Zwischen Bibel, Ethik und Militär: Armageddon im US-Einsatz?

Wenn religiöse Bilder wie „Armageddon“ in militärischen Briefings auftauchen oder politische Inszenierungen christliche Symbolik tragen, stellt sich die Frage: Wie viel Glaube verträgt Macht – und wie wird er dabei missverstanden? Dieser Artikel untersucht, was die biblische Offenbarung wirklich lehrt, warum ihre Instrumentalisierung für Gewalt problematisch ist und welche Verantwortung wir als Gesellschaft und Gläubige haben, wenn Religion, Politik und Krieg aufeinandertreffen.

Was berichtet wird

In den vergangenen Tagen sind Berichte über Aussagen von US-Militärangehörigen bekannt geworden, nach denen einige Kommandeure den Krieg gegen Iran als Teil eines „göttlichen Plans“ dargestellt haben sollen. Laut der Military Religious Freedom Foundation (MRFF) und mehreren anonymisierten Beschwerden von Soldaten wurde den Truppen vermittelt, dass Präsident Donald Trump „von Jesus gesalbt“ sei, um den „Signalfeuer von Armageddon“ zu entzünden.

Die Berichte stammen aus unterschiedlichen Einheiten und militärischen Standorten. Ein nichtkommissionierter Offizier, der im Ready-Support-Modus außerhalb der unmittelbaren Kampfzone steht, berichtete, dass sein Kommandeur während eines Briefings sagte, der Einsatz in Iran sei „Teil von Gottes Plan“ und verwies dabei auf zahlreiche Stellen aus der Offenbarung des Johannes, die das „kommende Armageddon“ und die „Rückkehr Jesu“ thematisieren. Der Offizier beschrieb die Äußerungen als für ihn und seine Kameraden „schockierend“ und stellte fest, dass sie die Moral und den Zusammenhalt in der Einheit belasteten.

Diese Aussagen werfen Fragen nach der Trennung von Religion und staatlicher Gewalt auf, weil sie biblische Bilder verwenden, um militärische Handlungen zu rechtfertigen. Die MRFF erhielt zwischen Samstagmorgen und Montagabend über 110 ähnliche Beschwerden aus allen militärischen Teilstreitkräften und verschiedenen Einheiten, die das Muster bestätigen: Soldaten sollen die Vorstellung vermittelt bekommen haben, dass ihr Handeln göttlich sanktioniert sei.

Politische Macht und religiöse Symbolik

Parallel zu den Berichten aus dem Militär sind in den vergangenen Tagen auch Bilder aus dem Weißen Haus veröffentlicht worden, die eine andere, aber verwandte Dimension sichtbar machen. Auf ihnen sitzt der Präsident im Oval Office, umgeben von einer großen Gruppe evangelikaler Pastorinnen und Pastoren. Sie stehen dicht um ihn herum, legen ihm die Hände auf und sprechen ein Gebet für ihn und für die amerikanischen Truppen.

Foto: PD

Solche Bilder sind mehr als ein privater Moment persönlicher Frömmigkeit. Sie sind öffentlich verbreitet und damit Teil einer politischen Kommunikation. In ihrer Inszenierung erinnern sie an religiöse Bildtraditionen: eine zentrale Figur, umgeben von geistlichen Autoritäten, die ihre Hände auflegen und für Führung und Schutz beten. Das Bild hat eine ikonografische Qualität – es erzählt eine Geschichte, ohne Worte zu brauchen.

Gerade für ein evangelikales Publikum ist die Botschaft leicht zu lesen. Der Präsident erscheint als ein Mann, für den gebetet wird, der unter Gottes Schutz steht und dessen Handeln in eine religiöse Deutung eingebettet ist. Die schiere Zahl der beteiligten Pastorinnen und Pastoren verstärkt diesen Eindruck: Sie wirkt wie eine sichtbare Bestätigung geistlicher Autorität und religiöser Unterstützung.

Damit entsteht eine symbolische Verbindung zwischen politischer Macht, religiöser Sprache und militärischem Handeln. In dem Moment, in dem für den Präsidenten und gleichzeitig für einen laufenden Krieg gebetet wird, verschmelzen drei Ebenen miteinander: staatliche Macht, religiöse Legitimation und militärische Gewalt.

Gerade diese Verbindung ist theologisch sensibel. Sie stellt die Frage, was geschieht, wenn politische Entscheidungen – insbesondere solche über Krieg und Gewalt – in eine religiöse Symbolik eingebettet werden. Denn dort, wo politische Macht religiös aufgeladen wird, entsteht schnell der Eindruck, dass menschliches Handeln unmittelbar unter göttlicher Autorität steht.

Die Geschichte zeigt, dass solche Sakralisierungen politischer Macht immer eine besondere Vorsicht erfordern. Religiöse Bilder können Orientierung geben, sie können Trost spenden und Hoffnung ausdrücken. Wenn sie jedoch zur Deutung oder Legitimation politischer Gewalt dienen, verschiebt sich ihre Funktion grundlegend.

Genau an dieser Stelle berührt die Diskussion um militärische Rhetorik und apokalyptische Bilder eine tiefere theologische Frage: Was geschieht, wenn politische Macht, militärische Gewalt und religiöse Symbolik öffentlich miteinander verschmelzen?

Evangelikale Apokalyptik und politische Deutung

Für viele europäische Beobachter wirken religiöse Bilder aus der amerikanischen Politik zunächst wie eine ungewöhnliche Mischung aus Frömmigkeit und politischer Symbolik. In Teilen des evangelikalen Christentums in den USA besitzen solche Bilder jedoch eine deutlich tiefere Bedeutung.

Ein bedeutender Teil der evangelikalen Bewegung ist von einer spezifischen Form der Endzeiterwartung geprägt. Diese theologische Tradition – häufig mit dem Dispensationalismus verbunden – liest biblische Texte wie die Offenbarung des Johannes oder das Buch Daniel als Hinweise auf konkrete historische Entwicklungen in der Gegenwart. Politische Ereignisse, internationale Konflikte und besonders Entwicklungen im Nahen Osten werden dabei nicht selten als mögliche Schritte in einer heilsgeschichtlichen Abfolge interpretiert.

In dieser Perspektive erscheint Geschichte nicht nur als politische Abfolge von Ereignissen, sondern als Teil eines göttlichen Plans, der auf ein endgültiges Eingreifen Gottes hinausläuft. Staaten, politische Führer und militärische Konflikte können daher eine symbolische Bedeutung erhalten, die über ihre unmittelbare politische Realität hinausgeht.

Gerade deshalb haben Bilder religiöser Unterstützung für politische Führung eine besondere Wirkung. Wenn Pastoren im Oval Office für einen Präsidenten beten, während gleichzeitig ein militärischer Konflikt im Nahen Osten stattfindet, entsteht für manche Betrachter eine Deutungsebene, in der politische Ereignisse mit biblischen Erwartungen verbunden werden können.

Diese Verbindung muss nicht ausdrücklich ausgesprochen werden, um wirksam zu sein. Die Symbolik allein genügt oft, um eine religiöse Lesart politischer Ereignisse anzudeuten: Gott segnet, geistliche Autoritäten unterstützen, politische Macht handelt.

Genau an dieser Stelle entsteht jedoch eine theologische Spannung. Denn die apokalyptischen Texte der Bibel sind ursprünglich nicht dazu gedacht, politische Macht zu legitimieren oder militärische Handlungen als Teil eines göttlichen Plans zu interpretieren. Vielmehr entstanden sie in Situationen, in denen Menschen selbst unter imperialer Macht und Gewalt litten.

Apokalyptische Literatur will daher nicht politische Ereignisse vorhersagen oder menschliche Gewalt rechtfertigen. Sie will Machtstrukturen sichtbar machen, Gewalt entlarven und Hoffnung wachhalten, wo Geschichte sie zu ersticken droht.

Gerade deshalb verlangt ihr Gebrauch in politischen Kontexten besondere Vorsicht.

Die Offenbarung des Johannes: Kontext und Intention

Die genannten Aussagen beziehen sich auf die Offenbarung des Johannes, die letzte Schrift des Neuen Testaments. Sie entstand in einem spezifischen historischen Kontext – unter römischer Herrschaft, für Gemeinden, die politischem Druck, religiöser Verfolgung und existenziellen Bedrohungen ausgesetzt waren.

Die Offenbarung gehört zur sogenannten apokalyptischen Literatur, einer literarischen Form, die im antiken Judentum und frühen Christentum verbreitet war. Apokalyptische Texte arbeiten mit starken Bildern, Visionen und Symbolen. Tiere, Zahlen, kosmische Katastrophen und himmlische Szenen sind keine wörtlichen Beschreibungen zukünftiger Ereignisse, sondern eine symbolische Sprache, mit der politische Realität gedeutet wird.

Diese Texte entstehen typischerweise in Zeiten von Bedrängnis. Sie geben Menschen eine Möglichkeit, ihre Erfahrung von Unterdrückung und Gewalt theologisch zu verstehen. Apokalyptische Literatur will deshalb nicht in erster Linie zukünftige militärische Ereignisse vorhersagen, sondern Gegenwart interpretieren.

Die Offenbarung verfolgt dabei mehrere Ziele:

  • Machtverhältnisse entlarven. Imperiale Gewalt wird sichtbar gemacht und kritisch dargestellt. Die römische Macht erscheint nicht als natürliche Ordnung der Welt, sondern als ein System, das von Gott her infrage gestellt wird.
  • Gewalt demaskieren. Grausamkeit und Zerstörung werden nicht verherrlicht, sondern in ihrer zerstörerischen Logik offengelegt. Apokalyptische Bilder zeigen, wohin Machtstreben und Gewalt letztlich führen.
  • Hoffnung wachhalten. Gerade dort, wo Geschichte aus menschlicher Perspektive hoffnungslos erscheint, erinnert die Offenbarung daran, dass Gottes Treue nicht von politischen Mächten abhängig ist.

Die Offenbarung richtet sich damit in erster Linie an Menschen, die unter Macht leiden, nicht an diejenigen, die Macht ausüben. Ihre Bilder sollen Gemeinden stärken, die sich in einer überwältigenden politischen Realität klein und ohnmächtig fühlen.

Gerade deshalb ist Vorsicht geboten, wenn apokalyptische Texte auf aktuelle politische oder militärische Ereignisse angewendet werden. Die Offenbarung will Menschen nicht zu Vollstreckern göttlicher Pläne machen und sie auch nicht dazu ermutigen, Gewalt als Teil einer heilsgeschichtlichen Entwicklung zu verstehen.

Wo ihre Bilder zur Legitimation militärischer Gewalt verwendet werden, kehrt sich ihre ursprüngliche Perspektive um. Eine Schrift, die entstanden ist, um Gewalt zu entlarven und bedrängten Gemeinden Hoffnung zu geben, wird dann zu einem Instrument, das Macht und Gewalt religiös deutet oder rechtfertigt.

Gerade deshalb verlangt die Auslegung apokalyptischer Texte besondere Sorgfalt – historisch, theologisch und ethisch. Die biblische Apokalyptik entstand nicht im Zentrum politischer Macht, sondern an ihren Rändern. Ihre Bilder sind nicht dazu gedacht, Macht zu rechtfertigen, sondern sie kritisch sichtbar zu machen.

Armageddon und Symbolik

Der Begriff „Armageddon“ erscheint in der Offenbarung des Johannes nur ein einziges Mal (Offb 16,16). Er bezeichnet dort einen Ort, an dem sich die Mächte der Welt zum entscheidenden Kampf versammeln. Schon der Name ist symbolisch: „Har-Megiddo“ verweist vermutlich auf den Berg oder die Ebene von Megiddo im heutigen Israel – einen Ort, der in der biblischen Geschichte wiederholt Schauplatz militärischer Auseinandersetzungen war.

In der Offenbarung wird dieser Ort jedoch nicht als geografische Angabe verstanden, sondern als symbolischer Sammelpunkt der Mächte, die sich gegen Gott und seine Gerechtigkeit stellen. Wie viele Bilder der apokalyptischen Literatur steht auch „Armageddon“ weniger für ein konkretes Schlachtfeld als für eine theologische Deutung von Geschichte: Macht, Gewalt und politische Herrschaft geraten in Konflikt mit Gottes Anspruch auf Gerechtigkeit.

Dabei ist bemerkenswert, dass die Offenbarung nicht dazu aufruft, dass Menschen diesen Kampf führen sollen. Die Vision beschreibt vielmehr, wie die Mächte der Welt sich selbst in ihrer Gewaltlogik verstricken. Der eigentliche Sieg Gottes geschieht nicht durch menschliche Kriegsführung, sondern durch Gottes eigenes Handeln.

Gerade deshalb wird der Begriff problematisch, wenn er in militärischen oder politischen Kontexten als Motivationsformel verwendet wird. Wenn Soldaten aufgefordert werden, in einem „heiligen Auftrag“ zu kämpfen oder militärische Handlungen als Teil eines göttlichen Plans zu verstehen, kehrt sich die Perspektive der Schrift um.

Was ursprünglich Trost für bedrängte Gemeinden war, wird dann zur Sprache der Macht. Die Perspektive der Opfer wird zur Perspektive der Handelnden, und Gott erscheint nicht mehr als derjenige, der Gewalt richtet und begrenzt, sondern als möglicher Bündnispartner staatlicher Gewalt.

Damit verschiebt sich die Bedeutung der biblischen Bilder grundlegend. Eine Schrift, die entstanden ist, um menschliche Machtansprüche zu relativieren und Gottes Treue gegenüber den Bedrängten zu bezeugen, wird in eine Deutung verwandelt, die politische oder militärische Macht religiös auflädt.

Die ursprüngliche Botschaft der Offenbarung bleibt jedoch eine andere: Menschliche Gewalt hat nicht das letzte Wort. Die Geschichte gehört nicht den Mächtigen, sondern Gott.

In der Offenbarung des Johannes werden am Ende der Geschichte verschiedene Bildkreise für den großen Konflikt der Welt verwendet. Neben dem bekannten „Armageddon“ tauchen dort auch Gog und Magog auf (Offb 20,7–9), Motive, die schon aus dem Alten Testament bekannt sind (Ezechiel 38–39). Dort beschreibt der Prophet einen Angriff feindlicher Mächte gegen Israel – doch entscheidend ist: Israel selbst handelt nicht, sondern Gott greift ein und beendet die Gewalt. Auch in der Offenbarung werden Gog und Magog nicht zu militärischen Strategien für Menschen, sondern zu Symbolen aller Mächte, die sich gegen Gottes Gerechtigkeit erheben.

Zudem: In der Offenbarung erwartet Johannes zuerst einen Löwen als Sieger – aber als er hinsieht, steht dort ein geschlachtetes Lamm. Dieser Moment ist eine der radikalsten theologischen Aussagen über Macht und Gewalt im ganzen Neuen Testament.

Die Offenbarung macht an mehreren Stellen deutlich: die entscheidende Wirkung liegt nicht in menschlicher Gewalt, sondern in der Treue Gottes. Johannes malt ein Bild, in dem Machtmissbrauch, Grausamkeit und militärische Gewalt entlarvt werden, nicht glorifiziert. Die bekannten Bilder – Löwe, Lamm, Armageddon, Gog und Magog – dienen dazu, die Grenzen menschlicher Gewalt zu zeigen und Hoffnung zu wecken, selbst in extrem bedrängenden Situationen.

Für den heutigen Kontext im US-Militär bedeutet das: Wenn Soldaten oder Kommandeure die Bilder von Armageddon oder von Gog und Magog nutzen, um militärische Handlungen als „heiligen Auftrag“ zu rechtfertigen, kehrt dies die Intention der Schrift um. Trost wird zu Macht, Opferperspektive zu Täterperspektive, Gott wird zum Bündnispartner menschlicher Gewalt. Die ursprüngliche Botschaft der biblischen Texte – dass menschliche Gewalt begrenzt ist und dass Gottes Treue über allem steht – wird damit verzerrt.

Zusammengefasst: Armageddon und Gog und Magog sind theologische, symbolische Bilderzur Reflexion von Gewalt und Macht, nicht militärische Fahrpläne. Ihre Instrumentalisierung für aktuelle Kriege verfälscht den Sinn der Schrift und untergräbt ethische Verantwortung.

Militärische Realität und rechtlicher Rahmen

Aus militärischer Sicht ist problematisch, dass religiöse Bilder in offiziellen Briefings genutzt werden, um Handlungen zu rechtfertigen. Die MRFF betont, dass dies gegen die Trennung von Religion und Staat verstößt und Soldaten unter Druck setzen kann.

Der Uniform Code of Military Justice (UCMJ) verbietet, Untergebene für religiöse Überzeugungen oder deren Fehlen zu benachteiligen. Gleichzeitig sind Soldaten verpflichtet, den rechtlichen Rahmen zu beachten. Eine Vermischung von militärischem Auftrag und religiöser Ideologie setzt Einzelne in eine ethische Zwickmühle.

Theologische Reflexion: Verantwortung und Freiheit

Theologisch betrachtet zeigt sich hier ein zentrales Problem: Die Verwendung biblischer Texte, um militärische Gewalt zu legitimieren, verschiebt die moralische Verantwortung vom Menschen auf Gott oder auf die Schrift. Die Bibel wird so nicht als ethischer Leitfaden verstanden, sondern als Werkzeug, das menschliches Handeln „absegnet“.

Einige Kernprinzipien lassen sich daraus ableiten:

  • Glaube soll orientieren, nicht mobilisieren: Biblische Texte sollen helfen, die Welt zu verstehen, Hoffnung zu bewahren und moralische Entscheidungen zu reflektieren, nicht Handlungen zu diktieren.
  • Religion soll reflektieren, nicht rechtfertigen: Spirituelle Texte sollen kritische Reflexion über Macht und Gewalt anregen, nicht als Legitimation dienen.
  • Ethik verlangt Verantwortung: Menschen tragen Verantwortung für ihr Handeln, unabhängig von religiösen Bildern oder apokalyptischen Symbolen.

Wenn Soldaten den Eindruck gewinnen, sie handelten „im Auftrag Gottes“, werden sie zu Vollstreckern einer Interpretation der Schrift, die sie nicht selbst verantworten können. Dies untergräbt nicht nur den moralischen Kompass der Truppen, sondern auch die Glaubwürdigkeit religiöser Botschaften. Theologische Freiheit – die Fähigkeit, Schrift zu verstehen, zu deuten und ethisch zu reflektieren – wird so in Abhängigkeit von politischer Macht eingeschränkt.

In einem weiteren Sinne stellt sich die Frage: Wo endet Loyalität gegenüber Vorgesetzten und wo beginnt die Verantwortung gegenüber Gott, Mitmenschen und dem eigenen Gewissen? Gerade in Kontexten, in denen Religion, Politik und militärische Gewalt miteinander verschmelzen, wird diese Verantwortung besonders dringend.

Gesellschaftliche Implikationen

Wenn militärische Führung religiöse Rechtfertigungen verwendet, betrifft dies nicht nur die Soldaten, sondern auch die Gesellschaft:

  • Öffentlichkeit und Politik müssen die Trennung von Religion und Militär wahren;
  • Das Vertrauen in staatliche Institutionen kann erodieren, wenn religiöse Ideologie in militärische Handlungen einfließt;
  • Die Glaubwürdigkeit von Religionen leidet, wenn biblische Texte instrumentalisiert werden.

Es geht also um gesellschaftliche Wachsamkeit und ethische Verantwortung, nicht nur um individuelle Empörung.

Vergleich und historischer Kontext

Die Instrumentalisierung religiöser Texte zur Rechtfertigung von Krieg ist kein neues Phänomen. Historisch lassen sich wiederkehrende Muster erkennen:

  • Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 sprach Präsident George W. Bush von einem „Kreuzzug“ gegen den Terrorismus, wodurch christliche Symbolik bewusst in die politische Rhetorik eingewoben wurde.
  • Auch in früheren Kriegen wurden biblische Bilder genutzt, um moralische Legitimation zu erzeugen oder nationale Einheit zu stiften.

Die aktuellen Berichte über US-Kommandeure, die Offenbarungstexte auf konkrete militärische Einsätze beziehen, zeigen jedoch eine neue Dimension: Hier verschmelzen Fundamentalismus, politische Macht und militärische Strukturen. Diese Entwicklung steht in Verbindung mit dem Phänomen des Christian Nationalism – einer Ideologie, die das Christentum als Fundament nationaler Identität versteht, religiöse Loyalität mit Staatsmacht verschränkt und politische Entscheidungen als gottgewollt deutet. In diesem Zusammenhang werden Soldaten nicht nur moralisch auf Linie gebracht, sondern biblische Symbolik direkt als Rechtfertigung für konkrete militärische Handlungen verwendet.

Die historische Perspektive macht deutlich: Solche Instrumentalisierungen sind gefährlich, weil sie Macht und Gewalt legitimieren, statt sie kritisch zu hinterfragen. Sie verschieben ethische Verantwortung von Individuen auf vermeintliche göttliche Pläne und riskieren die Transformation von Glaubensgemeinschaften in politisch-militante Strukturen. Gleichzeitig untergraben sie die Trennung von Kirche und Staat, die in demokratischen Kontexten als Schutzmechanismus gegen religiös begründete politische Gewalt dient.

Diese Entwicklung wird besonders anschaulich durch die oben genannten jüngst veröffentlichten Bilder aus dem Oval Office, auf denen Präsident Trump von einer Vielzahl evangelikaler Pastor:innen umringt gebetet wird. Das Bild vermittelt symbolisch, was die Berichte über die Kommandeure verdeutlichen: eine Verschmelzung von politischer, militärischer und religiöser Macht. Die Inszenierung wirkt ikonografisch und liturgisch zugleich und sendet ein starkes Signal an die evangelikale Basis: Gott, der Präsident und militärisches Handeln werden in einem Bild zu einer Einheit verbunden. Hier zeigt sich, wie visuelle Symbolik die instrumentelle Nutzung von Bibeltexten ergänzt und verstärkt.

Schlussfolgerung und Appell

Die zentrale Lehre bleibt unverändert: Apokalyptische Texte entlarven Macht und Gewalt, sie geben Hoffnung und zeigen Gottes Treue. Sie sind kein Fahrplan für menschliche Gewaltakte, keine Blaupause für militärische Einsätze und schon gar nicht für politische Inszenierungen. Wo religiöse Bilder wie „Armageddon“ als Auftrag missverstanden werden, wird die biblische Botschaft verfälscht, und die ethische Verantwortung des Einzelnen wird verschoben – von menschlichem Handeln auf vermeintlich göttliche Legitimation.

Die aktuellen Berichte über US-Kommandeure, die Offenbarungstexte direkt auf militärische Operationen beziehen, und die jüngsten visuellen Inszenierungen im Oval Office verdeutlichen dies in drastischer Weise. Hier verschmelzen politische Macht, militärische Gewalt und religiöse Symbolik zu einem Bild, das göttliche Legitimation suggeriert und die Grenze zwischen Kirche, Staat und Streitkräften auflöst. Solche Darstellungen sind ikonografisch aufgeladen, liturgisch inszeniert und für die Gläubigen wirkmächtig – selbst wenn niemand explizit „Armageddon“ ausspricht. Die Symbolik allein erzeugt eine Atmosphäre von religiöser Bestätigung politischen Handelns und sakraler Aufladung von Kriegshandlungen.

Vor diesem Hintergrund ist die theologische und ethische Verantwortung klar: Glaubende, Theolog:innen und alle, die mit biblischer Sprache umgehen, müssen deutlich machen, dass Glaube nicht instrumentalisiert werden darf. Religion darf Orientierung und Hoffnung stiften, moralische Verantwortung stärken und Machtmissbrauch entlarven – sie darf nicht mobilisieren, Gewalt legitimieren oder politische Loyalität erzwingen. Gerade in Zeiten, in denen Fundamentalismus in staatliche Strukturen eindringt und Christian Nationalism mit militärischen Entscheidungen verknüpft wird, ist diese Reflexion unverzichtbar.

Die Aufgabe ist dreifach: erstens, die ursprüngliche Botschaft der Schrift zu bewahren – Trost, Hoffnung und kritische Reflexion der Mächtigen; zweitens, die Trennung von Religion, Staat und Militär zu wahren, um ethische Integrität zu sichern; drittens, Sensibilität für die Wirkung religiöser Symbolik zu entwickeln, sei es in Worten, in Texten oder in Bildern. Nur so kann verhindert werden, dass religiöse Vorstellungen zur Rechtfertigung von Gewalt missbraucht werden und dass Glaube seine ethische, moralische und hoffnungsvolle Kraft verliert.

Am Ende bleibt die entscheidende Frage: Wie wollen wir als Gesellschaft, als Glaubende und als Einzelne mit biblischer Sprache umgehen, wenn sie politisch, militärisch oder visuell instrumentalisiert wird? Die Antwort darauf bestimmt, ob Religion als Reflexionsraum, als moralische Instanz und als Quelle von Hoffnung wirken kann – oder ob sie zu einem Instrument der Machtverhältnisse verkommt, das Menschen zur Vollstreckung von Gewalt anleitet.

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