Hass in Winterthur – ein persönlicher Blick auf Gather the Nations

Hass kann viele Gesichter haben: laut, aggressiv, sichtbar – oder subtil, unscheinbar, aber dennoch verletzend. Ich erzähle hier von einem Moment in Winterthur, an dem eine christliche Veranstaltung von Hass und Aggression erschüttert wurde. Nicht um zu urteilen, sondern um zu zeigen, wie radikaler Hass Menschen trifft – alte wie junge, friedliche Besucherinnen wie engagierte Jugendliche – und wie wichtig Empathie, Respekt und Differenzierung gerade heute sind.

Ich war zu dem Zeitpunkt nicht in der Schweiz, sonst hätte ich vermutlich den Gedanken gehabt, meine Freunde bei „Gather the Nations“ in Winterthur zu unterstützen.

„Gather the Nations“ ist eine christliche Veranstaltung, bei der Menschen aus verschiedenen Ländern zusammenkommen, um gemeinsam zu singen, zu beten und über ihren Glauben zu sprechen. Die Veranstaltung richtet sich auf spirituelle Begegnung und christliche Gemeinschaft und zeigt Unterstützung für Israel vor allem durch Gebet und gemeinsames Glaubensleben – nicht durch politische Aktionen oder Provokationen.

Normalerweise halte ich mich von solchen Veranstaltungen eher fern: bei evangelikal oder freikirchlich geprägten Events fühle ich micht leicht unwohl – das hat viel mit meiner eigenen Vergangenheit zu tun, und zum Teil mit theologischen Differenzen. Dennoch gilt: Wer andere Ansichten nicht in allem teilt, muss andere Menschen dennoch nicht hassen.

Freunde haben von dem Event erzählt, von Bildern und Momenten, die mich erschüttert haben. Radikale Gruppen demonstrierten draußen, pöbelten, beleidigten, zündeten Israelfahnen an. Eine Person berichtete, dass die Besucher drinnen bestärkt wurden in ihrer Haltung zu Israel, während draußen Hass auf sie niederprasselte. Parolen wie „Jesus hates you“ («Jesus hasst dich/euch») oder gar Forderungen nach einem neuen Holocaust hallen nach. Einige Teilnehmerinnen berichteten sogar, dass sie die Veranstaltung verlassen mussten, aus Angst, dass Gruppen von draussen die Räume stürmen könnten. Die Furcht war real, sie waren gezwungen, Schutz zu suchen – eine Situation, die nicht nur verletzend, sondern auch tief verstörend ist.

Und all das gegen friedliche, meist ältere Menschen – Menschen, die einfach ihrem Glauben nachgingen. Ich kann nicht fassen, wie man mit solcher Wut auf Menschen reagiert, die keinen Fehler begangen haben, die einfach nur ihren Glauben leben. Es macht mich wütend, traurig und fassungslos zugleich.

Besonders eindrücklich ist ein Foto, das mir gezeigt wurde: Ein junges Mädchen hält ein Schild hoch, auf dem steht: „Jesus is Palestinian“. Sie wirkt beinahe ekstatisch, wie Fans auf einem Konzert, fast in Ohnmacht vor Aufregung. Es ist ein deutliches Beispiel für das, was man Massenhysterie nennen kann – eine inszenierte, kollektive Erregung. Gleichzeitig wird Jesus’ jüdische Identität negiert: Jesus war Jude, lebte als Jude, starb als Jude. Das Kreuz trug die Aufschrift „König der Juden“. Hier wird er politisch instrumentalisert, um Hass zu schüren, mit dem impliziten Vorwurf, dass Juden bzw. Israelis „ihn töten“. Es ist grotesk und schmerzhaft zugleich, wie diese Symbolik missbraucht wird – und noch viel schlimmer, dass sie gezielt Jugendliche in diesen Hass hineinzieht.

Was mich wütend macht, ist nicht nur die Gewalt, die Pöbeleien, das Verbrennen von Fahnen oder die Provokationen. Es ist die Ironie, die Grausamkeit, die Respektlosigkeit: Während die Aggressoren angeblich für Palästina eintreten, zerstören sie die Sicherheit anderer, pöbeln gegen Menschen, die friedlich demonstrieren oder einfach ihrem Glauben folgen. Sie nehmen nicht das Leid der Kinder in Gaza ernst, sondern inszenieren Hass, der rein destruktiv ist. Dass sie dabei sogar die Vorstellung von Gerechtigkeit oder Frieden für Palästina als Rechtfertigung benutzen, ist so grausam ironisch, dass es mich sprachlos macht.

Besonders erschütternd ist, dass viele der Jugendlichen, die draußen schrien, Parolen spuckten und Schilder hochhielten, offenbar schon stark ideologisch indoktriniert sind. Sie verhalten sich wie in einem Kult, wie in einer inszenierten Masse, die kaum noch individuelle Verantwortung zeigt. Dass sie alte Menschen, friedliche Besucherinnen, einfach Pöbel und Aggression entgegenbringen, ist unfassbar. Die Gewalt ist performativ, ritualisiert und dient allein dazu, Angst zu erzeugen und die eigenen Ideale inszeniert zu zeigen. Es ist die blanke Missachtung von Menschenwürde. Ich spüre dabei auch eigene Ohnmacht und Wut – wie kann man nur so viel Hass in sich tragen, wie muss die Welt aussehen, in der Jugendliche solche Parolen als Rechtfertigung sehen?

Juristisch gesehen ist das nicht unproblematisch: Störung der öffentlichen Ordnung (Art. 296 StGB), Diskriminierung (Art. 261bis StGB), Beleidigung eines Staates (Art. 296 StGB) – alles Tatbestände, die hier wahrscheinlich erfüllt sind. Dass das alles öffentlich geschieht, dass sogar die Stadt, Hotels und andere Institutionen involviert werden, um die Veranstaltung zu behindern, zeigt die bewusste Planung der Aggression. Ich finde es erschütternd, dass hier Grenzen der Legalität und der Menschlichkeit bewusst überschritten werden, um politisches Ziel zu erreichen.

Die Situation in Winterthur ist kein Einzelfall. Sie reiht sich ein in eine Eskalation von Radikalisierung, Provokation und Indoktrination, die wir in den letzten Jahren auch in der Schweiz und Europa beobachten können. Die Aktionen von Gruppen wie PalActionSwiss, die stolz dokumentieren, was sie tun, und ankündigen, dass sie jetzt erst richtig beginnen wollen, weil die Komplizenschaft der Schweiz oder des Veranstaltungsraums „nicht mehr zulässig“ sei, zeigen die Radikalität. Sie fordern, alles zu verbieten, alles kleinzumachen, überall Krawall zu machen – bei jüdischen Geschäften, Konzerten, Veranstaltungen – und inszenieren ihre Macht über Angst und Aggression. Und all das unter dem Deckmantel von politischem Engagement, das in Wahrheit nur Hass reproduziert.

Und während all dies geschieht, werden Friedensbemühungen und menschliches Mitgefühl ignoriert. Sie haben keine Lösungen für die Not in Gaza, keinen Respekt vor Leben, keine Empathie für Leid. Stattdessen inszenieren sie Hass, den sie als „gerecht“ ansehen, ohne zu sehen, dass sie selbst Teil eines Kreislaufs von Gewalt, Angst und Propaganda sind. Ich fühle dabei große Traurigkeit und Wut zugleich – Traurigkeit über die Gewalt gegen Unschuldige und Wut über die Ignoranz und die absichtliche Provokation.

Ich selbst kann oft mit dieser Art von Events nicht viel anfangen. Trotzdem tut es weh zu sehen, wie Freunde bedroht, angepöbelt und diffamiert werden. Es tut weh zu sehen, wie Hass performativ inszeniert wird, gerade gegenüber älteren Menschen und friedlichen Besucherinnen. Und es tut weh, dass man manchmal das Gefühl hat, das alles sei erlaubt, solange es ideologisch legitimiert erscheint. Ich spüre Mitgefühl, Wut, Entsetzen und gleichzeitig die Pflicht, das zu benennen.

Ich schreibe diesen Text, weil ich feststelle: Es ist Zeit, Hass beim Namen zu nennen. Gather the Nations in Winterthur war vielleicht eine kleine Veranstaltung, doch die Aggressionen draußen sind Teil eines größeren Problems: Wir dürfen nicht zulassen, dass ideologischer Hass unsere Gesellschaft bestimmt, dass Menschen eingeschüchtert, beleidigt oder bedroht werden. Und es ist unsere Verantwortung, zu zeigen, dass Menschlichkeit, Mitgefühl und Respekt stärker sind als jede Form von Hass.

Nachklang

Am Ende bleibt die Erkenntnis: Die Welt kann ein Ort der Angst sein, wenn Ideologien Hass legitimieren. Aber sie kann auch ein Ort der Menschlichkeit sein, wenn wir hinschauen, zuhören, unterscheiden und uns solidarisch zeigen. Jeder Moment, in dem wir Respekt, Mitgefühl und Dialog wählen, ist ein Moment, in dem wir die Spirale der Gewalt unterbrechen. Gather the Nations in Winterthur war nur ein kleiner Schauplatz – doch die Botschaft ist groß: Hass darf nicht das letzte Wort haben. Die Würde jedes Menschen, die Geschichte, das Leid und das Leben selbst sind stärker. Und es liegt an uns, das sichtbar zu machen.

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