Von der Dunkelheit zur Hoffnung

Predigt zur Geschichte des Ostermorgens nach dem Matthäusevangelium1.

Sie beginnt nicht im Licht,
sondern in der Frühe des Tages,
noch im Schatten der Nacht
:

Zwei Frauen gehen zum Grab.
Sie gehen mit dem, was war:
mit Trauer, mit Erinnerung, mit Liebe.

Und dann geschieht etwas, das ihr Leben verändert.
Nicht laut und triumphal,
sondern so, dass Furcht und Freude nebeneinander stehen.

Sie erzählt, wie Gott in diese Geschichte hinein handelt –
und wie aus Suchenden Zeuginnen werden.

Früh am Morgen gehen sie los.

Zwei Frauen.
Noch ist es still.
Der Tag hat gerade erst begonnen.

Sie gehen zum Grab.

Nicht, weil sie wissen, was geschehen wird.
Nicht, weil sie erwarten, dass sich etwas wendet.

Sie gehen, weil sie verbunden bleiben.
Weil die Liebe sie dorthin führt.
Weil sie nicht einfach loslassen können.

Vielleicht beginnt Glaube genau dort.
Nicht in Gewissheit.
Sondern in diesem leisen Gehen.
In dieser Treue, die bleibt.

Und dann gerät alles ins Wanken.

Die Erde bebt.
Der Stein wird weggerollt.
Ein Bote Gottes erscheint –
Licht bricht hinein in die Dunkelheit.

Und doch:
Nichts daran ist leicht.

Die Wachen fallen wie tot zu Boden.
Und die Frauen?

Sie erschrecken.

Ostern beginnt nicht mit einem Jubelruf.
Sondern mit Erschütterung.

Vielleicht, weil Gottes Wirklichkeit größer ist
als das, was wir fassen können.
Vielleicht, weil sie nicht einfach tröstet,
sondern verwandelt.

Mitten hinein in diese Furcht
erklingt ein Wort:

Fürchtet euch nicht.

Ein leises Wort.
Und doch ein tragendes.

Es nimmt die Angst nicht einfach weg.
Es erklärt sie nicht.

Aber es spricht hinein.

Und dann – noch einmal –
als Jesus ihnen selbst begegnet:

Fürchtet euch nicht.

Vielleicht ist das Glaube:
nicht frei zu sein von Angst,
sondern gehalten zu sein in ihr.
Angesprochen.
Nicht allein.

Und dann dieser eine Satz,
so schlicht, dass man ihn fast überhören könnte:

Gott hat ihn von den Toten auferweckt.

Gott hat gehandelt.

Gott hat diesen Weg nicht enden lassen.
Den Weg der Liebe.
Den Weg der Hingabe.
Den Weg, den Jesus gegangen ist.

Gott ist ihm treu geblieben.

Und vielleicht ist das der Kern von Ostern:

Die Liebe, die er gelebt hat,
wird nicht zurückgenommen.

Und vielleicht ist das der Kern von Ostern:
dass Gott nicht zurückweicht.

dass Gott dem Leben Jesu recht gibt.
Dass Gott sagt:
Dieser Weg war nicht vergeblich.

Dass Gott sagt:
Dieser Weg zählt.
Diese Liebe bleibt.

Das der Tod nicht das letzte Wort hat –
sondern Gott stärker ist.

Auch dort, wo Menschen sie zerstören.
Auch dort, wo sie an Grenzen stößt.
Auch dort, wo sie ins Leere zu laufen scheint.

Und das ist auch die Hoffnung dieses Tages:

Dass auch unser Leben nicht im Tod endet.

Dass auch wir nicht verloren gehen
in dem, was uns begrenzt,
in dem, was uns nimmt,
in dem, was uns zerbricht.

Sondern dass wir gehalten sind
in Gottes Treue.

Nicht als Gewissheit, die wir besitzen.
Nicht als Antwort auf alle Fragen.

Sondern als Hoffnung,
die uns trägt –
in diesem Leben,
und über dieses Leben hinaus.

Und dann geschieht etwas, das fast unscheinbar ist –
und doch alles verändert.

Die Frauen sollen nicht bleiben.

Nicht am Grab.
Nicht an dem Ort, an dem alles zu Ende schien.

„Kommt und seht.“ – ja.
Aber dann: „Geht.“

Geht weiter.

Ostern hält niemanden fest.
Es schickt in Bewegung.

Und genau dort, auf dem Weg,
begegnet ihnen Jesus.

Nicht im Grab.
Nicht im Stillstand.

Sondern im Gehen.

Vielleicht ist das eine der leisen Wahrheiten dieses Tages:
dass wir dem Auferweckten nicht dort begegnen,
wo wir festhalten wollen –
sondern dort, wo wir uns bewegen lassen.

Ostern ist kein fertiger Zustand.
Kein Ort, an dem man ankommt und alles verstanden hat.

Ostern ist ein Weg,
auf den wir gestellt werden.

Ein Weg, der beginnt
zwischen Furcht und Freude.

Ein Weg, auf dem wir nicht alles wissen.
Auf dem Fragen bleiben dürfen.
Auf dem Zweifel Raum haben.

Aber auch ein Weg,
auf dem wir angesprochen sind.

Fürchtet euch nicht.

Ein Wort, das mitgeht.
Ein Wort, das sich vielleicht erst langsam entfaltet.
Ein Wort, das wir manchmal kaum glauben können –
und das uns doch nicht loslässt.

Und vielleicht ist das die leise Hoffnung dieses Tages,
die uns auf dem Weg begleitet:

Dass wir gehalten sind
in Gottes Treue.

Dass das, was wir lieben,
nicht einfach verschwindet.
Dass das, was wir hoffen,
nicht ins Leere fällt.

Nicht als Gewissheit, die wir besitzen.
Nicht als Antwort auf alle Fragen.

Sondern als Hoffnung,
die uns trägt.

Leise vielleicht.
Zart.
Und doch stark genug,
um weiterzugehen.

Die Frauen laufen.

Mit Furcht –
und mit großer Freude.

Beides zugleich.

Und vielleicht ist genau das Ostern:
nicht das eine ohne das andere,
sondern beides in einem Herzen.

Und vielleicht sind wir ihnen näher,
als wir denken.

Auch wir gehen.

In unser Leben.
In diese Welt.

Mit dem, was wir tragen.
Mit dem, was uns bewegt.

Und mit diesem einen Wort im Ohr:

Fürchtet euch nicht.

Amen.

——-

Ewiger,

wir stehen vor dir an diesem Ostermorgen –
zwischen dem, was war,
und dem, was neu wird.

Du hast Jesus von den Toten auferweckt.
Du hast ihn nicht im Tod gelassen.
Du bist ihm treu geblieben –
und mit ihm dem Weg der Liebe, den er gegangen ist.

Wir bringen vor dich, was noch in uns nachklingt:
die Dunkelheiten, die wir kennen,
die Fragen, die bleiben,
die Erfahrungen von Verlust und Begrenzung.

Und wir bitten dich:
Lass dein Licht hineinfallen in unser Leben.
Nicht grell und überfordernd,
sondern so, dass wir sehen können –
Schritt für Schritt.

Stärke in uns das Vertrauen,
dass dein Leben stärker ist als alles,
was uns klein macht.

Und führe uns auf dem Weg, den Jesus gelebt hat:
im Vertrauen auf dich,
in der Liebe zu unseren Mitmenschen,
in der Hoffnung, die weiterträgt.

Amen.

  1. Matthäus 28,1-10
     
    Der Sabbat war vorüber.
    Da kamen ganz früh am ersten Wochentag
    Maria aus Magdala und die andere Maria.
    Sie wollten nach dem Grab sehen.
    Plötzlich gab es ein heftiges Erdbeben,
    denn ein Engel des Herrn kam vom Himmel herab.
    Er ging zum Grab, rollte den Stein weg
    und setzte sich darauf.
    Seine Gestalt leuchtete wie ein Blitz,
    und sein Gewand war weiß wie Schnee.
    Die Wachen zitterten vor Angst
    und fielen wie tot zu Boden.
    Der Engel sagte zu den Frauen: »Fürchtet euch nicht!
    Ich weiß: Ihr sucht Jesus, der gekreuzigt wurde.
    Jesus ist nicht hier.
    Gott hat ihn von den Toten auferweckt,
    wie er es vorausgesagt hat.
    Kommt her und seht:
    Hier ist die Stelle, wo er gelegen hat.
    Jetzt geht schnell zu seinen Jüngern!
    Sagt ihnen: ›Jesus wurde von den Toten auferweckt.‹
    Er geht euch nach Galiläa voraus.
    Dort werdet ihr ihn sehen.
    Auf diese Botschaft könnt ihr euch verlassen.«
    Die Frauen waren erschrocken und doch voller Freude.
    Schnell liefen sie vom Grab weg,
    um den Jüngern alles zu berichten.
    Da kam ihnen Jesus selbst entgegen
    und sagte: »Seid gegrüßt!«
    Sie gingen zu ihm, berührten seine Füße
    und warfen sich vor ihm zu Boden.
    Da sagte Jesus zu ihnen: »Fürchtet euch nicht!
    Geht und sagt meinen Brüdern,
    sie sollen nach Galiläa gehen.
    Dort werden sie mich sehen.« ↩︎

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