‚Judas verrecke‘ im SBB-Zug: Alte Hetze auf neuen Wänden

Was auf den ersten Blick wie eine hasserfüllte Schmiererei in einem Zug wirkt, ist in Wahrheit der verdichtete Ausdruck einer jahrhundertelangen Geschichte des Antisemitismus – theologisch genährt, ideologisch instrumentalisiert, und heute wieder erschreckend gegenwärtig.

Dieser Artikel zeigt die tiefen Wurzeln der Parole im antijüdischen Denken der Kirche und im antisemitischen Vokabular des Nationalsozialismus – und ruft zu klarem Widerspruch auf. Denn wer jetzt schweigt, macht sich mitschuldig.

Ein Ausdruck christlicher Hetze, nationalsozialistischer Gewalt – und heutiger Realität

Am 23. August wurde in einem SBB-Zug die Parole „Judas verrecke“ mit schwarzem Edding auf eine Wand geschmiert. Zwei Worte – und ein Abgrund an Geschichte, Hass und Gewalt.

Was zunächst wie ein Einzelfall, eine bloße Provokation oder „bloß ein antisemitischer Ausrutscher“ wirken mag, ist in Wahrheit ein kondensierter Ausdruck jahrhundertelanger Judenfeindschaft – geboren in der Kirche, genährt durch antijüdische Theologien, perfektioniert durch nationalsozialistische Propaganda. Und heute: wieder in aller Öffentlichkeit sichtbar.

Es ist ein Alarmzeichen von höchster Dringlichkeit.

Der „verräterische Jude“ – Judas Iskariot und die christliche Erbsünde des Antisemitismus

Die Gestalt des Judas Iskariot ist eine der wirkmächtigsten theologischen Konstruktionen des Christentums – und eine der verhängnisvollsten. Denn sie war nie nur ein Individuum: Judas war der Jude.

Die Evangelien zeichnen ihn als den Verräter, der Jesus gegen Geld an die römischen Behörden ausliefert. Schon früh verknüpfte sich sein Name mit einem doppelten Narrativ:

  1. Der Jude als Verräter – unzuverlässig, doppelzüngig, gefährlich.
  2. Der Jude als geldgieriger Schacherer – für „dreißig Silberlinge“ verkauft er das Heil der Welt.

Diese Kombination aus Verrat und Geld ist kein Zufall. Sie wurde zu einer Erzählfigur, mit der sich seit Jahrhunderten christliche Projektionen auf „die Juden“ verfestigten. Judas wurde zum Archetyp des Christusmörders – und damit zum angeblichen Symbol für das gesamte jüdische Volk.

Schon in der spätantiken und mittelalterlichen Theologie tauchte diese Vorstellung auf: Dass „die Juden“ Schuld seien an Jesu Tod, dass sie sich durch ihre „Verstocktheit“ von Gott abgewendet hätten. Theologen wie Johannes Chrysostomus, Ambrosius, später Martin Luther in seiner berüchtigten Schrift „Von den Juden und ihren Lügen“ – sie alle trugen zur Dämonisierung bei.

Die Kirchenväter, die Scholastiker, die Reformatoren – viele von ihnen teilten eines: Sie konstruierten eine Geschichte der Verwerfung Israels und der geistigen „Ersetzung“ durch die Kirche (sog. Substitutionstheologie). Judas war ihre Chiffre.

„Judas verrecke!“ – Ein antisemitisches Kampfwort im Nationalsozialismus

Die nationalsozialistische Ideologie übernahm diese christlichen Stereotype – und radikalisierte sie zur mörderischen Konsequenz.

Die Parole „Judas verrecke!“ war eine klassische Wendung im antisemitischen Sprachgebrauch des Dritten Reiches. Vor allem im Hetzblatt Der Stürmer, herausgegeben von Julius Streicher, erschienen regelmäßig Karikaturen und Artikel, in denen „Judas“ als Sinnbild des jüdischen Volks gezeichnet wurde. Die Figur Judas wurde dämonisiert, mit Kakerlaken, Ratten und Blutsaugern gleichgesetzt.

„Judas verrecke!“ war dabei mehr als eine theologische Anspielung – es war ein Aufruf zur Vernichtung. Nicht umsonst stand in Auschwitz über dem Eingang zum sogenannten „Judenlager“ ein Transparent mit den Worten: „Der Jude ist der Verräter an allen Völkern – Judas verrecke!“

Die Kontinuität ist unübersehbar: Aus theologischer Delegitimierung wurde soziale Ausgrenzung. Aus Feindschaft wurde Verachtung. Aus Verachtung: Vernichtung.

Warum diese Worte heute so gefährlich sind

Wer heute „Judas verrecke“ schreibt, weiß – oder spürt – was er oder sie sagt. Es ist kein Zufall, dass nicht „Zionisten“ oder „Israel“ genannt werden. Hier fällt die Maske. Es geht nicht um Politik. Es geht um Hass gegen die Juden.

Es ist ein Rückgriff auf den tödlichsten Bodensatz des christlichen Antisemitismus, verwoben mit dem eliminatorischen Antisemitismus des Nationalsozialismus. Zwei Welten – Kirche und NS-Ideologie – die sich historisch oft gegenseitig bestärkten.

In diesen zwei Worten steckt die volle Gewaltgeschichte Europas.
Und sie tauchen heute wieder auf – mitten in der Schweiz. Im Zug. Öffentlich.

Was jetzt nötig ist

Wir dürfen diesen Vorfall nicht kleinreden. Nicht in der Sprache („Schmiererei“) und nicht in der Haltung („Einzelfall“). Denn solche Worte sind nie harmlos. Sie stehen am Beginn von dem, was zur Gewalt führen kann. Und sie sind Ausdruck einer Atmosphäre, in der sich Jüdinnen und Juden immer unsicherer fühlen müssen.

Die Kirchen sind besonders in der Pflicht.
Was sind die Barmer Erklärung, Nostra Aetate, die Leuenberger Konkordie, das Schuldbekenntnis der Synode von Stuttgart 1945, der Antisemitismusbeschluss der EKD 2021 – was sind all diese Worte wert, wenn sie in der Praxis nicht zu entschiedener, sichtbarer, öffentlicher Solidarität führen?

Nicht symbolisch. Nicht später. Jetzt.

Wenn wir jetzt nicht aufstehen, ist es zu spät

Die Geschichte hat uns gelehrt, wie es beginnt.
Es beginnt nicht mit Deportationen. Es beginnt mit Worten.
Mit Schmierereien. Mit Bildern. Mit dem alten Hass in neuen Gewändern.

„Judas verrecke“ ist keine Provokation.
Es ist eine Parole der Vernichtung.

Und es ist fünf nach zwölf.

Wenn wir jetzt nicht aufstehen, dann ist es bald:
Zu spät.

Anhang: Kirchliche Stellungnahmen in der Schweiz

Auch in der Schweiz haben die Kirchen ihre Mitverantwortung an der langen Tradition des christlichen Antijudaismus reflektiert und dokumentiert. Einige zentrale Texte:

  • Die Erklärung von Riehen (1986)
    Verabschiedet von der Evangelisch-reformierten Kirche Basel-Stadt. Sie benennt ausdrücklich die Schuld der Kirche an der Abwertung Israels und ruft zu einer erneuerten Beziehung zum Judentum auf.
  • Erklärung der Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen in der Schweiz (1998)
    Anlässlich von 60 Jahren Reichspogromnacht. Darin heißt es:
    „Die Kirchen haben mit ihren Lehren und ihrem Schweigen zum Antisemitismus beigetragen. Wir bekennen uns zu unserer Schuld.“
  • Synodale Stellungnahmen verschiedener Landeskirchen
    Reformierte Kirchen in Zürich, Bern-Jura-Solothurn, Basel und Genf haben seit den 1990er Jahren eigene Papiere zu christlich-jüdischem Dialog und gegen Antisemitismus verabschiedet.

Darüber hinaus ist auf den Einfluss des Schweizer Theologen Karl Barth hinzuweisen, dessen Beteiligung an der Barmer Theologischen Erklärung (1934) für den Widerstand gegen den NS-Antisemitismus prägend wurde. Auch wenn seine Sicht auf das Judentum ambivalent blieb, war sein Impuls für eine klare Abgrenzung gegenüber rassistischer Ideologie von großer Bedeutung.

Wichtige Beiträge leisten zudem bis heute die Christlich-jüdischen Arbeitsgemeinschaften in Zürich, Basel und Genf. Sie wirken in Bildung, Liturgie und Predigtarbeit gegen die Fortwirkung antisemitischer Muster.

Anhang: Schweizer Kirchen und ihr Umgang mit Antisemitismus – Dokumente & Organisationen

1. Erklärung von Riehen (1986)

Verabschiedet durch die Evangelisch-reformierte Kirche Basel-Stadt, verurteilt die jahrhundertelange antijüdische Haltung der Kirche und ruft zu einem erneuerten Dialog mit dem Judentum auf.
(Leider ist der vollständige Text online schwer zugänglich, aber häufig in kirchlichen Archiven, Synodalberichten und theologischen Publikationen erwähnt.)

2. Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in der Schweiz (AGCK Schweiz, seit 1971)

Die AGCK ist die ökumenische Dachorganisation der Schweiz. Sie versteht sich als nationales Gremium der Kirchen, assoziiert mit dem Ökumenischen Rat der Kirchen (ÖRK), und hat in verschiedenen Stellungnahmen auch den Kampf gegen Antisemitismus betont.

3. Christlich-Jüdische Arbeitsgemeinschaft Schweiz (CJA, gegründet 1946)

Als eine der ältesten Organisationen ihres Formats in Europa setzt sich die CJA konsequent für den christlich-jüdischen Dialog ein und wirkt insbesondere durch die Seelisberger Thesen von 1947 mit, die klare Leitlinien gegen antijüdische Theologie formulierten.

4. Konferenz von Seelisberg (1947)

Internationale Konferenz in der Schweiz, bei der 10 Thesen verabschiedet wurden, die die Verantwortung der Kirche im Blick auf Judenfeindschaft benennen und zu einem neuen Christlich-Jüdischen Verhältnis mahnen – Meilensteine für die Nachkriegsökumene.

5. Einfluss Karl Barths – Barmer Theologische Erklärung (1934)

Obwohl keine expliziten Aussagen gegen die Judenverfolgung enthalten sind, trug Barth mit der Barmen-Erklärung zur Abgrenzung gegenüber rassistischer Ideologie bei. Seine klare Ablehnung des Arierparagraphen und seine Predigten, z. B. Adventspredigten gegen Antisemitismus, machen ihn zu einer entscheidenden Figur im Widerstand religiöser Antisemitismus.

6. Theologische Selbstreflexion und Kritik nach 1945

Die Barmer Theologische Erklärung wurde nach dem Krieg zunehmend auf ihre „Judenblindheit“ hin kritisch rezipiert. Theolog:innen wie Jürgen Moltmann und Gemeinschaften wie der Reformat. Bund plädierten für eine Neubestimmung im Lichte des Bundesvolkes Israel.

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