Es ist Sukkot – das Fest der Hütten, des Lichts, der Zerbrechlichkeit und der Hoffnung.
Und es ist der 7. Oktober.
Zwei Jahre ist es her, seit jener Tag kam, der alles veränderte – der in den jüdischen Kalender eingebrannt ist, weil er ausgerechnet an Simchat Tora fiel, am Ende von Sukkot, dem Fest der Freude.
In der Sukkah hängen wir Früchte auf – Symbole der Fülle und des Lebens.
Dieses Jahr sind sie Gebete:
für die Geiseln,
für die Familien,
für die Verwundeten,
für das jüdische Volk,
für uns alle.
Sukkot erinnert uns daran, dass wir in zerbrechlichen Hütten wohnen – und doch unter dem Schutz des Ewigen stehen.
Es ist das Fest der Verletzlichkeit und der Zuversicht.
Und vielleicht ist genau das die Wahrheit dieses Jahrestages:
dass Schmerz und Hoffnung, Dunkelheit und Licht, Vergänglichkeit und Beständigkeit untrennbar miteinander verwoben sind.
Der 7. Oktober jährt sich zum zweiten Mal.
Zwei Jahre – und doch fühlt es sich an wie ein einziger, nicht endender Tag.
Ich erinnere mich noch, wie ich damals paralysiert und ungläubig die Videos sah: Menschen, die beim Nova Festival um ihr Leben rannten, Panik in den Augen, Gesichter voller Angst. Diese Bilder haben mich nie verlassen.
Zwei Jahre später sind noch immer Menschen in den Tunneln – misshandelt, gebrochen, fast blind, nur noch Schatten ihrer selbst. Zwei Jahre später kratzt die Erinnerung wie ein gefangenes Tier an der Innenseite meiner Seele.
Und zwei Jahre später gilt dieses Zitat mehr denn je:
„It’s depressing to realize that people I used to consider friends have become people I would not tell to where Anne Frank was hiding.“
Doch ebenso gilt: Zwei Jahre später ist Jewish Pride stärker als je zuvor.
Es ist Sukkot.
Die Zweige der Sukkah wiegen sich im Wind, durchsichtig und zerbrechlich, und doch tragen sie unsere Stimmen, unsere Gebete, unsere Hoffnungen. In den kommenden Tagen hängen wir Früchte auf – jede Frucht ein stilles, leises Gebet: für die Geiseln, für die Verwundeten, für die Familien, für die Menschen, die leiden, für das jüdische Volk, für uns selbst.
Wir treten ein in diesen temporären Schutzraum, spüren die Luft auf der Haut, das Licht, das durch die Zweige fällt, die Geräusche draußen, die durchscheinen, und gleichzeitig die Stille innen. Verletzlichkeit und Halt liegen nebeneinander, Angst und Geborgenheit, Erinnerung und Gegenwart. Wir dürfen fühlen, wir dürfen gedenken, wir dürfen Kraft schöpfen – und wir dürfen hoffen.
Morgen jährt sich der 7. Oktober zum zweiten Mal.
Zwei Jahre – und doch fühlt es sich an wie ein einziger, nicht endender Tag.
Ich erinnere mich an die Stunden, in denen ich die Zeit verloren habe. Seit diesem Tag ist die Welt anders, meine Wahrnehmung, mein Vertrauen, meine Beziehungen. Zwei Jahre – und immer noch wache ich manchmal auf, als wäre es gerade eben gewesen. Die Sonne scheint, Menschen lachen, der Alltag läuft weiter, aber etwas in mir bleibt still, wie eingefroren.
Ich hatte Freunde dort unten zu dieser Zeit. Ihre Stimmen, ihre Nachrichten, ihre Stille danach. Manches davon habe ich nie wieder gehört. Und manchmal, wenn ich an sie denke, ist die Zeit wieder dort – bei jenem Morgen, an dem das Unbegreifliche geschah.
Zwei Jahre später ist der Boden unter mir fester geworden, und zugleich brüchiger. Ich habe gelernt, weiterzugehen – aber nie, das alles zu vergessen.
Ich erinnere mich noch, wie ich damals paralysiert und ungläubig die Videos sah: Menschen, die beim Nova Festival um ihr Leben rannten, Panik in den Augen, Gesichter voller Angst. Diese Bilder haben mich nie verlassen.
Ich sehe sie noch immer – die Körper, die sich im Staub bewegen, die Schreie, die zwischen den Bäumen hängen bleiben, die Stille danach. Die Kamera zittert, jemand fällt, jemand ruft nach seiner Freundin, jemand bleibt liegen. Ich weiß nicht, warum genau ich weitergesehen habe. Vielleicht, weil Wegsehen sich wie Verrat anfühlte. Vielleicht, weil ich hoffte, irgendwo in diesen Bildern jemanden zu erkennen, der überlebt hat.
Ich hatte Freunde dort, die mir erzählten von diesem Morgen, als alles in Panik überging. Ich bin dankbar, dass sie entkommen konnten, aber auch das „Entkommen“ ist ein trügerisches Wort. Es gibt Dinge, vor denen man nicht mehr entkommt, selbst wenn man lebt. Die Angst, die in ihre Körper geschrieben ist, in ihre Stimmen, in ihre Nächte – sie hat sich in uns allen festgesetzt. Und sie hat die Welt geteilt in ein „Davor“ und ein „Danach“.
Zwei Jahre später sind noch immer Menschen in den Tunneln – misshandelt, gebrochen, fast blind, nur noch Schatten ihrer selbst.
Zwei Jahre später kratzt die Erinnerung wie ein gefangenes Tier an der Innenseite meiner Seele.
Die Geiseln sind dort in der Dunkelheit, irgendwo unter der Erde. Vielleicht in den Tunneln, vielleicht an Orten, die niemand kennt. Manche Namen hört man noch, andere sind verschwunden, als hätte die Welt sie verschluckt. Ich denke an sie, an die Eltern, die warten, an Kinder, die alt geworden sind in diesen zwei Jahren.
Und in mir: dieses Kratzen, dieses Unruhige, das nicht aufhört. Es ist, als hätte sich Schmerz eingenistet, tief in der Haut, als Echo, das leise pocht.
Ich habe gelernt, dass Erinnerung manchmal keine Wahl lässt. Sie kommt, wann sie will. Sie legt sich auf die Brust, auf den Atem. Und trotzdem – oder gerade deswegen – weigere ich mich, sie loszulassen. Denn solange ich sie erinnere, sind sie nicht vergessen.
Und zwei Jahre später gilt dieses Zitat mehr denn je:
„It’s depressing to realize that people I used to consider friends have become people I would not tell to where Anne Frank was hiding.“
Ich lese diesen Satz und spüre, wie er mich schneidet.
Es sind nicht nur die Worte, sondern die Wahrheit darin.
Ich hätte nie gedacht, dass ich eines Tages Menschen, die ich geliebt, bewundert, unterstützt habe, nicht mehr trauen würde, wenn es um mein eigenes Überleben ginge.
Ich sehe, wie schnell Solidarität endet, wenn sie unbequem wird. Wie viele, die „Nie wieder“ sagten, heute schweigen. Wie Freundschaften zerbrechen, weil ich jüdisch bin, weil ich mich nicht schäme, es zu sagen, weil ich die Geiseln nicht vergessen will.
Ich habe gelernt, dass Verrat manchmal leise ist. Ein Sich-Entfernen. Ein Schweigen. Ein Blick zur Seite. Und dass ich selbst inmitten der Wut und Angst aufrechter bleibe – auch wenn der Kreis derer, die bleiben, kleiner geworden ist.
Doch ebenso gilt: Zwei Jahre später ist Jewish Pride stärker als je zuvor.
Trotz allem. Vielleicht gerade deswegen.
Zwei Jahre später stehen wir auf – sichtbar, laut, verletzt, aber ungebrochen. Wir tragen unsere Geschichten, unsere Namen, unsere Gebete, unsere Sprachen. Wir zünden Kerzen an, wir tanzen, wir lernen wieder zu lachen.
Jewish Pride ist kein einfacher Stolz. Es ist ein Überleben. Es ist ein „Trotzdem“. Es ist die Erinnerung an die, die uns vorausgegangen sind, und die Verpflichtung, weiterzuleben – in Freude, in Würde, in Licht.
Manchmal ist das Lächeln schwer. Aber jedes Lächeln ist eine Form des Widerstands.
…
Ich trete in die Sukkah und spüre, dass Verletzlichkeit und Schutz hier zugleich existieren können. Die Wände aus Zweigen, die offen sind für Wind, Licht und Regen, erinnern mich daran: Wir können erschüttert sein und gleichzeitig Halt finden – in Gemeinschaft, in Erinnerung, in Gebet.
Früchte hängen in der Sukkah, jede einzelne ein Gebet: für die Geiseln, die Verwundeten, die Überlebenden. Jede Frucht trägt ein Stück Erinnerung, jedes Licht, das durch die Zweige fällt, ein Stück Hoffnung. Auch wenn die Panik noch nachhallt, ist dies ein Ort, in dem Angst nicht allein bleiben muss.
Die Wände der Sukkah tragen unsere Stimmen und Gebete, unsere Klagen und unsere Hoffnung. Zwei Jahre später kratzt die Erinnerung noch immer, aber hier in der Sukkah wird sie sichtbar, wird sie ausgesprochen, wird sie getragen. Verletzlichkeit wird zum Anker, und aus ihr erwächst Resilienz.
Hier, zwischen den Zweigen der Sukkah, finde ich einen Raum für Klarheit: Wir tragen Wahrheit, wir tragen Erinnerung. Und so hängen wir Früchte auf – kleine Zeugnisse von Widerstand und Beständigkeit. Jeder Gedanke, jede Träne, jedes Gebet wird sichtbar, wird Gewicht, wird Kraft.
Die Früchte in der Sukkah schwingen leicht im Wind, wie unsere Stimmen und Gebete. Sie tragen Freude, Erinnerung, Trauer und Hoffnung zugleich. Wir stehen hier, verletzlich und stark, sichtbar und doch geschützt. Wir leben weiter – und jeder Atemzug, jedes Gebet, jedes Licht ist ein Widerstand gegen das Vergessen.
Der 7. Oktober damals fiel auf Simchat Torah, den Abschluss von Sukkot – ein Tag, der doch eigentlich Freude, Dankbarkeit und das Tanzen mit den Rollen der Torah feiert. Und nun sind zwei Jahre vergangen, und der Tag bleibt für uns schwer, von Erinnerung durchdrungen.
Nun stehen wir zwischen den Zweigen der Sukkah, sehen die Früchte hängen – jedes Licht, jede Farbe, jeder Schatten ist ein Gebet, ein Erinnern, ein Stück Hoffnung. Verletzlichkeit und Stärke halten sich die Hand, Trauer und Stolz berühren sich. In dieser Hüttenstille tragen wir die Geschichten der letzten zwei Jahre mit uns: Angst, Entsetzen, Verlust – und zugleich Überleben, Resilienz, Liebe und Jewish Pride.
Wir atmen, wir danken, wir singen, wir fühlen. Die Sukkah ist offen, die Welt dringt hinein – und trotzdem sind wir hier, gemeinsam, sichtbar, lebendig, stark.