Fast zwei Jahre nach dem 7. Oktober blicke ich zurück auf Schmerz, Verlust und Heimatlosigkeit – und auf die Reise zurück zu mir selbst. Jüdisch, Cherokee, Black, Two Spirit. Musik, Drag, Aktivismus, Herzblut. Ich erzähle, wie ich versuche, all diese Teile meiner Identität wieder zusammenzuführen, zwischen Erwartungen, Verletzungen und dem leisen, unerschütterlichen Drang, ganz ich selbst zu sein.
Zwischen den Welten – ein persönlicher Weg zu Selbstintegration und Heilung
Seit dem 7. Oktober 2023 sind fast zwei Jahre vergangen – 700 Tage. 700 Tage, in denen Geiseln in Gefangenschaft waren, 700 Tage, in denen ich mich gleichzeitig in einem inneren Gefängnis zwischen Identitäten, Loyalitäten und Verletzungen bewegte. In diesen Tagen habe ich mich intensiv auf meine jüdische Identität konzentriert, mich auf das Jüdischsein besonnen, auf Schutz, auf Wurzeln. Das war gut, notwendig und richtig – in einer Zeit steigenden Antisemitismus’.
Und doch war es nur ein Teil von mir, nur ein Blick auf das Ganze, das vielschichtig und unteilbar ist. Ich bin nicht zu X % Jüdin, zu X % Native American und zu X % Black – ich bin alles gleichzeitig, vollständig, in jeder Faser meines Seins.
Und doch war die Zeit schmerzhaft. Denn vor dem 7. Oktober war ich tief verankert in queeren, feministischen und BIPOC-Communitys. Ich habe Drag gemacht – meine Persona war Native, eine Manifestation meiner Cherokee-Identität, meiner Kultur, meines Erbes. Ich habe Aufklärung betrieben, Stereotype bekämpft, Räume sicherer gemacht. Ich habe Musik, Rituale und Tanz genutzt, um meine Identität zu leben, sichtbar und laut. Ich habe mich verbunden gefühlt – und dann zerbrach alles.
Der Bruch
Der 7. Oktober war ein Wendepunkt. Plötzlich verschoben sich Allianzen, Freundschaften, Safe Spaces. Viele, die ich vorher geschätzt hatte, stellten sich auf Seiten, die mich ablehnten. Pro-palästinensische, teilweise bewaffnet befürwortende Narrative dominierten. Ich erlebte direkte Angriffe auf Social Media, verletzende, unverschämte Aussagen, aber auch ein schleichendes, eisiges Ignorieren im realen Leben.
Meine queeren, feministisch-linksfeministischen und BIPOC-Communitys, die mir zuvor Halt gegeben hatten, wurden unsicher. Plätze, die einst Schutz boten, fühlten sich plötzlich nicht mehr sicher an. Als Jüdin und Two Spirit fühlte ich mich fehl am Platz, nirgendwo ganz zugehörig. Gleichzeitig war auch das jüdische/pro-israelische Umfeld nicht völlig sicher: „Indianerwitze“, queerfeindliche Bemerkungen, subtile Ausgrenzungen – immer nur ein Teil meiner Identität konnte dort gelebt werden. Nirgendwo war es möglich, alles gleichzeitig zu sein.
Rückzug und Selbstschutz
Ich zog mich zurück. Drag, queere Theologie, Aktivismus – alles auf „Pause“. Ich suchte Räume, die wirklich Schutz boten: die Offene Kirche Elisabethen in Basel wurde zu einem Zufluchtsort, einem Raum, in dem Two Spirit, Queerness, BIPOC und jüdische Identitäten zumindest teilweise atmen konnten. Die OKE wurde zu meinem safe space, für den ich immer dankbar sein werde.
Doch der Schmerz war tief. Verratserfahrungen, Heimatlosigkeit, das Gefühl, nie ganz irgendwohin zu gehören – all das hinterließ Wunden. Ich musste die Communitys auf Distanz setzen, um mich selbst zu schützen, und gleichzeitig lernte ich: Heilung braucht Zeit.
Two Spirit – Schwellendasein und Selbstintegration
Two Spirit sein bedeutet mehr als Sexualität oder Gender. Es ist ein Leben an Türschwellen, ein Schwellendasein zwischen Welten. Es bedeutet, Brücken zu bauen zwischen Teilen der Identität, die sonst unvereinbar scheinen. Es bedeutet, Räume zu schaffen, in denen alles nebeneinander existieren darf.
In dieser Zeit wurde die Musik zu einer der wichtigsten Brücken. Ich habe vorher sehr, sehr viel Native American Musik gehört – Snotty Nose Rez Kids, Drezus, Supaman, DJ Shub, Halluci Nation, Boogey the Beat – immer wieder, tief verbunden. Nach dem Bruch konnte ich sie ein ganzes Jahr nicht hören. Es ging nicht. Es schmerzte zu sehr, diese Verbindung zu mir selbst und zu meiner Kultur fühlte sich zerbrochen an.
Langsam, ganz vorsichtig, begann ich wieder, Musik zu hören. Zuerst ein wenig, dann zunehmend. Ich sang Gospel, Spirituals, Work Songs, spürte die Black Identity in meinem Gesang, die Geschichte in den Stimmen, in den Melodien. Ich hörte israelische Popmusik und Caribbean-Musik – und bemerkte, wie Stücke wie Tudo Bom von J Balvin und Static & Ben El oder Westside Gravy meine verschiedenen Welten, meine Identitäten, auf magische Weise miteinander verbanden. Musik wurde für mich zum Spiegel und zur Brücke, die Teile meines Herzens wieder zusammenführte. „Wade in the Water“ wurde ein Symbol: einmal als Gospel, einmal in der Version von Bob the Dragqueen. Transformation, Überbrücken, Überschreiten – Musik spiegelte, was Worte oft nicht konnten.
Authentizität vs. äußere Erwartungen
Meine Mutter sagte einmal, als ich ihr von einem Mann erzählte, den ich kennengelernt hatte: „Sei nicht, was du nicht bist.“ Sie meinte es auf die heteronormative Weise, doch für mich wurde es zum Spiegel für mein eigenes Leben. Ich hatte versucht, Teile von mir wegzuschieben – alles Queere, Teile meiner Two Spirit Identität –, um Schmerz zu vermeiden, um mich zu schützen.
Heute stehe ich auf dem höchsten Gewicht, das ich je hatte, und dennoch sagen mir viele: „Du siehst so gut aus wie noch nie.“ Und ich weiß, dass es stimmt, doch gleichzeitig bleibt das alte Muster: oft stopfe ich sinnlos Essen in mich hinein, ohne Sättigungsgefühl. Plötzlich, aus dem Nichts, kann es sein, dass ich mich fast überfressen fühle. Ist es ein Versuch, die Löcher der Verluste, die schmerzhaften Brüche, zu füllen? Ich habe eine Geschichte von Essstörungen, jung, lange her – und auch dies wird wieder ins Lot kommen, dessen bin ich mir sicher. Heilung ist nicht nur innerlich, sie spiegelt sich auch im Körper, in den Mustern, in den alltäglichen Gesten.
Doch die Botschaft bleibt: Ich darf alles sein. Ich darf Jüdin, Cherokee, Black, Two Spirit sein. Ich darf alles leben. Ich darf meine Wunden spüren, ohne dass sie mich definieren.
Heilung und Selbstannahme
Heute, fast zwei Jahre nach dem 7. Oktober, beginne ich zu erkennen: Es ist Zeit zu heilen. Zeit, die Teile von mir wieder zusammenzuführen – Musik, Kultur, Identitäten, Herz und Seele. Ich lerne, dass Heilung kein linearer Weg ist. Geduld ist nötig, auch mit mir selbst. Es ist erlaubt, zu weinen, zu stolpern, zu fluchen – und gleichzeitig Hoffnung zu spüren.
Two Spirit zu sein bedeutet, Brücken zu bauen zwischen Identitäten, die oft widersprüchlich erscheinen. Es bedeutet, Räume zu schaffen, in denen alles nebeneinander existieren darf. Diese Komplexität gehört zu mir, sie macht mich vollständig. „Ich bin ich – alles, was ich bin, darf sein.“
Heilung bedeutet, die Musik wieder zu hören, die Geschichten wieder zu erzählen, die Identitäten wieder zu umarmen. Es bedeutet, Drag, Gospel, Spirituals, Native American Musik, israelische Popmusik und Caribbean-Vibes als ein Ganzes zu leben, als Einheit meiner selbst. Es bedeutet, in meiner Haut Frieden zu finden – inmitten von Verlust, Verrat, Heimatlosigkeit – und gleichzeitig die kleinen, verschmitzten Momente zu erkennen, in denen meine Persönlichkeit und Orientierung ihre eigene Wahrheit feiert.
Ich bin Two Spirit. Ich bin Cherokee, Black, verwoben mit Taino. Ich bin Jüdin. Ich bin Musikerin, Sängerin, Schöpferin von Räumen für mich selbst und andere. Ich darf alles sein. Ich darf alles leben. Ich darf heilen. Ich darf lachen, weinen, wüten, tanzen und singen. Ich darf mich zeigen – verletzlich, stark, komplex, humorvoll.
Es ist ein langsamer Prozess, ein Schwellendasein, ein Leben zwischen den Welten. Und gerade dieses Leben, diese Brücken, diese Überlagerungen, machen mich vollständig. Heimat ist nicht nur ein Ort, sondern ein Zustand, der in mir wohnt. Heilung ist nicht nur innerlich, sondern spiegelt sich in jedem Atemzug, in jeder Melodie, in jedem Herzschlag. Ich bin nicht nur ein Teil von mir. Ich bin alles. Vollständig. Lebendig. Und auf diesem Weg der Heilung ist endlich genug Raum, alle Stimmen, alle Identitäten, alle Herzen zu hören, zu ehren und zu integrieren – mit einem Lächeln, einem Augenzwinkern und der Gewissheit, dass ich mir selbst treu bleibe.
Fazit
Zwischen den Welten zu stehen ist schmerzhaft. Es ist Heimatlosigkeit, es ist Verlust, es ist Verrat. Doch es ist auch kraftvoll: Es erlaubt mir, Brücken zu bauen, Räume zu schaffen, in denen alles, was ich bin, existieren darf. Es erlaubt mir, Musik, Gesang und Rhythmus als Wege zur Heilung zu nutzen. Es erlaubt mir, die Wunden der Vergangenheit zu spüren und gleichzeitig Liebe, Licht und Hoffnung in mir zu nähren.
Ich bin Two Spirit. Ich bin Cherokee, Black, verwoben mit Taino. Ich bin Jüdin. Ich bin Schreiberin, Sängerin, Schöpferin von Räumen für mich selbst und andere. Ich darf alles sein. Ich darf alles leben. Ich darf heilen. Ich darf lachen, weinen, wüten, tanzen und singen. Ich darf mich zeigen, verletzlich und stark zugleich.
Es ist ein langsamer Prozess, ein Schwellendasein, ein Leben zwischen den Welten. Und gerade dieses Leben, diese Brücken, diese Überlagerungen, machen mich vollständig. Ich lerne: Heimat ist nicht nur ein Ort, sondern ein Zustand, der in mir wohnt. Heilung ist nicht nur innerlich, sondern spiegelt sich in jedem Atemzug, in jeder Melodie, in jedem Herzschlag.
Ich bin nicht nur ein Teil von mir. Ich bin alles. Vollständig. Lebendig. Und auf diesem Weg der Heilung ist endlich genug Raum, alle Stimmen, alle Identitäten, alle Herzen zu hören, zu ehren und zu integrieren.