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Sexualisierte Gewalt
Zurecht wird immer wieder über Gewalt und speziell sexualisierte Gewalt an Frauen gesprochen. Die Welt ist kein sicherer Ort für Frauen, und dies muss sich ändern. Catcalling ist nicht nur ein Scherz, und sicher kein Kompliment. Die Schuld für Vergehen darf nicht Frauen zugeschoben werden, und (potentielle) Täter nicht einfach in Schutz genommen werden, nur weil sie beliebt oder reich sind, Einfluss haben, zur Familie oder zur Gemeinde gehören.
Aber nicht nur Frauen sind Opfer, Überlebende und Kämpfer:innen. Gewalt an FLINTA Personen wird oft nur beiläufig, als Teil von Statistiken erwähnt. Und während im Rahmen des Selbstbestimmungsgesetzes in DE nur darüber geredet wird, wie trans Frauen dann in Schutzräume eindringen könnten oder in Saunen, wird (elegant und absichtlich) beiseite gelassen dass trans Personen sehr oft genauso selbst Opfer von Gewalt und sexualisierter Gewalt sind. Opfer derselben Täter. Sollten wir uns nicht vielmehr darum bemühen, dass alle geschützt werden, um Prävention für alle, und um Opferschutz für alle? Gerade für FLINTA Personen wünsche ich mir geschultes Personal, Anlaufstellen, die mit solchen Dingen umgehen können, und auch damit wie uns solches Erleben trifft, ganz spezifisch.
Am 23. Juni 2023 ist der Jahrestag einer Tat, die mir als trans Person wiederfahren ist. Die Schilderung derselben findet sich im Text weiter unten. Die letzten drei tage waren hart für mich, als würde gerade alles wieder aurfreissen. Ein grosses Loch und Flashbacks. Angst, Unsicherheit. Wer war damals für mich da? Eine Freundin meinte lapidar „Ich hoffe, es hat Spass gemacht!“ – als männlich gelesene Person sexualisierte Gewalt erfahren? Die psychologische Begleitung meinte „Sehen Die es wie einen Unfall: da sind Sie auch nicht dran Schuld“ – das mag von einer guten Absicht ausgehen, Schuldgefühle die wohl da waren, ausräumen, doch hilfreich war es nicht. Von anderen kam gar nichts. Für mich da waren letztlich eine handvoll Freunde, eine Gruppe wundervoller Drag Queens, und eine Schwester der Perpetuellen Indulgenz. Und meine Katze. Und so ist es heute auch. Und irgendwie muss ich durch den Tag kommen.
Und dennoch spreche ich darüber, denn sprechen ist das einzige das hilft. Und sprechen, um nicht zu schweigen. Um anderen zu sagen: Du bist nicht allein. Es ist nicht nur dir passiert. Es tut weh. Es wird dauern. Aber wir heilen. Wir schaffen das. Auch wenn es zwischendurch immer wieder Tage gibt, an denen es schwieriger ist. Hier geht es mir gar nicht mehr (nur) um mich, sondern um alle, die diese Art von Gewalt erleben – besonders FLINTA Personen, aber auch alle anderen. Wütend sein, für die, die keine Kraft dafür haben oder zu sehr gefangen und erstarrt sind, um es gerade zu sein; zuhören und ein sicherer Ort sein. Seelsorger sollten geschult sein, um auch damit umgehen zu können, Psychologen etc auch. Und gerade trans Personen kann es noch anders impacten, auch da ist es wichtig, sensibel damit umgehen zu können, oder zumindest offen zu sein: es braucht mehr Sensibilisierung und Schulung.
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Manchmal denke ich, es ist alles gut.
Manchmal habe ich das Gefühl
alles ist kaputt in mir.
Auf der Suche nach Liebe
lachten wir zusammen du sprachst
über deine Kindheit, über Sonnenstrahlen
und die Gegenwart
da war etwas Verführerisches an dir
Gepflegte Haut mit einem Geruch
von Sandelholz und Fougère
Kraftvolle Arme, sanfte Küsse die nach mehr baten
Hab keine Angst, alles ist gut
Es schien, als tanzten wir im selben Rhythmus
Meine Natur wäre keine Problem,
ich trans, du stehst auf männlich
Hab keine Angst, alles ich gut –
Du sassest auf meinem Bett,
den Rücken gegen die Wand
und ich die Beine gespreizt über dem Schoss
Kisses so sweet they seemed,
meine Hände auf deinem Schultern
und dann-
Mit der gleichen warmen Stimme-
«trans ist krank»
«als Frau geboren, immer eine Frau»
Von Konsens war keine Frage mehr
mein Kopf schoss runter,
festgehalten,
deine Beine über meinen Schultern gekreuzt,
über meinem Rücken
deine Männlichkeit bis zum Anschlag
in meinem Mund
(über die Grösse hattest Du nicht gelogen)
immer tiefer wolltest Du,
pausenlos,
und ich dachte ich muss ersticken,
Panik und Angst füllten mich-
doch gegen deine Stärke…
Und immer weiter, immer tiefer,
meinen Rücken zum Bersten
gebeugt und geklemmt
deine Finger überall anderswo in mir
wie Raserei
bis ich blutete
egal, was ich vorher
gesagt hatte: Nein
die Schmerzen
die Schmerzen
die Schmerzen
Schliesslich
noch wolltest Du
in mich rein
mit deiner ganzen Pracht
ohne Schutz
doch schaffte ich es – weg
und du schliefst ein als wäre nichts
dort, auf meinem Bett
Dich wachgekriegt
rausgeworfen
tausendmal geduscht
gefühlt
schmutzig gefühlt
noch tausend mal geduscht
am nächsten Tag zurück zur Uni
life goes on
doch alles fühlt sich dreckig an:
ich, mein zuhause, ich.
Pfefferspray ist mein täglicher Begleiter
und die Rippenprellung
ein ungewolltes Souvenir
die neugewonnene Liebe
für meinen Körper
ist zerronnen,
zerbrochen ist eine Vase
die auf Betonboden fiel
Es ist jetzt schon fast ein Jahr her
mein zuhause ist kein safe space mehr
kein zuhause
nur noch eine Wohnung
genauso wie mein Körper
Dein Gesicht und deinen Namen
habe ich verdrängt und vergessen
doch an manchen Tagen
ist der Lebenshunger so gross
dass ich sie alle in mir spüren will
um zu wissen,
dass ich noch lebe,
dass auch ich begehrenswert bin,
liebenswert und schön
und dann wache ich auf
und weiss, dass ich es nicht bin
denn das Leben zeigt es mir
Und ich sage mir,
mach Sport,
tu alles um Idealen zu entsprechen
den Beauty Idealen der Community
doch ich weiss
ich werde nie dazugehören
denn am Ende
bin ich BiPoC
bin ich nur trans
Liken geht nicht… aber gelesen habe ich es, Ari Lee… wertvoll bist du, mein Freund, stark und verletzlich, wunderschön und zärtlich… ein Geschenk des Himmels.
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