Ein Silent Walk gegen Antisemitismus in Lausanne und Zürich – und lautstarke Parolen gegen „Zionisten“. Zwei Welten prallen aufeinander: hier Nachdenklichkeit und Trauer, dort Aggression und Feindbilder. Der Kontrast zeigt, wie tief die Gräben inzwischen reichen – und wie sehr antisemitische Rhetorik sich in den Straßenparolen normalisiert hat.
In Lausanne wie in Zürich wiederholte sich in diesen Tagen dasselbe Muster: Auf der einen Seite ein genehmigter, stiller Marsch – ein Silent Walk gegen Antisemitismus, für die Freilassung der Geiseln, für Frieden. Menschen mit Kerzen und Transparenten, schweigend, in Würde. Auf der anderen Seite nicht bewilligte Gegendemonstrationen mit Pfiffen, Sprechchören und aggressiven Parolen.
In Lausanne kamen rund 200 Menschen zum Silent Walk nach Ouchy. Namen der Geiseln wurden verlesen, begleitet von Stille. Gleichzeitig hallten vom Stadtzentrum her die Rufe „Free, free Palestine“ und „Tout le monde déteste les sionistes“. Letzteres ist eine eindeutig antisemitische Parole, die nicht Israel-Kritik, sondern offenen Hass transportiert. Die Polizei musste beide Lager trennen, ehe es im Zentrum zu Auseinandersetzungen zwischen pro-palästinensischen Demonstranten und den Einsatzkräften kam.
In Zürich zwei Tage später ein ähnliches Bild: Der Silent Walk verlief ruhig, getragen von etwa 200 Teilnehmenden. Doch auch hier stellten sich nicht bewilligte Gegendemonstranten entgegen, darunter Gruppen wie die Kommunistische Jugend Schweiz und die PdA. Auf ihren Kanälen feierten sie ihre Aktion: „Gestern fand der stille Marsch der Zionist:innen durch Zürich statt, bei dem sie sich als Opfer darstellen wollen, während sie einen Genozid in Gaza durchführen! … FROM THE RIVER TO THE SEA, PALESTINE WILL BE FREE!“ Diese Losung bedeutet nichts anderes als die Auflösung Israels – eine klassische antisemitische Delegitimierung des jüdischen Staates.
Die Polizei war in beiden Städten mit massivem Aufgebot präsent, um die stillen Demonstrierenden zu schützen. Ohne diese Schutzmaßnahmen wäre eine ruhige Kundgebung gegen Antisemitismus kaum möglich gewesen.
Kommentar: Zwei Demonstrationskulturen – und eine Schieflage
Die Kontraste könnten kaum deutlicher sein. Hier die Stille, dort das Geschrei. Hier Würde, Trauer und das Gedenken an Menschenleben, dort Parolen, die Hass auf „Zionisten“ verbreiten – ein Codewort, das regelmäßig als Ersatz für „Juden“ dient. Was hier „sionistes“ heißt, meint im Alltag meist schlicht Jüdinnen und Juden – eine bereits alte antisemitische Chiffre, modern verpackt.
Besonders perfide ist die Umkehrung: Den still Demonstrierenden wird vorgeworfen, sie „stellten sich als Opfer dar“. Tatsächlich sind es die Gegendemonstranten, die sich permanent im Opferstatus inszenieren – verfolgt von Polizei, angeblich mundtot gemacht, und doch in der Lage, mit tausenden Menschen die Straßen zu dominieren. Gleichzeitig betreiben dieselben Gruppen aktiven Druck auf Kulturszene, Veranstaltungen und Universitäten: mit Boykottkampagnen, Einschüchterung, Cancel Culture. Das Muster ist eindeutig – wer nicht in ihre Linie einstimmt, soll zum Schweigen gebracht werden.
Das Kernanliegen der Silent Walks ist klar: Nein zu Antisemitismus. Freiheit für die Geiseln. Ja zum Frieden. Und ausdrücklich keine Unterstützung für irgendwelche Politik. Ein Teilnehmer betont, wie sehr er sich das Ende des Krieges wünscht. Dass diese Differenzierung in der Berichterstattung fast untergeht, während Hassparolen als „slogans peu amènes“ verniedlicht werden, zeigt eine bedenkliche Schieflage.
Antisemitismus zeigt sich nicht nur in Schmierereien und Übergriffen, sondern auch in Parolen, die ganze Menschen als Feindbild fixieren. Wer wirklich für Frieden eintritt, müsste das klar benennen – und sich nicht in Hass-Chöre einreihen.
Was bleibt, ist ein ernüchternder Befund: In der Schweiz können Jüdinnen, Juden und ihre Unterstützer nur noch unter massivem Polizeischutz stille Zeichen setzen. Die Gegenseite beansprucht derweil die Straßen mit Lautstärke und Aggression – und reklamiert am Ende das Opfersein für sich selbst.