Tragödie in Crans-Montana: Ein Tweet, ein Kommentar – und die Problematik moralischer Vorverurteilung

Ein Hilfsangebot in einer Katastrophe wird zur moralischen Zäsur: Der Kommentar einer Politikerin zeigt, wie schnell legitime Anteilnahme in Dämonisierung kippen kann – und wie gefährlich Mehrdeutigkeit in der öffentlichen Debatte sein kann.

In der Silvesternacht 2026 ereignete sich in Crans-Montana eine verheerende Brandkatastrophe, bei der Dutzende Menschen ums Leben kamen. In Reaktion darauf veröffentlichte das Büro des israelischen Staatspräsidenten Isaac Herzog auf X folgenden Tweet:

„Following the tragedy in Crans-Montana, Switzerland, in which dozens of people were killed in a fire, President Isaac Herzog spoke with the President of the Swiss Confederation, Guy Parmelin, this evening. On behalf of the people of Israel and the State of Israel, President Herzog expressed his deep sorrow over the disaster and offered the Swiss authorities any Israeli assistance that may be required. President Herzog noted that Israel has experienced and advanced capabilities in the fields of locating and identifying victims of fires, as well as in the treatment of burn victims in fire-related incidents, acquired during emergencies and disasters over many years, particularly since October 7. President Parmelin thanked President Herzog for the call and the offer of assistance. He underscored the severity of the events and detailed the ongoing efforts of rescue forces and authorities on the ground, alongside assistance received from neighbouring countries, including France and Italy. President Parmelin noted that the Swiss Ministry of Foreign Affairs has been instructed, if required, to remain in contact with the Embassy of Israel in Switzerland.“

Dieses Beileid und Hilfsangebot ist diplomatische Standardpraxis: eine menschliche Reaktion auf eine Katastrophe, gestützt auf Israels Erfahrung in Notfallmedizin und Katastrophenmanagement.

Das Hilfsangebot, das Herzog übermittelt, wird konkret von ZAKA, einer israelischen Rettungs- und Bergungsorganisation, umgesetzt.

Die Reaktion von Judith Schenk, SP-Mitglied des Berner Stadtparlaments, lautete wortwörtlich:

„Wie zynisch kann man sein? Mich werden die Bilder und Videos, wie Jugendliche in Gaza lebendig verbrennen, ein Leben lang verfolgen. Und nun will die israelische Regierung, also diejenigen, die dort das Feuer mit vollster Absicht gelegt haben, helfen.“

Analyse des Kommentars

  1. Instrumentalisierung zweier Kontexte
    Schenk verknüpft die Tragödie in Crans-Montana unmittelbar mit dem Konflikt in Gaza. Anstatt die Katastrophe in der Schweiz für sich stehen zu lassen, wird sie politisch umgedeutet: Israels Hilfsangebot wird nicht als humanitäre Geste gesehen, sondern als zynisch und moralisch verwerflich.
  2. Kollektivierung und Täterzuschreibung
    Die Formulierung „die israelische Regierung, also diejenigen, die dort das Feuer mit vollster Absicht gelegt haben“ ist eine pauschale, unbelegte Zuschreibung. Sie differenziert nicht zwischen konkreten Taten, Verantwortlichen oder Kontexten, sondern macht jede Handlung Israels per se illegitim.
  3. Doppeldeutigkeit und Wirkung
    Ein weiteres Problem des Kommentars ist seine Mehrdeutigkeit: Die Formulierung kann unterschiedlich gelesen werden. Es ist möglich, dass Schenk Gaza meint. Für Außenstehende – insbesondere für jene, die bereits Verschwörungstheorien über die Brandkatastrophe in Crans-Montana kennen – lässt sich der Satz aber auch so interpretieren, dass Israel selbst das Feuer in der Schweiz gelegt haben könnte. Selbst wenn Schenk diese Lesart nicht beabsichtigte, öffnet die Unklarheit den Raum für Missverständnisse und die Bestätigung antisemitischer Narrative.
  4. Umkehr von Opfer und Täter
    Durch die Bezeichnung von Herzog als „zynisch“ wird die handelnde Partei moralisch delegitimiert, und das Hilfsangebot selbst wird zum Verdachtsmoment. Die Opfer der Brandkatastrophe geraten dadurch in den Hintergrund, während die moralische Verurteilung Israels im Vordergrund steht.
  5. Antisemitische Muster
    Auch wenn Schenk vermutlich ihre Haltung als „Israelkritik“ versteht, reproduziert der Kommentar klassische antisemitische Denkfiguren: die Unfähigkeit, jüdische Anteilnahme und Hilfe als legitim zu sehen, die pauschale Dämonisierung eines Staates aufgrund der Herkunft seiner Führung, und die moralische Vorverurteilung unabhängig von der konkreten Situation.
  6. Besondere Verantwortung als Politikerin
    Schenk ist Mitglied des Stadtparlaments. Öffentlich geäußerte pauschale Schuldzuweisungen und moralische Dämonisierung haben Gewicht und können Ressentiments schüren, Verschwörungstheorien legitimieren und den öffentlichen Diskurs vergiften. Ihre wiederholte Geschichte von problematischer Rhetorik und dem Blockieren von Kritik äussernden Personen – macht dies noch relevanter. Politiker:innen tragen die Verantwortung, Sprache differenziert und verantwortungsvoll einzusetzen.

Fazit
Kritik am Vorgehen der israelischen Regierung oder die Beobachtung des Leids in Gaza sind legitim. Doch Mitgefühl darf nicht exklusiv sein. Wenn jede Geste Israels, selbst Beileid oder Hilfsangebote, automatisch als zynisch oder moralisch verwerflich gelesen wird, kippt legitime Kritik in Dämonisierung.

Problematisch ist nicht das Mitgefühl für Gaza, sondern die Unfähigkeit, Mitgefühl mehr als einmal zu empfinden – ein Muster, das sich hier klar zeigt. Die Doppeldeutigkeit des Kommentars verschärft die Wirkung zusätzlich und macht seine öffentliche Wirkung als Politikerin besonders problematisch.

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