Gedenken heißt wütend bleiben

Es ist Holocaust Remembrance Day.
Und ich weiß kaum, was ich sagen soll.

Die einen wissen nicht mehr, was dieser Tag ist.
Warum es ihn gibt.
Was damals überhaupt passiert ist.

Die anderen?
Ihnen ist es egal.
Oder sie sagen:
Jetzt reicht’s doch mal.
Man müsse aufhören.
Mit dem Erinnern.
Mit der Schuld.
Mit dem Gedenken.

Dann gibt es die Worte.
Die Posts.
Das viele „Nie wieder“.
So leicht gesagt.
So schnell geteilt.

Ich bin müde davon.
Von diesem Nie‑wieder‑Reden
und gleichzeitig weitermachen wie vorher.
Antisemitisch.
Aber natürlich nicht so gemeint.
Man findet neue Wörter.
Neue Umwege.
Alte Muster.

Nie wieder.
Während jetzt ist.
Während wir längst mitten drin sind.
Während wir über das Nie wieder längst hinaus sind.

Und eigentlich passt dieser Tag vielen sehr gut.
Denn Menschen lieben tote Juden.

Tote Juden sind brav.
Sie haben brav gelitten.
Und sie sind brav, weil sie tot sind.
Sie können nicht widersprechen.
Sie können sich nicht wehren.

Man erzählt ihre Geschichten.
Rührende Geschichten.
Man erinnert sich an Worte.
An Hoffnung.
An Sätze, die trösten.
Und fühlt sich gut.
Weil man ja gedacht hat.

Aber lebendig?
Wehrhaft?
Nicht angepasst?
Nicht dankbar?

Dann wird es schwierig.
Dann passt es nicht ins Narrativ.
Dann werden aus Juden Probleme.
Gefährlich.
Mächtig.
Schuldig.
An allem.

Der wehrhafte Jude stört.
Der lebendige Jude stört.

Tote Juden sind gut.
Da kann man zeigen, dass man sie liebt.
Dass man sie nicht hasst.
Dass man an sie erinnert.

Und der Judenhass bleibt.
Er erklärt die Welt.
Er liefert einfache Antworten.

Und am Ende?
Am Ende ist egal, ob man ein guter Jude ist oder ein böser.
Am Ende ist man nur Jude.
Und am Ende
macht das keinen Unterschied.

Doch wir dürfen sie nicht vergessen.
Nie.
Nie.
Nie.
Nicht als Zahlen.
Sechs Millionen Namen.
Sechs Millionen Leben.
Sechs Millionen Zukünfte.
Sechs Millionen Mütter.
Söhne.
Töchter.
Kinder.
Enkel.
Freunde.
Sechs Millionen Welten.
Sechs Millionen Möglichkeiten.
Sechs Millionen Wunder.

Gedenken gehört ins Herz.
Nicht elend zurückschauen.
Nicht als Schuldkult.
Sondern tragen.
Mittragen im Herzen.
Mit Würde.
Mit Liebe.
Nicht vergessen, um nicht zu wiederholen.
Nicht vergessen, damit sie durch uns weiterleben.

Nie zurückweichen.
Nie müde werden.
Nie aufgeben.
Immer weiter gegen Judenhass.
Immer weiter gegen Antisemitismus.
Egal, wie viele Köpfe die Hydra treibt.
Egal, wie viele Formen sie annimmt.
Immer weiter vorwärts.

Und voller Liebe wütend bleiben.
Denn Gedenken allein reicht nicht.
Reden reicht nicht.
Postings reichen nicht.
Nie wieder heißt jetzt.
Nie wieder heißt heute.
Nie wieder heißt handeln.
Nie wieder heißt benennen.
Nie wieder heißt erinnern.
Nie wieder heißt nicht weichen.

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