„Nie wieder“ ist kein leerer Slogan.
Es ist ein jüdisches Wort. Ein historischer Ruf. Eine Grenze.
Dieser Text ist entstanden aus der Erfahrung wachsender antisemitischer Gewalt – in Kommentarspalten, in öffentlichen Debatten, in offenen Drohungen. Er fragt, was passiert, wenn Erinnerung relativiert, Schuld verschoben und jüdische Stimmen delegitimiert werden. Und er erinnert daran, dass „Nie wieder“ nicht als Wohlfühlformel gedacht war, sondern als Selbstbehauptung.
Ein Text über Geschichte und Gegenwart.
Über Sprache, die verletzt.
Und über Verantwortung, die nicht ausgelagert werden kann.
Am Internationalen Holocaust-Gedenktag sprach die Shoah-Überlebende Tova Friedman in einem Interview über den wachsenden Antisemitismus.
Sie sprach nicht ängstlich. Sie sprach wütend.
Not again, sagte sie. Nicht noch einmal.
Wer die Kommentare unter diesem Interview liest, versteht, warum.
Viele dieser Kommentare drehen sich nicht um sie.
Nicht um ihr Überleben.
Nicht um Erinnerung.
Sie drehen sich um Gaza, um Israel, um Palästina.
Der Holocaust wird darin nicht geleugnet – er wird umgedeutet, relativiert, funktionalisiert.
„Die Schuld am erneut steigenden Antisemitismus liegt bei Israel.“
„Einen Genozid im Namen des Judentums zu begehen, ist der größte Antisemitismus.“
„Eine Feindschaft zu Israel sollte jeder haben, das macht Menschlichkeit aus.“
„Warum morden die Juden in Palästina?“
„Victimcard mal wieder! Jammern auf höchstem Niveau. Oscar-Nominierung.“
„Jeder jüdische Mensch, der nicht den Zionismus lebt, ist willkommen ❤️“
„Ich leugne nicht, was die Juden im Zweiten Weltkrieg durchgemacht haben. Aber nicht nur Juden waren in Auschwitz. Mein Opa war Pole und ebenfalls dort. Trotzdem verüben Polen heute keinen Genozid und verstecken sich nicht hinter ihren Erlebnissen aus dem Zweiten Weltkrieg.“
Antisemitismus, so heißt es dort, sei „importiert“.
Oder ein Problem der Rechten.
Oder der Linken.
Oder der jeweils anderen.
Fast nie der eigenen Gruppe.
Fast nie der eigenen Sprache.
Fast nie der eigenen Verantwortung.
Andere erklären Antisemitismus für „verständlich“ – als Reaktion.
Seine Ursache liege bei Israel. Oder bei „den Juden“.
Schuldumkehr wird zur Selbstverständlichkeit.
Erinnerung zur Provokation erklärt.
Wer widerspricht, gilt als naiv, hysterisch oder als „artiger Goy“.
So entsteht ein Diskurs, der sagt:
Wir sind nicht antisemitisch – aber ihr seid schuld.
Doch Antisemitismus ist kein Naturereignis.
Er ist keine zwangsläufige Reaktion.
Und er ist keine politische Kritik.
Antisemitismus ist immer eine Entscheidung.
Die judenhassende Person entscheidet selbst, was sie sagt, welche Parolen sie wiederholt, welche Denkmuster sie pflegt – und ob sie zur Tat schreitet. Niemand zwingt sie dazu.
Die Entscheidung,
• jüdische Menschen kollektiv verantwortlich zu machen,
• jüdisches Leiden zu relativieren,
• Juden ihre Stimme, ihre Trauer und ihre Sicherheit abzusprechen.
Antisemitismus ist zudem oft eine Verschwörungstheorie, eine Welterklärung.
Er reduziert komplexe Zusammenhänge auf einfache Schuldige.
Er erklärt die Welt scheinbar logisch –
während er in Wahrheit Hass, Gewalt und Lüge organisiert.
Was die Kommentare unter Tova Friedmans Interview zeigen, ist die eine Seite:
Antisemitismus im Gewand der Moral, der Analyse, der vermeintlichen Aufklärung.
Und dann gab es unter diesem Interview noch Kommentare wie:
„Die ist Überlebende? Die war 7, als der Krieg vorbei war – die wird doch kaum was mitbekommen haben.“
„Komm, das kannst du besser schauspielern.“
„Jedes Jahr gibt es angeblich neue Überlebende – sollten die nicht weniger werden statt mehr?“
Begleitet werden diese Aussagen von Lach-Emojis, Spott und Häme.
Das ist kein Zufall.
Das ist sekundärer Antisemitismus.
Wenn Überlebende sprechen, stören sie.
Sie stören bequeme Narrative, Täter-Opfer-Umkehr, Schuldabwehr.
Also versucht man, ihre Zeugenschaft zu delegitimieren:
zu jung, zu spät, übertrieben, gespielt.
Dass viele Überlebende erst im hohen Alter sprechen, liegt nicht daran, dass es „immer mehr“ werden –
sondern daran, dass jahrzehntelanges Schweigen, Angst und Trauma erst jetzt Raum bekommen.
Das Lachen darüber ist Teil der Gewalt.
Die andere Seite dieses Antisemitismus habe ich selbst erlebt.
Nicht heute.
Sondern nach dem 7. Oktober 2023.
Als ich mein Entsetzen über die Massaker der Hamas ausdrückte.
Als ich Trauer zeigte.
Als ich nichts weiter tat, als jüdisches Leben zu betrauern.
Was folgte, waren keine Debatten.
Keine politischen Einordnungen.
Sondern offene Vernichtungsrede:
Auschwitz.
Gaskammern.
„6 million wasn’t enough.“
Die Ankündigung, dass es wieder geschehen werde.
Freude darüber. Ungeduld.
„A Jew is a dog.“
„Gas the Kike.“
„Get in the oven, rat.“
„Go back to Auschwitz. That’s your real home.“
„The biggest tragedy is that some of you survived the Holocaust. And you’re next.“
„Judaism is a cancer.“
„40,000 people have been killed by Jews in Gaza. Tell me what’s wrong with antisemitism.“
Das ist kein „emotionaler Überschwang“.
Das ist kein politischer Diskurs.
Das ist offener eliminatorischer Antisemitismus.
Und er kommt aus unterschiedlichen Richtungen:
von rechts, von islamistischen Akteuren, aus linken Milieus – und erschreckend viele von Profilen, die sich queeren Kontexten zuordnen lassen.
Das macht ihn nicht widersprüchlich.
Sondern wirksam.
Hier fiel jede Maske.
Diese beiden Ebenen gehören zusammen.
Der eine Antisemitismus bereitet den Boden.
Der andere spricht aus, was längst gedacht wird.
Und genau deshalb sagt eine Überlebende wie Tova Friedman:
Not again.
So sehr ich meine Großeltern vermisse,
so froh bin ich, dass sie nicht mehr sehen müssen,
wohin sich diese Welt wieder entwickelt.
So sehr drängt die Zeit,
dass ich meine noch lebenden, überlebenden Verwandten finde.
So wichtig ist Israel.
Nicht als politisches Argument.
Sondern als Realität:
Dass jüdisches Leben Schutz braucht.
Dass Erinnerung ohne Konsequenzen hohl ist.
Antisemitismus ist kein Problem der jeweils anderen.
Er ist ein Problem der gesamten Gesellschaft.
Und jede Gruppe muss dort hinschauen, wo es weh tut: bei sich selbst.
„Nie wieder“ ist kein leerer Slogan.
Kein modischer Hashtag.
Und keine universelle Wohlfühlformel gegen alles Böse auf der Welt.
„Nie wieder“ ist ein zutiefst jüdischer Begriff –
älter als Auschwitz, älter als der Holocaust, älter als das Dritte Reich.
Der Begriff findet sich unter anderem im Gedicht Masada des jüdischen Dichters Yitzhak Lamdan aus dem Jahr 1927. Dort heißt es:
„Masada wird nie wieder fallen.“
Masada ist eine Felsenfestung in der judäischen Wüste.
Vor fast 2000 Jahren verschanzten sich dort Juden und Jüdinnen vor den römischen Truppen.
Als die Römer die Festung nach monatelanger Belagerung einnahmen, entschieden sich die Eingeschlossenen – der Überlieferung nach – für den Tod anstelle von Gefangenschaft und Versklavung.
„Nie wieder“ bedeutete hier bereits:
Nie wieder wehrlos.
Nie wieder ausgeliefert.
Nie wieder Opfer ohne Handlungsmacht.
Auch nach der Shoah taucht „Nie wieder“ im jüdischen Kontext immer wieder auf.
Bei der Befreiung von Konzentrationslagern hielten Häftlinge Schilder mit der Aufschrift „Nie wieder“ hoch.
1988 wurde „Nie wieder“ zum Slogan der Jewish Defense League, gegründet von Meir Kahane. Bei aller berechtigten Kritik an ihren Methoden entstand sie aus einem zentralen jüdischen Impuls heraus: Juden und Jüdinnen sollen sich nicht noch einmal widerstandslos töten lassen.
All das zeigt: Im jüdischen Kontext stand „Nie wieder“ nie für eine abstrakte Friedensparole.
Sondern für Selbstbehauptung.
Nie wieder heißt:
Nie wieder werden wir uns zu Opfern machen lassen.
Und was passiert, wenn jüdischen Menschen abgesprochen wird, dass „Nie wieder“ ihr Begriff ist? Wenn auf „Nie wieder“ oder „Nie wieder ist jetzt“ geantwortet wird mit:
„Nie wieder heißt nie wieder für alle“?
Für viele jüdische Menschen fühlt sich das an wie ein bekanntes Muster:
So wie auf „Black Lives Matter“ mit „All Lives Matter“ geantwortet wurde.
Formal korrekt.
Moralisch bequem.
Und doch eine Verschiebung, die den ursprünglichen Kontext entleert und unsichtbar macht.
Antisemitismus ist nicht nur Hass.
Er ist auch eine Verschwörungstheorie und eine Welterklärung.
Er bietet einfache Antworten:
• Schuldige sind klar benannt
• Komplexität wird reduziert
• Eigene Ohnmacht wird externalisiert
Deshalb ist er so anschlussfähig.
Deshalb überlebt er jede Epoche.
Und deshalb richtet er sich immer wieder gegen jüdische Menschen – unabhängig davon, was sie tun oder sagen.
„Nie wieder“ ist kein Universalradierer.
Es ist ein historisch gewachsener jüdischer Ruf –
entstanden aus Erfahrung, Trauma, Widerstand und dem Willen zu überleben.
Wer ihn benutzt, sollte wissen, woher er kommt.
Und wer ihn jüdischen Menschen abspricht,
sollte sich fragen, warum.






Quellen:
- Interview mit Tova Friedman in der Tagesschau sowie Kommentare unter dem zugehörigen Instagram-Post https://www.instagram.com/reel/DUAGqXCAFtu
- Antisemitische Kommentare, erhalten über meine eigenen Instagram-, Facebook- und TikTok-Accounts (letzterer existiert inzwischen nicht mehr)
- Historische und kontextuelle Informationen zu „Nie wieder“: Instagram-Account Keine Erinnerungskultur https://www.instagram.com/p/DUANggODMAb
