Der Artikel in Reformiert «Wer nichts tut, wird zum Komplizen des Schreckens» mahnt, die Welt dürfe nicht wegsehen – Gedenken an Srebrenica. Ein wichtiger Ansatz. Doch dann zieht er Parallelen zu Gaza, und es offenbart sich, wie schiefe Narrative in kirchlichen Medien wirken können, wie ein Reflex, der selektiv Leid aufgreift, andere Krisen aber ausblendet.
Die Schlagseite der Kirche
Die reformierte Kirche positioniert sich seit Jahren stark bei Israel/Palästina, oft einseitig. Narrative über «Genozid an Palästinensern» oder Berichte über Märtyrerkinder aus der Westbank werden breit aufgegriffen, ohne dass die Komplexität der Situation dargestellt wird. Gleichzeitig bleibt das Schweigen zu Antisemitismus hierzulande bemerkenswert. BDS-Einladungen in Gemeinden, Relativierungen von Antisemitismus und das Ausblenden historischer Verantwortung zeigen, dass das institutionelle Bewusstsein oft hinter wohlklingenden Dokumenten zurückbleibt.
Andere Krisen und Konflikte – Nigeria, Sudan, Jesiden, Kurden, Drusen – finden kaum Beachtung. Der Blick bleibt selektiv, oft verkürzt, die Kirche singt im Chor einer bestimmten politischen Haltung, während die Komplexität der globalen Realität verschwindet. Das ist nicht nur ein journalistisches oder institutionelles Problem, sondern auch ein moralisches Versagen: Wer selektiv Solidarität zeigt und zugleich eigenes Versagen verschweigt, sendet eine verzerrte Botschaft an die Gemeinde.
Persönlich betroffen
Als Jüdin, die Israel erlebt hat und die den wachsenden Antisemitismus in der Schweiz beobachtet, ist es schmerzhaft zu sehen, wie das Leid anderer instrumentalisiert wird, während das eigene Leiden kaum wahrgenommen wird. Antisemitismus ist real – mitten unter uns.
Und ebenso unverantwortlich ist es, jüdische Mitmenschen in Biel oder anderen Schweizer Städten nur noch durch eine „Gaza-Brille“ als lokale Verkörperung „Netanyahus“ zu sehen, die Strassen mit roten Dreiecken zu überpflastern, Vernichtungsparolen gegen Israel und Jüdinnen und Juden als „Meinung“ zu tolerieren und bei der zunehmenden Gewalt gegen Jüdinnen und Juden wegzuschauen.
Dieses Schweigen und diese selektive Wahrnehmung erzeugen ein Gefühl der ständigen Wachsamkeit, des „auf der Hut Seins“. Mein Ringen, was ich als Jüdin in der Kirche mache, wird wahrscheinlich niemals aufhören – ein dauerhaftes „Fremdkörpergefühl“ bleibt bestehen. Gleichzeitig treibt mich genau dieses Ringen dazu, innerhalb der Institution zu bleiben und von innen Veränderung anzustoßen.
Die Ausnahmen, die die Regel bestätigen
Es gibt Theologinnen und Theologen, die sich für eine reflektierte, kritische Haltung einsetzen – rare „Lichter“ innerhalb der Reformierten Kirche. Beispiele sind Frank Lorenz und Lukas Kundert. Doch wer sich offen solidarisch mit dem jüdischen Volk zeigt, gerät oft unter Druck, erfährt soziale oder institutionelle Isolation, muss persönliche Konsequenzen tragen.
Ähnliche Initiativen wie die CJA (Christlich-Jüdische Arbeitsgemeinschaft der Schweiz) zeigen, dass es überall ein paar solcher Lichter gibt – aber wie dieser Verein selbst, werden solche Theologinnen und Theologen verschwindend seltener. Solche Positivbeispiele sind wertvoll, ändern aber nichts am systemischen Charakter der Kirche. Die dominante Schlagseite bei Israel/Palästina und das Schweigen zu Antisemitismus bleiben bestehen.
Fehlende Auseinandersetzung mit Antisemitismus
Die reformierte Kirche zeigt eine bemerkenswerte Zurückhaltung, sich mit Antisemitismus auseinanderzusetzen. Während in anderen Bereichen aktiv Stellung bezogen wird, bleibt eine kritische Reflexion der eigenen Geschichte (1933–1945) und der aktuellen antisemitischen Tendenzen oft aus.
Für die Gegenwart bedeutet dies konkret: Das Schweigen der Kirche gegenüber antisemitischen Vorfällen in der Schweiz – sei es verbale Gewalt, Hassparolen oder physische Angriffe – kann als stillschweigende Zustimmung oder als Ignoranz verstanden werden. Es sendet ein gefährliches Signal an Gemeinden: Antisemitismus ist kein vorrangiges Thema, man kann ihn ignorieren, relativieren oder über andere Narrative kaschieren. Diese institutionelle Blindheit hat unmittelbare Folgen für die Menschen, die sich bedroht fühlen, und für die Glaubwürdigkeit der Kirche insgesamt.
Fazit
Es geht nicht darum, das Leid in Gaza zu leugnen. Es geht um Perspektive, Balance und moralische Konsequenz. Die Kirche muss Antisemitismus klar benennen, lokal wie global, und die historische Verantwortung ernst nehmen. Sie muss anerkennen, dass moralische Dokumente ohne gelebte Praxis nur Papiertiger sind. Denn nur wenn Erinnerung, Reflexion und moralisches Handeln zusammenkommen, kann Gedenken zu echter Lehre und ethischer Verantwortung werden.
Ich weiß, dass mein Ringen unter diesen Umständen niemals ganz aufhören wird – was ich als Jüdin in der Kirche mache, wird wohl immer ein gewisses Fremdkörpergefühl mit sich bringen, ein „auf der Hut sein müssen“. Und doch sage ich: Die Kirche und ihre Botschaft sind wertvoll. Es geht mir nicht darum, sie schlechtzureden oder gar zu dämonisieren. Im Gegenteil: Gerade weil sie mir so viel bedeutet, weil ich ihr vertraue und mit ihr meinen Weg gehe, tut das Schweigen so weh. Kritik ist Ausdruck dieser Verbundenheit – sonst wäre ich nicht frustriert. Ich wünsche mir, dass die Kirche ihre eigenen Worte und Bekenntnisse ernst nimmt, dass sie ihre Stimme erhebt, wo es nötig ist. Nur so kann sie ihrem Auftrag treu bleiben und wirklich ein Raum der Hoffnung sein.
Ergänzung: Absage von Veranstaltungen im Offenen St. Jakob
In Zürich waren unter dem Titel „enough. – Aktionstage zu antirassistischem und dekolonialen Widerstand“ Veranstaltungen zu Gaza und zum Kongo in der Citykirche Offener St. Jakob geplant. Dieser Ort ist in den letzten Jahren immer wieder als Hotspot für stark pro-palästinensische Aktivitäten aufgefallen, teilweise mit sehr einseitiger, polemisierender Sprache.
Im Rahmen des Vikariats standen die Räume dieser Kirche auch für den Spiritualitätskurs zur Auswahl. Ich habe diese Option damals nicht gewählt – unter anderem genau aus den genannten Gründen. Ich hätte mich in einem Umfeld, das solche einseitigen Narrative und aggressiven Tonfall fördert, nicht wohlgefühlt. Auch bei Pfarrpersonen, die diese Form von Aktivismus gutheißen, hätte ich mich nicht wohlgefühlt.
Letztlich wurden die geplanten Veranstaltungen von der Kirchenpflege der Stadt Zürich kurzfristig abgesagt. Drei Tage vor der Veranstaltung „Apartheid Free Zones (AFZ): Get active!“ wurde den Veranstalter*innen der Raum entzogen – gegen den Willen der Citykirche Offener St. Jakob. Die Begründung lautete, dass eine Veranstaltung, die den Boykott eines Staates oder die Kritik an Israel thematisiert, „den religiösen Frieden gefährden“ könne.
Das Statement der Veranstalterinnen zeigt die Perspektive des Kollektivs: Jede Kritik an Israel wird als „Druck der zionistischen Lobby“ interpretiert, die „die Meinungsfreiheit mit Füßen tritt“. Vokabular wie „siedlerkoloniales Projekt“ und die Einordnung der Kritik als legitime Kampagne gegen einen Genozid erinnern in Tonfall und Rhetorik an Narrativstrukturen, wie sie auch von Staaten oder Gruppen genutzt werden, die aggressiv gegen Israel auftreten. Wer Rücksicht auf jüdische Bürgerinnen und deren Ängste nimmt, wird im Kollektiv automatisch als „zionistische Lobby“ diskreditiert.
Die Situation verdeutlicht zwei Dinge: Erstens, dass die Citykirche Offener St. Jakob als Hotspot für einseitige, politisch aufgeladene Aktivitäten problematisch ist. Zweitens, dass es überhaupt möglich war, dass derartige Veranstaltungen in einer reformierten Kirche geplant wurden – ein Hinweis darauf, wie sehr politische Narrative in kirchliche Räume eindringen können.
Die Kirchenpflege der Stadt Zürich hat hier erfreulicherweise die Notbremse gezogen und verhindert, dass die Veranstaltungen stattfanden. Gerade dieses Handeln zeigt, wie wichtig es ist, dass kirchliche Stellen sich nicht durch politischen Druck einschüchtern lassen, Stand halten und sorgfältig abwägen, welche Gruppen und Diskurse sie in ihre Räume lassen. Jede Entscheidung, Räume zu vergeben, wirkt weit über die Veranstaltung hinaus: Sie setzt Signale, formt Diskurse und kann Polarisierung verstärken oder abschwächen.
Die Kirche trägt damit eine besondere Verantwortung: Je nachdem, welche Entscheidungen sie trifft, kann sie antisemitische Tendenzen nicht nur unbeabsichtigt begünstigen, sondern sogar legitimieren. Es ist ihre Aufgabe, diese Verantwortung ernst zu nehmen, Räume reflektiert zu vergeben und sicherzustellen, dass sie weder Instrumentalisierung noch einseitigen Parolen Vorschub leistet. Nur so kann sie ihrem Auftrag gerecht werden, ein Ort der Vielfalt, des Dialogs und der ethischen Orientierung zu bleiben.