Wenn Stille zum Zeichen wird

Am Montag, dem 15. Dezember, findet in Basel ein Silent Walk gegen Antisemitismus statt. Wir werden still durch die Straßen ziehen, Plakate tragen, Symbole zeigen – und sichtbar machen, dass Judenhass keinen Platz hat. Doch genau diese stille Botschaft wird provozieren: Direkt neben uns startet eine Gegendemonstration, die uns und unsere Existenz attackiert.

Dieser Beitrag ist ein persönlicher Blick auf das, was es bedeutet, als jüdische Menschen in einer Zeit, in der Sichtbarkeit selbst zur Provokation werden kann, auf die Straße zu gehen. Es ist eine Reflexion darüber, warum unsere Botschaft harmlos, unsere Stille kraftvoll und unsere Würde unerschütterlich ist.

Am Montag werde ich am Silent Walk gegen Antisemitismus in Basel teilnehmen. Wir werden still durch die Straßen ziehen, Plakate tragen – „Stop den Judenhass“. Es ist eines von mehreren, die wir vorbereitet haben. Dieses Schild sagt alles, was wir sagen müssen: dass antisemitischer Hass in unserer Stadt keinen Platz hat, dass jüdisches Leben sichtbar sein darf und dass wir uns erinnern – Nie wieder.

1. Einstieg: Ein persönlicher Moment

Ich denke an den Moment, wenn wir uns treffen, die Plakate in den Händen halten, die Menschen neben mir. Es ist ruhig, konzentriert, respektvoll. Dieses Schweigen spricht lauter als jede Parole. Und ich weiß: genau das provoziert die Gegendemonstration, die angekündigt wurde.

Oder an den Café-Moment vor und nach dem letzten Silent Walk (und einen ähnlichen in einem Restaurant, noch lange vor dem Silent Walk): Dass ich und meine Freund*innen vor kurzem nicht bedient wurden, weil wir Davidsterne trugen. Dass wir öffentlich als „Juden“ erkannt wurden – und schon aus diesem Grund diskriminiert. Das ist keine Randnotiz, kein Einzelfall, kein „Vorfall“. Das ist Realität, gegen die wir am Montag sichtbar auf die Straße gehen.

2. Der Kontrast: Was ein Silent Walk ist – und was er nicht ist

Unser Walk wird still sein. Würdevoll. Menschenfreundlich. Ohne Parolen, ohne politische Forderungen, ohne Triumphalismus. Es geht nicht darum, Israel zu feiern, sondern darum, Hass zu benennen und Solidarität zu zeigen.

Die Schilder, die wir tragen, zeigen nichts als menschenfreundliche, menschenrechtliche, zutiefst demokratische Aussagen. Darauf steht keine Hetze, keine Parole der Ausgrenzung, keine nationale Überhöhung, keine Entmenschlichung, keine Forderung nach Gewalt, nichts, was irgendjemanden bedroht:

  • „Stoppt den Judenhass“
  • „Kritik ist erlaubt – Judenhass nie“
  • „Antisemitismus ist Menschenfeindlichkeit“
  • „Nie wieder Judenhass“
  • „Solidarität mit den Opfern des 7. Oktobers“
  • „Gemeinsam gegen Hass, gemeinsam für das Leben“
  • „Queers gegen Antisemitismus“
  • „Solidarität für alle“

Das ist schlicht die Essenz einer pluralistischen, demokratischen Gesellschaft. Und genau das triggert die Gegendemonstration. Nicht, weil unsere Botschaft extrem wäre – sondern weil sie ihre eigene extremistische Ideologie entlarvt.

Für alle, die wirklich Antirassismus meinen, sind diese Schilder banal im besten Sinne. Wer „Nie wieder Judenhass“ als faschistisch bezeichnet, entlarvt sich selbst.

3. Der Bruch: Die Reaktion der Gegendemonstration

Die Gegendemonstration wird am Theaterplatz starten (so zumindest angekündigt), nur wenige Meter von uns entfernt und so gut wie zeitgleich. Die Botschaften, die von dort ausgehen, sind laut, aggressiv und entmenschlichend. Sie werfen uns vor, was sie selbst tun:

  • „Faschistisch“ → während sie selbst totalitäre, ausgrenzende Sprache verwenden
  • „Kolonial“ → während sie jüdische Geschichte und Gegenwart unsichtbar machen
  • „Genozidal“ → während ihre Parolen auf die Abschaffung eines Staates hinauslaufen
  • „Vereinnahmend“ → während sie jüdische Identität selbst definieren wollen

Diese Projektion ist der Klassiker extremistischer Bewegungen. Sie reagiert nicht auf unsere Botschaften, sie reagiert auf unsere Existenz. Ideologische Logik ist immun gegen Realität: ein unglücklicher Post der GSI nach dem letzten Silent Walk in Zürich (der sogleich erklärt und entfernt wurde) war nur ein Vorwand. Hätte es ihn nicht gegeben, hätten sie einen anderen gefunden.

Die Parolen der Gegendemonstration sind eliminatorisch, nicht kritisch:

  • „Zionistischer Marsch“
  • „Genozidale Entität“
  • „Faschistische Ideologie“
  • „Geschwür“
  • „Die Straßen gehören uns“
  • „Wir lassen keinen Raum für Zionismus“
  • „From the river to the sea“

Sie sind inhaltlich deckungsgleich mit den Parolen von Hamas, dem iranischen Regime und anderen, die jüdische Selbstbestimmung auslöschen wollen.

4. Der Schmerzpunkt: Jüdische Sichtbarkeit wird zur Gefahr

Für uns bedeutet das: Wir müssen immer wieder überlegen, wie wir sichtbar sind. Wir werden möglicherweise verbal attackiert werden, vielleicht sogar bedroht. Worte wie „Zionist“ – und andere- werden als Schimpfwort eingesetzt. Sichtbarkeit wird nur unter Bedingungen zugestanden: als Objekt, nicht als Subjekt.

Die bitterste Diagnose: Ein Teil der Gesellschaft beansprucht das moralische Monopol so total, dass jüdische Menschen nur dann akzeptiert sind, wenn sie ideologisch passen. Alles andere wird sofort kriminalisiert, dämonisiert, entmenschlicht.

5. Der Mechanismus: Warum diese Gruppen so reagieren

Projektion, moralische Komplettherrschaft, das Bedürfnis, jüdische Menschen zu entmündigen. Jüdische Selbstbestimmung gilt als Provokation. Jede Form von Sichtbarkeit wird als Bedrohung empfunden.

Das Muster ist klar: Sie kriminalisieren die Existenz, nicht die Botschaft. Wer sich laut gegen Antisemitismus stellt, wird zur Zielscheibe. Wer schweigt, wird toleriert – solange er politisch ohnmächtig bleibt.

6. Der Kern: Was das alles bedeutet

Es bedeutet, dass wir uns als jüdische Menschen wieder fragen müssen:

  • Darf ich sichtbar sein?
  • Darf ich öffentlich gegen Judenhass auftreten?
  • Bin ich nur dann „erlaubt“, wenn ich mich politisch unterordne?
  • Muss ich Angst haben vor verbalen oder physischen Angriffen, nur weil ich existiere?

Das ist kein politischer Streit. Das ist antijüdischer Autoritarismus. Und das passiert trotz des Silent Walks, weil genau solche Sichtbarkeit die Gegendemonstration triggert.

7. Schluss: Haltung zeigen, Stille bewahren

Und trotzdem werden wir am Montag still durch die Straßen ziehen. Wir werden unsere Botschaft tragen, sichtbar, würdevoll, unbeirrt. Denn die stille Würde des Walks ist stärker als die Lautstärke der Hassenden.

Jüdische Sichtbarkeit ist kein Verbrechen. Nie wieder ist jetzt. Und die Frage, ob wir als jüdische Menschen sicher auf die Straße gehen dürfen, darf niemals gestellt werden – und doch müssen wir uns ihr stellen, Walk für Walk.

Bilder vom letzten Silent Walk in Basel

Hinterlasse einen Kommentar