, in dem wir die Bibel lesen, befragen und in unser Leben sprechen lassen, ist heilig. Heilig ist, was zwischen uns und dem Text geschieht.
Ich möchte eine Kirche, in der die Bibel nicht nur verkündet wird, sondern befragt werden darf. In der Predigt wie in der Seelsorge. Ich möchte keine hermeneutische Gängelung, keine dogmatisch abgesicherten Einbahnstraßen. Sondern eine Haltung des Vertrauens: dass Gottes Geist auch dann weht, wenn wir Fragen stellen. Und vielleicht gerade dann.
Worte, die wirken – oder nicht
Ich bin sprachsensibel. Ich höre genau hin, wenn Bibelworte zitiert werden. Ich merke, wenn etwas „nicht stimmt“, wenn eine Übersetzung aus dem Hebräischen oder Griechischen ungenau ist oder die Pointe verfehlt. Ich glaube, es macht einen Unterschied, ob man sagt „Erbarmen“ oder „Mitgefühl“, ob man von „Sünde“ oder von „Verfehlung“ spricht. Sprache prägt unser Gottesbild, unsere Beziehung zur Welt, unsere Theologie.
Darum sind mir gute Übersetzungen wichtig – nicht um das „Original“ zu ersetzen, sondern um den Text ins Heute zu holen, ihn verständlich und nahbar zu machen, ohne seine Tiefe zu verlieren. Es geht nicht um „modern“ oder „volkstümlich“, sondern um Resonanz. Um die Frage: Kann dieses Wort noch etwas in mir auslösen? Oder bleibt es wie ein toter Buchstabe?
Und die Predigt
Die Bibel begleitet mich seit langer Zeit – als Herausforderung, als Vertraute, als Wegweiserin. Ich lerne aus ihr. Ich frage sie aus. Ich ringe mit ihr. Und ich liebe sie. Sie ist für mich kein abgeschlossenes Buch, sondern ein Geflecht von Stimmen. Ich betrete es immer wieder neu.
In den letzten Jahren ist mein Zugang zur Schrift noch einmal tiefer geworden – besonders durch das Lernen mit jüdischen Auslegungen: der wöchentliche Rhythmus der Paraschot, Diskussionen über Bereshit (Genesis), der Klang von Midrasch. Nicht aus einer romantischen Idee von „jüdischer Tiefe“, sondern aus dem Bedürfnis nach Präzision, nach Nähe zum Text – und aus Respekt vor einer lebendigen Auslegungstradition, die das Fragen nie aufgegeben hat. Ich möchte diesen Respekt nicht verlieren, nur weil ich nun im Pfarramt bin.
Für die Predigt heißt das für mich: nicht in jedem Vers eine christliche „Erfüllung“ suchen oder eine theologische Vereinnahmung betreiben. Es heißt: mit Hoffnung lesen – nicht mit Überheblichkeit. Die Schrift achten: nicht als Besitz, sondern als geliehenes Gut.
Was mir zentral ist? Das Schema Jisrael: „Höre, Israel!“ (Dtn 6,4f). Hören, erinnern, weitergeben. Die Einheit Gottes bezeugen – nicht abstrakt, sondern lebendig. Auch Jesu Worte in der Bergpredigt (Mt 5,17) sprechen mich an: dass er nicht gekommen sei, um die Tora aufzulösen, sondern sie zu erfüllen – zu durchdringen, zu leben. Und das Doppelgebot der Liebe, das Jesus zitiert: Gott lieben (Dtn 6), den Nächsten lieben (Lev 19). Beides gehört zusammen.
Die Beschäftigung mit der Bibel ist für mich Trost, Orientierung, Korrektiv. Die Schrift will gemurmelt, gekaut, bewegt werden. Sie hilft mir, Gott zu suchen – und manchmal auch zu finden. Sie konfrontiert mich mit anderen Lebenserfahrungen – und macht meine eigene deutbar. Ich lese anders, seit ich Gewalt, Verlust, Ausgrenzung erlebt habe. Die Bibel spricht nicht nur zu mir – sie spricht durch mich. Wie durch jeden oder jede, der oder die sie ernst nimmt.
„Die Bibel legt sich selbst aus“, heißt es oft. Ich würde sagen: Ja – aber nur, wenn man sie kennt. Wenn man sich ihr aussetzt. Wenn man die vielen Stimmen zu hören lernt. Die Schrift erschließt sich im Dialog – mit sich selbst, mit den Menschen, mit dem Leben. Und dieser Dialog braucht Geduld, Wissen, Offenheit.
Vielleicht ist es am Ende genau das: ein Tanz mit der Schrift. Ein vorsichtiger, verspielter, manchmal wilder Tanz – mit Pausen, Wiederholungen, plötzlichen Wendungen. So wie die Hakafot an Simchat Tora: keine lineare Bewegung, sondern Kreise, Rücksprünge, Vorwärtsdrang. Freude, nicht Belehrung. Begegnung, nicht Beherrschung. Ich wünsche mir, dass meine Predigten etwas davon bewahren – von dieser Bewegung, dieser Leichtigkeit, dieser Liebe zur Schrift.
Der Tanz mit der Schrift
Was ich mir wirklich wünsche – auch für meine zukünftige Arbeit als Pfarrerin – ist ein Ort, an dem man die Bibel gemeinsam liest. Nicht im Modus der Belehrung, sondern im Austausch. Ein Raum, wo Fragen erlaubt sind. Wo man zusammen grübelt, sich freut, auch mal lacht. Wo jemand sagt: „Das verstehe ich nicht“, und jemand anderes antwortet: „Ich auch nicht. Aber was, wenn wir es so lesen?“
Mein Traum ist ein Bibelgesprächskreis. Oder eben: eine Havruta. Eine kleine Gruppe von Menschen, die einander zuhören, einander herausfordern, sich gegenseitig nähren – geistlich, theologisch, menschlich. Ich glaube, so wächst Glaube. Und so wird die Bibel das, was sie sein kann: keine Antwort, sondern ein Gegenüber. Keine Lehre, sondern ein Gespräch.
Und ich wünsche mir, dass das Ganze eine fröhliche Angelegenheit wird. Wirklich. Wie ein Tanz. Wie an Simchat Tora, wenn die Schriftrollen durch die Synagoge getragen werden, mit Lachen, Gesang, Freude. Die Bibel ist keine Last. Sie ist ein Geschenk. Und sie ruft uns zu: Komm, tanz mit mir!
Die Bibel – kein Ende, sondern ein Anfang
Ich weiß nicht, wie viel Raum das Bibelstudium im Pfarramt haben wird. Aber ich weiß, wie viel Raum ich ihm geben möchte. Ich möchte predigen, ja. Aber noch lieber möchte ich mit Menschen gemeinsam lesen. Mich anregen lassen. Widersprechen dürfen. Fragen stellen, die nicht sofort beantwortet werden. Und dabei spüren, wie etwas wächst. In mir. In anderen. Zwischen uns.
Ich habe nicht alle Antworten – aber ich will weiter fragen. Und ich wünsche mir Menschen, mit denen ich gemeinsam fragen kann. Und eine Gemeinde, in der man das darf.
Damit das Ganze wirklich eine fröhliche Angelegenheit wird.