Die Rufe nach einem Boykott Israels sind in vielen Städten unübersehbar: Sticker, Graffiti, Parolen. Auf den ersten Blick wirken sie wie ein klarer moralischer Appell. Doch was steckt dahinter?
Ein genauerer Blick zeigt, dass dieser Boykott weder konsequent noch wirklich durchdacht ist. Denn wer ihn ernsthaft umsetzen wollte, müsste auf zentrale Teile des modernen Lebens verzichten – von Smartphones bis zur Medizin.
Der folgende Text nähert sich dem Thema in zwei Schritten:
Zunächst betrachtet er, mit Fakten und Beispielen, wie sehr israelische Innovationen unser aller Alltag prägen. Anschließend wirft er einen Blick auf die Doppelmoral und die Widersprüche, die hinter den Boykottparolen stehen.
„Boycott Israel“ – dieser Slogan taucht auf Stickern, an Fassaden und in Social Media-Posts auf. Er wirkt radikal, konsequent und moralisch hoch aufgeladen. Doch schaut man genauer hin, wird klar: Ein wirklicher, totaler Boykott israelischer Produkte und Innovationen wäre nicht nur unbequem, er wäre praktisch unmöglich.
Denn Israel ist nicht nur ein Staat im Nahen Osten, sondern längst ein globaler Akteur in Forschung, Technik, Medizin und Landwirtschaft. Wer ernsthaft boykottieren wollte, müsste sein Leben weitgehend aufgeben.
Technologie
Israel ist seit Jahrzehnten ein Knotenpunkt der Hightech-Industrie. Prozessoren von Intel wurden in Haifa entwickelt, ebenso zahlreiche Speicherchip-Innovationen. Navigationssysteme wie Waze stammen aus Israel. Cybersecurity-Software, die weltweit Banken, Krankenhäuser und Behörden schützt, ist „Made in Israel“.
Ohne diese Beiträge wären viele Smartphones, Laptops, Autos und IT-Systeme nicht denkbar.
Kommunikation
Von WhatsApp über Video-Konferenzsysteme bis hin zu 5G-Technologien: israelische Entwicklungen stecken in fast jeder modernen Kommunikationsform. Viele dieser Anwendungen sind so tief in globalen Netzwerken verankert, dass man sie nicht einfach herauslösen könnte. Wer ernsthaft boykottieren wollte, müsste den Stecker ziehen – kein Internet, kein Social Media, kein modernes Telefon.
Alltag
Auch im scheinbar „bodenständigen“ Alltag begegnen uns israelische Innovationen: Tropfbewässerungssysteme, die weltweit Felder bewässern, gerade in trockenen Regionen. Wasserfilter, die Zugang zu sauberem Trinkwasser sichern. Neue Obst- und Gemüsesorten, die resistenter sind und länger haltbar bleiben. Wer konsequent boykottieren wollte, müsste also auf vieles verzichten, was im Supermarkt selbstverständlich wirkt.
Medizin
Besonders deutlich wird es in der Medizin. Zahlreiche lebensrettende oder lebensverlängernde Therapien und Geräte stammen aus Israel:
- das PillCam-Endoskop, eine winzige Kamera in Kapselform, die den Darm untersucht, ohne invasive Eingriffe;
- das Israeli Bandage, heute weltweit Standard in Notfallmedizin und Militär;
- Copaxone für Multiple-Sklerose-Patient:innen;
- Azilect bei Parkinson;
- innovative Krebsbehandlungen wie Doxil oder das NovoCure Optune-System;
- bildgebende Verfahren wie die 3D-Holografie von RealView oder KI-Diagnostik von Zebra Medical;
- Geräte wie BrainsWay TMS zur Behandlung von Depressionen.
Kurz: Wer ernsthaft boykottiert, müsste im Krankheitsfall auf zentrale Therapien verzichten.
Selektive Moral
Dass dies kaum jemand ernsthaft umsetzt, zeigt die Widersprüchlichkeit des Boykotts. Lautstark gefordert wird er dort, wo er sichtbare Zeichen setzt: auf Fassaden, in Universitäten, in Kulturinstitutionen oder an jüdischen Geschäften. Orte, wo Jüdinnen und Juden in der Diaspora direkt getroffen werden können.
Doch dort, wo ein Boykott unbequem oder gar lebensbedrohlich wäre – in der medizinischen Versorgung, bei alltäglicher Kommunikation, bei der eigenen digitalen Existenz – schweigt man. Die Konsequenzen werden ausgelagert, der moralische Anspruch bleibt aber aufrecht.
Damit ist der Boykott weniger ein ethischer Konsumaufruf als ein politisches Druckmittel. Er entlastet die Boykottierenden selbst, kostet sie nichts – und trifft dafür jene, die am verwundbarsten sind: jüdische Minderheiten im Ausland, die ohnehin schon Anfeindungen und Angriffen ausgesetzt sind.
Selektiv empört, bequem vernetzt
Konsequent sein wäre ja auch unbequem. Lieber also weiter ins Smartphone tippen, den Boykott-Hashtag posten – ohne zu ahnen (oder ohne wissen zu wollen), dass genau dieses Gerät von israelischen Chips, Patenten und Software lebt. Aber Hauptsache, die Parole klebt groß genug an der Hauswand: „Boycott Israel“.
Freiheitsparolen mit Haken
Noch schöner wird es, wenn dann Slogans skandiert werden wie: „No one is free until everybody is free.“ Klingt gut, oder? Nur dumm, dass der Satz von Mary “Mother” Lazarus stammt – Jüdin, Bürgerrechtlerin … und Zionistin. Autsch.
Wenn die Boykottierenden ihrem eigenen Maßstab treu wären, müssten sie sofort alle Schilder wieder abreißen und den Spruch canceln. Aber so genau will man es lieber nicht wissen.
Das Muster
Das Muster ist durchsichtig:
- Parolen werden benutzt, weil sie sich gut anhören – nicht, weil man ihre Herkunft kennt.
- Jüdische Erfindungen, Worte, Ideen dürfen übernommen werden – solange sie anonym und nützlich bleiben.
- Jüdinnen und Juden selbst dagegen sollen möglichst unsichtbar sein, oder besser gleich verschwinden.
Die Pointe
So sieht also die „Konsistenz“ aus: Man lebt von jüdischen Innovationen, beruft sich auf jüdische Stimmen – und richtet die moralische Empörung gleichzeitig gegen genau die Menschen, ohne die man den eigenen Alltag gar nicht bestreiten könnte.
Ironischerweise gilt damit am Ende genau das, was Mary Lazarus einst sagte: „No one is free until everybody is free.“
Nur entsteht diese Freiheit nicht durch selektives Boykottieren, sondern durch Ehrlichkeit im Umgang mit der eigenen Doppelmoral.
Und wer es wirklich ernst meint mit dem Boykott, der schreibe seinen Aufruf bitte auf Birkenrinde mit Holzkohle – aber ohne Kartoffeln, Papier oder Internet.