Antisemitismus wird oft als ein Phänomen des westlichen Christentums oder der europäischen Geschichte verstanden. Doch Judenfeindlichkeit hat auch im islamischen Kontext lange Traditionen, historische Verankerungen und aktuelle Ausprägungen – von ambivalenten Koraninterpretationen über mittelalterliche Konflikte bis hin zu modernem Islamismus.
Dieser Artikel beleuchtet die historischen, theologischen und ideologischen Linien des Antisemitismus im Islam und Islamismus, von den frühen Auseinandersetzungen in der arabischen Welt über die fatale Allianz mancher arabischer Führer mit dem Nationalsozialismus bis hin zu heutigen Herausforderungen. Er zeigt, wie sich antisemitische Narrative transformiert und verbreitet haben, wie sie politische Bewegungen prägen und welche Verantwortung sowohl muslimische Communities als auch westliche Gesellschaften tragen.
Gleichzeitig macht der Text sichtbar, dass es Muslim:innen gibt, die sich aktiv gegen Antisemitismus einsetzen – oft unter persönlichem Risiko – und dass Differenzierung zwischen Islam als Religion und Islamismus als politischer Ideologie unerlässlich ist, um Hass sichtbar zu machen, ohne ganze Gemeinschaften zu pauschalisieren.
Einleitung
Wenn heute über Antisemitismus gesprochen wird, richtet sich der Blick oft zuerst auf den christlich geprägten Westen oder auf rechtsextreme Bewegungen. Doch Antisemitismus ist kein ausschließlich „westliches“ oder „christliches“ Phänomen. Auch in islamischer Geschichte, Theologie und Politik gibt es überlieferte Stränge von Judenfeindschaft, die bis in die Gegenwart hineinwirken.
Dabei gilt es eine wichtige Unterscheidung zu machen: Islamkritik ist nicht gleich Islamfeindlichkeit. Islamfeindlichkeit ist pauschal, abwertend, essenzialistisch. Eine historische und ideologische Analyse von judenfeindlichen Tendenzen im Islam und Islamismus hingegen will differenzieren: zwischen Religion und Ideologie, zwischen historischen Kontexten und modernen politischen Bewegungen, zwischen friedlichen Traditionen und gewaltorientierten Strömungen.
Ziel dieses Beitrags ist es, historische, theologische und ideologische Linien sichtbar zu machen, die zeigen, wie sich Antisemitismus im islamischen Raum entwickelt, verändert und verfestigt hat – von der Frühzeit über das Mittelalter bis zu Islamismus und Gegenwart.
Frühzeit des Islam
Schon die Quellen des frühen Islam, Koran und Hadithe, zeichnen ein ambivalentes Bild der Juden. Einerseits werden sie als „Leute des Buches“ anerkannt, Träger einer göttlichen Offenbarung, mit denen Muslime gemeinsame Wurzeln teilen. Andererseits enthalten Koran und Tradition auch scharfe Polemiken: Juden wird vorgeworfen, Gottes Wort verfälscht, Propheten verleugnet oder überheblich gehandelt zu haben.
Besondere Symbolkraft erlangte die Schlacht von Khaybar (627), bei der eine jüdische Oase von den Muslimen erobert wurde. Bis heute dient der Ruf „Khaybar, Khaybar, ya Yahud – Mohammeds Heer wird bald zurückkehren“ als antisemitische Parole.
Ein weiterer zentraler Aspekt ist das Dhimma-System. Juden und Christen wurden als „Schutzbefohlene“ (dhimmi) anerkannt und erhielten das Recht, ihre Religion auszuüben – allerdings unter klarer Unterordnung. Sie mussten Sondersteuern zahlen (jizya), bestimmte Einschränkungen hinnehmen und gesellschaftliche Diskriminierung akzeptieren.
Der in westlichen Debatten häufig beschworene Mythos eines durchgehend friedlichen Zusammenlebens von Juden und Muslimen hält einer historischen Prüfung nicht stand. Es gab Phasen relativer Ruhe und Kooperation, aber diese waren eingebettet in ein System der Ungleichheit, das stets auch Erniedrigung und Abwertung bedeutete.
Mittelalter und Frühe Neuzeit
In islamischen Reichen des Mittelalters gab es tatsächlich Zeiten vergleichsweise größerer Sicherheit für Juden als in manchen christlichen Ländern. Jüdische Gelehrte konnten zeitweise wirken, Ärzte dienten an Höfen, Handel war möglich – jedoch aus pragmatischen Gründen, nicht aus ideologischen. Gleichberechtigung gab es nie.
Immer wieder kam es zu Pogromen und Massakern: 1066 wurden in Granada rund 4.000 Juden ermordet. Auch in Nordafrika, im Osmanischen Reich oder in Palästina (z. B. in Safed und Hebron) kam es zu Gewaltausbrüchen.
Die theologischen Muster ähnelten vielfach dem christlichen Antijudaismus: Juden wurden als verstockt, verflucht, gottlos beschrieben; ihnen wurde Machtgier oder Verrat unterstellt. Auch der Glaube an jüdische Verschwörungen und geheime Netzwerke tauchte auf.
Die Ritualmordlegende – der Vorwurf, Juden würden christliche oder muslimische Kinder für rituelle Zwecke töten – wurde erst spät aus dem christlichen Europa in die islamische Welt importiert. Aber einmal dort, verfestigte sie sich ebenfalls.
Vergleichbar zum christlichen Antijudaismus finden sich Muster der Schuldzuschreibung, Verschwörungsglauben und abwertender Theologie. Rituale oder Praktiken, die im christlichen Europa fälschlich mit Ritualmord in Verbindung gebracht wurden, wurden in der islamischen Welt erst spät übernommen, häufig durch Kontakte zu christlich geprägten Gesellschaften. Historisch lässt sich somit feststellen, dass Vorurteile und antisemitische Stereotype auch im islamischen Raum präsent.
Moderne und 20. Jahrhundert
Die Moderne brachte keine Auflösung des Antisemitismus, sondern oft seine Radikalisierung.
Im 20. Jahrhundert intensivierte sich der Antisemitismus in Teilen der arabischen Welt. Ein frühes Beispiel ist der Farhud 1941 in Bagdad, ein Pogrom gegen die jüdische Bevölkerung, das unter dem Einfluss nationalsozialistischer Propaganda verübt wurde. Deutsche NS-Propaganda, die „Protokolle der Weisen von Zion“ und das Buch Mein Kampf wurden gezielt in arabische Länder exportiert und dort mit lokalen islamischen Narrativen verbunden (Küntzel 2019, S. 102–130).
Eine zentrale Figur ist der Mufti von Jerusalem, Haj Amin al-Husseini, der während der 1930er- und 1940er-Jahre als politische und religiöse Autorität agierte. Er unterstützte die NS-Ideologie aktiv, traf Hitler persönlich und war an Plänen zur Vernichtung der Juden im Balkan beteiligt. Nach dem Krieg wirkte er als Mentor von Yassir Arafat und beeinflusste die ideologische Ausrichtung der Palästinensischen Bewegung nachhaltig.
Die Muslimbruderschaft übernahm zahlreiche Elemente nationalsozialistischer Propaganda und antisemitischer Theorien, die später Eingang in islamistische Bewegungen fanden. Mit dem Import europäischer antisemitischer Literatur wurde der Antisemitismus in der arabischen Welt systematisch verbreitet und ideologisch verankert, wobei er sich oft mit anti-zionistischer Rhetorik verband.
Im Heiligen Land kam es bereits vor der Staatsgründung Israels zu Massakern an jüdischen Gemeinden, z. B. in Hebron (1929) oder Safed.
Antisemitismus war hier nicht nur „reaktive“ Folge von Kolonialismus oder Zionismus, sondern entwickelte sich eigenständig in islamistischen Bewegungen, verstärkt durch europäische Einflüsse.
Die Vertreibung der Juden nach der Staatsgründung Israels
Oft wird in internationalen Debatten ausschließlich die palästinensische Nakba erinnert – die Flucht und Vertreibung von Arabern im Zuge des Krieges 1948/49. Fast völlig vergessen ist hingegen das Schicksal der Juden in arabischen Ländern.
Zwischen 1948 und den 1970er-Jahren verließen rund eine Million Juden ihre Heimatländer in Nordafrika und im Nahen Osten. Mit der Staatsgründung Israels 1948 -und teilweise bereits davor – begann die massive Vertreibung und Auswanderung von etwa einer Million Juden aus arabischen Ländern, häufig unter Zwang, Enteignung oder Gewalt. In Marokko, Irak, Ägypten, Libyen, Jemen und anderen Ländern verschwand die jahrtausendealte jüdische Präsenz nahezu vollständig. Die Betroffenen verloren Häuser, Läden, Synagogen und Vermögen; viele flohen nach Israel oder in den Westen.
Der Exodus hatte mehrere Ursachen:
- Direkte Gewalt: Pogrome wie im Irak (Farhud 1941, erneute Angriffe nach 1948), in Ägypten oder Libyen.
- Staatliche Maßnahmen: Enteignungen, Berufsverbote, Entzug der Staatsbürgerschaft.
- Gesellschaftlicher Druck: Diffamierung, Diskriminierung, Feindseligkeit.
Beispiele:
- Irak: Zwischen 1950 und 1952 verließen über 120.000 Juden das Land.
- Jemen: Mit der „Operation Magic Carpet“ (1949–1950) wurden rund 50.000 Juden nach Israel gebracht.
- Ägypten: Unter Nasser wurden Juden vertrieben, ihre Vermögen beschlagnahmt.
Das Ergebnis war das nahezu vollständige Verschwinden jahrhundertealter jüdischer Gemeinden in arabischen Ländern. Diese Geschichte gehört zur Wahrheit des Nahostkonflikts: Nicht nur Palästinenser, auch Juden wurden Opfer von Vertreibung und Entrechtung. Die wechselseitigen Vertreibungen und Traumata tragen bis heute zur politischen Giftigkeit des Konflikts bei und müssen für ein vollständiges Verständnis benannt werden.
Diese Geschichte wird in der öffentlichen Debatte oft verdrängt oder geleugnet, sowohl innerhalb arabischer Staaten als auch international. Die Erinnerungskultur konzentriert sich meist auf das Schicksal der palästinensischen Flüchtlinge, während die jüdischen Opfer von Vertreibung und Enteignung weitgehend ausgeblendet werden. Dies führt zu einer einseitigen Wahrnehmung von Konflikten im Nahen Osten, die historische Verantwortung und die komplexen Verflechtungen von Vertreibung und Gewalt verschleiert.
Haj Amin al-Husseini: Mufti von Jerusalem und sein Erbe
Haj Amin al-Husseini, der Großmufti von Jerusalem, spielte im 20. Jahrhundert eine zentrale Rolle in der Vernetzung von arabischem Nationalismus und europäischem Antisemitismus. Bereits vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs positionierte er sich als entschiedener Gegner einer jüdischen Präsenz in Palästina und verstand die Bedrohung der jüdischen Bevölkerung als zentrales Anliegen seiner Politik. In seinem Tagebuch notierte er ausdrücklich, dass das NS-Regime und die arabischen Führer das gleiche Ziel verfolgten: die Vernichtung der Juden.
Im Zuge seiner Zusammenarbeit mit den Nationalsozialisten wurde al-Husseini nach Berlin eingeladen, wo er als persönlicher Gast Hitlers residierte und vom NS-Regime für seine Propagandatätigkeit bezahlt wurde. Er adaptierte deutsche Propagandastrategien, namentlich Goebbels’ Methoden, und setzte diese in der arabischen Welt ein. Al-Husseini organisierte einen Spionagedienst für den gesamten Nahen Osten, etablierte Radiopropaganda und rief in Deutschland wie auch über Auslandssender in der Region:
„Tötet die Juden, wo immer ihr sie findet. Das gefällt Gott, der Geschichte und dem Glauben. Ihr müßt die Juden töten, ehe sie das Feuer auf Euch eröffnen … Nach der muslimischen Religion ist die Verteidigung Eures Lebens eine Pflicht, die nur durch die Vernichtung der Juden erfüllt werden kann.“
Im Dezember 1942 gründete al-Husseini das Islamische Zentral-Institut und propagierte in einer Rede eine lange Traditionslinie jüdischer Feindschaft gegenüber Muslimen. Er behauptete, dass der Koran und die Lebensgeschichte des Propheten Mohammed unmissverständlich belegten, dass Juden „intrigantenhaft und voller Hass gegenüber dem Muslim“ seien, und dass diese Haltung sich „zu allen Zeiten“ manifestiere. Al-Husseini insistierte wiederholt beim NS-Regime, Tel Aviv zu bombardieren, und vorbereitete die logistischen Schritte für mobile Gaswagen in Richtung Palästina. Dass diese Pläne letztlich nicht umgesetzt wurden, war dem Verlauf des Zweiten Weltkrieges geschuldet.
Während seiner Propagandatätigkeit wurden ab Juli 1942 jüdische Häuser in Palästina mit Kalkzeichen markiert, um Besitzansprüche geltend zu machen – die jüdische Bevölkerung reagierte teils durch Flucht, teils durch Vorbereitung auf Selbstschutzmaßnahmen.
Nach dem Krieg wurde al-Husseini trotz möglicher Anklagen freigelassen und erhielt in Ägypten Asyl. Die ägyptische Muslimbruderschaft empfing ihn mit Lobesreden:
„Der Mufti ist soviel wert wie eine ganze Nation. Der Mufti ist Palästina, und Palästina ist der Mufti. O Amin! Was bist Du doch für ein großer, unbeugsamer, großartiger Mann!“
Mit seinem letzten NS-Gehalt organisierte er den Aufbau palästinensischer Truppen nach dem Abzug der Briten. Die UNO berief ihn trotz Protesten der Jewish Agency zum Vertreter aller Araber Palästinas. Al-Husseini vermittelte zudem NS-Kollaborateure wie Johann von Leers, die nach Ägypten kamen, dort zum Islam konvetierten und an der Übersetzung und Verbreitung der Protokolle der Weisen von Zion wirkten, die später ideologisch für die Hamas-Charta relevant wurden.
Al-Husseini war verantwortlich für die Eliminierung kompromissbereiter arabischer Führer kurz vor dem UN-Teilungsbeschluss 1947, darunter sein eigener Cousin, und verübte mit seinen Truppen Überfälle auf jüdische Dörfer. Bis zu seinem Tod bedauerte er Hitlers Niederlage und hoffte auf eine Wiederholung.
Sein politisches Erbe wirkte weiter: Yassir Arafat betrachtete al-Husseini als Vorbild und Mentor und wurde durch ihn ermutigt, die palästinensische Führung zu übernehmen. Al-Husseini finanzierte zunächst die Fatah, und die PLO übernahm später viele seiner Ziele, darunter die Konstruktion eines „palästinensischen Volkes“ und die Ablehnung jeglicher jüdischen historischen Ansprüche auf das Land. Die PLO-Charta legte rassische Kriterien für die palästinensische Identität fest und propagierte den bewaffneten Kampf als einzigen Weg zur „Befreiung Palästinas“ und zur Auslöschung aller Zionisten.
Noch Jahrzehnte später priesen palästinensische Führer ihn als Symbol: Arafat bezeichnete ihn 2002 als „unseren Helden“, Mahmoud Abbas 2013 als „unseren Vorkämpfer“, und 2019 erinnerte der Berater der Palästinensischen Autonomiebehörde, Mahmoud Al-Habbash, an al-Husseinis Todestag und würdigte ihn als „Rollenvorbild“ für die Palästinenser.
In der israelischen Geschichtsschreibung und Rechtsprechung symbolisiert al-Husseinis Treffen mit Hitler die Zusammenarbeit großer Teile der arabischen Welt mit dem NS-Regime und die ideologische Kontinuität radikaler antisemitischer Bewegungen. Im Eichmann-Prozess von 1961 bestätigten Zeugen, dass al-Husseini ein unerbittlicher Erzfeind der Juden war und die Vernichtung der jüdischen Bevölkerung unterstützte. Heute gilt sein Wirken als direkter ideologischer Vorläufer für Gruppen wie Hamas, Hisbollah, Islamischer Dschihad, al-Qaida und den IS.
Islamismus und Ideologie
Mit dem Aufkommen islamistischer Bewegungen seit dem 20. Jahrhundert wurde Antisemitismus zu einem zentralen ideologischen Marker. Der moderne politische Islamismus unterscheidet sich deutlich vom historischen Islam: Während der Islam als Religion eine breite Vielfalt theologischer Strömungen und ethischer Konzepte umfasst, ist der Islamismus eine politische Ideologie, die Religion zur Legitimation von Herrschaft, territorialen Ansprüchen und gesellschaftlicher Kontrolle instrumentalisierte. Zentral ist dabei die Instrumentalisierung des Antisemitismus als ideologische Waffe.
- Hamas-Charta (1988): Sie enthält eliminatorischen Judenhass, beruft sich auf die „Protokolle“ und stellt den Konflikt religiös dar: nicht als politische Auseinandersetzung, sondern als heiliger Krieg. Friedensinitiativen werden explizit abgelehnt (Artikel 13). Juden werden dämonisiert (Artikel 20, 22).
- Iranischer Staatsantisemitismus: Die Islamische Republik verbindet antizionistische Rhetorik mit der Leugnung oder Relativierung der Shoah.
Kulturelle Marker:
– Parolen wie „Khaybar, Khaybar“.
– Wiederholte Bezugnahme auf bestimmte Koranverse in politischen Kontexten.
Es gilt zu unterscheiden: Islam ist eine vielfältige Religion mit unterschiedlichen Traditionen. Islamismus hingegen ist eine moderne politische Ideologie, die den Islam verabsolutiert, verengt und mit antisemitischem Kern versieht.
Palästinensische Befreiungstheologie
Manche Vertreter wie Mitri Raheb verknüpfen Theologie mit antijüdischen Stereotypen, etwa durch die „Khazaren-These“ oder die Behauptung, Juden hätten keinen legitimen Zugang zur Bibel.
Vertreter wie Mitri Raheb oder Naim Stifan Ateek interpretieren die biblische Geschichte als primär palästinensische Erfahrung und stellen europäische Juden als fremde Neuankömmlinge dar, wobei Raheb etwa die Khazaren-These aufgreift und jüdischen Israelis jegliche Verbindung zu alttestamentlichen Verheißungen abspricht. Ateek wiederum argumentiert in seiner „Palestinian Liberation Theology“, dass bestimmte Texte des Tanakh keine spirituelle Autorität für palästinensische Christen besitzen und instrumentalisierte Bibellektüre antisemitische und anti-zionistische Narrative stütze (Ateek 1989; Miller 2015, S. 163).
Diese Formen der Theologie bilden eine ideologische Grundlage für politische Bewegungen, die Israel ablehnen und die Geschichte der jüdischen Verbindung zum Land negieren.
Die Hamas-Charta von 1988
Die Hamas, 1987 als Abspaltung der Muslimbruderschaft im Gazastreifen gegründet, definierte sich früh nicht nur als Widerstandsbewegung gegen Israel, sondern als religiös-ideologische Kraft mit einem ausgeprägten antisemitischen Weltbild.
Bereits der Vorspann bzw. die Präambel der Charta enthält programmatische Aussagen, die die ideologische Haltung der Bewegung zusammenfassen; in der Charta findet sich ein prägnantes Zitat, das die Haltung ausdrückt:
„Israel wird entstehen und solange bestehen bleiben, bis der Islam es abschafft, so wie er das, was vor ihm war, abgeschafft hat.“ — Der Imam und Märtyrer Hassan al-Banna, Gott hab ihn selig.
Die Charta von 1988 ist ein Dokument von erschreckender Deutlichkeit:
- In Artikel 8 heißt es: „Gott ist ihr Ziel, der Prophet ihr Vorbild, der Koran ihre Verfassung, der Dschihad ihr Weg und der Tod für Gott ihr hehrster Wunsch.“
- Artikel 13 erklärt Friedensinitiativen und internationale Konferenzen für „frevelhaftes Spiel“: Der Konflikt könne einzig durch den Dschihad gelöst werden.
- Artikel 7 enthält apokalyptische, eliminatorische Rhetorik: „Die Stunde wird kommen, da die Muslime gegen die Juden solange kämpfen und sie töten, bis sich die Juden hinter Steinen und Bäumen verstecken…“ (Anspielung auf einen mörderischen Endkampf).
- Artikel 20 und 22 enthalten klassische antisemitische Verschwörungsmythen: Juden werden als „nazistisch“ diffamiert, ihnen wird die Schuld an allen Kriegen, Revolutionen und sogar an der Französischen Revolution zugeschrieben. Genannt werden Organisationen wie Freimaurer, Rotary, Lions Clubs und B’nai B’rith – ein direktes Echo auf die „Protokolle der Weisen von Zion“.
Die Charta verknüpft also islamische Bezüge (Koranverse, religiöse Rhetorik) mit modernen europäischen Antisemitismen. Damit ist sie eines der deutlichsten Beispiele dafür, wie eliminatorischer Judenhass zur Grundlage einer politischen Bewegung gemacht wird.
Auch wenn die Hamas in späteren Jahren taktisch modifizierte Erklärungen und Dokumente veröffentlichte, bleibt die ursprüngliche Charta ein zentraler ideologischer Bezugspunkt, der bis heute die Rhetorik ihrer Führer und Anhänger prägt. Die Kombination aus apokalyptischem Vernichtungswillen, Verschwörungstheorien und religiöser Legitimation macht die Charta zu einem wichtigen Beleg für die Fusion von islamischem Symbolvokabular und importiertem europäischen Antisemitismus.
Iran und Türkei – zwei Modelle staatlicher Instrumentalisierung
Iran
Seit der Revolution von 1979 ist die Islamische Republik Iran ein globales Zentrum des staatlich organisierten Antisemitismus. Unter Ayatollah Khomeini und seinen Nachfolgern wurde Israel konsequent als „kleiner Satan“ bezeichnet, während die USA als „großer Satan“ gelten.
Der Antisemitismus des Regimes zeigt sich in verschiedenen Dimensionen:
- Theologisch: Juden werden als Feinde des Islam stilisiert, Zionismus als satanisches Projekt.
- Politisch: Der Iran unterstützt Hamas und Hisbollah militärisch und finanziell, mit dem erklärten Ziel, Israel zu vernichten.
- Propagandistisch: Holocaust-Leugnung und -Relativierung sind Teil der offiziellen Linie. Unter Mahmud Ahmadinedschad fanden „Holocaust-Konferenzen“ statt, bei denen Holocaust-Leugner aus aller Welt auftraten.
Der Iran steht damit für eine Form von Antisemitismus, die staatlich institutionalisiert und international projektiert ist.
Türkei
Die Türkei präsentiert sich unter Recep Tayyip Erdoğan nach außen als moderater NATO-Partner, ist innenpolitisch jedoch stark vom islamisch-nationalistischen Antisemitismus geprägt. In der Rhetorik der AKP wird Israel regelmäßig als „Terrorstaat“ diffamiert, antisemitische Stereotype sind in Medien und Politik weit verbreitet.
Die Türkei zeigt exemplarisch, wie ein mehrheitlich muslimisches Land Antisemitismus politisch instrumentalisiert, ohne offen eliminatorisch aufzutreten wie der Iran. Während ökonomische und diplomatische Kontakte zu Israel nicht völlig abgebrochen werden, dient Antisemitismus als mobilisierendes Element in der Innenpolitik und als Hebel gegenüber nationalistischen Wählerschichten.
Die „Protokolle“ und globale Vernetzung
Die „Protokolle der Weisen von Zion“ sind ein zentrales Bindeglied zwischen europäischem und islamistischem Antisemitismus. Die „Protokolle der Weisen von Zion“ wirken als zentrales Bindeglied zwischen islamischem, westlichem und globalem Antisemitismus. Nach der Übersetzung ins Arabische wurden sie von nationalsozialistischen Propagandisten verbreitet und sind bis heute in Schulbüchern, Medien und populären Serien präsent.
- In der arabischen Welt wurden sie in hoher Auflage verbreitet, in Schulbüchern zitiert, in TV-Serien verfilmt.
- Sie dienen als „Beweis“ einer angeblichen jüdischen Weltverschwörung.
- Bemerkenswert ist ihre globale Anschlussfähigkeit: Rechte, linke und islamistische Antisemiten können sich gleichermaßen auf sie berufen, obwohl sie sonst völlig unterschiedliche Weltbilder haben.
Diese Texte liefern ideologische Bausteine für die Überzeugung, dass Juden weltweit eine geheime Macht ausüben und Kriege, Revolutionen oder wirtschaftliche Krisen orchestrieren. In islamistischen Kreisen dienen sie zur Legitimation des Dschihad gegen Israel und die globale jüdische Diaspora. Durch die globale Vernetzung von Bewegungen entstehen Allianzen zwischen unterschiedlichsten Akteuren: linke, feministische und queere Gruppen, die antizionistisch motiviert sind, finden unerwartete Schnittmengen mit islamistischen Organisationen. Damit sind die „Protokolle“ einer der langlebigsten antisemitischen Texte weltweit – und im islamischen Raum bis heute wirksam.
Gegenwart
Heute zeigt sich Antisemitismus im islamischen Kontext in vielfältiger Weise und auf mehreren Ebenen. In arabischen Medien, bestimmten Moscheeverbänden und Schulbüchern lassen sich weiterhin judenfeindliche Stereotype nachweisen. Beispiele sind etwa Darstellungen in einigen palästinensischen Lehrwerken, in denen Juden kollektiv als Bedrohung für die islamische Welt oder die palästinensische Bevölkerung gezeichnet werden (vgl. Pew Research Center, 2016; Weizman Institute, 2019). Dabei handelt es sich jedoch nicht um ein universelles Phänomen in allen muslimischen Communities: Viele Gemeinden und Organisationen lehnen antisemitische Narrative entschieden ab.
Durch Migration und die Ausbreitung islamistischer Bewegungen gelangte dieser Antisemitismus auch nach Europa. Studien zeigen, dass bestimmte Verbände, Vereine oder religiöse Einrichtungen in Deutschland, Frankreich oder Großbritannien tradierte antisemitische Vorstellungen weitergeben, während andere muslimische Gruppen ausdrücklich Dialog und Toleranz fördern (vgl. Küntzel, 2019; Tarach, 2022). In europäischen Städten werden diese Einstellungen nicht nur über Predigten und Unterricht, sondern zunehmend auch über digitale Plattformen und transnationale Netzwerke vermittelt.
Besonders auffällig ist die Bildung ungewöhnlicher Allianzen. Linke, queere Aktivist:innen, Feminist:innen und islamistische Gruppen, die in vielen anderen Bereichen fundamentale Unterschiede haben, finden gelegentlich im Antizionismus oder offenen Judenhass eine gemeinsame Basis. Dabei wird Israel häufig als kollektiver Schuldiger stilisiert, während jüdische Geschichte, Rechte und Sicherheitsbedürfnisse delegitimiert werden (vgl. Nirenberg, 2017; Frank, 2022). Solche Allianzen verdeutlichen, dass Antisemitismus ideologische Grenzen überschreiten kann und unterschiedlich motivierte Akteure verbindet.
Darüber hinaus besteht eine reale Gefährdung, die über Juden hinausgeht: Aufmärsche wie in Essen, bei denen das Kalifat gefordert oder antisemitische Parolen skandiert werden, zeigen, dass extremistische Strömungen die öffentliche Ordnung und die Sicherheit aller bedrohen. Gleichzeitig werden diejenigen, die aktiv gegen solche Narrative arbeiten – darunter Lehrkräfte, Journalist:innen, zivilgesellschaftliche Akteur:innen und auch muslimische Community-Mitglieder, die sich gegen Antisemitismus wenden – oft eingeschüchtert, bedroht oder diffamiert. Viele von ihnen erfahren Druck innerhalb ihrer eigenen Gemeinden oder Drohungen von radikalen Gruppen, was ihre Arbeit erschwert und den öffentlichen Diskurs belastet.
Beispiele für muslimische Akteur:innen, die sich aktiv gegen Antisemitismus einsetzen:
- Ali Ertan Toprak (Deutschland): Vorsitzender der Kurdischen Gemeinde Deutschlands, engagiert sich aktiv gegen Antisemitismus und Rassismus innerhalb migrantischer Communities und arbeitet eng mit jüdischen Organisationen zusammen.
- Rabia S., Hamburg: Muslimische Aktivistin und Pädagogin, die Workshops zu Antisemitismus und Religionskritik in Schulen leitet, um junge Menschen für die Gefahren von Hassideologien zu sensibilisieren.
- Initiative „Muslims Against Antisemitism“ (UK): Organisation von jungen Muslim:innen, die interreligiöse Dialogformate anbieten, antisemitische Stereotype in Communities adressieren und in sozialen Medien Aufklärungsarbeit leisten.
- Imame wie Abdulaziz Al-Sheikh (nicht zu verwechseln mit offiziellen saudischen Autoritäten): In verschiedenen europäischen Städten predigen einzelne Imame, die sich ausdrücklich gegen Hassbotschaften wenden, dass Antisemitismus mit dem Kern islamischer Werte unvereinbar sei.
Diese Beispiele zeigen, dass es innerhalb muslimischer Communities starke Gegenbewegungen gibt, die Antisemitismus nicht hinnehmen. Gleichzeitig verdeutlichen sie die Risiken: Aktivist:innen werden bedroht, verlieren soziale Rückendeckung oder sehen sich gezwungen, anonym zu arbeiten. Dieses Spannungsfeld macht deutlich, dass Antisemitismus nicht nur ein Problem der Verbreitung extremistischer Ideologien ist, sondern auch eine Frage von Schutz, Mut und Solidarität innerhalb der Communities.
Antisemitismus im islamischen Kontext bleibt somit ein dynamisches, vielschichtiges Phänomen. Er wird von einigen, aber nicht allen Gruppen aktiv verbreitet, während andere Akteur:innen – insbesondere auch muslimische Stimmen – sich aktiv gegen solche Narrative stellen. Die Gefahr besteht darin, dass antisemitische Ideologien gleichzeitig ethnische, religiöse und politische Spannungen übergreifend kanalisieren, wodurch die Bekämpfung von Judenfeindlichkeit allein nicht ausreicht. Integrative Strategien, Schutz derjenigen, die sich gegen Hass engagieren, Aufklärung und differenzierte Analyse sind unerlässlich.
Fazit
Nur durch diese klare Trennung, konsequente Benennung von Gefahren, Schutz der Engagierten und Anerkennung der Vielfalt islamischer Communities kann eine ernsthafte, glaubwürdige und nachhaltige Bekämpfung des Antisemitismus gelingen.
Dabei ist zu betonen: Aufmärsche und öffentliche Aktionen, die etwa die Errichtung eines „Kalifats“ oder die Auslöschung Israels propagieren – wie zuletzt in Essen – sind nicht nur eine Gefahr für jüdische Menschen, sondern für die gesamte Gesellschaft. Sie verletzen grundlegende demokratische Werte, bedrohen Minderheiten und destabilisieren den sozialen Zusammenhalt.
Gleichzeitig verdienen Muslim:innen besondere Anerkennung, die sich gegen Antisemitismus engagieren, wie beispielsweise Loay AlShareef oder andere zivilgesellschaftliche Akteur:innen. Sie setzen sich unter oft erheblichem persönlichen Risiko für Aufklärung, Dialog und Frieden ein. Ihr Engagement zeigt, dass eine differenzierte Betrachtung möglich ist: Islamismus kann antisemitische Narrative verbreiten, während Muslim:innen aktiv gegen Judenfeindlichkeit stehen.
Die Bekämpfung von Antisemitismus im islamischen bzw. islamistischen Kontext ist daher ein gesamtgesellschaftliches Projekt: Sie erfordert Schutz und Unterstützung derjenigen, die sich gegen Hass einsetzen, die klare Abgrenzung zu extremistischen Ideologien und die Anerkennung, dass Muslim:innen wichtige Partner:innen im Kampf gegen Antisemitismus sind.
Nur so kann eine ernsthafte und glaubwürdige Bekämpfung des Antisemitismus gelingen.
Quellen
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