Manchmal schreibe ich, um nicht zu verstummen.
Manchmal schreibe ich, weil die Welt so laut ist,
und ich meine eigene, verletzliche Stimme nicht verlieren will.
Dieser Text ist kein politischer Kommentar,
keine Analyse, kein fertiges Urteil.
Es ist ein persönliches Stück Weg –
zwischen Sommerlicht und dunklen Schlagzeilen,
zwischen Sehnsucht nach Zärtlichkeit
und der rauen Wirklichkeit jüdischen Lebens heute.
Irgendwann demnächst fliege ich nach Griechenland. Eigentlich müsste mein Herz leicht sein: Ich stelle mir den Geruch von Salz und Sonne vor, die Wärme, die mich am Morgen weckt, das Glitzern des Meeres, in dem die Sonne wie tausend kleine Sterne tanzt. Ein Buch am Strand, der Geschmack von reifen Pfirsichen, ein Glas kühler Wein, Gespräche im Schatten der Pinien. Alles klingt nach Leichtigkeit, nach dem Versprechen, wenigstens für ein paar Tage einfach nur Mensch zu sein, nicht definiert durch alles, was schwer und dunkel ist.
Aber mitten in diesen Bildern liegt ein Stein in meinem Bauch. Kein lauter Horror, keine Panik. Nur dieses ständige Ziehen, ein mulmiges Gefühl, das mich nicht loslässt: Was, wenn es mir passiert? Was, wenn jemand mich nicht einfach nur als Touristin sieht, sondern als Jüdin – und darin ein Feindbild?
Manche sagen mir: „Dann trag halt keinen Davidstern.“ Aber warum eigentlich? Sollten Türken aufhören, Türkisch zu sprechen, weil Erdogan eine harte Politik macht? Sollten afrikanische Muslime ihr Kopftuch ablegen, weil Boko Haram in Nigeria Massaker begeht und Terrorgruppen in ihren Ländern wüten? Sollten orthodoxe Christen sich schämen, weil ihre Kirche irgendwo Macht missbraucht, weil die russisch-orthodoxe Kirche Putins Krieg unterstützt? Niemand erwartet das von ihnen. Nur von uns. Nur von Juden und Israelis. Immer wieder derselbe Doppelstandard, der mich wütend macht und müde zugleich.
Ich habe hebräische Tattoos auf der Haut, Davidsterne, Worte, die mich tragen. Soll ich im Hochsommer Rollkragenpullover anziehen, um sie zu verstecken? Soll ich mein Leben lang überlegen, ob ich meinen Arm bewege, ob ich mein Hemd offen trage, ob ich zeige, wer ich bin? Schon die Tatsache, dass ich diese Fragen stellen muss, zeigt, wie zerbrochen diese Welt gerade ist.
Und es ist nicht nur ein Gefühl. Jede Woche tauchen neue Geschichten auf: In Belgien schrieb ein Arzt in die Patientenakte eines kleinen Mädchens nicht nur „Schmerzen am Unterarm“, sondern auch – ohne medizinischen Grund – „jüdisch (Israel)“. In Mailand wurde ein Rabbiner mit seinem Sohn beschimpft. In Griechenland warteten wütende Mobs auf Kreuzfahrtgäste, die nur aussteigen wollten, und bewarfen ihre Busse mit Flaschen. In Spanien schloss eine Airline jüdische Jugendliche vom Flug aus, weil sie hebräische Lieder gesungen hatten. In Tirol wurde einem israelischen Paar der Aufenthalt auf einem Campingplatz verweigert, als wären sie eine Gefahr. In Davos wurden orthodoxe Juden bespuckt. In Frankreich durften 150 israelische Kinder nicht in einen Freizeitpark. Und in den Niederlanden kursierten Videos, mit denen man israelische Touristen markieren konnte, um sie zu orten.
Und wenn man dann – gegen jede Vernunft – doch in die Kommentare schaut, liest man Sätze wie:
„Die Juden sollten sich mal fragen, warum sie seit Jahrtausenden überall verhasst sind.“
„Wenn euch keiner mehr mag, solltet ihr mal über euch selbst nachdenken.“
Es ist ein altes Muster. Opfer werden zu Tätern gemacht. Hass wird nicht hinterfragt, sondern gerechtfertigt. Niemand würde zu Schwarzen sagen: „Fragt euch doch mal, warum es Rassismus gibt.“ Niemand würde einer Frau mit Kopftuch sagen: „Du bist schuld, wenn du beleidigt wirst.“ Aber uns Juden sagt man es. Immer wieder. Als sei Hass eine Naturgewalt, gegen die man nichts tun könne, und nicht eine freie Entscheidung von Menschen, die ihn aussprechen, ausleben, weitertragen.
Ich merke, wie das in mein Inneres dringt. Ich war immer jemand, der zuerst das Gute in Menschen gesehen hat. Vielleicht naiv, aber ich habe an die Sanftheit im Gegenüber geglaubt. Jetzt ertappe ich mich dabei, skeptischer zu sein, misstrauischer. Sogar beim Dating frage ich mich: Wer sieht mich wirklich? Wer sieht meine Sehnsucht, meine Träume, meine Liebe zum Leben – und nicht nur ein Feindbild?
Und doch – trotz allem – will ich das Licht in meinem Herzen nicht löschen lassen. Ich will nicht, dass die Zartheit in mir versteinert. Ich sehne mich nach einer Welt, in der Menschen sich anschauen und nicht sofort nach Herkunft, Religion oder Hautfarbe sortieren. Nach einer Welt, in der wir einfach nebeneinander am Strand sitzen können, lachen, singen, Geschichten erzählen, uns gegenseitig etwas vom Teller reichen. Warum ist es so schwer, einander in Liebe zu begegnen? Warum können wir nicht einfach unseren Nächsten lieben und in Liebe zusammenleben?
Ja, ich habe ein flaues Gefühl gemischt mit der Vorfreude vor diesem Urlaub. Aber ich werde gehen. Ich bin jüdisch, ich bin hier, und ich werde mich nicht verstecken. Wir haben mehr als 2000 Jahre überstanden, Pogrome, Vertreibungen, Shoah. Wir sind widerstandsfähig geworden, wir haben überlebt, wir werden nicht verschwinden. Und ich bete: Möge ein neuer, lichter Tag kommen. Möge Moschiach now sein, möge Frieden und Güte endlich Raum greifen.
Bis dahin halte ich fest. Am Licht. An der Liebe. Und an der Hoffnung, dass selbst in einer Welt voller Dunkelheit noch immer Strahlen durchbrechen können – wie die Sonne, die über dem Meer aufgeht und alles in goldenes Glühen taucht.
Ewiger,
behüte das Licht in unseren Herzen,
dass es nicht erlischt im Sturm der Worte.
Lass uns den Atem der Zärtlichkeit spüren,
auch wenn Hass uns umgibt.
Führe uns auf Wegen des Friedens,
und lehre uns, die Welt mit Liebe zu durchdringen.
Amen.