Antisemitismus ist kein Relikt der Vergangenheit. Er lebt fort – in rechten, linken und islamistischen Kontexten – und passt sich wie ein Chamäleon stets den gesellschaftlichen, politischen und kulturellen Gegebenheiten an. In dieser Analyse wird der linke Antisemitismus nach 1945 in seiner historischen Entwicklung, ideengeschichtlichen Verwurzelung und gegenwärtigen Erscheinungsformen untersucht. Dabei werden Mechanismen wie die Chiffrierung antisemitischer Vorurteile, die Instrumentalisierung des Antizionismus und die Rezeption der „Protokolle der Weisen von Zion“ beleuchtet. Ziel ist es, die vielschichtigen Muster des Antisemitismus zu verstehen, aktuelle Entwicklungen kritisch einzuordnen und aufzuzeigen, wie die Erinnerung an die Shoah und die heutige Solidarität mit Israel vor Projektionen und Vorurteilen geschützt werden können.
Einleitung
Antisemitismus ist kein starres Weltbild, sondern ein ideologisches Chamäleon. Er passt sich politischen Strömungen an, wechselt Sprache, Codes und Zielobjekte, behält aber seine Grundstruktur: Juden werden als übermächtig, verschwörerisch und gefährlich markiert. Linker Antisemitismus wirkt auf den ersten Blick paradox, weil er sich mit Idealen wie Emanzipation, Gleichheit und Menschenrechten beißt. Doch auch in der Linken finden sich seit dem 19. Jahrhundert antisemitische Projektionen, die Kapitalismus- und Imperialismuskritik mit alten Feindbildern verschränken. Antisemitismus ist dabei nicht auf politische Extreme beschränkt: Er wirkt subtil, gesellschaftsfähig und erscheint oft in der Rhetorik von Gutmeinenden. Eine zentrale Rolle spielt bis heute ein Text, der ursprünglich aus Russland stammt: die „Protokolle der Weisen von Zion“. Diese Fälschung lieferte ein narrativ perfektes Instrument, um Juden als heimliche Weltlenker darzustellen und wurde so zum Bindeglied zwischen verschiedenen antisemitischen Strömungen – von rechts, über links bis zum islamistischen Spektrum.
Ideengeschichtliche Wurzeln
Karl Marx, selbst aus einer jüdischen Familie stammend, verband in seiner Schrift „Zur Judenfrage“ (1844) das Judentum mit Geld, Kapital und Entfremdung. Er sah in bestimmten Formen des Austauschs und Eigentums einen Mechanismus der Unterdrückung und der Entfremdung, wobei er das Judentum als Chiffre dafür benutzte. Auch wenn Marx primär religionskritisch argumentierte, öffnete er eine Denkrichtung, in der „der Jude“ als Projektionsfläche für gesellschaftliche Widersprüche dienen konnte. Später griffen Autoren wie Werner Sombart diese Linie auf: Kapitalismus galt als „jüdisch“, und Juden wurden mit Habgier, Berechnung und globaler Kontrolle identifiziert. Diese Denkfiguren prägten nicht nur rechte Denksysteme, sondern auch linke Bewegungen, die ökonomische Krisen, Finanzsysteme und Ungleichheit kritisierten.
Diese ideengeschichtliche Verwobenheit zeigt, dass Antisemitismus in der Kritik an Kapitalismus, Eigentum oder Imperialismus nicht automatisch verschwindet. Bilder wie die Krake, die die Welt umschlingt, oder die Fixierung auf Familien wie Rothschild, illustrieren, wie alte Stereotype in neue Diskurse übertragen werden. Auch Begriffe wie „99 %“, die zunächst als soziale Kategorie dienten, werden in antisemitischen Codes mit globalen Verschwörungen verknüpft. Linker Antisemitismus operiert hier häufig subtil: er verschiebt Kritik auf „zionistische“ Akteure, auf „finanzielle Eliten“ oder den „imperialistischen Staat Israel“, ohne explizit Juden zu nennen.
Die „Protokolle der Weisen von Zion“ als Ausgangsmythos
Die um 1903 in Russland fabrizierten „Protokolle der Weisen von Zion“ sind die einflussreichste Fälschung der Moderne. Sie inszenieren eine jüdische Weltverschwörung, die Politik, Medien und Wirtschaft steuere, und gaben fast allen Strömungen des Antisemitismus den Anschein eines „Beweises“. Hitler griff auf sie zurück, Stalin ebenso, und auch im arabischen Nationalismus fanden sie breite Aufnahme. Bis heute kursieren die Protokolle in unzähligen Sprachen – von Neonazis über globalisierungskritische Aktivist:innen bis hin zu islamistischen und esoterischen Milieus. Ihr Erfolg liegt darin, dass sie eine einfache Erklärung für komplexe Verhältnisse anbieten: „Eine kleine Elite zieht im Verborgenen die Fäden.“
Die Protokolle ermöglichen eine Projektion von Ängsten und Schuldgefühlen: politische, wirtschaftliche oder gesellschaftliche Krisen werden nicht als systemische Probleme erkannt, sondern als das Werk einer geheimen jüdischen Macht interpretiert. Die Attraktivität liegt auch darin, dass sie sich leicht in andere Ideologien einbetten lassen. Linke, die Kapitalismus und Globalisierung kritisieren, übernehmen die Narrative der „finanzmächtigen Zionisten“ oft unbewusst, während Rechte dieselbe Vorlage in rassistisch-nationalistischer Sprache wiederholen.
Linker Antisemitismus in der Sowjetunion
Die Sowjetunion unterstützte Israel zunächst 1948, vollzog jedoch bald einen radikalen Schwenk. Ab den 1950er Jahren wurde „Antizionismus“ zur staatlichen Doktrin. Juden galten nun als „Bourgeoisie“, „Imperialisten“ oder „Kosmopoliten“ ohne nationale Bindung. Stalins „Ärzteverschwörung“ – ein angeblicher Komplott jüdischer Ärzte gegen die sowjetische Führung – steht paradigmatisch für diese Politik. Tausende Juden wurden verfolgt, Intellektuelle wie Rudolf Slánský hingerichtet, unter dem Vorwurf einer „zionistischen Verschwörung“.
Die sowjetische Linie unterschied offiziell zwischen „Zionisten“ und Juden, doch faktisch wurde die gesamte jüdische Gemeinschaft verdächtigt. Diese Umdeutung wirkte weit über die Grenzen der UdSSR hinaus und prägte linke Bewegungen weltweit: Der Antizionismus diente als Vehikel, um antijüdische Ressentiments gesellschaftsfähig zu machen, während er gleichzeitig den Anspruch des „fortschrittlichen“ Sozialismus auf moralische Überlegenheit untermauerte.
DDR und osteuropäische Linke
Die DDR definierte sich als „antifaschistisch“ und lehnte Antisemitismus offiziell ab. Doch im politischen Alltag lebten antisemitische Muster fort – vor allem im Antizionismus. Israel wurde als „zionistischer Aggressor“ dargestellt, Palästina-Solidarität als internationale Pflicht. Die DDR unterstützte arabische Staaten militärisch und propagandistisch, während jüdische Stimmen im eigenen Land marginalisiert blieben.
Diese Rhetorik diente mehreren Zwecken: Zum einen legitimierte sie außenpolitische Allianzen mit arabischen Staaten; zum anderen verschleierte sie die eigene Verantwortung, antisemitische Denkmuster zu erkennen und aufzuarbeiten. 1975 stimmten die osteuropäischen Staaten in der UNO für die Resolution „Zionismus = Rassismus“. Hinter dem antifaschistischen Selbstverständnis verbarg sich also eine Politik, die alte antisemitische Projektionen auf die „Zionisten“ verlagerte und gleichzeitig die eigene moralische Position als „fortschrittlich“ unterstrich.
Antizionismus als moderne Form des Antisemitismus
Seit 1967, nach dem Sechstagekrieg, wandelte sich die Sicht vieler Linker auf Israel. Aus dem kleinen Überlebensstaat wurde in ihren Augen ein „imperialistischer Vorposten“ des Westens. Palästina-Solidarität wurde zum Symbol des Antiimperialismus, und die Kämpfe gegen Kolonialmächte übertrugen sich auf den Konflikt zwischen Israel und arabischen Staaten.
Kritik an Israel ist legitim, doch wenn sie Israel mit NS-Deutschland gleichsetzt, das Land als Apartheidstaat deklariert oder seine Existenz als Staat infrage stellt, wird sie zur Projektion traditioneller antisemitischer Vorstellungen. Doppelstandards entstehen, indem anderen Staaten ähnliche Verfehlungen nicht zugeschrieben werden. Israel wird zum „Juden unter den Staaten“ – zur zentralen Projektionsfläche für Schuldabwehr, alte Stereotype und Verschwörungsmythen.
Linker Antisemitismus nach 1990
Nach 1990 zeigt sich linker Antisemitismus in verschiedenen Facetten besonders in postkolonialen, globalisierungskritischen und queer-feministischen Szenen, in denen Israel oft ausschließlich als Kolonialstaat interpretiert wird. Die antizionistische Argumentation wird hier häufig mit einem universellen Anspruch auf soziale Gerechtigkeit kombiniert, wobei die Komplexität der Konflikte im Nahen Osten stark vereinfacht wird. In vielen Fällen werden historische Fakten verzerrt oder selektiv betrachtet, um Israel als alleinigen Aggressor darzustellen, während Verfehlungen anderer Akteure verschwiegen oder relativiert werden.
Die BDS-Kampagne hat sich seit den 2000er-Jahren als zentraler Ausdruck linken Antisemitismus etabliert. Sie agiert global und umfasst Boykottmaßnahmen in Kultur, Wissenschaft, Wirtschaft und Sport. Kulturschaffende und Wissenschaftler:innen, die sich offen mit Israel identifizieren oder israelische Institutionen unterstützen, sehen sich nicht selten gezwungen, Veranstaltungen abzusagen oder gar den Zugang zu akademischen oder künstlerischen Plattformen zu verweigern. Gleichzeitig werden Künstler:innen und Aktivist:innen, die sich für Palästina engagieren, in linken Milieus häufig gefeiert, auch wenn ihre Aktionen oder Aussagen Gewalt und Hetze enthalten.
Die Logik ist oft Ausschluss: Wer sich nicht vom Staat Israel distanziert, wird als „Zionist“ gebrandmarkt, was einer Art Konversionszwang gleicht. Diese Dynamik schafft soziale und berufliche Ausgrenzung, insbesondere in Universitäten, NGOs, Stiftungen und kulturellen Institutionen. Die Kritik an Israel wird so nicht selten instrumentell eingesetzt, um jüdische Stimmen zu marginalisieren, ihre Teilnahme an Debatten zu erschweren oder sie unter Druck zu setzen. Dies zeigt sich sowohl in Deutschland als auch international auf Konferenzen, in Filmfestivals oder in Theater- und Musikprojekten.
Gleichzeitig lassen sich Querfronttendenzen beobachten: Linksextreme, Rechtsextreme und Islamisten arbeiten gelegentlich in der antiisraelischen Sache zusammen, wobei der Antisemitismus zum verbindenden Element wird. Die Sprache verschiebt sich: Klassische antisemitische Chiffren wie „Rothschild“, „Ostküste“ oder „Finanzelite“ erscheinen zusammen mit Begriffen wie „Apartheidstaat“ oder „Besatzung“ – die antisemitische Projektion wird aktualisiert, bleibt aber im Kern bestehen. Auch prominente Intellektuelle wie Judith Butler oder Organisationen wie „Jewish Voice for Peace“ werden hierbei kritisch betrachtet, weil sie die antiisraelische Rhetorik mit ideologischer Legitimation versehen, obwohl einige ihrer Mitglieder aktiv Gewalt oder Boykottmaßnahmen unterstützen.
Der linke Antisemitismus nach 1990 ist daher kein marginales Phänomen, sondern tief in politischen, akademischen und kulturellen Diskursen verwurzelt. Er funktioniert sowohl subtil durch Ausschluss und Sprachcodes als auch direkt durch Boykott, Sanktionen und moralische Instrumentalisierung von Schuldgefühlen. In dieser Doppelstrategie zeigt sich die Anpassungsfähigkeit des Antisemitismus: er bleibt im Kern der gleiche, verschiebt aber Form und Sprache an die jeweils gesellschaftlich akzeptierten Diskurse.
Gegenwart und Gefährdung
In der Gegenwart ist Israel zu einem symbolischen Katalysator des Antisemitismus geworden. Léon Poliakov bezeichnete Israel als „den Juden unter den Staaten“, und diese Projektion wird bis heute aktiv genutzt, um antisemitische Bilder, Narrative und Hass zu verbreiten. Aktuelle Karikaturen, Social-Media-Memes und Demonstrationsparolen greifen klassische Motive wie Blutmythen, Kindermörder, Organraub oder die Dämonisierung von Politikern wieder auf, übertragen sie aber auf den jüdischen Staat oder einzelne „Zionisten“.
Kulturschaffende geraten zunehmend in den Fokus: Wer in Israel auftritt, mit israelischen Künstler:innen zusammenarbeitet oder jüdische Themen behandelt, wird von BDS-Aktivist:innen bedroht, boykottiert oder öffentlich angeprangert. Gleichzeitig wird Gewalt gegen palästinensische Sympathisant:innen in bestimmten linken Szenen toleriert oder verharmlost, insbesondere wenn diese die antiisraelische Agenda bedienen. In der Praxis entstehen so zwei parallele Strömungen: Ausschluss und Bedrohung von pro-israelischen Akteuren sowie aktive Förderung oder unkritische Unterstützung von Akteur:innen, die Gewalt als legitimes Mittel ansehen.
Diese Entwicklungen zeigen, dass linker Antisemitismus nicht nur rhetorisch, sondern auch materiell wirksam ist. Auf Universitätscampus, in NGOs, Stiftungen und in der Kulturszene kann er die berufliche und soziale Existenz von Jüd:innen und Israel-freundlichen Personen bedrohen. Gleichzeitig verschiebt sich die gesellschaftliche Wahrnehmung: Antisemitische Parolen werden häufig als legitime Israelkritik ausgegeben, und Vorwürfe des Antisemitismus werden als „überempfindlich“ oder „instrumentalisiert“ abgetan.
Die Gefahr liegt in der Normalisierung: Wenn antisemitische Bilder, Codes und Narrative über Medien, Kultur, Akademie und Social Media dauerhaft präsent sind, werden sie von Teilen der Gesellschaft als akzeptabel angesehen. Boykottkampagnen, die gezielt Israel oder jüdische Menschen ausschließen, und die weit verbreitete Gleichsetzung Israels mit dem NS-Staat oder mit Apartheid, tragen zur Delegitimierung jüdischer Existenzrechte bei. Die Grenze zwischen legitimer Kritik und Projektion verschiebt sich zunehmend, wodurch antisemitische Muster wieder gesellschaftsfähig werden.
Gleichzeitig lassen sich Kontinuitäten über politische Lager hinweg erkennen: Rechte, Linke und Islamisten greifen auf ähnliche antisemitische Codes und Verschwörungstheorien zurück, nur die Sprache und die Begründungen unterscheiden sich. Die wiederkehrende Chiffrierung von „Jude“ zu „Zionist“ zeigt, dass Antisemitismus auch in der Gegenwart adaptiv, subtil und tief verwurzelt bleibt.
Insgesamt ist die Gegenwart durch die Verbindung von kultureller, akademischer und medialer Wirkung des linken Antisemitismus gekennzeichnet, ergänzt durch transnationale Bewegungen wie BDS. Die Gefährdung besteht darin, dass antisemitische Narrative in immer neuen Kontexten wieder auftauchen, oft unter dem Deckmantel von Moral, Gerechtigkeit oder Antiimperialismus, und damit ihre tradierte Wirksamkeit entfalten.
Antisemitismus in queeren und LGBT-Bereichen
Innerhalb queerer und LGBT-Communities kann Antisemitismus auftreten, oft in Verbindung mit linken oder postkolonialen Diskursen. In manchen Kreisen wird Israelkritik reflexhaft mit Solidarität für marginalisierte Gruppen verknüpft, wobei antisemitische Stereotype als scheinbar „progressiv“ verschleiert werden. Jüdinnen und Juden, die sich als queer oder LGBT identifizieren, erleben dabei eine doppelte Marginalisierung: Sie müssen sich nicht nur in ihrer Community gegen allgemeine Diskriminierung behaupten, sondern werden zugleich mit Chiffren wie „zionistische Lobby“ oder „israelische Apartheid“ konfrontiert, die subtilen Judenhass transportieren. Auch BDS-Kampagnen greifen in queeren und feministischen Kontexten auf solche Codes zurück, indem sie Kooperationen mit israelischen Künstler:innen oder Organisationen sanktionieren. Gleichzeitig wird die Problematik antisemitischer Motive oft nicht thematisiert, sodass antisemitische Angriffe, Ausschlüsse oder verbale Gewalt innerhalb queer-feministischer Projekte unter dem Deckmantel politischer Solidarität stattfinden können. Dies zeigt, dass Sensibilität gegenüber verschiedenen Formen von Diskriminierung notwendig ist, aber die besondere Historie und Funktionsweise des Antisemitismus nicht übersehen werden darf.
Aktuelle Entwicklungen verdeutlichen diese Problematik: Im Juni 2024 unterzeichneten über 240 LGBT-Künstler:innen einen offenen Brief, in dem sie einen sofortigen Waffenstillstand im Gazastreifen forderten und gleichzeitig eine Boykottierung von Veranstaltungen in Israel bis zur „Befreiung Palästinas“ ankündigten. Dieser Schritt wurde von der Gruppe „Queer Artists for Palestine“ initiiert und kritisierte das sogenannte „Pinkwashing“ Israels, also die Instrumentalisierung von LGBTQ+-Rechten zur Ablenkung von Menschenrechtsverletzungen gegenüber Palästinenser:innen. Unter den Unterzeichner:innen waren unter anderem Schauspieler:innen wie Indya Moore und Angelica Ross sowie Musiker:innen wie MUNA und boygenius.
Zudem kam es bei Pride-Veranstaltungen zu Vorfällen, bei denen jüdische und pro-israelische Stimmen marginalisiert oder ausgeschlossen wurden. Ein Beispiel hierfür ist die „Creating Change“-Konferenz der National LGBTQ Task Force in Chicago im Jahr 2016, bei der Aktivist:innen der Gruppe „A Wider Bridge“ – einer jüdischen LGBT-Organisation – von pro-palästinensischen Demonstrant:innen als „Pinkwasher“ bezeichnet und mit antisemitischen Parolen konfrontiert wurden.
Diese Ereignisse werfen die Frage auf, inwieweit Solidarität mit Palästina nicht nur als politische Haltung, sondern auch als Plattform für antisemitische Rhetorik dient. Die Gleichsetzung von „Zionismus“ mit „Jude“ und die Verwendung antisemitischer Stereotype in antizionistischen Diskursen innerhalb queerer und LGBT-Communities verdeutlichen die Notwendigkeit einer differenzierten Auseinandersetzung mit diesen Themen.
Glossar aktueller Beispiele linker antisemitischer Muster (2015–2025)
1. Demonstrationen und Parolen
- Pro-Palästina-Demonstrationen in Deutschland (2018–2023): Auf Kundgebungen in Berlin, Hamburg oder Frankfurt kam es wiederholt zu Rufen wie „Zionisten raus!“ oder „Free Palestine from German guilt!“. Diese Parolen verbinden Kritik an Israel mit Schuldabwehr gegenüber der Shoah.
- Vergleiche Israels mit NS-Deutschland: Bei mehreren Demonstrationen wurden Plakate gezeigt, auf denen Israel symbolisch mit Konzentrationslagern oder Hitlerfiguren dargestellt wurde.
2. Social Media und Popkultur
- Memes und Infografiken: In linken globalisierungskritischen und queer-feministischen Kanälen tauchen Karikaturen auf, die Netanyahu oder israelische Politiker als blutrünstige Eliten darstellen oder stereotyp jüdisches Kapital veranschaulichen („Rothschild-Karikaturen“, „Krakenbilder“).
- Twitter, X und TikTok: In der Debatte über BDS-Kampagnen werden Juden als „Zionisten“ diffamiert, die „die Weltwirtschaft kontrollieren“ oder „Palästinenser unterdrücken“.
3. Akademische und intellektuelle Diskurse
- Judith Butler (2019–2022): Sie bezeichnete die Hamas als Teil einer globalen linken Bewegung, ohne die antisemitischen Implikationen der Organisation zu benennen, was international für Kritik sorgte.
- Jewish Voice for Peace / Jüdische Stimme für gerechten Frieden (2020–2023): Unterstützt BDS und Veranstaltungen, die Israel kollektiv für historische und aktuelle Konflikte verantwortlich machen, teilweise ohne Differenzierung zwischen Staat, Politik und jüdischer Gemeinschaft.
4. Boykott- und Ausschlusspraktiken
- BDS-Kampagnen auf Universitäten (2017–2022): Veranstaltungen, bei denen israelische Wissenschaftlerinnen teilnehmen wollten, wurden abgesagt oder auf Druck linker Gruppen ausgeschlossen, wenn sie als „Zionistinnen“ galten („Konversionszwang“).
- Kulturelle und akademische Boykotte: Filme, Konzerte, Vorträge und Kunstausstellungen mit israelischer Beteiligung wurden auf linken Festivals oder Veranstaltungen blockiert, teilweise mit explizit antisemitischer Rhetorik begründet.
5. Medien und öffentliche Äußerungen
- Slogans in linken Medien: Wiederholte Darstellung Israels als „Apartheidstaat“ oder „kolonialer Aggressor“, ohne parallele Kritik an anderen Staaten in vergleichbaren Konflikten.
- Berliner Palästina-Kongress (2022): Kontrovers diskutiert wegen Einladung von Aktivist*innen mit Kontakten zu verurteilten Attentätern; die Argumentation drehte sich oft um „Zionisten“ als globale Macht, wobei historische Kontextualisierung fehlte.
6. Symbolik und Chiffren
- Verwendung von „Zionisten“ als Code: Juden werden nicht direkt attackiert, sondern stellvertretend über den Staat Israel oder vermeintliche „zionistische Lobby“ kritisiert.
- Antisemitische Stereotype: „Geldgier“, „Manipulation“, „globale Kontrolle“ werden auf Israel und jüdische Organisationen übertragen, oft in Verbindung mit Kapitalismuskritik oder Antiimperialismus.
Fazit: Diese Beispiele verdeutlichen, dass linker Antisemitismus nicht abstrakt ist, sondern konkrete Erscheinungsformen hat. Er nutzt historische Stereotype, Verschwörungsmythen (z. B. Protokolle der Weisen von Zion) und Chiffren wie „Zionist*innen“, um Kritik an Israel, Kapitalismus oder Globalisierung in antisemitische Narrative einzubetten. Die Muster sind international, gesellschaftsfähig und oft schwer erkennbar, da sie ideologisch verkleidet auftreten.
Analyse: Warum die „Protokolle“ Brücken schlagen
Die Protokolle der Weisen von Zion zeigen paradigmatisch, wie anschlussfähig Antisemitismus ist. Ihre Struktur – eine kleine Elite steuert im Verborgenen die Welt – ist universell einsetzbar. Rechte sehen darin den Beweis für „jüdische Finanzeliten“, Linke für „imperialistische Zionisten“, Islamisten für die „Feinde des Islam“. Sprache und Kontext ändern sich, doch das Muster bleibt gleich.
Dieses Bindeglied macht die Protokolle gefährlich: Sie erlauben die Vermischung verschiedener Strömungen und ideologischer Milieus, die sich ansonsten ablehnen würden. Historische Mythen werden so zu zeitgenössischen Werkzeugen, die immer wieder in neuen politischen Kontexten aktiviert werden.
Schluss
Linker Antisemitismus ist kein Widerspruch zu linken Idealen, sondern ihr Verrat. Wie ein Chamäleon bleibt er stets gleich und passt sich doch der Umgebung an, oder wie ein Virus mutiert er, um sich den neuen Gegebenheiten, Ideologien und Sprachgewohnheiten anzupassen. Dabei wird tradiertes beibehalten, neu chiffriert und mehr oder weniger subtil – heutzutage politisch korrekt – geäußert. Und dennoch bleibt er im Kern stets sich selbst treu.
Theodor Adorno hat treffend gesagt: «Der Antisemitismus ist das Gerücht über die Juden». Damit wird deutlich, dass Antisemitismus vor allem durch das Bild entsteht, das sich von Juden gemacht wird, und was über Juden gesagt wird – ob sie real vorhanden sind oder nicht. Die Person, die in dieses Bild passt, wird zum Juden – oder heute, zum Zionisten. Diese Projektion von Schuld, Macht und Feindschaft ist Kern aller antisemitischen Muster und bleibt unabhängig von politischen Richtungen wirksam.
Jean Améry hat in seinen zwischen 1969 und 1973 gesammelten Aufsätzen deutlich gemacht, dass Antizionismus oft nichts anderes als aktualisierter Antisemitismus ist:
«Der gefährliche Boden, auf dem die Junglinke sich in ihrem antizionistischen Furor bewegt, enthält die Keime eines jahrhundertealten, noch keineswegs „bewältigten“ Antisemitismus. Jedes „nieder mit der zionistischen Oppression“ findet irgendwo sein Echo, das dann wie „Juda verrecke“ klingt.»
Er fährt fort:
«Man darf rufen: „Schlagt die Zionisten tot, macht den Nahen Osten rot!“ – und kann verschweigen oder sogar empört die Insinuation zurückweisen, dass in diesem Kampfruf ein anderer, nur allzu bekannter mitschwinge: das ganz eindeutige „Juda verrecke“ der Nazis. … – der Anti-Zionismus ist nichts anderes als die Aktualisierung des uralten, offensichtlich unausrottbaren, ganz und gar irrationalen Judenhasses von eh und jeh. Wer behauptet, dass er wohl Antizionist sei, aber beileibe nichts gegen die Juden sagen wolle, macht sich und anderen etwas vor…»
Die Qualität der verbalen Gewalt ebenso wie ihre Quantität hat massiv zugenommen, besonders durch Internet und soziale Netzwerke. Antisemitische Karikaturen, Memes und propagandistische Bildwelten erzeugen einen Gewöhnungseffekt, der die Grenzen des Tabu verschiebt. Gleichzeitig wird der Begriff der «Antisemitismuskeule» instrumentalisiert, um Vorwürfe von vornherein abzuwehren. Es besteht ebenso eine Diskrepanz zwischen den Betroffenen, die sich bedroht fühlen, und Teilen der Mehrheitsgesellschaft, die antisemitische Bedrohungen als unbegründet ansehen, oder sich sogar darüber lustig machen.
Antisemitismus funktioniert zwar teilweise wie Rassismus, doch er ist nicht dasselbe. Er ist nicht nur Diskriminierung, sondern ein Weltdeutungsschema, das sich seiner Zeit, dem Diskurs und der politischen Umgebung anpasst. Zwei Jahrtausende Stigmatisierung, Dämonisierung und Verfolgung von Juden haben ein tiefgreifendes kollektives Gedächtnis hinterlassen. Daraus entstand eine Tradition bewussten und unbewussten judenfeindlichen Denkens, Sprechens und Fühlens, die sich in wiederkehrenden Mustern und Motiven spiegelt.
Was bleibt, ist die Projektion des Juden als «der Andere» – ein Fremder, der je nach Kontext religiös, rassisch, sozial, wirtschaftlich oder ideologisch konstruiert wird. Aus diesen Stereotypen, Mythen, Verschwörungstheorien und Vorurteilen formt sich ein kohärentes System: Der Jude oder das Bild vom Juden steht im Zentrum, während der Antisemitismus zugleich das eigentliche Problem des Antisemiten ist.
Die Folgen sind jedoch real. Antisemitische Projektionen beeinflussen den Alltag, politische Debatten, internationale Beziehungen und gesellschaftliche Strukturen. Sie ermöglichen es, Israel, jüdische Menschen oder Organisationen kollektiv für historische und aktuelle Konflikte verantwortlich zu machen, und verschleiern die differenzierten Realitäten von Staaten, Politik und Individuen.
Daher ist klar: Demokratische, emanzipatorische Bewegungen können nur glaubwürdig sein, wenn sie sich selbst kritisch reflektieren und die eigenen antisemitischen Muster benennen. Klare Kritik an Israel muss möglich sein, ohne dass sie auf tradierte Stereotype oder Schuldprojektionen zurückgreift. Der Antisemitismus zeigt uns, dass politische und moralische Ideale allein nicht schützen; nur die kritische Auseinandersetzung mit historischer Last, sprachlichen Codes und mentalen Bildern kann die subtilen, aber tief verwurzelten Mechanismen erkennen und entkräften. Der Kampf gegen Antisemitismus beginnt nicht nur beim Gegner – er beginnt in den eigenen Reihen. Nur wer historische Wurzeln erkennt, die ideengeschichtlichen Mechanismen versteht und die Brückenfunktion von Mythen wie den Protokollen begreift, kann linke, demokratische und emanzipatorische Bewegungen glaubwürdig gestalten.
Quellen (APA-Style)
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