Ein Kind sagt nur: ‚Ja, ich bin jüdisch.‘
Und plötzlich fliegen die Worte wie Messer durch den Chat.
Wenige Tage später prangen Hassparolen auf Brücken und Wänden.
Antisemitismus ist nicht irgendwo, er ist hier – sichtbar, laut, erschütternd.
Wer wegschaut, macht sich mitschuldig. Dieser Artikel zeigt, was passiert, warum es passiert – und was es mit uns allen zu tun hat.
Ganz normaler Chat. Ganz normale Stadt.
Über alltäglichen Antisemitismus im Jahr 2025
Ein zwölfjähriges Kind in einem Schweizer Chat für Gleichaltrige.
Jemand fragt:
„Sind hier eigentlich Juden drin?“
Das Kind antwortet, ohne Arg, ohne Zögern:
„Ja, ich.“
Dann bricht es los:
– i saw it
– there’s a jew here
– gas the jews
– real
– this is the jew
– oh hell naw
– W Hitler ❤️
– she also one like u
– yeah no shot
– shit
– everyone here hates jews
– 👍
So sieht es aus, wenn Kinder und Jugendliche 2025 über Juden sprechen.
In einem Land, das glaubt, sich anständig zu benehmen.
In einem Chat, der eigentlich für Freundschaft und Austausch gedacht war.
Was früher in dunklen Hinterhöfen geflüstert wurde, steht heute in hell erleuchteten Gruppenchats.
Was einst auf Flugblättern gedruckt wurde, flimmert jetzt auf Handybildschirmen.
Sprache, die tötet, wiederholt sich – digital, schnell, ohne Scham.
Manche meinen es vielleicht „nicht so“. Aber Worte wissen, woher sie kommen.
Und sie tragen die Geschichte mit sich.
Antisemitismus unter Jugendlichen zeigt sich heute nicht nur in Geschichtslücken, sondern in digitaler Enthemmung.
Es sind Codes, Emojis, Memes – und immer wieder dieselbe alte Botschaft: Ihr gehört nicht dazu.
Hinter den Phrasen steckt Gewaltphantasie, gespeist aus jahrhundertealten Mustern.
Es sind dieselben Wörter, die Menschen ausgrenzen, verängstigen, vernichten wollten.
Und jetzt?
Jetzt sind sie wieder da. Leicht, schnell, verfügbar, klickbar.
Und draussen, auf der Strasse?
Auf einer Eisenbahnbrücke in Zürich prangen in grossen Lettern:
Death to the IDF
Global Intifada!
Antizionistas
Viva Gaza
Alles in derselben Handschrift, auffällig, an einem Ort, an dem täglich Hunderte vorbeifahren.
In Bern, mit weissem Edding, auf der Fassade eines Buchladens:
Fuck off Zionist
daneben gezeichnete Dreiecke.
Unter einem Schaufenster:
Fuck off Zio.
Auf gläsernen Fahrstuhltüren an der Monbijoubrücke, in roter Schrift:
Abolish Zionism
Fuck IDF
Free Palestine
Globalize the Intifada
daneben ein rotes Hamas-Dreieck.
Nicht alle, die solche Sätze schreiben, verstehen, was sie da tun.
Aber die Botschaften verstehen sich selbst.
Sie transportieren Vernichtungsbilder, die längst hätten verstummen sollen.
Wer das sieht, sollte nicht wegsehen.
Denn das ist kein Randphänomen.
Das ist Gegenwart.
Und sie geschieht – in unseren Städten, in unseren Chats, auf unseren Wänden.
Nicht irgendwo, sondern hier.
Es ist leicht zu sagen, das seien „nur Worte“.
Aber Worte sind Handlungen.
Sie schaffen Klima, Raum, Resonanz.
Sie machen Menschen kleiner, stiller, verletzlicher.
Sie hinterlassen Spuren – auf Bildschirmen, an Mauern, in Herzen.
Ein jüdisches Kind wird im Chat zur Zielscheibe.
Eine Hauswand wird zur Leinwand des Hasses.
Und die meisten laufen vorbei.
Ganz normaler Chat.
Ganz normale Stadt.
Digitaler Antisemitismus unter Jugendlichen
Der Vorfall im Chat zeigt deutlich, wie antisemitische Sprache heute unter Jugendlichen funktioniert. Sie ist nicht mehr nur ein Ausdruck von Vorurteilen, sondern oft ein Gruppensignal, ein Test der Grenzen und ein Mittel, Aufmerksamkeit zu erzeugen. Kinder und Jugendliche reproduzieren die Botschaften, die sie aus Medien, Memes, Filmen oder der Geschichte kennen, häufig ungefiltert und unreflektiert.
Emojis, Abkürzungen und kurze Sätze wirken auf den ersten Blick harmlos oder „ironisch“, doch sie transportieren dieselbe Gewaltphantasie, die über Jahrhunderte zur Ausgrenzung, Verfolgung und Vernichtung geführt hat. Selbst kleine Kommentare wie „W Hitler ❤️“ sind nicht einfach nur Provokation – sie normalisieren ein Bild der Gewalt, das junge Menschen in einer Umgebung erleben, die Schutz und Orientierung bieten sollte.
Die Sprayereien in Bern zeigen, dass dieselbe Logik auch offline funktioniert. Dort, wo Jugendliche oder andere Menschen ihre Botschaften auf Wände und gläserne Flächen schreiben, wird die Sprache des Hasses sichtbar und öffentlich. Dieselben Phrasen, dieselbe Symbolik – nur diesmal in Farbe statt in Zeichen. Antisemitismus wird nicht nur lauter, sondern unverschämter und öffentlich, wodurch er eine größere gesellschaftliche Wirkung entfaltet.
Diese Entwicklung ist kein isoliertes Phänomen. Die Verbindung von digitaler Verbreitung und physischer Präsenz schafft ein Klima, in dem antisemitische Äußerungen als normal oder tolerierbar erscheinen. Wer wegschaut, trägt unbeabsichtigt zur Stabilisierung dieses Klimas bei.
Ein Blick auf die gesellschaftliche und politische Dimension verdeutlicht die Tragweite: Vom „W Hitler ❤️“ in einem Kinderchat bis zu Hakenkreuzen oder Parolen auf Berner Mauern verläuft eine Kontinuität von Hassbildern, die sich über Generationen hinweg fortsetzt. Diese Bilder und Sätze sind nicht harmlos. Sie zeigen: Was wir dulden, wenn wir es im Kleinen abtun, wächst im Stillen weiter.
Die Mechanismen sind klar: Sprache als Grenztest, Memes als Verstärker, öffentliche Räume als Bühne für Hass – und eine Gesellschaft, die manchmal zu spät reagiert.
Theologischer Kommentar: Erinnerung, Verantwortung, Gegenwart
Wenn wir das Geschehen betrachten – den Chat, die Sprayereien – dann erkennen wir, dass Antisemitismus nicht nur ein gesellschaftliches Problem ist, sondern ein Angriff auf die Würde des Menschen, auf das, was in der jüdischen und christlichen Tradition als Ebenbild Gottes verstanden wird. Ein Kind, das auf „Ich bin jüdisch“ antwortet, erlebt sofort, wie die Welt es markiert, einordnet, angreift. Nicht nur Worte treffen, auch die unsichtbare Last der Geschichte ist spürbar.
Als Jüdin sehe ich in diesen Momenten das Nachhallen von Jahrtausenden von Verfolgung, von Pogromen, von Vernichtungsplänen. Diese Vergangenheit lebt weiter, nicht nur als Erinnerung, sondern in den Mustern der Gegenwart: in Chats, auf Wänden, in Emojis und Parolen. Die Shoah, die Ausgrenzung, die Gewalt – all das ist nicht abgeschlossen, solange Worte und Zeichen von Hass wiederholt, nachgeahmt, banalisiert werden.
Als Pfarrerin frage ich: Wie antworten wir darauf? Wie handeln wir, wenn Worte töten, bevor Hände es tun? Die Antwort liegt nicht in blinder Wut, nicht in Vereinfachungen, sondern in Beobachtung, Bildung, Präsenz und Fürsprache. In den kleinen Räumen: in der Schule, im Chat, im Gespräch. In den großen Räumen: in der Stadt, in der Politik, in der Öffentlichkeit.
Theologisch gesprochen: Gott ruft uns in die Verantwortung, nicht nur die Taten zu sehen, sondern die Strukturen der Gewalt zu erkennen und ihnen entgegenzuwirken. Diese Verantwortung ist relational – sie gilt den Kindern, die noch lernen, sie gilt den Nachbarn, die schweigen, sie gilt uns allen, die wir glauben, dass jede Person ein Ebenbild Gottes ist.
Wir können die Welt nicht sofort heilen. Aber wir können beobachten, benennen, Grenzen ziehen, Schutzräume schaffen. Wir können die Erinnerung lebendig halten, nicht als historische Abstraktion, sondern als ethische Orientierung für die Gegenwart. Wir können sprechen, auch wenn es unbequem ist; wir können schreiben, intervenieren, aufklären. Und wir können dem Hass nicht die Bühne überlassen, weder digital noch auf Wänden, weder in Chats noch im öffentlichen Raum.
Antisemitismus ist kein ferner Schatten, kein abgeschlossenes Kapitel. Er ist hier, in der Gegenwart, in unseren Städten, in unseren Bildschirmen.
Unsere Antwort darauf ist nicht nur politisch, sondern existentiell und spirituell: zu sehen, zu erinnern, zu handeln, und so die Würde des Lebens zu verteidigen – in jedem Moment, in jedem Raum, in jedem Gespräch.