Wie jüdische Selbstvertretung delegitimiert wird, Teil 2

Ein Lehrstück über strukturellen Antisemitismus im öffentlichen Diskurs

In der „Tribune de Genève“ erschien kürzlich unter der Rubrik „Lettre du jour“ ein Beitrag von Dominique Ziegler, der sich gegen die Subventionierung der CICAD (Coordination intercommunautaire contre l’antisémitisme et la diffamation) richtet. Was auf den ersten Blick wie ein politisches Meinungsstück über öffentliche Gelder erscheint, entpuppt sich bei näherer Betrachtung als ein Paradebeispiel subtilen, strukturellen Antisemitismus – verpackt in den Ton des Humanismus, jedoch durchzogen von jahrhundertealten Mustern der Abwertung jüdischer Präsenz im öffentlichen Raum.

1. Die Machtfrage: „Sie sind zu mächtig“

Ziegler bezeichnet die CICAD als „extrêmement puissante“, also als „extrem mächtig“ – ohne diese Macht je zu definieren oder mit konkreten Beispielen zu belegen. Es bleibt eine diffuse Andeutung. Genau das ist das klassische Muster: Jüdische Organisationen erscheinen als übermächtig, als im Verborgenen steuernd, als außerhalb demokratischer Kontrolle stehend. Ihre bloße Existenz wird bereits als Bedrohung empfunden. Dabei blendet der Text vollständig aus, dass die CICAD demokratisch legitimiert ist, rechtlich handelt und regelmäßig öffentlich Rechenschaft ablegt.

In den Kommentaren zum Artikel wird dieses Muster weitergeführt: Die CICAD sei ein „lobby pro israélien“, agiere „au-dessus des lois“, stelle eine „menace“ für die republikanische Ordnung dar. All das, ohne je konkrete Taten zu benennen. Antisemitismus funktioniert hier nicht durch offene Feindschaft, sondern durch Konstruktion einer dämonisierten Macht im Hintergrund.

2. Das Geld: „Sie haben Mittel, die sie nicht verdienen“

Ein weiterer zentraler Vorwurf betrifft die finanziellen Mittel der CICAD. Die Organisation habe „de très importantes ressources propres“, heißt es bei Ziegler – mit dem unausgesprochenen Subtext: Wozu brauchen sie dann noch Geld vom Staat? Auch in den Kommentaren ist dies prominent: „2 millions ? Mais alors pourquoi reçoivent-ils encore de l‘argent public ?“ Oder noch direkter: „Ne peut-on pas plutôt donner cet argent à une organisation qui en a vraiment besoin ?“

Diese Rhetorik bedient ein weiteres klassisches antisemitisches Stereotyp: Jüdinnen und Juden haben Geld – viel Geld – und beziehen es auf fragwürdige Weise. Die Vorstellung von „unverdientem Reichtum“ zieht sich durch die europäische Geschichte – und lebt hier fort: Es geht nicht um die Fakten, sondern um die Wirkung der Erzählung.

3. Die Loyalitätsfrage: „Dienen sie wirklich der Gesellschaft?“

Ziegler wirft der CICAD implizit vor, nicht den „wahren“ Werten Genfs oder der Schweiz zu dienen, sondern einer partikularen, „gemeinschaftlichen“ Agenda. Dies wird in den Kommentaren noch drastischer formuliert: Die CICAD sei „clairement engagée dans le communautarisme“, eine Formulierung, die jüdische Organisationen aus der republikanischen Norm ausschließt. Statt als Teil der Gesellschaft wird ihnen eine fremde, innerlich unvereinbare Loyalität unterstellt.

Auch hier: Das Muster ist alt. Schon im 19. Jahrhundert wurde Jüdinnen und Juden vorgeworfen, „nicht ganz zum Volk zu gehören“, sondern sich selbst oder dem Ausland (heute: Israel) verpflichtet zu fühlen. Diese Vorstellung ist nicht nur falsch – sie ist gefährlich, weil sie jede jüdische Position im politischen Raum unter Generalverdacht stellt.

4. Delegitimierung durch Sprache: „Sie reden von Diffamierung – aber meinen Israelkritik“

Besonders perfide ist die Umdeutung des Begriffs „Diffamation“, den die CICAD im Namen trägt. Ziegler (und viele Kommentare) behaupten, dass damit schlicht Kritik an Israel gemeint sei – also werde legitime Kritik per Definition zu Antisemitismus erklärt. Dies ist ein klassisches Ablenkungsmanöver, das die Definition von Antisemitismus neu schreiben will – auf Kosten der Betroffenen.

Dabei ist die Definition von Antisemitismus längst international kodifiziert: Die IHRA-Arbeitsdefinition, von der Schweiz offiziell anerkannt, benennt klar, was Antisemitismus ist – auch in Bezug auf Israel. Kritik an Israel ist nicht antisemitisch. Aber sie wird es, wenn mit doppelten Standards gearbeitet, jüdische Menschen kollektiv verantwortlich gemacht oder ihr Recht auf Selbstbestimmung infrage gestellt wird. Genau das geschieht hier – unter dem Deckmantel angeblich kritischer Reflexion.

5. Wer darf über Antisemitismus sprechen?

Vielleicht der zentralste Punkt: Der Text (wie auch viele Kommentare) spricht jüdischen Organisationen das Recht ab, Antisemitismus zu benennen und sich dagegen zu wehren. Man suggeriert: Ihr übertreibt. Ihr missbraucht das Thema. Ihr seid nicht objektiv. Doch wer sonst soll über antisemitische Erfahrungen sprechen, wenn nicht die Betroffenen?

Diese strukturelle Entmündigung ist eines der gefährlichsten Elemente modernen Antisemitismus. Es ist kein Zufall, dass Organisationen wie die CICAD so massiv angegriffen werden: Sie durchbrechen das Schweigen. Sie benennen, was sonst im Verborgenen bleibt. Und genau deshalb sollen sie delegitimiert werden.

Fazit: Das ist kein Debattenbeitrag – das ist ein Lehrstück über strukturelle Delegitimierung jüdischer Selbstvertretung

Der Text von Dominique Ziegler – und die zahlreichen zustimmenden Kommentare – sind nicht einfach Meinungsäußerungen innerhalb einer pluralistischen Debatte. Sie sind Ausdruck eines tieferliegenden Problems: des strukturellen Antisemitismus, der sich nicht mehr in Schmierereien oder Beleidigungen äußert, sondern in gut formulierten Artikeln, in Kommentaren, in vermeintlich sachlicher Kritik.

Was hier stattfindet, ist ein gezielter Angriff auf die Legitimität jüdischer Selbstvertretung. Die CICAD wird nicht in ihrer Arbeit kritisiert, sondern in ihrer Existenz infrage gestellt: Ihre Stimme gilt als zu laut, ihre Mittel als zu reich, ihr Engagement als zu parteiisch. Die Organisation soll nicht besser arbeiten – sie soll verstummen.

Das ist kein Zufall, sondern ein Muster: Wer Antisemitismus benennt, wird schnell als übergriffig, einseitig oder gar gefährlich dargestellt. Wer sich organisiert, um gegen Diskriminierung zu kämpfen, wird als Bedrohung für die Allgemeinheit beschrieben. Und wer für jüdische Anliegen eintritt, steht sofort unter Verdacht, fremden Interessen zu dienen. All das hat Geschichte. Und all das ist brandgefährlich.

Noch gefährlicher ist, wie subtil das geschieht: Der Artikel kommt ohne offene Feindseligkeit aus. Er spricht im Ton des Humanisten, des Demokraten, des verantwortungsbewussten Bürgers. Doch gerade darin liegt die Wirkmacht: Wenn auch gebildete, wohlmeinende Stimmen anfangen, jüdisches Engagement als illegitim darzustellen, dann wird das antisemitische Gift salonfähig – im Bürgertum, in Redaktionen, in politischen Institutionen.

In diesem Klima müssen Jüdinnen und Juden nicht mehr körperlich bedroht werden, um sich unsicher zu fühlen. Es reicht, dass ihnen systematisch das Recht abgesprochen wird, sich selbst zu vertreten, ihre Erfahrungen ernst zu nehmen, und ihre Organisationen zu finanzieren. Es reicht, dass ihnen das Wort entzogen wird.

Dagegen hilft keine Empörung allein. Dagegen braucht es Klarheit: Wer sich so äußert wie Dominique Ziegler, greift nicht nur eine NGO an – er trägt zur Erosion demokratischer Grundwerte bei. Denn eine Gesellschaft, die jüdische Stimmen delegitimiert, ist keine inklusive Gesellschaft. Und ein Diskurs, der Antisemitismus relativiert, ist kein freier Diskurs.

Es ist wichtig zu betonen: Dieses Problem beschränkt sich nicht auf den einzelnen Autor Dominique Ziegler. Auch die Kommentare zeigen eindrücklich, wie weit verbreitet diese Denkstrukturen bereits sind – gerade in linken, kulturschaffenden Kreisen in der Romandie und insbesondere in Genf. Dort besteht ein immenses Problem mit Antisemitismus, das allzu oft verdrängt, verharmlost oder hinter dem Label „gerechtfertigter Antizionismus“ versteckt wird.

Dieses Muster ist kein neues Phänomen. Jean Améry, einer der bedeutendsten jüdischen Intellektuellen des 20. Jahrhunderts, hat bereits vor über 50 Jahren die Mechanismen durchschaut, mit denen Antisemitismus heute „politisch korrekt“ verpackt wird:

„Antizionismus ist heute oft das Vorwandsmotiv für das, was man früher Antisemitismus nannte; man benutzt den Kampf gegen den Zionismus, um den Antisemitismus zu tarnen und gesellschaftlich akzeptabel zu machen.“
– Jean Améry, in Gesprächen und Schriften zur Nachkriegszeit

Diese Einsicht bleibt hochaktuell: Indem Antisemitismus hinter „legitimer“ Kritik an Israel versteckt wird, können antisemitische Strukturen wirksam weiterwirken – ohne dass sie öffentlich als solche erkannt oder benannt werden.

Das macht die Sache so gefährlich. Es bedeutet, dass jüdisches Leben und jüdische Kultur in der Schweiz und besonders in Genf permanent unter einem Vorbehalt stehen: Sie dürfen sichtbar und hörbar sein – aber nur dann, wenn sie sich laufend distanzieren, entschuldigen oder rechtfertigen. Andernfalls droht die Ausgrenzung.

Diesen Trick hat Améry früh durchschaut, und es ist an uns, ihn zu entlarven und zu bekämpfen – sachlich, unerschrocken und klar. Denn nur so kann jüdisches Leben hierzulande in seiner ganzen Vielfalt frei und selbstbestimmt existieren.

Deshalb müssen wir es klar sagen: Dieser Artikel ist nicht Teil eines offenen Austauschs. Er ist Teil eines Problems.

Und wir, als Gesellschaft, stehen in der Verantwortung, dem etwas entgegenzusetzen – bevor aus stiller Delegitimierung wieder laute Ausgrenzung wird.

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