Offener Brief an die Veranstaltenden und Unterstützenden der Demonstration vom 21. Juni 2025 in Bern

Vorwort
Ich habe hin- und herüberlegt, ob ich diesen Brief schreiben soll. Aber das, was dort am 21. Juni 2025 in Bern geschehen ist, kann und will ich nicht unkommentiert lassen. Dieser Brief ist Ausdruck meiner tiefen Betroffenheit, aber auch meines klaren Widerspruchs – gegen Heuchelei, gegen Hass und gegen das Schweigen dort, wo Solidarität versprochen wurde. Ich schreibe nicht aus Wut allein, sondern aus Verantwortung.

Liebe Cédric, liebe Ruth, lieber Fabian,
Liebe Vertreter:innen von SP, Grünen, Campax, UNIA, Amnesty International, GSoA, Jüdische Stimme, medico international, SGB, Syndicom, VPOD, alliance sud, Gesher –
und alle anderen, die sich angesprochen fühlen sollten –

Obwohl: das „Liebe“ schreibe ich hier aus Höflichkeit. Nicht, weil ich mich geliebt fühle. Schon lange nicht mehr.
Und spätestens seit dem 21. Juni 2025 auch nicht mehr im Entferntesten willkommen.

Denn was an diesem Tag auf den Straßen Berns zu sehen und zu hören war, hat mich als jüdische Mitbürgerin nicht nur schockiert, sondern entsetzt – mit einer Mischung aus Traurigkeit, Wut, Erschöpfung und bitterem Sarkasmus. Letzteren habe ich mir mühsam abgewöhnt. Aber manchmal – bei so viel Heuchelei – rutscht er eben doch wieder durch.

Was ihr in eurer offiziellen Selbstdarstellung als „demokratische, friedliche Kundgebung für Menschenrechte“ verkauft habt, entpuppte sich vor Ort als Bühne für das Gegenteil: blanker Hass, Gewaltverherrlichung und antisemitische Parolen – unkommentiert, unwidersprochen, eingebettet in regenbogenbunte Banner und pazifistische Logos.

Man hätte fast meinen können, die Veranstaltenden hätten die Demo mit der PR-Abteilung des iranischen Regimes gemeinsam geplant.
„Iran, Iran – make us proud!“ wurde skandiert. Gemeint war damit nicht das protestierende Exil – sondern das Mullah-Regime, das Frauen, Homosexuelle, Oppositionelle und religiöse Minderheiten unterdrückt, seine Bürger öffentlich hinrichtet, Kinder zwangsverheiratet, Terrorgruppen finanziert – und die Vernichtung Israels zu seinem Staatsziel erklärt. Aber klar: Macht uns stolz.

Auch zu hören: „Yemen, Yemen – make us proud, turn another ship around“. Eine Hymne auf die Houthi-Terroristen, die zivile Schiffe angreifen und ihre Besatzungen ermorden. Globaler Terror als mutiger Widerstand – wenn es nur gegen die „Richtigen“ geht, scheint
das moralisch schon in Ordnung zu sein.

„Bil rouh, bil dam, nafdika ya Gaza“ – mit unserer Seele und unserem Blut werden wir Gaza befreien. Übersetzt: Gewalt bis zur Selbstaufgabe. Und das war keine Randerscheinung, kein einzelner Störer, kein „bedauerlicher Einzelfall“. Es war zentral. Laut. Stolz. Präsent – zwischen Familien mit Kindern, NGO-Mitgliedern und Linkspolitikern wie Jo Lang.

Was sah man noch?
Iranische Regimeflaggen. Nicht die der Freiheitssuchenden im Exil. Nein: Die mit dem offiziellen Emblem der Islamischen Republik.
Ein Plakat mit der Aufschrift: „Israël ne retient donc de la Shoah qu’un mode d’emploi?“ – sinngemäß: „Hat Israel aus dem Holocaust
nur eine Gebrauchsanleitung mitgenommen?“ Daneben: ein Bild jüdischer Opfer im KZ. Und ein hungerndes Kind. Israel als Nazi.
Keine Reaktion. Kein Ordner, keine NGO, kein Protest von Frau Dreifuss oder Cédric Wermuth. Schweigen. Zustimmung durch Duldung.

Ach ja, und Leila Khaled durfte auch mitmarschieren – als Plakatmotiv. Flugzeugentführerin. PFLP-Mitglied. Auch das offenbar: unproblematisch.
Und zu guter Letzt wurde ausgerechnet neben dem Kindlifresserbrunnen – dessen antisemitische Lesart neuerdings auf einer Tafel thematisiert wird – eine israelische Flagge verbrannt.

Es fehlte eigentlich nur noch die ISIS-Flagge. Aber wahrscheinlich hätte auch die niemanden gestört – solange sie mit dem richtigen Sprechchor wedelt.
Alles im Namen des Friedens, versteht sich.

Euer sogenannter Verhaltenskodex war übrigens ein schlechter Witz. Oder wie soll ich das verstehen: „Diese Kundgebung ist offen, friedlich, Hass wird nicht toleriert“ – und dann marschieren offene Unterstützer eines antisemitischen Gottesstaates, Holocaust-Relativierer und Anhänger der Vernichtung Israels unbehelligt mit? Das ist nicht bloß Heuchelei – das ist ein offenes Versagen.

Wie soll ich mich da fühlen – als jüdische Frau, die sich eigentlich einmal links verortet hat?
Ent-täuscht – im ursprünglichen Sinn: Die Täuschung ist vorbei. Eure Masken sind gefallen. Eure wohlklingenden Worte von Menschenrechten, Frieden und Gleichheit – sie gelten offenbar nicht für uns. Zumindest nicht, wenn wir auch jüdisch sind. Oder zionistisch. Oder einfach nur am Leben.

Ich könnte wütend sein. Und bin es auch. Aber meine Wut wird von etwas Tieferem begleitet: von Sorge. Von der bitteren Erkenntnis, dass viele von euch, die immer lauter „Nie wieder!“ rufen, nicht merken, dass sie längst wieder mittendrin sind.
Nur halt – auf der falschen Seite. Und mit einem besseren Grafikdesign.

Wo bleibt eure Empathie, wenn Juden heute um ihr Leben fürchten müssen – in Europa, im Nahen Osten, in der Schweiz?
Wo bleibt eure Solidarität, wenn Jüdinnen und Juden zu Hunderten abgeschlachtet, entführt, vergewaltigt werden – wie am 7. Oktober?
Wo bleiben eure Demos für christliche Dörfer in Nigeria, für die Drusen in Syrien, für Kurden, Jesiden,  Uiguren, für iranische Oppositionelle, für queere Menschen, die in Gaza ermordet werden?

Ich warte. Und warte. Und es bilden sich Spinnweben.

Was ihr am 21. Juni in Bern zugelassen habt, war kein Zufall. Es war ein Symptom. Und ein Test. Ihr habt ihn nicht bestanden.

Aber glaubt nicht, dass wir schweigen werden.
Wir sind noch hier.
Und wir stehen aufrecht.

Jewish and proud.

Ari Yasmin Lee
Jüdische Schweizerin. Queer. Widerständig.

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