Ruhig gesprochen, klar gemeint: Wie ein „kritisches“ Video antisemitische Schuldumkehr normalisiert

Am ersten Abend von Chanukka ereignete sich ein antisemitischer Anschlag in Australien – eine Tat, die als „act of pure evil“ bezeichnet wurde. Dr. Marco Caimi hat dazu ein Video veröffentlicht, das nicht nur das Massaker aufgreift, sondern es in einen größeren Kontext einbettet, moralische Kategorien verschiebt und antisemitische Narrative reaktiviert.

In diesem Essay analysiere ich die Mechanismen hinter Caimis Darstellung: wie Bilder, Tweets und Inszenierungen genutzt werden, um Opfer zu relativieren, Schuld umzulenken und politische Macht zu dramatisieren. Ich zeige auf, wie subtil alte antisemitische Muster in scheinbar kritischen, intellektuellen Formaten fortbestehen und welche Verantwortung wir als Leser:innen, Zuschauer:innen und Gesellschaft haben, sie zu erkennen.

Einleitung

Am 14. Dezember 2025 ereignete sich am Bondi Beach in Australien ein antisemitischer Anschlag auf eine Chanukka-Feier. Die Tat schockierte die Welt, und Premierminister Anthony Albanese bezeichnete sie als „an act of pure evil“. Gleichzeitig veröffentlichte Dr. Marco Caimi auf seinem Kanal CaimiReport ein Video mit dem Titel „Von den Guten und Bösen am Bondi Beach1, in dem er das Massaker, Gaza und die Rolle Israels miteinander verknüpft, moralische Kategorien verschiebt und antisemitische Narrative reaktiviert.

In diesem Essay analysieren wir die Argumentation, die visuellen Mittel, die dramaturgische Struktur und die rhetorischen Kniffe des Videos. Wir zeigen auf, wie Caimi:

  • Opfer zu Rohmaterial für geopolitische Erzählungen macht
  • moralische Schuld verschiebt
  • antisemitische Narrative in modernem, „kritischem“ Gewand präsentiert

Ziel ist es nicht, die Tat zu relativieren oder Kritik an Israel per se zu unterdrücken, sondern die Mechanismen nachzuvollziehen, mit denen ein antisemitisches Gewaltverbrechen instrumentalisiert, Opfer entmenschlicht und Schuld umgedeutet wird.

Prolog – Warum dieses Video nicht ignoriert werden darf

Es gibt Tage, an denen man sich wünscht, sich mit Schönerem zu befassen. Tage, an denen die Welt laut genug ist, brutal genug, erschöpfend genug – und man nicht auch noch den Blick auf das Dunkle richten möchte, das sich leise, ruhig, scheinbar vernünftig präsentiert.
Dieser Text entsteht an so einem Tag.

Er entsteht nicht, weil ein Video besonders schrill wäre.
Nicht, weil es wütend macht.
Nicht, weil es beleidigt.

Er entsteht, weil es ruhig ist.
Weil es gesammelt ist.
Weil es von jemandem kommt, dem viele zuhören – und dem viele vertrauen.

Am ersten Abend von Chanukka werden in Bondi Beach jüdische Menschen angegriffen. Ein antisemitisches Gewaltverbrechen. Ein Massaker. Der australische Premierminister nennt es einen „act of pure evil“. Ein Satz, der keine Analyse ersetzt, aber moralische Klarheit schafft: Hier ist etwas geschehen, das nicht relativiert werden darf.

Wenige Tage später erscheint ein Video auf YouTube.
Titel: „Von den Guten und Bösen am Bondi Beach“.
Uploader: Dr. Marco Caimi. Arzt. Publizist. Kabarettist. Betreiber eines „critical alternative media channel“. Über 50’000 Abonnent:innen.

Das Video ist ruhig. Die Stimme ruhig. Die Gestik zurückhaltend. Keine Wut, keine Hetze, kein Gebrüll.
Und genau das macht es gefährlich.

Denn was hier geschieht, ist keine offene Beschimpfung jüdischer Menschen. Keine vulgäre Holocaustverharmlosung. Kein biologistischer Hass.
Was hier geschieht, ist etwas Subtileres – und gerade deshalb Wirksameres:
eine Deutung, die jüdisches Leid nicht leugnet, sondern umcodiert.
Eine Erzählung, die Antisemitismus nicht bestreitet, sondern delegitimiert.
Eine Argumentation, die vorgibt, „kritisch“ zu sein – und dabei ein geschlossenes antisemitisches Erklärungssystem reproduziert.

Dieser Text ist kein Aufruf zur Zensur.
Er ist kein Versuch, jemanden „zu canceln“.
Er ist auch keine Verteidigung israelischer Politik.

Er ist der Versuch, genau hinzusehen.
Und beim Hinsehen nicht wegzuschauen, nur weil der Ton leise ist.

I. Wer hier spricht – Persona, Kanal, Selbstverständnis

Dr. Marco Caimi präsentiert sich nicht als Aktivist. Nicht als Parteigänger. Nicht als jemand, der „aufklären will, koste es, was es wolle“.
Er präsentiert sich als ruhiger Beobachter.

Der Kanal CaimiReport beschreibt sich selbst als „critical and independent media channel for true stories“. Die Mission: hinter die Geschichten schauen, die „die Mainstream-Medien uns täglich servieren“. Man müsse wissen, wie Medien funktionieren, wer sie besitzt, wer mit wem verbunden ist, welche Interessen verfolgt werden.
Ein klassisches Narrativ alternativer Medien – nicht per se problematisch, aber eindeutig positioniert.

Caimi inszeniert sich dabei als jemand, der nicht emotional involviert ist.
Er spricht langsam.
Er hebt die Stimme kaum.
Er lächelt selten.
Er schaut oft an der Kamera vorbei, wirkt gesammelt, beinahe meditativ.

Diese Inszenierung ist nicht zufällig. Sie erzeugt Vertrauen.
Denn sie vermittelt: Hier spricht jemand, der sich nicht treiben lässt. Jemand, der denkt, bevor er spricht.

Hinzu kommt seine Berufsbezeichnung: Arzt.
In vielen gesellschaftlichen Kontexten ist das nach wie vor ein Vertrauensberuf. Ärzt:innen gelten als rational, wissenschaftlich geschult, ethisch verpflichtet. Selbst dort, wo sie außerhalb ihres Fachgebiets sprechen, haftet ihnen ein Nimbus der Vernunft an.

Caimi verstärkt diesen Eindruck, indem er sich nicht als Meinungsmacher präsentiert, sondern als jemand, der „Fragen stellt“. Der „Zusammenhänge sichtbar macht“. Der „nur zeigt, was andere verschweigen“.

Er behauptet nicht: So ist es.
Er sagt: Ist das nicht seltsam?
Er ruft nicht: Das ist eine Lüge!
Er sagt: Man sollte darüber nachdenken.

Gerade darin liegt die Wirksamkeit seiner Kommunikation.
Denn sie lädt das Publikum ein, sich selbst als kritisch zu erleben – nicht als verführbar.

Und genau hier beginnt die Verantwortung.

Denn wer so spricht, kann nicht so tun, als habe seine Wortwahl, seine Bildauswahl, seine Quellenwahl keine Wirkung. Neutralität ist keine Eigenschaft eines Tons, sondern eine Frage der Struktur.

Was in diesem Video folgt, ist keine lose Aneinanderreihung von Gedanken.
Es ist eine Erzählung.
Und sie ist – bei aller Ruhe – erschreckend geschlossen.

II. Das Ereignis: Bondi Beach, Chanukka, antisemitische Gewalt

Am 14. Dezember, dem ersten Abend von Chanukka, versammeln sich jüdische Menschen in Bondi Beach, Sydney. Sie feiern ein Fest, das an Widerstand zur Zeit existentieller Unterdrückung erinnert – und das an ein Wunder des Lichts erinnert: ein Licht, das in der Dunkelheit entgegen aller Hoffnung entzündet wird. Chanukka ist ein Fest des Überlebens. Ein Fest der Beharrlichkeit gegen Gewalt und Zwang.

Dass ein antisemitischer Angriff ausgerechnet an diesem Abend geschieht, ist kein neutraler Zufall. Ebenso wenig wie der Ort zufällig ist. Jüdische Feste, sichtbare Versammlungen, öffentliche Rituale sind seit Jahrhunderten bevorzugte Angriffsziele antisemitischer Gewalt. Nicht, weil sie „provokativ“ wären, sondern weil sie sichtbar machen, dass jüdisches Leben existiert – öffentlich, selbstbewusst, gemeinschaftlich.

Als die australische Regierung das Massaker als antisemitisch motiviert einordnet, geschieht das nicht aus politischer Willkür. Es geschieht auf der Grundlage von Kontextwissen, das sich aus Ort, Zeit, Zielgruppe und historischer Erfahrung speist. Antisemitismus ist kein abstraktes Phänomen, das sich nur durch explizite Bekennerschreiben erkennen lässt. Er ist ein Gewaltmuster. Und Muster lassen sich lesen.

Diese Einordnung ist nicht Ausdruck von Hysterie, sondern von Verantwortung. Sie nimmt die Opfer ernst, indem sie das benennt, was sie zu Opfern gemacht hat: jüdisch zu sein.

Doch genau diese Einordnung wird in Caimis Video von Beginn an infrage gestellt.

Nicht frontal.
Nicht empört.
Sondern leise.

Er sagt sinngemäß: Es sei seltsam, dass man sofort gewusst habe, dass der Anschlag antisemitisch motiviert war – noch bevor Untersuchungen abgeschlossen seien. Diese Formulierung klingt zunächst harmlos. Sie appelliert an Skepsis. An Rechtsstaatlichkeit. An Vorsicht.

Was sie jedoch unterschlägt, ist zentral: Antisemitische Tatmotive werden nicht erraten, sie werden erkannt. Aufgrund von Erfahrung. Aufgrund von Mustern. Aufgrund von Geschichte.

Indem Caimi diese Einordnung als vorschnell markiert, wird jüdisches Gefährdungswissen epistemisch entwertet. Die Botschaft lautet: Ihr wisst es gar nicht so genau.
Und mehr noch: Vielleicht wollt ihr es nur so sehen.

Damit wird nicht nur eine Tat infrage gestellt, sondern die Legitimität, Antisemitismus überhaupt zu benennen.

III. Wie aus Kontextualisierung Schuldumkehr wird

1. Die Gleichsetzung zweier Ebenen von „Böse“

Wenn Dr. Marco Caimi das Massaker von Bondi Beach zunächst als „an act of pure evil“ bezeichnet, übernimmt er eine moralische Bewertung, die in diesem Moment völlig angemessen ist. Ein antisemitischer Anschlag auf jüdische Menschen, die am ersten Abend von Chanukka zusammenkommen, ist ein Akt des Bösen – nicht metaphysisch, sondern konkret, gewalttätig, menschenverachtend.

Entscheidend ist jedoch nicht dieser Satz, sondern was unmittelbar danach geschieht.

Noch während diese moralische Kategorie im Raum steht, blendet Caimi Bilder aus Gaza ein und rahmt auch sie als „act of pure evil“. Formal könnte man sagen: Er benennt zwei Orte des Leidens. Inhaltlich jedoch geschieht etwas anderes.

Das antisemitische Verbrechen wird nicht stehen gelassen.
Jüdisches Leid wird nicht ausgehalten, nicht betrauert, nicht in seiner Eigenständigkeit anerkannt. Es wird sofort überblendet, relativiert, umgedeutet – eingebettet in eine andere Erzählung, die nicht ergänzt, sondern ersetzt.

Das ist kein „Beides-sehen“.
Es ist ein Verschieben der moralischen Aufmerksamkeit.

Die Frage lautet nicht mehr:
Was ist jüdischen Menschen hier widerfahren?
Sondern:
Wer profitiert davon?

Damit wird der Blick weg von den Opfern gelenkt – hin zu einer Deutungslogik, in der jüdisches Leid nicht mehr Ausgangspunkt ethischer Verantwortung ist, sondern Rohmaterial für politische Erklärungsmuster.

2. Der Sprung zur Geheimdienst-Propaganda – eine klare Grenzüberschreitung

Noch deutlicher wird dieser Bruch, als Caimi das Massaker als „Meisterleistung offensichtlicher Propaganda eines Geheimdienstes“ bezeichnet. Auch wenn er den Mossad nicht explizit nennt, ist die Referenz eindeutig.

In diesem Moment wird eine Linie überschritten.

Das antisemitische Verbrechen wird nicht mehr den Tätern zugeschrieben.
Es wird jüdischen bzw. israelischen Akteuren angelastet – als Inszenierung, als Manipulation, als Täuschung.

Das ist keine Kritik an israelischer Politik.
Das ist die Reaktivierung eines der ältesten antisemitischen Narrative überhaupt:
Juden inszenieren Gewalt – sogar gegen sich selbst –, um daraus politischen Nutzen zu ziehen.

Dass diese Behauptung im Kontext eines Anschlags am ersten Abend von Chanukka geäußert wird, verschärft die Problematik. Der jüdische Festkalender wird hier nicht als Kontext sensibel wahrgenommen, sondern funktionalisiert.

Das antisemitische Verbrechen wird epistemisch entkernt:
Es ist nicht mehr das, was es zu sein scheint.

3. Die Dramaturgie: Anerkennung – Umkehr – Schuldzuweisung

Besonders perfide ist die dramaturgische Struktur, in der Caimi diese Deutung aufbaut. Sie folgt einem klaren Dreischritt:

a) Autoritative Übernahme
Caimi übernimmt zunächst die Worte des australischen Premierministers. Der Begriff „act of pure evil“ erhält dadurch staatliche, moralische Autorität.
Er widerspricht nicht. Er sagt sinngemäß: Das kann man so stehen lassen.

b) Der performative Bruch
Genau in diesem Moment blendet er Gaza ein.
Kein Argument, keine Erklärung – nur Bild und Nähe.

Das ist visuelle Rhetorik.
Und sie ist enorm wirkungsvoll.

Die moralische Kategorie des „reinen Bösen“ wird umcodiert:
weg vom antisemitischen Anschlag,
hin zur israelischen Politik.

c) Nachgeschobene Deutung
Erst danach folgt die Geheimdienst-These.
Nun wird das Massaker nicht nur relativiert, sondern umgedeutet – als Teil einer Inszenierung.

Diese Struktur ist aus moderner antisemitischer Kommunikation gut bekannt, besonders in gebildeten, „kritischen“ Milieus:
Man beginnt mit Zustimmung, kippt die Perspektive – und landet bei Schuldzuweisung.

IV. Candace Owens, Vorwissen und die Logik der Verschwörung

Nachdem Caimi das moralische Koordinatensystem bereits verschoben hat, führt er eine neue Stimme ein: Candace Owens. Nicht als Randfigur, sondern als Beleg. Als jemand, der „es vorher gesagt“ habe.

Owens twittert am 27. November 2025:

“They have been signaling that a 9/11 style attack is coming the second week of December. Save this tweet. It will age well.”

Der Satz ist kurz, aber dicht. Er arbeitet mit einem diffusen „They“. Er behauptet Vorwissen. Und er verspricht rückwirkende Bestätigung.
Save this tweet – das ist kein journalistischer Hinweis, sondern eine performative Setzung: Wer später etwas erlebt, soll es hier wiedererkennen.

Diese Logik ist aus verschwörungsideologischen Kontexten gut bekannt. Sie funktioniert nicht über Beweise, sondern über Andeutung. Nicht über Argumente, sondern über zeitliche Koinzidenzen.
Was später geschieht, wird nicht untersucht, sondern rückgebunden.

Owens ist keine neutrale Kommentatorin. Sie ist seit Jahren bekannt für antisemitische Codes, Täter-Opfer-Umkehr und gezielte Provokationen. Wenn Caimi sie zitiert, dann nicht, weil sie zufällig prominent ist, sondern weil sie genau das liefert, was seine Erzählung braucht: den Eindruck, dass „alles schon vorbereitet war“.

Doch der eigentliche Kern liegt nicht im Tweettext, sondern im Bild, das Owens beigefügt hat.

V. „The Zionist Cycle“ – visuelle Dämonologie

Das Bild trägt den Titel „The Zionist Cycle“. Schon diese Bezeichnung ist eindeutig: Es geht nicht um konkrete politische Entscheidungen, nicht um Regierungen, nicht um historische Kontexte – sondern um einen angeblich immergleichen Mechanismus, eine essenzielle Bewegung.

Im Zentrum des Bildes befindet sich ein gezeichnetes Porträt von Theodor Herzl, dem Begründer des politischen Zionismus. Er trägt – und das ist entscheidend – den gelben Judenstern des nationalsozialistischen Deutschlands.

Diese Darstellung ist keine zufällige Provokation. Sie ist eine bewusste Täter-Opfer-Umkehr. Der Judenstern steht historisch für Entrechtung, Verfolgung, Deportation, Vernichtung. Ihn Herzl umzuhängen bedeutet: Jüdische Geschichte wird instrumentalisiert, um Juden zugleich als Opfer und als Täter zu markieren.

Die implizite Botschaft lautet:
Sie wissen, was Verfolgung ist – und nutzen genau das.

Um das Porträt herum verläuft ein kreisförmiger Text. Ein Zyklus. Schritt für Schritt wird behauptet:

– Fake a major attack
– Gain people’s sympathy through exaggerated statistics
– Compare events to past atrocities (e.g. Holocaust, 9/11)
– Use this to justify an invasion of enemy
– Total annihilation of innocent enemy
– Truth starts to come out, antisemitism rises
– Fake a major attack

Das ist keine Kritik.
Das ist eine vollständige Welterklärung.

Sie behauptet, dass jüdische Akteure – pauschal, ohne Differenzierung – Gewalt fingieren, Mitgefühl manipulieren, historische Traumata missbrauchen, Vernichtungskriege führen und Antisemitismus selbst erzeugen.
Nicht als Möglichkeit. Nicht als These. Sondern als Kreislauf. Als Naturgesetz.

Diese Grafik ist nicht missverständlich. Sie ist nicht subtil. Sie ist nicht „provokant“.
Sie ist antisemitisch.

Und nun der entscheidende Punkt: Caimi zeigt diese Grafik, ohne sie einzuordnen. Ohne Distanzierung. Ohne Einordnung in antisemitische Bildtraditionen. Ohne auch nur einen Satz, der sagt: Das ist problematisch.

Im Gegenteil: Im Kontext seines Videos fungiert die Grafik als visuelle Bestätigung dessen, was zuvor angedeutet wurde. Sie ist nicht Gegenstand der Kritik, sondern Teil der Argumentation.

Damit geschieht etwas Entscheidendes:
Antisemitische Bildsprache wird normalisiert.
Nicht durch Zustimmung, sondern durch Einbettung.

VI. „Man wusste sofort, dass es antisemitisch war“ – Entwertung von Erfahrung

Caimi kehrt immer wieder zu einem Punkt zurück: dass man angeblich zu schnell gewusst habe, dass der Anschlag antisemitisch motiviert war. Dass es keine Untersuchung gegeben habe. Dass selbst der Premierminister „sofort“ davon gesprochen habe.

Diese Formulierung ist rhetorisch geschickt. Sie suggeriert Sorgfalt. Skepsis. Rationalität.
Was sie jedoch leugnet, ist Erfahrung.

Antisemitismus ist kein Phänomen, das sich nur durch Bekennerschreiben identifizieren lässt. Er zeigt sich in Mustern: in der Auswahl der Opfer, im Zeitpunkt, im Ort, in der Symbolik. Ein Anschlag auf jüdische Menschen während einer Chanukka-Feier ist kein neutrales Ereignis, dessen Motiv erst völlig offen wäre.

Indem Caimi diese Einordnung als vorschnell darstellt, wird jüdisches Erfahrungswissen delegitimiert. Die Botschaft lautet: Ihr überinterpretiert.
Oder schlimmer noch: Ihr instrumentalisiert.

Das ist ein bekanntes Muster. Antisemitismus wird nicht bestritten, sondern epistemisch entwertet. Er wird zu einer Behauptung unter vielen – und verliert damit seine Verbindlichkeit.

VII. Waffen, IS, Mossad – Verschwörung als Struktur

Caimi verweist auf Details: Die Schützen seien lizenzierte Waffenbesitzer gewesen. Die Waffen legal erworben. In einem Land mit strengen Waffengesetzen.
Diese Informationen werden nicht erklärt, sondern isoliert. Sie dienen nicht der Aufklärung, sondern der Irritation.

Die implizite Botschaft lautet: Das passt doch alles nicht zusammen.

Dann folgt der nächste Schritt: Die Vermutung, es könne sich um den IS gehandelt haben, wird verworfen – mit der Begründung, Israel und der IS würden in Syrien „relativ eng zusammenarbeiten“. Eine Behauptung, die nicht belegt wird, aber eine lange antisemitische Tradition hat: Terrorismus als Werkzeug jüdischer Macht.

Diese Logik ist geschlossen. Wenn der IS „für Israel arbeitet“, kann er nicht Täter sein. Also bleibt nur ein Akteur übrig.

Nicht die Täter.
Nicht Ideologien.
Nicht Antisemitismus.
Sondern Israel.

VIII. Inszenierung, Ostrovsky und die Ästhetik des Zweifels

Ein weiterer Strang des Videos widmet sich Arsen Ostrovsky, einem pro-israelischen Aktivisten, der bei dem Anschlag verletzt worden sein soll. Caimi zeigt Bilder: Ostrovsky mit bandagiertem Kopf, Blut im Gesicht, medial präsent.

Die Art der Darstellung ist entscheidend. Es wird nicht gefragt, wie es ihm geht. Es wird gefragt, warum das Blut nicht abgewaschen wurde. Warum die Bandage so aussehe. Warum er zufällig vor Ort gewesen sei.
Tweets werden eingeblendet, die suggerieren, alles sei inszeniert. Einer zeigt angeblich Ostrovsky beim Schminken mit Kunstblut. Ein anderer zeigt eine Silhouette mit Maske „Islamic Terror“, darunter ein Gesicht mit Davidstern.

Caimi sagt sinngemäß: Ob das KI sei oder nicht, spiele keine Rolle mehr.

Dieser Satz ist entlarvend. Denn er zeigt: Es geht nicht um Wahrheit. Es geht um Wirkung. Um Zweifel. Um das Gefühl, dass „man uns etwas vorspielt“.

Das Ergebnis ist klar: Realität wird aufgelöst. Alles kann inszeniert sein. Und wenn alles inszeniert sein kann, dann ist nichts mehr schützenswert.

IX. Macht der Geheimdienste: Das Interview mit dem Mossad-Agenten

Nach der ausführlichen Inszenierung um Arsen Ostrovsky wendet sich Caimi einem weiteren zentralen Element seines Narrativs zu: der schier grenzenlosen Macht der Geheimdienste. Dabei knüpft er inhaltlich direkt an die zuvor gezeigten Ausschnitte der Jimmy Dore Show an, in der die Frage diskutiert wurde, ob Israel möglicherweise den Iran hinter dem Bondi Beach Massaker sehe. Die dortigen Expert:innen stellten klar: Natürlich sagen sie das, man wolle einen Krieg gegen den Iran rechtfertigen; und die Aufzählung globaler militärischer Interventionen – Libyen, Syrien, Irak, Libanon, Jemen, Afghanistan – diene als Kontext. Caimi stimmt dieser Einschätzung ohne Vorbehalt zu und unterstreicht: Ein Land, so klein wie die Schweiz, habe Donald Trump bereits am Anfang seiner Amtszeit dazu gebracht, den Iran zu bombardieren und destabilisiere seit über drei Jahrzehnten die gesamte Region. Afghanistan werde in dieser Aufzählung der „Jimmy Dore Show“ lediglich vergessen; der Iran sei das „letzte Puzzleteil“.

Er führt weiter aus: Nicht nur Israel sei übermächtig – die Auswirkungen des Staates und seiner politischen Akteure seien global spürbar. In seinen Worten:

„Ja, da sieht man, wohin die Tentakeln dieses Staates Israel überall hinreichen. Ein kleiner Staat letzten Endes. Und auch die jüdische Gemeinde – oder muss man sagen, die zionistische Gemeinde – ist ja auch nicht besonders groß, aber der Einflussbereich ist gigantisch.“

Dieses Bild der globalen Durchdringung bereitet die Bühne für die dramatische Einführung des unkenntlich gemachten Mossad-Agenten. Caimi betont, dass die Fähigkeiten der Geheimdienste keinesfalls unterschätzt werden dürfen und dass deren Wirkung auf die Weltbühne massiv und unsichtbar sei. Das wird exemplarisch durch einen historischen Bezug unterlegt: die Pager-Aktion gegen die Hisbollah, bei der auch Zivilisten verletzt und getötet wurden. Caimi verweist darauf, dass selbst renommierte Medien wie Der Spiegel den Mossad als Verantwortlichen nannten, was die Realität der Handlungsfähigkeit solcher Dienste unterstreichen soll.

Nun zeigt Caimi einen Ausschnitt eines Interviews mit einem Mossad-Agenten, dessen Identität sowohl visuell als auch stimmlich geschützt ist. Der Agent erklärt:

„We create a pretend world… we are a global production company… we write the screenplay, we’re the directors, we’re the producers, we’re the main actors, the world is our stage.“

Die Botschaft ist klar: Geheimdienste inszenieren Realität, orchestrieren Ereignisse und inszenieren Wahrnehmung auf globaler Ebene. In Verbindung mit der Darstellung Israels als übermächtiger Akteur entsteht ein Narrativ, in dem die Welt nicht nur beobachtet, sondern aktiv inszeniert wird – und in dem israelische oder zionistische Akteure als zentrale Steuerungskräfte auftreten.

Caimi verknüpft dies unmittelbar mit den zuvor diskutierten geopolitischen Zusammenhängen: die Interventionen in Libyen, Syrien, Irak, Afghanistan, Libanon und Jemen sowie die strategische Positionierung des Iran. Durch diese Zusammenstellung wirkt die Macht Israels allgegenwärtig und nahezu unkontrollierbar. Die visuelle und narrative Dramaturgie verstärkt die Wirkung: die Tentakel-Metapher, die Referenzen zu Ostrovsky und die Agenten-Aussagen verknüpfen reale Ereignisse mit der Vorstellung einer orchestrierten, verborgenen Wirklichkeit.

Diese Sequenz markiert einen entscheidenden Schritt in Caimis Argumentation: Das Massaker am Bondi Beach wird in einen globalen Machtkontext eingebettet, in dem die Opfer – jüdische Menschen in Australien – auf ein „Dutzend Menschen“ reduziert werden, deren Tod instrumentell für geopolitische Analysen erscheint. Die Verbindung aus Inszenierungsthese, historischer Intervention und Agenten-Zitat vermittelt dem Publikum, dass nichts Zufall ist, alles geplant, alles Teil einer größeren Strategie.

X. Australische Gesetze gegen Hassrede und politische Instrumentalisierung

Nach der Darstellung der globalen Macht der Geheimdienste wendet sich Caimi dem konkreten politischen Kontext Australiens zu. Er zeigt Zeitungsartikel, die die Einführung schärferer Gesetze gegen Hassrede und Gewaltaufrufe dokumentieren. In seiner Darstellung wird die gesetzliche Maßnahme unmittelbar mit Israel und der zionistischen Einflussnahme verknüpft. Sein Kommentar dazu lautet:

„Ja, jetzt hat er ihn! Wenn du jetzt in Australien Israel kritisierst, also nicht den Judaismus, die Religion, dann, gemäß den neuen Gesetzen, bist du Antisemit. Da… kann dir alles Mögliche drohen.“

Caimi konstruiert hier ein Narrativ, in dem westliche Staaten durch israelischen Druck dazu gebracht werden, eigene Gesetze zur Bekämpfung von Antisemitismus zu verschärfen. Gleichzeitig impliziert er, dass diese Gesetze missbraucht werden könnten, um legitime Kritik an israelischer Politik zu kriminalisieren. Indem er australische Politiker:innen wie Premier Anthony Albanese in Bildern mit Kippa darstellt, verstärkt er die Suggestion einer persönlichen und institutionellen Unterwerfung unter den Einfluss Israels.

Er betont weiter, dass Netanyahu nicht nur Israel selbst, sondern auch westliche Staaten gegen sich aufzubringen weiß und diese dazu drängt, härtere Gesetze zu erlassen. Politiker:innen, die diesem Druck nachgeben, bezeichnet er als „saublöd“. Die Wirkung der Sequenz ist klar: Wer den Kampf gegen Antisemitismus ernst nimmt, wird als gezwungen oder manipuliert dargestellt.

Das Narrativ verknüpft hierbei mehrere Ebenen:

  1. Politische Instrumentalisierung: Die Gesetze werden nicht primär als Schutz der Bevölkerung vor Hass und Gewalt präsentiert, sondern als Reaktion auf Druck von außen.
  2. Delegitimierung westlicher Institutionen: Politiker:innen und juristische Maßnahmen erscheinen als Marionetten, unfähig, selbstständig zu handeln.
  3. Reduktion ethischer Verantwortung: Die konkrete Gefahr, die antisemitische Gewalt darstellt, wird in den Hintergrund gedrängt. Stattdessen steht die Darstellung Israels als allgegenwärtiger Manipulator im Vordergrund.
  4. Verknüpfung von Symbolik und Personalisierung: Das Bild von Albanese mit Kippa verstärkt visuell die Idee, dass politische Führung unter direkter Einflussnahme israelischer Interessen steht.

Caimi fasst seine Argumentation zusammen, indem er das „offizielle Narrativ“ als unglaubwürdig bezeichnet. In seiner Rhetorik entsteht der Eindruck, dass alles, was offiziell berichtet oder gesetzlich beschlossen wird, lediglich Teil einer orchestrierten Inszenierung sei. Diese Darstellung schiebt erneut die Schuldfrage von den Tätern antisemitischer Gewalt auf die Opfer und auf die jüdische bzw. zionistische Gemeinschaft.

Die Wirkung auf das Publikum ist subtil und wirksam: Durch die Kombination aus konkreten Nachrichtenartikeln, visueller Symbolik und kommentierender Erzählstimme wird der Eindruck vermittelt, dass die Welt politisch vollständig von unsichtbaren, allmächtigen Kräften gesteuert wird. Zugleich wird jede kritische Auseinandersetzung mit Antisemitismus und Israelpolitik in einen Kontext der Manipulation gezerrt, wodurch die moralische und ethische Verantwortung des Einzelnen in Frage gestellt wird.

XI. Der moralische Kipppunkt: Wie aus Kontextualisierung Schuldumkehr wird

Der Satz, der alles zusammenfasst, fällt beinahe beiläufig:

„das tödliche Schicksal eines Dutzends von Leuten auszunutzen, um Geopolitik zu betreiben“

Die Ermordeten werden hier reduziert. Zu einem „Dutzend Leute“.
Ihr Tod wird nicht betrauert, sondern funktionalisiert. Nicht als Tragödie, sondern als Mittel.

Das ist der moralische Kipppunkt.
Denn hier wird jüdisches Leben nicht mehr als Wert an sich behandelt, sondern als Material. Als etwas, das andere „ausnutzen“.

Das ist exakt die Logik der zuvor gezeigten Grafik – nun ausgesprochen, aber noch immer ruhig.

Der Essay erreicht nun seinen Kernpunkt: Die Analyse der Rhetorik, der Bilder und der dramaturgischen Konstruktionen im Caimi-Video zeigt, wie ein antisemitisches Gewaltverbrechen instrumentell umgedeutet wird. Hier manifestiert sich der moralische Kipppunkt – der Moment, in dem Opfer zu Rohmaterial werden, moralische Verantwortung verschoben wird und antisemitische Narrative systematisch reproduziert werden.

1. Gleichsetzung zweier Ebenen von „Böse“

Dr. Marco Caimi beginnt mit einer moralisch angemessenen Aussage: Das Massaker von Bondi Beach sei „an act of pure evil“. Ein antisemitischer Anschlag auf Menschen, die am ersten Abend von Chanukka zusammenkommen, ist unbestreitbar böse – konkret, gewalttätig, menschenverachtend.

Doch unmittelbar danach blendet Caimi Bilder aus Gaza ein und rahmt auch diese als „act of pure evil“. Formal könnte man sagen, er benennt zwei Orte des Leidens. Inhaltlich geschieht jedoch etwas anderes: Das antisemitische Verbrechen wird nicht stehen gelassen. Jüdisches Leid wird nicht ausgehalten, nicht betrauert, nicht anerkannt. Es wird sofort überblendet, relativiert, in eine andere Erzählung eingebettet, die nicht ergänzt, sondern ersetzt.

Das Resultat ist ein Verschieben der moralischen Aufmerksamkeit. Die Frage lautet nicht mehr: Was ist jüdischen Menschen hier widerfahren? Stattdessen: Wer profitiert davon? Jüdisches Leid wird nicht mehr Ausgangspunkt ethischer Verantwortung, sondern Rohmaterial für politische Erklärungsmodelle.

2. Sprung zur Geheimdienst-Propaganda – eine klare Grenzüberschreitung

Noch deutlicher wird dies, als Caimi das Massaker als „Meisterleistung offensichtlicher Propaganda eines Geheimdienstes“ bezeichnet. Auch wenn er den Mossad nicht explizit nennt, ist die Referenz eindeutig.

In diesem Moment wird eine Linie überschritten: Das antisemitische Verbrechen wird nicht mehr den Tätern zugeschrieben, sondern jüdischen bzw. israelischen Akteuren angelastet – als Inszenierung, als Manipulation, als Täuschung. Das ist keine Kritik an israelischer Politik, sondern die Reaktivierung eines uralten antisemitischen Narrativs: Juden inszenieren Gewalt – sogar gegen sich selbst –, um daraus Nutzen zu ziehen. Dass dies am ersten Abend von Chanukka geschieht, verstärkt die moralische Brisanz.

3. Dramaturgie: Anerkennung – Umkehr – Schuldzuweisung

Die dramaturgische Struktur folgt einem klaren Dreischritt:

a) Autoritative Übernahme: Caimi übernimmt zunächst die Worte des australischen Premierministers. „Act of pure evil“ erhält staatliche und moralische Autorität.

b) Performative Umcodierung: Gaza wird eingeblendet – kein Argument, keine Diskussion. Die moralische Kategorie „reines Böse“ verschiebt sich weg vom antisemitischen Anschlag hin zur israelischen Politik.

c) Nachgeschobene Deutung: Erst danach kommt die Behauptung über Geheimdienst-Propaganda. Das Massaker wird relativiert, umgedeutet und als Teil einer globalen Inszenierung interpretiert.

Diese Struktur ist aus moderner antisemitischer Kommunikation bekannt, insbesondere in gebildeten, „kritischen“ Milieus: Zustimmung aufbauen, moralische Perspektive kippen, Schuldzuweisung implementieren.

4. Candace Owens als bewusste Quelle

Die Einbindung von Candace Owens ist kein Zufall. Sie steht für:

  • verschwörungsideologisches Denken
  • antisemitische Codes
  • gezielte Provokationen

Caimi weiß, wen er zitiert. „They have been signaling…“ arbeitet mit diffusen „They“, angeblichem Vorwissen und rückwirkender „Beweisführung“. Das entspricht klassischen „False Flag“-Erzählungen: „Sie wussten es vorher, sie ließen es zu, sie profitieren davon.“

5. „The Zionist Cycle“ – visuelle Dämonologie

Das Herzstück der antisemitischen Visualisierung: Herzl mit gelbem Stern, umgeben von einem Zyklus fiktiver Manipulationen. Täter-Opfer-Umkehr, instrumentalisierter Holocaust, angebliche Selbstinszenierung. Durch die fehlende Distanzierung normalisiert Caimi diese Darstellung.

6. Entwertung jüdischen Wissens

Caimi delegitimiert epistemisch den antisemitischen Kontext: „man wusste sofort, dass es antisemitisch war“ wird als voreilig dargestellt. Antisemitische Tatmotive werden entwertet, kriminalistische Erfahrung zur „Hysterie“ erklärt.

7. IS „arbeitet für Israel“ – offene Verschwörung

Israel wird als Drahtzieher globaler Gewalt dargestellt. Antisemitische Täter werden entlastet, Schuld auf Israel projiziert. Die offizielle Täterzuordnung wird ausgeschlossen, bis nur noch ein Schuldiger übrigbleibt: Israel bzw. die zionistische Gemeinschaft.

8. Der zentrale Satz – ethischer Tiefpunkt

„Das tödliche Schicksal einer Handvoll Leute auszunutzen, um Geopolitik zu betreiben“

Die Ermordeten werden funktionalisiert, ihr Leben auf Material für Machtspiele reduziert. Jüdisches Leben verliert seinen Eigenwert, Opfer werden zu „Materialien“ globaler Inszenierungen.

9. Zusammengenommen: eine geschlossene antisemitische Erzählung

Alles liegt nun vor:

  • jüdisches Fest
  • jüdische Opfer
  • israelischer Regierungschef
  • Forderung nach Antisemitismusbekämpfung
  • staatliche Reaktion
  • „kein Zufall“

Das ist keine politische Kritik an Netanyahu. Das ist die Delegitimierung des Kampfes gegen Antisemitismus selbst. Implizite Botschaft: Wer Antisemitismus benennt, erzeugt ihn.

Schluss

Die Analyse des Videos zeigt, wie subtil und wirksam antisemitische Rhetorik in scheinbar kritischen, intellektuellen Diskursen operiert. Caimi nutzt:

  • moralische Autorität (Worte des Premierministers)
  • dramaturgische Brüche (Bildüberblendung, Geheimdienst-Behauptungen)
  • bewusste Quellenwahl (Candace Owens, „The Zionist Cycle“)
  • symbolische Inszenierungen (Bilder von Arsen Ostrovsky, Mossad-Agenten, Gesetzesartikel)

Damit schafft er eine geschlossene Erzählung: Jüdisches Leid wird relativiert, politische Verantwortung umgedeutet und Israel bzw. die zionistische Gemeinschaft als allmächtiger, manipulativer Akteur inszeniert. Opfer werden zu Material für geopolitische Erklärungsmodelle, moralische Kategorien verschoben und epistemisches Wissen über antisemitische Gefährdung delegitimiert.

Der Essay zeigt, dass diese Form der Rhetorik nicht nur eine intellektuelle Provokation ist. Sie greift konkrete Gewalt an, instrumentalisierte historische Narrative und aktuelle politische Maßnahmen auf, um eine antisemitische Logik zu normalisieren. Gerade vor dem Hintergrund, dass das Video von einem Arzt stammt, der gesellschaftliches Vertrauen genießt, sind die Implikationen besonders erschütternd.

Abschließend lässt sich festhalten: Es geht nicht um harmlose Kritik an Israel. Es geht um die Umkehrung von Schuld, die Reduktion von Menschenleben auf Material für geopolitische Spielräume und die gezielte Legitimierung antisemitischer Narrative. Wer sich mit solchen Inhalten auseinandersetzt, muss die Mechanismen erkennen, sie einordnen und deutlich machen, dass menschliches Leben, moralische Verantwortung und historische Sensibilität nicht für theoretische Konstruktionen missbraucht werden dürfen.

Schlussbemerkung

Am Bondi Beach erleiden Menschen Gewalt, die nur zusammen feiern wollen. In Gaza erleiden andere Leid. In Caimis Video verschwimmen diese Welten, werden Opfer zu Symbolen, Menschenleben zu Material für Narrative.

Doch die Moral lässt sich nicht verschieben. Das Leid der Opfer ist nicht verhandelbar, es lässt sich nicht relativieren. Die Geschichte kennt die Muster: Täter-Opfer-Umkehr, Instrumentalisierung von Schmerz, Schuldzuweisungen an die falschen. Wir haben gesehen, wie Bilder und Worte eine Welt inszenieren, die so nie geschehen ist – nur um eine alte, bekannte Angst zu nähren.

Die Aufgabe von uns, die wir lesen, sehen und analysieren, ist klar: wir müssen die Mechanismen erkennen, die Geschichten auseinanderhalten, die Opfer schützen und die Wahrheit bewahren. Die Verantwortung liegt darin, dass wir nicht wegsehen, dass wir nicht zulassen, dass Angst, Hass oder Ideologie den Wert von Leben bestimmen.

Denn menschliches Leben ist mehr als Rohmaterial, moralische Kategorien sind mehr als Worte, und das Erinnern an Opfer ist keine Debatte, sondern Pflicht. Wer hinsieht, wer benennt, wer differenziert, der setzt der Instrumentalisierung ein Ende – Schritt für Schritt, Wort für Wort.

Und so gilt: Die Welt mag inszeniert erscheinen, Geschichten manipuliert, Narrativen verführerisch. Doch die Würde der Opfer, die Klarheit der Moral und die Verantwortung der Gemeinschaft bleiben unverrückbar – wie ein Licht, das in die Dunkelheit von Propaganda und Lüge strahlt.

  1. Wer sich das Video ansehen möchte, findet es hier:
    https://youtu.be/Q4ZfRok3SJ0?si=OYHQBP9qdrOtr3rI ↩︎

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