Wenn Stille zur Provokation wird: Ein persönlicher Text nach dem Silent Walk in Bern

Ich bin müde. Und ich bin wütend.
Dieser Text erzählt vom Silent Walk in Bern, von Social-Media-Posts voller Hass und Gewaltbilder – und davon, wie es sich anfühlt, seit Jahren Antisemitismus auszuhalten und trotzdem stehen zu bleiben. Ein persönlicher Meinungsbeitrag, nicht leise, aber klar.

Ich bin müde.
Nicht ein bisschen. Nicht „es war eine lange Woche“.
Ich bin diese tiefe, körperliche Müdigkeit, die entsteht, wenn etwas seit Jahren nicht aufhört.

Am Silent Walk in Bern habe ich teilgenommen, weil ich überzeugt bin:
Gegen Antisemitismus aufzustehen braucht nicht immer Parolen.
Manchmal braucht es nur Präsenz. Schweigen. Dastehen. Nicht weichen.

Was danach kam, war alles andere als still.

Auf Instagram veröffentlichten verschiedene Gruppierungen Posts und Stories, die den Silent Walk als „zionistischen Marsch“ bezeichneten. Zu sehen waren Fotos von uns – realen Menschen, mit Gesichtern, auf dem Waisenhausplatz. Unterlegt mit Musik wie „Death to the Zionist State“. Dazu Texte wie „Zios verjagen“ und Dank an „Gegenprotestierende“.

Das ist kein Zufall.
Das ist keine unbedachte Wortwahl.
Das ist bewusst gewählt.

Wer reale Menschen zeigt, sie kollektiv als „Zionisten“ markiert, ihnen Gewaltmetaphern, Todesmusik und Feindbilder zuordnet, verlässt den Raum legitimer politischer Kritik. Das ist Targeting. Entmenschlichung. Einschüchterung.

Besonders perfide ist dabei die Asymmetrie:
Wir standen dort mit offenen Gesichtern.
Diejenigen, die uns filmten, fotografierten, markierten, blieben vermummt oder anonym.
Und während wir angewiesen waren, keine Gesichter zu zeigen, wurden unsere Bilder verbreitet – ohne Zustimmung, ohne Rücksicht.

In manchen dieser Posts wurden Menschen mit roten Dreiecken markiert – einem Symbol, das aus Hamas-Propagandavideos bekannt ist, wo es zur Zielmarkierung vor Tötungen dient. Diese Dreiecke finden sich seit Monaten im Stadtbild von Bern, auch in der Nähe jüdischer Einrichtungen. Sie stehen nicht in Zeitungen. Aber sie sind da. Wir dokumentieren sie. Immer wieder. Und immer wieder passiert nichts.

Ich bin müde davon, mir erklären zu lassen, das sei „nur Symbolik“ oder „nur Meinung“.
Denn Worte und Bilder haben Wirkung.
Und wer nach über zwei Jahren immer noch so spricht, so postet, so markiert, weiß sehr genau, was er tut.

Ich bin wütend.
Und gleichzeitig erschöpft.

Ich lebe mit chronischen Schmerzen. Mein Körper trägt genug. Ich muss mir nicht zusätzlich antisemitische Hetze, Gewaltfantasien und permanente Entmenschlichung aufladen lassen – weder auf der Straße noch auf dem Bildschirm.

Was mich dabei fast noch mehr ermüdet: das selektive Schweigen.
Die lauten Stimmen, wenn es ins eigene ideologische Raster passt.
Und das Schweigen, wenn Kurden verfolgt werden, Christen in Nigeria ermordet werden, Menschen im Iran unterdrückt werden.
Menschenrechte scheinen nur dann zu zählen, wenn sie politisch verwertbar sind.

Ich habe keine Angst.
Aber ich habe die Schnauze voll vom ständigen Zurückweichen.

Nicht, weil ich angreifen will.
Sondern weil ich stehenbleiben will.

Stehenbleiben heißt nicht schreien.
Stehenbleiben heißt nicht schlagen.
Stehenbleiben heißt: Ich lasse mir meine Menschlichkeit nicht nehmen – auch dann nicht, wenn andere sie mir absprechen wollen.

Ich lache manchmal.
Nicht, weil es lustig ist.
Sondern weil Lachen mich davor schützt, innerlich zu versteinern oder zu explodieren.

Dieser Text ist kein Aufruf zur Eskalation.
Er ist ein Zeugnis von Erschöpfung.
Und von der Weigerung, Entmenschlichung zu normalisieren.

Stille ist kein Schuldeingeständnis.
Und Müdigkeit ist kein Aufgeben.

Manchmal ist es einfach das ehrlichste, was noch möglich ist.

Ich weiß, dass ich nicht allein bin.
Und vielleicht ist genau das der Grund, warum Stille für manche so bedrohlich ist:
Weil sie zeigt, dass man auch ohne Geschrei stehen bleiben kann.
Und nicht weicht.
Und vielleicht reicht das für heute.
Zu wissen: Ich stehe. Du stehst. Wir stehen.
Und das ist mehr, als sie ertragen wollen.

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