Gaza – Buchenwald

Ich bin immer wieder erstaunt und schockiert, wie oft im Rahmen das Israel-Hamas Krieges Vergleiche zwischen Israel und den Nationalsozialisten gemacht werden, zwischen Gaza und KZ’s offen gemacht werden oder auch nur durch Fragen insinuiert werden.

So oft, zu oft, habe ich diese Vergleiche gesehen und gelesen, sei es auf social media, oder bei Demos und Protesten. Natürlich beteuern diejenigen, die solche Äusserungen von sich geben -sei es schriftlich oder mündlich-, dass sie auf keinen Fall antisemitisch wären, dass dies nichts mit Antisemitismus zu tun habe, sondern reine «Israelkritik» sei. Von Antisemitismus zu sprechen wäre daher nur ein Mittel, jegliche Kritik im Keim zu ersticken – die berühmte «Antisemitismuskeule», die nun «nicht mehr ziehe».

Und selbst wenn eine Person die Parallele z.B. auf social media nicht explizit zieht, wird in den Kommentaren doch deutlich, was gemeint war.

Ist es denn nun antisemitisch, Gaza und Buchenwald (oder ein anderes Konzentrations- und Vernichtungslager) gleichzustellen oder dies irgendwie «im Vorbeigehen» anzudeuten?

Es ist in der Tat zutiefst problematisch. Wer so etwas tut, hat die Grenze des Flirtens mit Antisemitismus überschritten, und dies aus mehreren Gründen:

1. Historische Bedeutung des Begriffs „KZ“

„Konzentrationslager“ ist in der deutschen und internationalen Erinnerungskultur untrennbar mit dem nationalsozialistischen System der Verfolgung und Vernichtung verbunden. KZs wie Auschwitz, Buchenwald oder Dachau waren Orte systematischer Folter, Zwangsarbeit und millionenfachen Mordes – insbesondere im Rahmen des Holocaust an den europäischen Juden.

Gaza ist kein Konzentrationslager im historischen Sinne. Es gibt dort keine Gaskammern, keine Vernichtungspolitik, keinen industriell organisierten Massenmord.

2. Verharmlosung der Schoah

Wer Gaza als KZ bezeichnet oder dies irgendwie insinuiert, relativiert den Holocaust, indem er die systematische Vernichtung der Juden durch die Nationalsozialisten mit dem heutigen Nahostkonflikt in irgendeiner Art und Weise gleichsetzt. Das entspricht einem sekundären Antisemitismus, bei dem die Erinnerung an den Holocaust verdreht oder instrumentalisiert wird – in der Regel zur Dämonisierung Israels.

Buchenwald (wie auch andere Lager) war ein nationalsozialistisches Konzentrationslager, in der man systematisch Menschen aufgrund ihrer Herkunft, Religion, politischen Haltung oder sexuellen Orientierung gefoltert und ermordet hat – insbesondere Juden im Rahmen des Holocaust. Der Holocaust war ein industriell organisierter Völkermord an rund sechs Millionen Juden. Ihn mit heutigen militärischen oder politischen Konflikten gleichzusetzen -so schrecklich, grausam und herzzerbrechend diese auch sind-, verharmlost seine historische Einzigartigkeit und den Schrecken, der damit verbunden ist.

3. Instrumentalisierung jüdischen Leids

Dieser Vergleich benutzt das Leiden der Opfer des Holocaust als rhetorisches Mittel zur Kritik an Israel. Auch wenn die gegenwärtige rechtsradikale Regierung Kritik an ihrem Handeln geradezu leicht macht, ist dies dennoch eine Form der antisemitischen Instrumentalisierung: Jüdisches Leid wird benutzt, um Juden (bzw. den jüdischen Staat) moralisch zu delegitimieren.

4. Antisemitische Narrative

Solche Aussagen bedienen antisemitische Narrative, z. B.:

  • Israel = Nazis, was eine klassische Form der Delegitimierung und Dämonisierung ist.
  • Der Vorwurf, Juden würden heute tun, was ihnen einst angetan wurde („die Opfer sind zu Tätern geworden“), was eine moralische Verkehrung darstellt.
  • Die Verwendung von Holocaust-Vokabular gegen den jüdischen Staat ist oft mehr als nur eine unglückliche Wortwahl – sie ist gezielte Provokation oder Teil einer ideologischen Agenda.

Gleichsetzungen dieser Art bedienen also antisemitische Stereotype, etwa das Motiv des „Täters in der Opferrolle“ oder das Narrativ, Juden hätten „aus ihrer eigenen Geschichte nichts gelernt“. Das ist nicht nur historisch falsch, sondern auch eine Form sekundären Antisemitismus, bei dem die Erinnerung an die Schoah pervertiert wird, um Juden heute zu diskreditieren. Die IHRA-Arbeitsdefinition von Antisemitismus, die von vielen Staaten und Organisationen anerkannt wird, sieht solche Vergleiche explizit als antisemitisch an: „Vergleiche der aktuellen israelischen Politik mit der der Nationalsozialisten“ werden als ein Beispiel für antisemitisches Verhalten genannt.

Ein weiteres Merkmal des sekundären Antisemitismus sind Formen der Schuldabwehrhaltung bei denen besonders Nachfahren der Täter des NS-Regimes sich somit in gewisser Weise ihrer Schuld oder des schlechten Gewissens «reinwaschen» wollen indem sie jetzt «korrekt handeln» und/oder den «ständigen Mahner» loswerden wollen.

5. Kritik an Israel ≠ Antisemitismus – aber wie man kritisiert, zählt

Natürlich darf und kann man Israels Politik gegenüber Gaza kritisieren. Aber solche Kritik wird dann antisemitisch, wenn sie:

  • mit zweierlei Maß misst,
  • Israel dämonisiert oder delegitimiert,
  • oder – wie hier – historische Vergleiche zieht, die den Holocaust relativieren.

Das heisst also, dassdie Gleichsetzung von Gaza mit Buchenwald und/oder anderen Konzentrations- und Vernichtungslagern ist nicht nur historisch falsch, sondern erfüllt mehrere Kriterien moderner Formen von Antisemitismus, wie sie etwa die IHRA-Arbeitsdefinition beschreibt. Solche Vergleiche sind gefährlich, verletzend, politisch und journalistisch unverantwortlich.

Die Bezeichnung Gazas als Konzentrationslager (KZ) ist hochproblematisch und wird in der Regel als antisemitisch gewertet – vor allem, wenn sie in einem politischen Kontext zur Verurteilung Israels verwendet wird. Kritik an Israels Politik ist legitim – aber sie verliert ihre Berechtigung und Glaubwürdigkeit, wenn sie sich solcher historisch und moralisch verwerflicher Vergleiche bedient.

Und ja, nicht nur schockiert – es macht mich auch wütend. Wie oft musste ich mir schon auf die Zunge (oder im übertragenen Sinne die Finger) beissen, um nichts zu sagen, dass ich hinterher bereue, weil ich mich dann auf die gleiche Stufe stelle, wie die, die anprangere.

Es gelingt mir nicht immer. Manchmal platzt mir der Kragen. Doch Wutausbrüche bringen nicht weiter. Einzig Dialog. Wenn die andere Person nicht hören will, muss ich es einsetzen, und meine Kräfte anderswo einsetzen.

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