Cree-Trommeln in Jerusalem: Wie indigene Solidarität mit Jüdinnen und Juden zur Projektionsfläche wird

In Jerusalem tanzen Cree – indigene Menschen aus Nordamerika – vor dem Jaffator. Sie trommeln, singen, beten: ein Ausdruck von Solidarität mit dem jüdischen Volk. Was als Geste des Respekts und der Verbundenheit gedacht ist, ruft im Netz wütende Kommentare hervor – voller Projektionen, Schuldumkehr und kolonialer Reflexe.
Wie kann es sein, dass zwei Völker mit so tiefen Wunden einander begegnen – und Außenstehende daraus Feindbilder formen?
Dieser Artikel sucht Antworten: auf Anerkennung, auf Schmerz, und auf die Verantwortung unserer Worte.

Es war ein kurzer Clip auf meinem Bildschirm, nicht länger als zwei Minuten.
Eine Gruppe indigener Menschen – Cree, Nehiyawak – steht in der Jerusalemer Altstadt, am Jaffator. Trommeln erklingen, Stimmen erheben sich im Lied, Tanzschritte im Rhythmus der Erde.
Ein Ausdruck von Liebe und Solidarität mit dem jüdischen Volk, eine Geste des Friedens, so schlicht und so kraftvoll.

Ich habe mir das Video mehrfach angesehen.
Da standen sie – Menschen, die die Geschichte von Vertreibung, Enteignung und Überleben in ihren Körpern tragen, und sie singen in Jerusalem.
Für mich, als Jüdin mit indigenen Wurzeln, war das kaum auszuhalten vor Schönheit.
Es war, als träfen sich zwei uralte Erinnerungen: die an den Verlust des Landes – und die an seine Wiedergewinnung.
Zwei Geschichten des Überlebens, die sich im Klang der Trommel begegnen.
Ich habe geweint.

Und dann habe ich die Kommentare gelesen.

„Native Americans suffered a genocide… They suffered a genocide by Jews.“
„How much did they pay them?“
„Disingenuous indigenous.“
„Oxymoron.“
„They are not dancing for Zionazis.“

Was aus einem Moment der Verbundenheit wurde, war ein Schwall aus Hass, Zynismus und Verachtung.
Ich war erst fassungslos, dann traurig – und schließlich wütend.
Denn die Reaktionen auf dieses Video erzählen viel über den Zustand unserer Welt: über verzerrte Wahrnehmungen, unheilbare Projektionen und den Verlust der Fähigkeit, echte Begegnung zu erkennen, wenn sie geschieht.

Die Indigenous Embassy Jerusalem

Die Szene gehört zur Arbeit des Indigenous Embassy Jerusalem, einer Initiative, die 2023 gegründet wurde, um eine Plattform für indigene Völker zu schaffen, die ihre Solidarität mit Israel ausdrücken und zugleich die indigene Zugehörigkeit des jüdischen Volkes betonen wollen.

Ihr erklärtes Ziel ist klar formuliert:

„To stand against antisemitism and provide a tangible expression of indigenous peoples’ support for Israel and affirmation of the Jewish people’s indigenous status.“

Es geht um das, was in der politischen Sprache oft verloren geht: um Verwurzelung.
Die Indigenous Embassy will die Parallelen zwischen indigenen Völkern und dem jüdischen Volk sichtbar machen – beide Völker mit einer Geschichte von Land, Exil, Verlust, Identität und Rückkehr.
Sie will Räume öffnen für Begegnung, Bildung, Kunst, Austausch, gegenseitigen Respekt.

Das ist – gerade heute – ein revolutionärer Gedanke.
Denn er widerspricht der gängigen Dichotomie, die in der öffentlichen Debatte ständig bemüht wird: „Indigen = unterdrückt, Israel = Unterdrücker.“
Hier aber treffen sich zwei Realitäten, die beide von tiefer Verwurzelung und von der Erfahrung der Vertreibung erzählen.
Beide tragen eine Wunde – und beide leben noch.

„Hier begegnen sich zwei Geschichten des Überlebens – nicht in Konkurrenz, sondern in Resonanz.“

Die Reaktionen im Netz

Wer heute versucht, eine solche Resonanz sichtbar zu machen, stößt schnell auf Mauern.
Unter dem Video reihten sich Kommentare aneinander, die von Hohn, Spott und Hass geprägt waren.
Kaum jemand schien wahrzunehmen, dass dort Menschen standen – singend, tanzend, in einem Akt von Respekt und Mitgefühl.
Stattdessen wurden sofort Erklärungen geliefert: „gekauft“, „verraten“, „propagandistisch“, „absurd“.
Authentische indigene Spiritualität wurde entwertet, sobald sie nicht der eigenen politischen Erwartung entsprach.

Ich möchte versuchen, diesen Mechanismus in fünf Schritten zu benennen.
Nicht um Hasskommentatoren zu analysieren – sondern um zu verstehen, was auf einer tieferen Ebene passiert.

1. Projektion und Entmenschlichung

Viele dieser Reaktionen sind nicht einfach politische Meinungsäußerungen.
Sie sind Projektionen.
Sie sehen keine Menschen – sondern Feindbilder.

Der indigene Tänzer, die trommelnde Frau, die singende Gruppe werden sofort zu Symbolen, die eine bestimmte Erzählung stören.
Sie „dürfen“ nicht solidarisch mit Juden sein, weil das die gewohnte Weltordnung durcheinanderbringt.
Wenn Indigene für Israel beten, bricht ein Raster zusammen – und das erzeugt Angst.

Projektion ist eine Form der Selbstverteidigung: Sie schützt uns davor, die eigene Komplexität anzuerkennen.
Aber sie zerstört jede Möglichkeit von Begegnung.
Sie verwandelt Menschen in Spiegel für den eigenen Hass.

2. Antisemitismus im neuen Gewand

Was viele dieser Kommentare eint, ist ihre Struktur.
Sie greifen auf alte antisemitische Muster zurück – nur mit neuer Verpackung.

Aus „die Juden beherrschen die Welt“ wird „die Zionisten kontrollieren alles“.
Aus „sie sind schuld an allem“ wird „sie begehen Genozid“.
Der Inhalt bleibt derselbe: Juden werden kollektiv dämonisiert, moralisch ausgeschlossen, ihrer Menschlichkeit beraubt.

Antisemitismus ist wandelbar.
Er passt sich an Zeitgeist und Sprache an, bleibt aber im Kern ein irrationales Welterklärungsmodell.
Es ist eine Art geistige Pandemie – man glaubt, man habe verstanden, wer die Schuldigen sind, und fühlt sich dadurch moralisch überlegen.

Dabei gilt: Kritik an israelischer Politik ist legitim, notwendig, Ausdruck demokratischer Reife.
Aber sobald sie sich in pauschale Anklagen gegen „die Juden“, „Zionisten“ oder „Israel als kollektiven Täter“ verwandelt, überschreitet sie eine Grenze.
Dann wird aus Kritik Ideologie – und aus Mitgefühl moralische Blindheit.

3. Verdrehung indigener Geschichte

Besonders schmerzhaft ist, wie indigene Identität in diesen Diskussionen missbraucht wird.
Die Geschichte indigener Völker – die von Kolonialismus, Gewalt, Missionierung, Sprachverlust, internierung und kultureller Auslöschung geprägt ist – wird instrumentalisiert, um einen anderen Hass zu legitimieren.

Das ist eine zweite Kolonisierung: diesmal nicht von Land, sondern von Bedeutung.

Wenn Indigene sich nicht so äußern, wie man es erwartet, werden sie ihrer eigenen Stimme beraubt.
Wer für Frieden trommelt, gilt plötzlich als „Verräter“.
Wer für Versöhnung betet, als „gekauft“.
Die Zuschreibung ersetzt das Zuhören.

Dabei gibt es tiefe Parallelen zwischen jüdischer und indigener Erfahrung:

  • das Wissen um Entwurzelung,
  • die Sehnsucht nach Heimat,
  • das Ringen um Sprache, Erinnerung, Identität.

Beide wissen, wie es ist, Geschichte in sich zu tragen, die die Welt kaum hören will.
Wenn sie sich begegnen, kann daraus etwas Heilsames entstehen – wenn man sie lässt.

4. Spirituelle Dimension: Begegnung statt Instrumentalisierung

Ich habe das Video nicht politisch gesehen, sondern spirituell.
Diese Trommel war ein Gebet.
Ein Klang, der Erde und Himmel verbindet.

Wenn indigene Trommeln in Jerusalem erklingen, dann geschieht etwas Heiliges:
Zwei Völker, die beide die Erfahrung von Exil, von Überleben und von Wiederverwurzelung tragen, berühren einander.
Sie stehen an einem Ort, der selbst voll von Geschichte, Sehnsucht und Wunden ist.
Und sie singen.

Es ist, als antworteten sich zwei Erinnerungen.
In der Torah heißt es:

„Friede sei in deinen Mauern, Sicherheit in deinen Palästen.“ (Psalm 122,7)

Dieser Friede ist kein Zustand, sondern eine Hoffnung.
Er entsteht, wenn Menschen einander nicht nur politisch, sondern existenziell begegnen – als Träger*innen heiliger Geschichten.

Wenn man solche Momente nur noch durch den Filter von Ideologie wahrnimmt, verliert man den Zugang zum Heiligen.
Dann bleibt nur Lärm.
Und doch – der Klang der Trommel bleibt stärker.

5. Hoffnung trotz allem

Der Hass in den Kommentaren war laut.
Aber der Klang der Trommel war lauter – nicht in Dezibel, sondern in Tiefe.
Denn Hoffnung ist oft leise.

Diese Begegnung in Jerusalem erinnert daran, dass Versöhnung möglich ist, jenseits aller politischen Fronten.
Dass Solidarität nicht Verrat ist, sondern Mut.
Dass Identität nicht in Abgrenzung besteht, sondern in Resonanz.

Vielleicht beginnt Frieden genau dort: wo Menschen sich erlauben, gemeinsam zu singen, obwohl andere sie dafür hassen.

Der „Genozid-Kommentar“

Und dann war da dieser eine Satz, der mir den Atem nahm:

„Native Americans suffered a genocide… They suffered a genocide by Jews.“

Ich musste ihn zweimal lesen.
Er ist so ungeheuerlich falsch, dass er fast surreal wirkt – und doch ist er symptomatisch.

Historisch:

Der Genozid an den indigenen Völkern Amerikas wurde von europäischen Kolonialmächten verübt – von Spanien, Portugal, England, Frankreich, später den USA.
Die großen Massenmorde, Zwangsumsiedlungen und Missionierungen geschahen in einer christlich geprägten Welt, nicht unter jüdischer Führung.
Jüdinnen und Juden waren zu jener Zeit selbst Opfer von Verfolgung, Vertreibung, Pogromen und Mord.
1492 – dem Jahr, in dem Columbus aufbrach – wurden sie aus Spanien vertrieben.
In Nordamerika kamen einzelne jüdische Einwanderer erst lange nach den schlimmsten Phasen des Völkermords.
Der Vorwurf ist also nicht nur falsch, sondern geschichtsvergessen.

Strukturell:

Dieser Satz ist ein Beispiel für Täter-Opfer-Umkehr, ein klassisches antisemitisches Muster.
Er verschiebt Schuld, um sie auf Juden zu projizieren.
So wird das reale Leid der Indigenen nicht anerkannt, sondern benutzt.
Man verweigert sich der echten Auseinandersetzung mit Kolonialismus, indem man sie auf „die Juden“ abwälzt.

Psychologisch:

Diese Projektion erfüllt eine Funktion: Sie erlaubt es, den eigenen Schmerz, die eigene Scham oder Ohnmacht auf ein anderes Kollektiv zu werfen.
Wer das tut, entlastet sich – aber zerstört Wahrheit.

Theologisch:

Hier geschieht eine doppelte Entheiligung.
Beide Geschichten – die indigene und die jüdische – tragen eine heilige Würde.
Beide erzählen vom Überleben, trotz allem.
Wer sie gegeneinander ausspielt, verneint den Gott, der Leben bewahrt.

Meine Antwort auf diesen Satz wäre schlicht:

„Nein. Juden haben keinen Genozid an Native Americans begangen.
Aber beide wissen, was es heißt, zu überleben.
Wenn ihre Stimmen sich begegnen, kann daraus Heilung entstehen – nicht Hass.“

Das leise Weiterklingen

Ich habe das Video später noch einmal angesehen.
Diesmal ohne Kommentare.
Nur Trommel, Gesang, Tanz.
Das Licht der Altstadt von Jerusalem, die uralten Steine, die Hände auf der Trommelhaut.

Da war Frieden – für einen Moment.
Und ich dachte an die Worte des Psalms:

„Bittet für den Frieden Jerusalems: Es möge wohlgehen denen, die dich lieben.“ (Psalm 122,6)

Vielleicht ist jede Trommel, die dort erklingt, ein Herzschlag des Überlebens.
Vielleicht erinnert sie uns daran, dass wir einander nicht fremd sein müssen.
Dass Solidarität möglich bleibt, auch wenn sie missverstanden wird.
Und dass der Klang des Lebens manchmal leiser, aber wahrer ist als alle Stimmen des Hasses.

Amen.

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