Heute bin ich in der Stadt an etwas vorbeigegangen, das mich tief getroffen hat.
Ein Sticker, über ein Geiselplakat geklebt – und plötzlich wurde sichtbar, wie schnell Menschlichkeit verloren gehen kann, wenn Ideologien den Blick verstellen.
Ich bin müde von zwei Jahren Entmenschlichung.
Das, was einmal Antifaschismus heißen sollte, hat sich in sein Gegenteil verkehrt.
Ich war heute in der Stadt unterwegs, ein paar Besorgungen machen, noch Dinge holen für den hoffentlich bald kommenden Hund. Auf dem Heimweg blieb ich plötzlich stehen. In einer Strasse, in der seit zwei Jahren immer wieder ein regelrechter Kleberkrieg herrscht – Sticker gegen Sticker, Parolen gegen Parolen – sah ich etwas, das mich nicht loslässt.
Es war einer der Geisel-Sticker.
Das Foto eines Menschen, eines der vielen Gesichter, die seit dem Angriff der Hamas verschwunden sind.
Darüber das Wort auf rotem Grund: Kidnapped. Darunter ein weisser Sticker, mit schwarzer Schrift, Gegen jeden Antisemitismus, mit einem Davidsstern.
Und darüber, frisch aufgeklebt, ein anderer Sticker: „Good Night White Pride.“
Darauf zu sehen eine schwarz gekleidete Gestalt mit Maske, die über einer anderen Person kniet, einem Skinhead mit Zielscheibe auf dem Rücken – ein Motiv, das aus der antifaschistischen Szene stammt.

Ich weiß, woher dieser Spruch ursprünglich kommt. „Good Night White Pride“ war einmal eine klare Haltung gegen rechtsextreme Gewalt, gegen Rassismus, gegen Neonazis. Es sollte heißen: Kein Platz für Hass. Kein Platz für Menschenverachtung.
Doch Kontext verändert Bedeutung.
Und hier, auf diesem Gesicht, über diesem Wort Kidnapped, inmitten all der Debatten um Israel, Palästina, Kolonialismus – hier kippt alles.
So ein Sticker ist in diesem Zusammenhang kein Zeichen des Antifaschismus mehr.
Er wird zu einem Zeichen der Verachtung.
Das Überkleben ist eine Art visuelle Auslöschung: Es nimmt einem Menschen sein Gesicht, sein Schicksal, seine Sichtbarkeit – und ersetzt sie durch ein Symbol von Aggression.
Es ist, als würde jemand sagen: Diese Person verdient kein Mitgefühl, denn sie gehört zu den „Weißen“, zu den „Kolonisierern“, zu denen, die man bekämpfen darf.
Doch das ist kein Antifaschismus. Das ist sein Gegenteil.
Seit zwei Jahren höre ich immer wieder diese Worte:
„Israelis sind weiße Kolonisierer.“
„Juden sind White Colonizers.“
Und selbst Jüdinnen und Juden, die aus Nordafrika, aus dem Irak, aus dem Iran, aus Jemen, aus Marokko stammen – Mizrachim, Menschen, deren Familien seit Jahrhunderten in arabischen oder afrikanischen Ländern lebten – selbst sie werden plötzlich zu „Weißen“ erklärt.
Zu Kolonisierern.
Zu Fremden im eigenen Herkunftsraum.
Das ist eine absurde, aber vor allem entmenschlichende Sprache.
Wenn jemand sagt „Go back to Poland“, dann meint er nicht wirklich Polen.
Dann meint er: Geh zurück nach Auschwitz.
Diese Worte sind nicht politisch klug, sie sind kalt.
Und sie treffen Jüdinnen und Juden doppelt:
– Einmal, weil sie ihnen ihre Vielfalt absprechen.
– Und dann, weil sie sie in eine Kategorie pressen, die sie aus der Solidarität ausschließt.
Ich stehe also da, vor dieser Wand, und sehe das überklebte Gesicht.
Und ich merke, wie müde ich bin.
Zwei Jahre lang entmenschlichende Rhetorik, unaufhörliche Kämpfe um Deutung und Moral – und immer wieder das gleiche Muster: dass Jüdinnen und Juden nicht als Menschen mit Trauer, Schmerz, Geschichte gesehen werden, sondern nur als Symbole.
Entweder als Täter oder als Opfer, aber nie einfach als Menschen.
Ich glaube, genau das ist der Punkt:
Menschen sind Menschen.
Dieser Satz klingt banal, aber er ist radikal, wenn er in solchen Zeiten gesagt wird.
Denn wenn ein Sticker das Gesicht eines Entführten überdeckt, dann ist das keine politische Geste.
Dann ist das ein Akt der Entmenschlichung.
Es sagt: Dein Leid zählt nicht, weil ich dich in eine Kategorie gesteckt habe.
Und das ist – wie du auch drehst und wendest – nichts anderes als das, wogegen Antifaschismus eigentlich stehen sollte.
Es ist bitter, diese Umkehrung zu sehen.
Ein Symbol, das einmal „Nie wieder Faschismus“ bedeutete, wird hier zu einem Symbol, das Mitgefühl verweigert.
Das Gesicht eines Opfers wird zum Ziel.
Und was bleibt, ist ein leiser Schmerz, ein müdes Staunen darüber, wie leicht sich Menschlichkeit auslöschen lässt – nicht durch Gewalt, sondern durch Gleichgültigkeit, durch die Sicherheit, „auf der richtigen Seite“ zu stehen.
Ich glaube, wirklicher Antifaschismus beginnt da, wo wir uns weigern, jemanden zu entmenschlichen – egal, wer er ist.
Wo wir den Blick auf das einzelne Gesicht nicht verlieren.
Denn nur dann, wenn wir Menschen noch als Menschen sehen, kann aus Parolen wieder Mitgefühl werden.