Bleierne Stille über Bern

Manchmal legt sich Stille wie eine schwere Decke über eine Stadt. Nicht die Stille des Trostes, sondern die des Wegschauens. In Bern fängt diese Stille an, Mensche zu vertreiben. Und ich muss darüber schreiben, auch wenn mir selbst fast die Worte fehlen.

Ich ringe mit meinen Worten. Und jedes Mal, wenn ich denke, jetzt habe ich sie, entgleiten sie mir wieder. Weil das, was hier geschieht, mir eigentlich die Sprache verschlägt.

Eine Bekannte, nein, Freundin, von mir – Künstlerin, jüdisch, mit Studio in Bern – hat erzählt, was sie seit Monaten erlebt: Schmierereien wie „Abolish Zionism“, rote Hamas-Dreiecke an Fenstern, Türen, Parkplätzen. Mehr als fünfzig solcher Markierungen. Fünfzig. Im Herzen der Schweiz, in einer Stadt, die sich gern als offen, progressiv und menschenfreundlich sieht. Und doch passiert genau dort das, was jüdische Menschen seit Jahrhunderten kennen: Bedrohung. Markierung. Isolierung. Und am Ende: Vertreibung.

Und das Erschütterndste?
Die Stille.

Ich rede nicht von der tröstenden Stille, in der man jemandem die Hand hält. Nicht die Stille, die eine Kerze schützt. Ich meine die andere Stille. Die bleierne. Die, die sich wie eine schwere Decke über alles legt – eine Decke nicht aus Trost, sondern aus Gleichgültigkeit. Aus Wegschauen. Aus „Wir wollen es gar nicht so genau wissen.“

Diese Stille macht mich wütend.
Diese Stille macht mich traurig.
Und sie macht mich ohnmächtig.

Denn an Aufklärung sind wir längst vorbei. Wer solche Zeichen sprüht, braucht keine Aufklärung. Die wissen genau, was sie tun. Sie wissen, was „Zionist“ für jüdische Menschen bedeutet. Sie wissen, welche Jahrtausende in diesem Wort mitschwingen. Und sie wissen auch, dass „Abolish Zionism“ in ihrem Gebrauch nicht „politische Kritik“ meint, sondern: Vertreibt sie. Bedroht sie. Macht ihnen das Leben unmöglich.

Und wenn rote Dreiecke gesprüht werden – das Zeichen, das Hamas am 7. Oktober auf Häuser malte, um Ziele zu markieren – dann ist das keine „Solidarität mit Palästina“. Das ist Einschüchterung. Markierung. Das ist direkte Drohgebärde gegen jüdische Menschen. Punkt.

Und dann behaupten die Täter*innen noch: „Wir sind keine Antisemiten, nur Antizionisten.“
Diese Maske fällt inzwischen täglich. Spätestens wenn jemand „Fuck the Jews“ ruft, ist klar, dass es nie um Politik ging. Nie um Kritik. Sondern um Judenfeindschaft, alt und neu, dreist und unverschämt.

Die Wahrheit ist: Jüdische Menschen werden in Bern gejagt.
Nicht in den Wäldern, nicht in dunklen Gassen – sondern mitten in der Stadt, im öffentlichen Raum, vor den Haustüren. Und die Behörden? Schweigen. Die Verantwortungsträger:innen? Schweigen. Seit Monaten.

Und jetzt ist es passiert:
Meine Freundin verlässt Bern.
Nicht, weil sie „empfindlich“ ist. Nicht, weil sie „überreagiert“.
Sondern weil es schlicht nicht mehr sicher ist.
Weil die Stadt, in der sie lebt, sie im Stich lässt.

Und genau das ist der Punkt, an dem meine Wut sich in die Kehle bohrt:
Diese Leute erreichen genau das, was sie wollen.
Juden und Jüdinnen gehen.
Weil man ihnen das Leben un-lebbar macht.

Das ist nicht „Kritik“.
Das ist nicht „Aktivismus“.
Das ist nicht „Anti-Imperialismus“.
Das ist schlicht – und ich benutze das Wort bewusst – faschistisch.
Wie damals, so heute.

Wer Menschen markiert, bedroht und aus dem öffentlichen Raum drängt, wer die Sprache der Verfolgung übernimmt, wer Symbole der Gewalt auf Türen schmiert, der steht nicht auf der Seite von Gerechtigkeit. Der steht in einer Traditionslinie, die man sehr klar benennen kann. Die Linie derer, die Juden aus Europa vertreiben wollten – und jetzt denselben Gedanken unter neuem Etikett wiederholen. Und die sie auch sonst nirgendwo anders haben wollen (ausser in Polen).

Und Bern schweigt.

Ich schreibe das, weil ich nicht schweigen will. Weil Stille eine Form von Mittäterschaft ist. Weil Stille Wunden tiefer schneidet als viele Worte. Und weil ich nicht fassen kann, dass wir in dieser Stadt, in diesem Land, in diesem Jahr wieder an dem Punkt sind, an dem Jüdinnen und Juden sagen müssen:
Ich fühle mich hier nicht sicher. Ich gehe.

Ich bin traurig. Ich bin wütend. Und ich bin fassungslos.
Aber ich bin nicht still.

Nie wieder still.

2 Gedanken zu “Bleierne Stille über Bern

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