Was derzeit in Sachsen-Anhalt geschieht, ist kein regionales Randthema.
Der kirchenpolitische Kurs der AfD zeigt exemplarisch, wie autoritäre Parteien Religion instrumentalisieren, Zivilgesellschaft schwächen und demokratische Bildung angreifen wollen.
Dieser Beitrag fragt nicht parteipolitisch, sondern theologisch:
Was bedeutet es für Kirche, Gewissen und Glauben, wenn eine Partei beginnt, über „authentischen“ Glauben zu urteilen – und kirchlichen Widerspruch sanktioniert?
Ausgehend von der Situation in Sachsen-Anhalt wird deutlich, warum die Frage „Kirche und AfD“ letztlich eine Frage nach Freiheit, Bekenntnis und Verantwortung ist.
1. Sachsen-Anhalt als Warnsignal
Was derzeit in Sachsen-Anhalt geschieht, ist mehr als ein regionales kirchenpolitisches Detail. Der Entwurf des Wahlprogramms der AfD Sachsen-Anhalt zur Landtagswahl markiert eine neue Qualität der Auseinandersetzung zwischen einer politischen Partei und den Kirchen. Erstmals erklärt eine Partei offen, sie wolle „die Kirchensteuerkirchen angreifen“, Staatsleistungen „ohne weitere Kompensation“ einstellen, kirchliches Engagement im Bereich Asyl unterbinden und zentrale Einrichtungen politischer Bildung finanziell austrocknen.
Man kann das als ostdeutschen Sonderfall abtun. Man kann es für überzogen halten oder als kulturkämpferische Rhetorik. Doch das wäre zu kurz gegriffen. Sachsen-Anhalt ist kein isolierter Ausnahmefall, sondern ein Testfeld. Hier wird sichtbar, was geschieht, wenn eine Partei, die sich selbst gern als „christlich“ inszeniert, reale Machtoptionen erhält. Wer verstehen will, was Kirche in Zukunft erwartet, wenn autoritär-populistische Kräfte politische Gestaltungsmacht erlangen, muss genau hier hinsehen.
Denn es geht nicht um Sparpolitik. Es geht nicht um eine nüchterne Debatte über Staatsleistungen oder um eine rechtlich saubere Trennung von Staat und Kirche. Was sich abzeichnet, ist ein Angriff auf kirchliche Freiheit, religiöse Neutralität des Staates und auf jene zivilgesellschaftlichen Räume, in denen Demokratie, Menschenwürde und gesellschaftlicher Zusammenhalt eingeübt werden.
2. Kirchenfinanzierung als Machtinstrument
Die AfD begründet ihre Forderungen mit scharfer Rhetorik. Staatsleistungen seien „absurde Zahlungen“, die Kirchen würden nicht mehr den Glauben pflegen, sondern „Regenbogenideologie“. Diese Sprache ist kein Zufall. Sie dient der Delegitimierung.
Dabei ist die Rechtslage eindeutig: Staatsleistungen sind keine freiwilligen Subventionen, sondern historisch begründete Entschädigungen für enteignetes kirchliches Vermögen. Über ihre Ablösung kann – und muss – man diskutieren. Das Grundgesetz sieht dies ausdrücklich vor. Doch Ablösung bedeutet Verhandlung, Rechtssicherheit, Übergangsregelungen. Sie bedeutet nicht, Zahlungen einseitig einzustellen und verfassungsrechtliche Klärung bewusst in jahrelange Gerichtsverfahren zu verschieben – in dem Wissen, dass Kirchen in dieser Zeit handlungsunfähig würden.
Noch gravierender ist die soziale Dimension. Kirchen sind nicht nur Glaubensgemeinschaften. Sie sind Trägerinnen von Kindertagesstätten, Schulen, Pflegeeinrichtungen, Beratungsstellen, Krankenhäusern und Seelsorgeangeboten – besonders in ländlichen Regionen, in denen staatliche Infrastruktur längst ausgedünnt ist. Wer diese Strukturen zerstört, schafft keine schlanke Verwaltung, sondern Versorgungslücken, die am Ende der Staat selbst – teurer und weniger lokal verankert – schließen müsste.
Hier wird sichtbar: Die kirchenpolitischen Forderungen der AfD sind kein Verwaltungsreformprojekt, sondern ein bewusst eingesetztes Machtinstrument. Finanzielle Abhängigkeit soll kirchliches Handeln disziplinieren. Wer widerspricht, verliert Mittel. Wer schweigt oder sich anpasst, wird geduldet.
3. Wenn Parteien über Glauben urteilen
Besonders problematisch ist der religiöse Absolutheitsanspruch, der im Programm mitschwingt. Die AfD erklärt, große Kirchen schadeten dem Glauben. Stattdessen solle „authentischer und vitaler“ Glaube gefördert werden – vorzugsweise in Freikirchen, baptistischen Gemeinden oder orthodoxen Kirchen. Eine politische Partei entscheidet also, welcher Glaube förderwürdig ist und welcher nicht.
Damit verlässt der Staat – oder genauer: eine Partei, die staatliche Macht anstrebt – den Boden weltanschaulicher Neutralität. In einem freiheitlichen Rechtsstaat ist es nicht Aufgabe der Politik, Glaubensinhalte zu bewerten oder religiöse Authentizität zu definieren. Der Staat schützt Religionsfreiheit, er produziert keine Theologie.
Die Gefahr liegt auf der Hand: Gefördert würden nicht Kirchen, die „frommer“ sind, sondern solche, die politisch opportun erscheinen. Loyalität würde zur Bedingung. Glauben würde funktionalisiert. Religion würde zum Werkzeug kultureller und gesellschaftlicher Umgestaltung.
Das ist kein Randphänomen, sondern ein klassisches autoritäres Muster: Religion wird nicht verboten, sondern vereinnahmt. Wer mitmacht, darf bleiben. Wer widerspricht, wird delegitimiert.
4. Kirche als Störfaktor
Warum geraten gerade die großen Kirchen ins Visier? Nicht, weil sie zu mächtig wären. Sondern weil sie sich nicht kontrollieren lassen. Kirchen widersprechen, wenn Menschenwürde verletzt wird. Sie erheben ihre Stimme gegen Rassismus, Antisemitismus und Ausgrenzung. Sie stehen an der Seite von Geflüchteten, von queeren Menschen, von sozial Marginalisierten.
Genau das macht sie aus Sicht der AfD gefährlich. Die Kirche ist kein neutraler Akteur. Sie ist aber auch keine parteipolitische Organisation. Sie folgt einem anderen Maßstab. Und dieser Maßstab ist unbequem.
Das zeigt sich besonders deutlich am Angriff auf kirchliche Wohlfahrtsverbände wie Diakonie und Caritas. Ihre Arbeit wird als „Asyl- und Integrationsindustrie“ diffamiert. Tatsächlich leisten sie Integrationsarbeit, Sprachkurse, Qualifizierungsprogramme – und stabilisieren damit genau jene gesellschaftlichen Bereiche, die politisch gern beschworen werden: Pflege, Gesundheitsversorgung, soziale Teilhabe.
Kirchenasyl wird zum Symbol aufgeblasen, obwohl die Fallzahlen minimal sind. Nicht die Realität ist das Problem, sondern das Zeichen: Kirche widersetzt sich im Einzelfall staatlicher Härte, um menschliche Würde zu schützen. Genau das ist unerträglich für ein autoritäres Ordnungsdenken.
5. Angriff auf politische Bildung
Besonders aufschlussreich ist die Forderung, die staatliche Förderung der Evangelischen Akademie in Lutherstadt Wittenberg zu streichen. Diese Akademien entstanden nach 1945 aus der bitteren Erkenntnis des kirchlichen Versagens im Nationalsozialismus. Ihr Auftrag ist nicht Frömmigkeitsförderung, sondern Demokratiebildung, ethische Reflexion und öffentliche Debatte.
Die Evangelische Akademie Lutherstadt Wittenberg steht exemplarisch für diese Tradition. Wer ihre Finanzierung streicht, greift nicht nur eine kirchliche Einrichtung an, sondern einen zentralen Ort demokratischer Selbstverständigung. Dass dies mit dem Vorwurf geschieht, sie beschäftige sich „zu wenig mit kirchlichen Angelegenheiten“, zeigt das Missverständnis: Gerade weil sie sich mit gesellschaftlichen Fragen beschäftigt, erfüllt sie ihren Auftrag.
Hier wird deutlich: Der Angriff richtet sich gegen Debattenkultur selbst. Gegen Orte, an denen Widerspruch möglich ist, an denen Argumente zählen und nicht Loyalitäten.
6. Freikirchen zwischen Vereinnahmung und Widerstand
Die Diskussion um Freikirchen verdient Differenzierung. Ja, es gibt Stimmen aus freikirchlichen Milieus, die AfD-Positionen begrüßen, insbesondere dort, wo kulturkonservative Moralvorstellungen angesprochen werden. Aber ebenso deutlich haben sich freikirchliche Dachverbände von rechtsextremen Positionen distanziert.
Entscheidend ist: Auch Freikirchen verlieren ihre Freiheit, wenn der Staat beginnt, Glauben nach politischer Nützlichkeit zu bewerten. Wer heute gefördert wird, weil er „authentisch“ erscheint, kann morgen fallen gelassen werden, wenn er widerspricht. Autoritäre Religionspolitik kennt keine verlässlichen Partner, nur temporäre Verbündete.
7. Kirche ist nicht neutral – aber frei
An dieser Stelle wird eine grundlegende Unterscheidung notwendig. Kirche ist nicht neutral. Sie hat eine Botschaft, eine Ethik, eine klare Option für Menschenwürde. Aber sie ist frei. Sie lässt sich nicht in den Dienst einer Partei stellen – egal welcher.
Diese Freiheit ist kein politisches Privileg, sondern ein theologisches Bekenntnis. In der Ordination wird nicht auf ein Parteiprogramm verpflichtet, sondern auf das Evangelium. Die Kirche predigt nicht „deutsch“, nicht „westlich“, nicht „national“, sondern Christus.
Das ist keine abstrakte Formel. Es hat Konsequenzen. Kirche widerspricht, wenn politische Macht sich absolut setzt. Sie erinnert daran, dass kein Staat, keine Partei, keine Ideologie das letzte Wort hat.
8. Barmer Erklärung als aktueller Maßstab
Hier wird die historische Tiefe sichtbar. Die Bekennende Kirche formulierte 1934 in der Barmer Erklärung einen Satz, der bis heute trägt:
„Wir verwerfen die falsche Lehre, als könne und müsse die Kirche als Quelle ihrer Verkündigung außer und neben diesem einen Wort Gottes auch noch andere Ereignisse und Mächte, Gestalten und Wahrheiten als Gottes Offenbarung anerkennen.“
Dieser Satz richtet sich nicht nur gegen den Nationalsozialismus. Er richtet sich gegen jede Form politischer Vereinnahmung der Kirche. Er widerspricht jeder Ideologie, die Glauben funktionalisieren will – sei es national, kulturell oder moralisch.
Wenn heute wieder Parteien definieren wollen, welcher Glaube gesellschaftlich nützlich ist, wenn „deutsch denken“ religiös aufgeladen wird, dann ist das kein historischer Gleichsetzungsversuch. Es ist eine strukturelle Warnung.
9. Deutsches Christentum reloaded?
Niemand behauptet, Geschichte wiederhole sich eins zu eins. Aber Muster kehren zurück. Auch das „deutsche Christentum“ der 1930er Jahre versprach Ordnung, Moral, nationale Erneuerung. Es wollte Kirche auf Linie bringen. Es erklärte widersprechende Stimmen zu Störern.
Der Vergleich dient nicht der Dramatisierung, sondern der Sensibilisierung. Wo Politik beginnt, Glauben zu normieren, wo Loyalität wichtiger wird als Gewissen, dort ist die Grenze überschritten.
10. Sachsen-Anhalt und ganz Deutschland
Warum betrifft das nicht nur Sachsen-Anhalt? Weil die Argumentationsmuster identisch sind. Die gleichen Narrative tauchen bundesweit auf: Kulturkampf, Delegitimierung zivilgesellschaftlicher Akteure, Angriff auf politische Bildung, moralische Polarisierung.
Sachsen-Anhalt zeigt, wie diese Muster aussehen, wenn sie nicht mehr nur rhetorisch, sondern programmatisch werden. Wer glaubt, dies sei regional begrenzt, verkennt die Dynamik.
11. Kirche widerspricht – aus Treue
Die Kirche widerspricht der AfD nicht aus Machtinteresse. Sie tut es aus Treue. Treue zum Evangelium. Treue zur Würde jedes Menschen. Treue zu einer Ordnung, in der Gewissen mehr zählt als Gehorsam.
Gerade deshalb kann es keine „natürliche Allianz“ zwischen Kirche und einer Partei geben, die Loyalität fordert und Widerspruch sanktionieren will. Kirche steht immer auf der Seite der Freiheit – auch wenn das unbequem ist.
12. Schluss: Wem dient die Kirche?
Am Ende steht eine einfache Frage: Wem dient die Kirche? Der Antwort weicht die AfD aus. Denn sie lautet: Nicht dem Staat. Nicht der Nation. Nicht einer Partei. Sondern Gott.
Das ist keine Machtansage. Es ist eine Begrenzung. Und genau diese Begrenzung politischer Macht ist der Grund, warum freie Kirche für autoritäre Projekte unerträglich ist.
Sachsen-Anhalt ist ein Warnsignal. Wer es ernst nimmt, wird verstehen: Die Frage „Kirche und AfD“ ist keine parteipolitische. Sie ist eine ekklesiologische. Und sie entscheidet sich nicht an Wahlprogrammen, sondern am Bekenntnis.
Christlicher Glaube lässt sich nicht in den Dienst autoritärer Macht stellen.
Parteien wie die AfD, die Religion funktionalisieren, Loyalität einfordern und Gewissensfreiheit begrenzen, können für Christinnen und Christen kein Ort politischer Betätigung sein – auch dann nicht, wenn sie sich christlich geben.