Zionisten, keine Juden!

Eigentlich wollte ich über etwas anderes posten. Da sind noch Bewerbungen, die geschrieben werden wollen, ein Podiumsgespräch muss zu Ende vorbereitet werden und Prüfungen liegen an.

Doch dann kam gestern die Nachricht des Doppelmordes an Yaron Lischinsky und Sarah Milgrim. Wie ein Blitz aus heiterem Himmel, hat mich diese Nachricht geschockt, geschmerzt, und den Tag über beschäftigt.

Die Reaktionen auf diesen Mord -ausserhalb der jüdischen Welt- waren und sind grösstenteils ekelerregend: hier wird entschuldigt, verteidigt, verstanden, bestenfalls Desinteresse gezeigt – oder gar gelobt, verherrlicht, gefragt warum es nur zwei wären und gelobt, «dass noch mehr folgen würden». Dabei ist hier einerlei, ob die Reaktionen aus dem englischsprachigen, deutschsprachigen Raum oder der französischsprachigen Schweiz kommen. Hinzukommen, besonders in DE/CH noch Ausdrücke von Wut, dass dieser Mord als «antisemitisch» bezeichnet wurde: das wäre kein Antisemitismus, es wäre lediglich Antizionismus – und den Unterschied sollten die Journalisten doch kennen!

Der Mord an Yaron Lischinsky und Sarah Milgrim hat nichts mit der Befreiung Palästinas zu tun. Es handelt sich um einen kaltblütigen Mord, der aus purem Hass von einem Mann begangen wurde, der „Free Palestine“ rief und eine Keffiyah schwenkte.

Ist es ein Wunder, dass für mich -und beileibe nicht nur mich, sondern viele, viele andere jüdische Menschen- die Keffiyeh/Kufiya ein Symbol des Hasses, der Gewalt, des Terrors ist?

Sarah und Yaron, sie waren ein junges verliebtes Paar, das kurz vor der Verlobung stand. Yaron hatte gerade einen Ring gekauft, um Sarah in Jerusalem einen Antrag machen zu können. Yaron und Sarah hatten gerade an einer interreligiösen humanitären Veranstaltung über Zusammenarbeit und Hilfe teilgenommen, einer Veranstaltung mit dem Titel „Turning Pain into Purpose“ auf den Stufen des jüdischen Museums. Dort sollte es zum Beispiel darum gehen, wie mehr benötigte Hilfsgüter nach Gaza gelangen können.

Sie aus nächster Nähe zu erschießen und ihnen das Leben zu nehmen ist kein Protest, ist kein „Widerstand“ – und dieser Mann ist weder ein Held noch ein Vorbild. Das hat niemanden befreit und niemandem geholfen.

Die wahren Widerstandskämpfer sind die Bewohner des Gazastreifens, die ihr Leben riskieren, um gegen die Hamas zu protestieren, jetzt und in den Wochen davor, und diejenigen, die sich für den Frieden einsetzen und nach pragmatischen Lösungen suchen – als palästinensische Beispiele seien Hamza Howidy oder Ahmed Fouad Alkhatib genannt.

Das Töten von Juden, getarnt als soziale Gerechtigkeit oder was auch immer, ist genau das: Mord, geboren aus Antisemitismus. Und diejenigen, die versuchen zu sagen, dass es kein Antisemitismus ist, sondern nur Antizionismus – Antizionismus ist nur die «neueste» des Antisemitismus seit den 1960er/1970er Jahren und den Sowjets (also auch nicht mehr ganz taufrisch). Man kann es nennen wie man es will, das Resultat ist am Ende immer dasselbe, sobald es zu Verschwörungsmythen, Dämonisierung, Hass, Mord, Gewalt, Doppelmoral führt – und Menschen, die diese Morde sogar verteidigen, rationalisieren, rechtfertigen, verherrlichen und nach mehr verlangen.

Es gibt keine Gerechtigkeit im Hass. Wenn man Antisemitismus normalisiert oder einfach in Antizionismus umbenennt und meint, damit wäre das Problem gelöst, und „Intifada “ skandiert, dann ist es genau das, was gemeint wird und was dabei rauskommt. („Antizionismus“ – wie oft habe ich „End Zionism“ und „Kill Zionists“ oder „Kill a Zio“ an Wände gesprüht oder als Sticker gesehen? Zu oft)

Es ist ein seltsames Gefühl, sich vorzustellen, dass, wenn ich ermordet werde, meine Familie und ein paar Freunde trauern werden, aber das Internet und die Leute auf der Straße werden meinen Mörder als Helden feiern und die Tat rechtfertigen. Inzwischen habe ich es aufgegeben, ehemaligen Freunden versuchen zu erklären, wo das Problem bei „Intifada“ ist. „Das wird man doch wohl sagen dürfen!“ Ist alles nur Israelkritik. Nicht, dass man die Politik Israels nicht kritisieren dürfte – Israelis tun nichts anderes – aber beim Wort „Israelkritik“ wird mir inzwischen übel.

Das wird jedoch den Menschen im Gazastreifen und den Palästinensern im Allgemeinen nicht helfen, ein Leben in Frieden, Sicherheit und Würde neben ihren israelischen Nachbarn zu führen – ebenfalls in Frieden, Sicherheit und Würde.

Sarah und Yaron – Möge ihr Andenken ein Segen sein.

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