Alarmstufe Rot: Antisemitische Schmierereien in der Schweiz

Es ist fünf nach zwölf. In den vergangenen Tagen sind in der Schweiz und an ihrer Grenze antisemitische Schmierereien in einer Dichte, Vielfalt und Brutalität aufgetreten, die kaum zu übertreffen ist. Was anfangs nach einzelnen Vorfällen aussah – gelbe Hakenkreuze in Graubünden, „Dachau“-Pfeile bei St. Moritz, Hassparolen in Zürich – erweist sich als ein Muster: eine Eskalation antisemitischen Hasses, sichtbar im öffentlichen Raum, unverblümt, unverhüllt, vielschichtig.

Die Zahl der Vorfälle ist alarmierend, ebenso die Bandbreite der Botschaften: von historischen Bezügen über blasphemische Angriffe bis zu politisch getarnten Drohungen. Sie richten sich nicht nur gegen das abstrakte Konzept „Israel“, sondern gegen Menschen, die als Juden erkennbar sind, gegen religiöse Symbole, gegen das kollektive Gedächtnis.

„Juden raus“ – die Maske ist gefallen

In Zürich wurde ein großes „Juden raus“ gesprayt. Zuvor hatten Täter das Gleichheitszeichen zwischen Hakenkreuz und Davidstern gesetzt, dazu das Wort „Judenschweine“. Spätestens jetzt ist die Maske gefallen: Es geht nicht mehr um „Zionisten raus“, nicht mehr um vermeintlich „politische“ Parolen. Es geht um Juden. Punkt.

„Juden raus“ ist die Parole der Nationalsozialisten, die Parole der Reichspogromnacht, die Parole der Deportationen. Wer sie heute in Schweizer Städten sprüht, stellt sich bewusst in diese Tradition, greift die Sprache der Täter von damals auf und nutzt sie als Einschüchterungs- und Gewaltmittel gegen Juden hier und heute.

Die Wiederkehr solcher Parolen zeigt, dass antisemitische Symbolik nicht nur historisch verstanden, sondern in der Gegenwart wirksam ist. Sie ist provokativ, öffentlich und gezielt darauf angelegt, Schrecken zu erzeugen.

„Free Palestine“ und Hamas-Symbolik

Besonders zynisch: Das Zürcher „Juden raus“ wurde teilweise übersprüht – mit „Free Palestine“ und dem Hamas-Dreieck. Was wie ein „Widerspruch“ wirken könnte, ist in Wahrheit eine Verschmelzung ideologischer Botschaften.

„Free Palestine“ wird hier nicht als Ruf nach politischer Freiheit verwendet. Vielmehr dient es als Chiffre für Gewalt gegen Juden, als ideologische Rechtfertigung für Hass. Wer diese Parolen setzt, versucht, antisemitische Gewalt unter dem Deckmantel politischer Parolen zu verbergen.

Auch im Grenzgebiet zur Schweiz zeigt sich diese Logik in der Praxis. Dort wurden mindestens vier Fahrzeuge orthodoxer jüdischer Familien mit antisemitischen Parolen und „Free Palestine“-Graffiti besprüht. Sichtbar jüdische Menschen werden direkt angegriffen, in ihrer Lebenswirklichkeit bedroht, in ihrer Sicherheit verletzt. Hier wird deutlich: Es geht nicht um Israel, sondern um Juden als Menschen.

Diese Vorfälle verdeutlichen, wie antisemitische Ideologie heute operiert: als Mischung aus historischer Parole, politischer Verschleierung und gezieltem Angriff auf jüdisches Leben.

Blasphemie und Zynismus: Maloja

In Graubünden, an der Haltestelle Cad’Mate bei Maloja, tauchten neue Schmierereien auf:

  • „Fuck Elohim“ – eine gezielte Beleidigung des jüdischen Gottesnamens. Blasphemisch, provokativ und ein direkter Angriff auf religiöse Identität.
  • „Love Schoa“ – die Verherrlichung der Shoa. Offener, blanker Zynismus, der den Mord an Millionen Juden verhöhnt.
  • „Love Churban“ – ein Ausdruck, den nur wenige verstehen, der aber von besonderer Schwere ist.

Was bedeutet „Churban“?

„Churban“ (hebräisch חורבן, „Zerstörung“) ist die traditionelle jüdische Bezeichnung für die Zerstörung der beiden Tempel in Jerusalem:

  • 586 v. Chr. durch die Babylonier,
  • 70 n. Chr. durch die Römer.

In der jüdischen Tradition steht Churban nicht nur für die Zerstörung der Heiligtümer, sondern für kollektive Katastrophen, für Vernichtung, für Brüche der Geschichte. Bis heute wird Tischa beAv, der Trauertag im Sommer, als Erinnerung an diese Zerstörungen begangen.

Im 20. Jahrhundert haben viele jüdische Gelehrte und Gemeinden den Begriff „Churban Europa“ geprägt, um die Shoa zu beschreiben – als den „dritten Churban“.

Dass Täter „Love Churban“ an eine Schweizer Bushaltestelle schreiben, bedeutet: Sie lieben nicht nur die Shoa, sie lieben die Vorstellung jeder Zerstörung jüdischen Lebens, in Vergangenheit und Gegenwart. Es ist ein Hass, der sich tief in die jüdische Erinnerung einschreibt – und ihn bewusst verhöhnt.

Die Kombination aus Blasphemie, historischer Provokation und ideologischer Aggression macht diese Schmierereien besonders gefährlich und gesellschaftlich verheerend.

Strafrechtlich eindeutig, gesellschaftlich verheerend

All diese Vorfälle erfüllen den Tatbestand der Rassendiskriminierung nach Art. 261bis StGB. Es handelt sich nicht um „Jugendstreiche“, keine „Dummheiten“, sondern um gezielte, strafbare Akte der Einschüchterung, Gewaltpropaganda und Hetze.

Doch darüber hinaus sind sie ein Schlag ins Gesicht der Gesellschaft. Wer „Love Schoa“ oder „Juden raus“ an Wände und Haltestellen schreibt, will nicht debattieren. Er will Angst erzeugen, Jüdinnen und Juden aus der Öffentlichkeit drängen – und eine Gesellschaft vergiften, die längst gelernt haben sollte, wohin solche Parolen führen.

Die gesellschaftliche Dimension ist enorm: Sichtbarer Hass normalisiert Gewalt, schafft Unsicherheit, gefährdet Minderheiten und bedroht den sozialen Frieden.

Alarmstufe Rot

Wir stehen nicht am Anfang. Wir stehen mitten in einer Entwicklung, die längst eskaliert ist:

  • Gelbe Hakenkreuze auf Alpenwegen,
  • „Juden raus“ in Zürich,
  • „Love Schoa“ und „Love Churban“ in Maloja,
  • „Free Palestine“ auf Autos orthodoxer Familien.

Das ist keine Serie von Einzelfällen. Das ist ein Muster, das eine klare Reaktion verlangt – politisch, rechtlich, gesellschaftlich.

Die Eskalation ist alarmierend: Die Symbole greifen tief in die historische, religiöse und kollektive Erinnerung ein. Die Botschaften sind klar, die Täter handeln gezielt, und die Auswirkungen auf Betroffene und die Gesellschaft sind unmittelbar.

Europäische Beispiele antisemitischer Vorfälle

  • Deutschland: In Berlin, Frankfurt und Hamburg wurden in den letzten Monaten wiederholt Hakenkreuze, antisemitische Parolen und „Juden raus“-Schmierereien an Hauswänden, Schulen und Synagogen entdeckt. Laut Bundeskriminalamt ist die Zahl antisemitischer Straftaten 2024 erneut gestiegen.
  • Frankreich: In Paris, Marseille und Straßburg kam es zu Angriffen auf Synagogen, Vandalismus an jüdischen Friedhöfen und Autos orthodoxer Familien. Parolen wie „Mort aux Juifs“ oder „Free Palestine“ wurden kombiniert, teilweise auch in der Nähe von Schulen.
  • Belgien: Antwerpen und Brüssel verzeichneten 2024 mehrere Brandanschläge auf Einrichtungen jüdischer Gemeinden und gezielte Bedrohungen gegen orthodoxe Juden.
  • Österreich: Wien meldete 2024 mehrfach Hakenkreuz-Schmierereien, antisemitische Sticker und Sticker-Kampagnen auf öffentlichen Plätzen und öffentlichen Verkehrsmitteln.
  • Italien: In Rom und Mailand wurden Synagogenwände beschmiert und Autos von jüdischen Familien attackiert. Parolen wie „Juden raus“ tauchen wieder auf, teilweise verbunden mit antisemitischen Karikaturen.
  • Niederlande: Amsterdam und Rotterdam meldeten 2023/2024 vermehrt antisemitische Graffiti an Schulen, Synagogen und Straßenlaternen, oft mit Bezug auf Israel/Palästina-Konflikte.
  • Polen: Krakau und Warschau erlebten 2024 wieder eine Zunahme von Hakenkreuzen und antisemitischen Parolen an historischen Gedenkstätten, teilweise in unmittelbarer Nähe zu jüdischen Friedhöfen.
  • Ungarn: Budapest meldete 2024 erneut antisemitische Schmierereien, teilweise in direkter Nähe zu orthodoxen Gemeinden und Schulen.

Was Sie tun können

Wenn Sie antisemitische Schmierereien oder Vandalismus sehen:

  • Polizei informieren: Jede Schmiererei sollte umgehend bei der lokalen Polizei gemeldet werden.
  • SIG – Schweizerische Israelitische Gemeindebund: Meldestelle für antisemitische Vorfälle: https://www.swissisrael.ch
  • Dokumentation: Fotos machen, Tatort genau beschreiben, aber nicht selbst entfernen oder verändern – die Beweise sind wichtig für Ermittlungen.
  • Öffentlichkeit informieren: Wenn möglich, in der eigenen Gemeinde, bei Medien oder sozialen Kanälen auf die Vorfälle aufmerksam machen.

Jede Meldung hilft, das Muster von Hass sichtbar zu machen und die Täter strafrechtlich zur Verantwortung zu ziehen. Schweigen oder Wegsehen verschiebt die Verantwortung auf die Opfer.

Persönliche Notiz

Wie lange wollen alle noch zusehen? Wie lange wollen alle noch schweigen?

Diese Parolen, diese Symbole, diese Sprayereien – sie sind kein Randphänomen mehr. Sie sind laut, sichtbar, entblößen Hass, der tief in unsere Gesellschaft zurückgreift. Und wir tun zu wenig.

Wie lange will die Kirche noch zuschauen? Was sind ihr die Barmer Erklärungen, die Seelisberger Thesen, Nostra Aetate wert – mehr als das Papier, auf dem sie geschrieben stehen? Oder sollen sie nur Erinnerungen bleiben, während antisemitische Hetze auf Straßen, Haltestellen und öffentlichen Flächen wächst?

Wir stehen mitten in Alarmstufe Rot.
Wenn wir jetzt nicht aufstehen – nicht in Worten, nicht in Taten, nicht als Gesellschaft – dann ist es nicht mehr fünf nach zwölf. Dann ist es zu spät.

Wir dürfen nicht wegsehen. Wir dürfen nicht schweigen. Wir müssen reagieren – jetzt.

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